Bernhard Rödig (1945 – 2026) – Ein Nachruf

Ein Leben im Dienste der Heimatforschung: Schrobenhausen trauert um Kreisheimatpfleger a. D. Bernhard Rödig

Mit Bernhard Rödig verliert die Heimat- und Regionalforschung im Schrobenhausener Land eine ihrer prägendsten und engagiertesten Persönlichkeiten. Über viele Jahrzehnte hinweg widmete er sich mit akribischer Sorgfalt, fundiertem Fachwissen und unermüdlichem persönlichem Einsatz der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung der lokalen Geschichte und Archäologie. Sein Lebenswerk hat das geschichtliche Bewusstsein der Stadt Schrobenhausen und des gesamten südlichen Landkreises nachhaltig geprägt.

 

Aus dem Egerland nach Schrobenhausen

Bernhard Rödig wurde am 1. November 1945 in Zieditz im sudetendeutschen Kreis Falkenau geboren. Die unmittelbaren Nachwehen des Zweiten Weltkriegs trafen die Familie mit voller Härte: Am 12. Juni 1946 musste die Familie ihre angestammte Heimat verlassen und wurde in die amerikanische Besatzungszone ausgewiesen. Die beschwerliche Reise führte die Familie gemeinsam mit 40 weiteren Personen in einem Viehwaggon über mehrere Zwischenstationen schließlich nach Schrobenhausen.

Hier fand die Familie eine neue Heimat. Bernhard Rödig wuchs in der Alten Steingriffer Straße 371 1/3c auf, besuchte die örtliche Volksschule sowie das Gymnasium und legte 1965 sein Abitur ab. Vielleicht trug auch die eigene kindliche Erfahrung als Fremder in Schrobenhausen dazu bei, seine Sensibilität für menschliche Schicksale zu stärken, die seine Arbeit als Heimatforscher immer wieder prägte.

Nach dem Lehramtsstudium in Augsburg kehrte er nach Schrobenhausen zurück und wurde Lehrer an der Hauptschule Schrobenhausen (der heutigen Michael-Sommer-Mittelschule). Über 40 Jahre lang unterrichtete er dort bis zu seiner Pensionierung mit großer Leidenschaft. Sein pädagogisches Wirken war stets von Pragmatismus, Empathie und Tatkraft geprägt. Um nur ein Beispiel seines überdurchschnittlichen Engagements zu nennen: Als in den 1970er-Jahren die Kinder der ersten türkischen „Gastarbeiter“ an die Schule kamen, stand man vor erheblichen Sprachbarrieren. Die Schüler sprachen kein Deutsch, Rödig kein Türkisch, und geeignetes Lehrmaterial fehlte völlig. Unbeirrt entwickelte Rödig eigene Lehrmethoden – und begann zeitgleich selbst Türkisch zu lernen. Dieser außergewöhnliche Einsatz schuf nicht nur die Grundlage für den Schulerfolg der Kinder, sondern verhalf dem Lehrer auch zu großem Respekt bei den Familien.

 

Engagierter Kreisheimatpfleger und leidenschaftlicher Archäologe

Das Engagement von Bernhard Rödig für die Region reichte weit über seinen Beruf hinaus. Schon lange bevor er im Jahr 1999 offiziell zum Kreisheimatpfleger für Heimatforschung und Archäologie berufen wurde, war er im Sinne der Heimatpflege aktiv. Seine Verdienste beschränken sich daher keineswegs nur auf seine spätere offizielle Amtszeit.

Besonders die Archäologie lag ihm seit jeher am Herzen. Rödig wartete nicht auf offizielle Grabungsteams, sondern stieg oft selbst in Baugruben, um historische Funde zu sichern – insbesondere dann, wenn dem Landesamt für Denkmalpflege das Bauvorhaben nicht spektakulär genug erschien, um eigene Grabungen durchzuführen. Unzählige Male wies er die zuständigen Denkmalschutzbehörden auf laufende Erdarbeiten an historisch bedeutsamen Stellen hin und rettete so kostbare Erkenntnisse vor der Zerstörung.

Ein besonderer Schwerpunkt seiner praktischen Arbeit lag auf der Erforschung alter Hausbrunnen. In der Altstadt von Schrobenhausen hat er  im Laufe der Jahre 58 Hausbrunnen untersucht und in Zusammenhang mit der historischen Wasserversorgung als wichtiges Element der lokalen Alltagsgeschichte dokumentiert. Durch seine eingehende Beschäftigung mit den Schrobenhausener Hafnern gelang ihm zudem die präzise zeitliche Einordnung zahlreicher keramischer Fundstücke. Seine Ergebnisse fanden nicht nur Eingang in lokale Publikationen, sondern wurden auch in wissenschaftlichen Fachgremien geschätzt und zitiert.

Eine besondere Liebe verband ihn mit dem Zeiselmairhaus, einem der ältesten spätmittelalterlichen Handwerkerhäuser im nördlichen Oberbayern und heute eines der vier städtischen Museen Schrobenhausens. Rödig packte bei den archäologischen Freilegungsarbeiten persönlich mit an und war maßgeblich an der inhaltlichen und museumspädagogischen Konzeption des Hauses beteiligt. Die dort veranschaulichten Wohn- und Arbeitswelten vergangener Jahrhunderte machten Geschichte greifbar – insbesondere für Schulklassen. Bernhard Rödig und seine Ehefrau Barbara betreuten beide das Museum auch in den Folgejahren mit großer Hingabe.

 

Mikrogeschichte, Zeitgeschichte und wissenschaftliche Akribie

Als Historiker und Autor verstand es Bernhard Rödig, das große historische Geschehen auf die lokale Ebene herunterzubrechen und an konkreten Schicksalen erfahrbar zu machen. Früh nutzte er die Methoden der Oral History, befragte Zeitzeugen und hielt deren Erinnerungen systematisch fest.

Zu seinen bedeutendsten Publikationen gehören:

  • „Im Garten der Ewigkeit. Der Alte Friedhof in Schrobenhausen“ (2008): Die Veröffentlichung gilt als das Standardwerk zur Geschichte und Kultur der historischen Begräbnisstätte in Schrobenhausen. Rödig begreift den Friedhof als „Steinernes Geschichtsbuch“, verknüpft Heimat- und Ahnenforschung, porträtiert – ausgehend von den Gräbern – lokale Persönlichkeiten, Handwerker, Honoratioren und alteingesessenen Familien.
  • Aufarbeitung der Rüstungsgeschichte: In einer beachteten Abhandlung aus dem Jahr 2012 erforschte er die Geschichte der HIAG, eines geheimumwitterten Rüstungswerks im Hagenauer Forst, in dem während des Zweiten Weltkriegs Vorprodukte für Sprengstoffe hergestellt wurden (heute Standort der MBDA).
  • Schrobenhausener im Ersten Grossen Krieg 1914 bis 1918. (2014): Eine umfangreiche, akribisch ausgearbeitete Mikrostudie zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs. Anhand anrührender Feldpostbriefe und Dokumente zeichnete er die Lebens- und Leidenswege heimischer Soldaten nach.
  • Orts- und Institutionengeschichte: Neben einer detaillierten „Geschichte der Volksschule in Schrobenhausen“ verfasste er Monografien über das Zeiselmair-Haus sowie das historische Freibad.

Viele dieser Werke verlegte Rödig auf eigenes finanzielles Risiko im Selbstverlag, um das Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Darüber hinaus prägte er über Jahrzehnte hinweg das geschichtliche Bewusstsein der Bevölkerung durch rund 700 Zeitungsartikel in der „Schrobenhausener Zeitung“. Ob Jubiläen, Kirchensanierungen oder Museumsneueröffnungen – Rödig lieferte stets den fundierten historischen Hintergrund. Besondere Beliebtheit genoss seine Veröffentlichungsreihe „Rödigs Ansichten“. Darin stellte er historischen Fotoaufnahmen aktuelle Fotografien aus exakt derselben Perspektive gegenüber. Dieser direkte Vergleich führte den Lesern vor Augen, wie rasch sich das Stadt- und Ortsbild verändert – und mahnte nicht selten einen behutsamen Umgang mit der baulichen Heimat an.

 

Ein offenes Archiv und ein unvergessenes Vermächtnis

Bernhard Rödig verstand seine Forschung nie als Selbstzweck oder isoliertes Expertenwissen. Sein Wissen und seine Materialien teilte er großzügig. Im Laufe der Jahrzehnte trug er zusammen mit seiner Frau ein gewaltiges Privatarchiv zusammen – eine wohl einzigartige Sammlung aus Fotos, historischen Postkarten, Drucken, Tonbandaufnahmen, Zeitungsartikeln und Sterbebildern. Dieses Archiv stand Lokaljournalisten, Wissenschaftlern, Kommunen sowie zahlreichen Heimat- und Familienforschern offen und ist zwischenzeitlich zu einem großen Teil im Stadtarchiv Schrobenhausen zugänglich.

Auch als Referent war Rödig überaus gefragt. Seine Vorträge – etwa im Rahmen des Schrobenhausener Sonntagsforums des Verkehrsvereins, bei der Volkshochschule Schrobenhausen, bei den Treffen der regionalen Familienforscher oder im Haus im Moos – waren nicht nur fachlich fundiert, sondern stets mit einer gehörigen Portion feinsinnigem Humor gewürzt. Zudem widmete er sich intensiv dem Nachlass des Schrobenhausener Heimatforschers Georg August Reischl und trug maßgeblich zur Erstellung einer umfassenden Bibliografie dessen Werkes bei.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bernhard Rödig hat in seiner Generation wie kein zweiter die Geschichtsschreibung des Schrobenhausener Landes geprägt, unzählige archäologische Zeugnisse vor der Vernichtung bewahrt und die Lokalgeschichte für breite Schichten der Bevölkerung erlebbar gemacht. Seine Arbeiten bilden ein dauerhaftes Fundament für alle künftigen Forschungen in der Region. Auch wenn das „öffentliche Schrobenhausen“ Bernhard Rödigs Bedeutung vielleicht nicht immer ausreichend erkannt und gewürdigt hat. Denn er war kein Selbstdarsteller, dem es darum ging, im Rampenlicht zu stehen. Das überließ er „Berufeneren“ …

 

Heimatforschung im Tandem

Immer wenn in diesen Zeilen von Bernhard Rödig die Rede ist, fehlt ein ganz großes Und. Denn es ist – leider – ein Nachruf auf sein Wirken. Doch über Jahrzehnte hieß es stets „Bernhard und Barbara Rödig“ oder „Barbara und Bernhard Rödig“. In der Heimatgeschichtsforschung waren Bernhard Rödig und seine Frau immer ein Tandem. Ganz gleich, ob in der Baugrube bei der Bergung archäologischer Funde oder vor dem Computer beim Verfassen eines Artikels. Sie stand nie hinter ihm, nur um ihn vom schnöden Alltag zu entlasten, sie stand immer neben ihm in Tatkraft und mit Begeisterung an der gemeinsamen Sache.  Umso mehr gilt Barbara Rödig unser Mitgefühl.

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Buchveröffentlichungen von Bernhard Rödig

Eine nahezu fertiggestellte, umfangreiche Bibliografie von Rödigs Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsveröffentlichungen erscheint in Zusammenarbeit mit Barbara Rödig demnächst auf unserer Seite paardon.de. Bis dahin beschließen wir diesen Artikel mit einer kurzen Übersicht seiner Bücher:

 

Rödig, Bernhard: Archäologische Beobachtungen und Funde im Verlauf der Stadtsanierung Schrobenhausens. Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 1988 – [80] S. : zahlr. Ill., Kt. .

Rödig, Barbara und Bernhard Rödig: Zeiselmair-Haus. Spätmittelalterliches Handwerkerhaus In der Lachen 1, 8898 Schrobenhausen. Schrobenhausen 1991 – [6] S. : Ill., Kt. .

Rödig, Bernhard und Barbara Rödig: Altes Handwerk, lebendig geworden im Handwerkerviertel Schrobenhausen. Schrobenhausen: Verkehrsverein Schrobenhausener Land e. V.  1991

Rödig, Bernhard: Geschichte der Volksschule in Schrobenhausen. Schrobenhausen: Verlag Benedikt Bickel 1998 – 141 S. : zahlr. Ill., Kt. , ISBN 978-3-922803-91-1.

———: Am Schuss. Die Geschichte des alten Stadtbades in Schrobenhausen. Schrobenhausen: Verlag Benedikt Bickel 2001 – 146 S. m. zahlr. Ill., Kt. , ISBN 978-3-922803-62-1

———:. McCallisters letzter Einsatz. Die deutsch-amerikanische Geschichte des Absturzes einer B-17 der US Army Air Force im Jahre 1945 nahe Schrobenhausen (Schrobenhausener Schriften 2). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 2004 – 123 Seiten : Illustrationen, Karte

———: McCallister’s last mission. The German-American story of the shooting down of a US Army Air Force B-17 G in the year 1945 near Schrobenhausen (Schrobenhausener Schriften 2). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 2004 – 123 Seiten : Illustrationen, Karte

———, Rödigs Ansichten. [1] (Schrobenhausener Schriften 3). 2007 – 56 S. : überwiegend Ill.

———: Im Garten der Ewigkeit. Der Alte Friedhof in Schrobenhausen (Schrobenhausener Schriften 4). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig. 2008 – 384 S. zahlr. llustrationen, Karten ; 25,5 x 21 cm – Rez.: Schönere Heimat 98 (2009),1, S. 49-50 (Cornelia Oelwein); Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2010, S. 318-319 (Barbara Hoppe).

———, Rödigs Ansichten 2 (Schrobenhausener Schriften Bd. 5). 2. Aufl. 2009 – [28] Bl. : zahlr. Ill.

Rödig Bernhard; Direktor Max; Mayer Franz J.: Schrobenhausen. Die Stadt im Spiegel alter Postkarten. Schrobenhausen: Eigenverlag Stadtsparkasse Schrobenhausen 2010 – 119 S., überw. Ill.

———, Schrobenhausener im Ersten Grossen Krieg 1914 bis 1918. Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg in der Heimat – an den Fronten (Schrobenhausener Schriften Bd. 6). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 2014 – 607 Seiten : zahlr. Ill.




Konrad Leufer (1944 – 2026) – ein Nachruf

Konrad Leufer (1944-2026) zum GedenkenKonrad Leufer (* 5. August 1944 – † 4. August 2026) – Pädagoge, Filmemacher, Kulturmanager –

 

Konrad Leufer ist tot. Auch wenn es in den letzten zehn Jahren eher ruhig um ihn geworden war, der Verlust ist groß. So ist es mehr als geboten, sein jahrzehntelanges Wirken zu würdigen. Nachrufe zählen zu den besonders unguten Textsorten, geprägt von Floskeln, Phrasen, Plattitüden. Und mit dem Verstorbenen mehr als 50 Jahre eine Freundschaft mit zahllosen Begegnungen und gemeinsamen Unternehmungen gepflegt zu haben, macht es mir nicht einfacher. Ich werde diesen persönlichen Bezug auch nicht verbergen. Das wäre nur ein Verbiegen. Doch geht es hier nicht um Histörchen mit persönlichem Touch. Es geht um Konrad Leufer als Persönlichkeit des lokalen Kulturlebens.

 

Aus Ungarn vertrieben, in Schrobenhausen nicht gleich willkommen

In die Wiege gelegt war es Konrad („Conny“) Leufer nicht, einmal das Kulturleben einer oberbayerischen Kleinstadt eine Generation lang ganz wesentlich mitzuprägen, als er am 5. August 1944 in dem kleinen südungarischen Dörfchen Mekényes (zu deutsch Meknitsch) in die unwirtliche Welt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hineingeboren wurde. Mit Vertreibung der deutschen Minderheit in Ungarn verschlug es den kleinen Jungen zusammen mit seiner Familie auf verschlungenen Wegen nach Schrobenhausen, genauer gesagt in die damals noch selbstständige Gemeinde Mühlried. Das Leben war nicht immer gut zu ihm. Nicht nur materiell, sondern auch psychisch: Weil er ein Flüchtlingskind war, oder ein „Flü“, wie man damals sagte, schlossen ihn seine Schulkameraden von so manchem Spiel aus. Er gehörte nicht dazu, wie viele andere auch.

Wie auch immer: Aus Conny Leufer wurde ein begabter Schüler, ein Abiturient mit glänzendem Abschluss, ein Student der Mathematik und Physik an der Technischen Universität München. Nach erfolgreichem Abschluss kehrte er an seine Schule, das Gymnasium Schrobenhausen, zurück. Dieser blieb er – abgesehen von einem fünfjährigen Intermezzo als Studienrat im Hochschuldienst an der TU – über die Jahrzehnte bis zu seiner Pensionierung treu, als Lehrender und in den verschiedensten administrativen Funktionen, schließlich als Studiendirektor und ständiger Stellvertreter des Schulleiters.

 

Der Lehrer – und noch viel mehr

Wer alte Abiturzeitungen durchblättert, wird immer wieder auf geradezu „hymnische“ Texte über den Studienrat Konrad Leufer treffen. Er mochte seine Schüler*innen und sie mochten ihn. Mehr als einmal wurde ihm der Titel „Beliebtester Lehrer“ zuteil, trotz seiner Fächer, die im Gegensatz zu Sport oder Literatur eher etwas spröde waren. Für viele war er „der Conny“, was seiner Autorität keinen Abbruch tat. Er stand seinen Schüler:innen nahe, motivierte, konnte begeistern, schenkte und gewann Vertrauen, ohne dabei jene unsichtbare, aber unabdingbare Grenze zwischen Lehrendem und Lernenden zu überschreiten, die es zu bewahren gilt: Nie biederte er sich an, nie „fraternisierte“ er.

 

Der Förderer der Künste

Schon einige Jahre vor Gründung des Kunstvereins gab es in Schrobenhausen eine kleine Gruppe von Malern – teils noch Studierende – und weiterer Kunstschaffender, die in Schrobenhausen an die Öffentlichkeit treten wollten. Erste Ausstellungen gab es Mitte der 1970er Jahre im Keller der Stadtsparkassenzweigstelle Kellerberg, dem damaligen „Kulturzentrum“ Schrobenhausens, in das man auch lieblos das historische Gestühl des einstigen Lenbachsaals im Rathaus verbannt hatte. Conny Leufer war von der ersten Stunde an als helfende Hand dabei. Als dann am 21. Februar 1978 der Schrobenhausener Kunstverein ins Leben gerufen wurde, damals eine ziemliche Novität für eine bayerische Kleinstadt, war Leufer Gründungsmitglied, wurde bescheiden zweiter Vorsitzender und prägte fortan für mehr als 20 Jahre den Verein ganz wesentlich. Auf „sein Konto“ gehen unter anderem die erfolgreichen „Kulturtage im Herbst“ (zum Beispiel 1981 mit 14 Veranstaltungen und 4000 Besuchern), die erste eigene Galerie des Kunstvereins im einstigen Sparkassengebäude an der Regensburger Straße (eröffnet 1984), die Finanzierung des „Schrobenhausener Lese- und Bilderbuchs“ (zwei Auflagen 1986 und 1988 mit insgesamt 2000 Exemplaren), für einen kleinen Verein damals ebenso wie die Galerie ein großes Wagnis. Zumal der Kunstverein für sich in jenen Jahren auch einen politischen Auftrag reklamierte, nicht nur im Unverbindlichen des Ästhetischen weilen wollte, damit mehr als einmal aneckte und so seine überaus bescheidenen öffentlichen Zuschüsse riskierte. Beispielsweise mit der von Konrad Leufer initiierten, durch und durch kritischen Ausstellung „Bedrohte Natur – bedrohtes Goachat – Bilder, Texte und Objekte“ im November 1984.

 

Der engagierte Bürger

Womit wir wieder bei Conny dem engagierten Bürger sind. Konrad Leufer war ein politischer Mensch. Früh engagierte er sich bei den Schrobenhausener Jungsozialisten, hatte verschiedene Vorstandsposten inne und war 1978 auch bereit, für den Stadtrat zu kandidieren. Von alten Sturköpfen und Karrieristen im SPD-Ortsverein wurde er ausgebootet. Der junge Gymnasiallehrer hat daraus die Konsequenzen gezogen und sich kein zweites Mal um eine Kandidatur bemüht. Dem Schrobenhausener Kulturleben aber konnte gar nichts Besseres passieren! Und politisch war Connys Stimme auch oder vielleicht gerade „außerparlamentarisch“ immer wieder von Gewicht. So war er einer der ersten und entschiedensten Gegner der sogenannten Südwesttangente, Südumgehung, Goachat-Trasse oder wie auch immer das unselige Straßenbauprojekt durch die Paarauen südlich Schrobenhausens in seiner nun knapp 50-jährigen erfolglosen „Planungsphase“ abwechselnd hieß. Leufer engagierte sich im gerade erst entstehenden Bund Naturschutz für den Erhalt des Goachats, referierte auf Veranstaltungen, nahm an Diskussionen teil, doch sein wertvollster und schönster Beitrag war zweifellos der ebenso poetische wie anklagende SOB-Dokumentarfilm „He Willi …“, der seit seiner Erstaufführung 1988 in eindringlichen Bildern bis heute davor warnt, das kleine Paradies vor den Toren der Stadt dem Moloch Straßenverkehr zu opfern. Bei mehreren tausend Zuschauern fiel diese Botschaft im Laufe der Jahre auf fruchtbaren Boden.

 

Der Förderer der Bildung

Schon in den späten 1970er Jahren gehörte Konrad Leufer dem Beirat der Volkshochschule Schrobenhausen an. Die vhs-Vorstandschaft war in jenen Jahren ein ziemlich zerstrittener Haufen, der sich gerne mit seinen gegenseitigen Antipathien beschäftigte. Conny Leufer zählte damals zu den wenigen Stimmen der Vernunft und der Mediation. Damals konnte er noch nicht vorausahnen, dass er 1992 selbst das Amt des 1. Vorsitzenden der vhs übernehmen und es für die nächsten 25 Jahre bis 2017 innehaben würde, ehe er dann verdientermaßen zum Ehrenvorsitzenden gekürt wurde. Der Schreiber dieser Zeilen muss nun ganz kurz „persönlich“ werden, war er doch in dieser Ära von 1989 bis 2017 Leiter der vhs Schrobenhausen. Und als solcher hat mich Conny unterstützt, wenn es geboten war, aber nie gegängelt, was ich weder ertragen noch akzeptiert hätte. Hier kam eines seiner „Geheimnisse“, eine seiner besonderen Gaben zum Tragen: Er konnte in andere Menschen Vertrauen setzen, sie einfach machen lassen.

Die Jahre zuvor bereits an großen Erweiterungsbaumaßnahmen des Gymnasiums beteiligt, brachte er in den Jahren 1996 bis 1998 beim Umbau des städtischen Gebäudes Lenbachstraße 22 zum vhs-Haus all seine Erfahrungen und gegenüber den im Detail nicht immer wohlgesonnenen Vertretern der Stadt Schrobenhausen sein Verhandlungsgeschick ein. So ist das vhs-Haus so recht eigentlich sein Haus. Ohne Conny hätte das vhs-Haus nicht einmal einen Aufzug bekommen. Heute nur noch schwer vorstellbar, nicht wahr?

Konrad Leufer war 25 Jahre Vorsitzender der vhs Schrobenhausen. Marianne Paul vom Schrobenhausener Lenbachchor überreicht ihm am 14.12.2015 eine Spende für Deutsch-Kurse.

Konrad Leufer war 25 Jahre Vorsitzender der vhs Schrobenhausen. Marianne Paul vom Schrobenhausener Lenbachchor überreicht ihm am 14.12.2015 eine Spende zur Unterstützung der ehrenamtlichen Deutsch-Kurse für Migranten.

 

Der Filmemacher: Kreativ hinter der Kamera. Kreativ im Umgang mit Menschen vor der Kamera

Wenn Schrobenhausen in den letzten Jahrzehnten überregionale Schlagzeilen machte, so waren sie nicht immer positiv. Zu den Ausnahmen zählt die SOB-Filmgruppe, der wohl bedeutendste kulturelle und künstlerische Glanzpunkt im Lebenswerk von Conny Leufer.

Eine umfassende Darstellung finden die Leserinnen und Leser auf der Website von paardon.de unter dem Titel Kleines SOB-Film-Lexikon, daher gibt es hier nur einen kurzen Abriss.

Schon in jungen Jahren begeistere sich Konrad Leufer für das Filmen. Gemeinsam mit Freunden drehte er erste kleine schwarzweiße Stummfilme im 8 mm-Format, fern von einem Gedanken an eine öffentliche Aufführung. 1974 kam dann mit „Woodwool der erste Spielfilm mit Farbe und Ton, dessen Handlung noch eine literarische Vorlage hatte. Dann der große Qualitätssprung: „Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen“ fand seit der Erstaufführung 1978 immer wieder begeisterte Resonanz im örtlichen Kino. So entfaltete sich im Laufe der Jahre das „typische“ SOB-Film-Genre. Seine Ingredienzien: im Team entwickeltes Drehbuch; begabte Darsteller, die aber ihre Grenzen kannten und sich nicht unfreiwillig komisch als professionelle Schauspieler imaginierten; aufwendige Dreharbeiten in Kulisse und freier Natur; Originalmusik, also Eigenkompositionen, frisch eingespielt, nichts aus der Konserve; Schnitt in hoher und Vertonung in beachtlicher Qualität, wozu sich die Technik im Keller des Leuferschen Familienhauses befand. Dort konnte Conny einer weiteren Begabung frönen, denn zahreiche Gerätschaften dort waren Marke Eigenbau.

Bis 2013 folgten noch weitere neun Filme, darunter 1989 auch eine Dokumentation mit Spielelementen über Franz von Lenbach. „Der rote Schirm“, wie der Titel hieß, war keineswegs eine bieder-ehrfurchtsvolle Hommage an den „großen Sohn“ der kleinen Stadt, sondern warf einen kunstgeschichtlich grundierten kritischen Blick auf den einst berühmten Porträtisten. So eroberte der Film auch einige dritte Fernsehprogramme. Daneben hagelte es Preise, zum Beispiel „Bester Deutscher Amateurfilm des Jahres 1982“ für den Spielfilm „Das Lied vom Lande“. Die straff organisierte Amateurfilmszene und die lockeren SOB-Filmer fremdelten allerdings etwas. „Wenn ihr kommt, haben wir eh keine Chancen…“ wurde Conny Leufer mal auf einem Festival beschieden. Die Teilnahme an Wettbewerben blieb eine Episode von wenigen Jahren.

Das Erfolgsgeheimnis von SOB-Film? Konrad Leufer als „primus inter pares“, nicht als abgehobenes „Genie“, beseelt oder gar besessen von einer einzigartigen Idee, die es durchzupeitschen galt. Das Zauberwort lautete Teamarbeit. Connys Gespür für die besonderen Begabungen und Neigungen der einzelnen Gruppenmitglieder, die Fähigkeit, für jeden den richtigen Platz zu finden und ihm Freiheit zur Entwicklung zu gewähren. Motivation und Begeistern statt Zwang und Gängelei. Letztlich all das, was ihn auch als Lehrer erfolgreich machte.

Und Konrad Leufers persönliche künstlerische Begabung? Das war der Blick durch das Objektiv der Kamera, seien es turbulente Szenenabläufe oder wundervolle Landschaftsaufnahmen, für die ich einmal den Begriff „Malen mit der Kamera“ geprägt habe.

Konrad Leufer – Malen mit der Kamera: Szene aus dem SOB-Film "Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen" mit Sig Fabig.

Konrad Leufer – Malen mit der Kamera. Szene aus dem SOB-Film „Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen“ mit Sig Fabig.

 

Bescheidenheit ist eine Zier …

… und Conny Leufer kam sehr weit mit ihr. Und nach Verwendung eines auch in seiner Abwandlung abgeschmackten Sprüchleins folgt eine weitere Plattitüde, einfach weil sie ausnahmsweise wahr ist: Konrad Leufer hat sich um das Schrobenhausener Kulturleben verdient gemacht! Sind diese seine Dienste zu seinen Lebzeiten gebührend gewürdigt worden? Die SOB-Filmgruppe und nicht er persönlich – das wollte er auch so – bekam 1982 den Kunstpreis der Stadt Schrobenhausen. Sein Lebenswerk wäre wohl eine Bürgermedaille wert gewesen, auf die er aber, wie ich ihn kenne, gar keinen so großen Wert gelegt hätte. Wohltuend in einer Stadt, in deren Kulturleben es ja auch heute noch begnadete Selbstdarsteller geben soll.

 

Abschied

In letzter Zeit ist es Conny, wie ihn seine Freunde nannten, gar nicht mehr gut gegangen gesundheitlich. Und zu guter Letzt konnte er einfach loslassen.




Paardon.de freut sich über 60.000 Zugriffe

 

60.000 Zugriffe – ein schöner Erfolg für unsere Regionalgeschichte

60.000 Zugriffe – wir sind begeistert und möchten ein wenig zurück und auch nach vorne blicken. 60.000 Zugriffe – das heißt: so oft ist ein Artikel auf unserer Homepage angeklickt und wie wir hoffen auch gelesen worden (Stand Anfang Mai 2026). Jeder Artikel hat einen DSGVO-konformen Zähler im Hintergrund, der nur dann mitzählt, wenn die Seite nicht von einem Bot aufgerufen wird.

Begonnen haben wir klein, wir mussten uns auf einen Namen unserer Homepage einigen, Google ermuntern, uns zu finden. Die ersten fünf Beiträge gingen am 26. November 2021 online.

Klickzahlen steigen mit der Zahl der Artikel, zur Zeit rund  2.500 Klicks pro Monat. Und das, obwohl wir keine Werbung machen, nur eine Lokalzeitung hat vor zwei Jahren mal über uns berichtet.

WordPress ist ein professionelles Programm. Die integrierte SEO = Search Engine Optimization, das heißt Suchmaschinenoptimierung, leitet uns an, Metadaten wie Schlagworte so zu vergeben, dass wir von Suchmaschinen gut gefunden werden.

 

Ziele

  • Wir sind eine private Homepage und somit völlig unabhängig.
  • Wir präsentieren alle Beiträge kostenlos, ohne Bezahlschranke und verdienen deshalb keinen einzigen Cent.
  • Wir praktizieren „Open Access“ – leider oft noch nicht selbstverständlich.
  • Zusammengefasst haben wir unsere Ziele hier

 

Name unserer Homepage

Lange haben wir überlegt, wie der Name unserer Homepage lauten soll. Wir haben uns für www.paardon.de entschieden. Interessierte können sich das leicht merken, Google und andere Suchmaschinen finden diesen Namen auch gut – letztlich stecken im Namen die Flüsse Paar und Donau drin. Der Name zeigt auch, dass wir uns in einer Region bewegen und nicht an Landkreisgrenzen Halt machen.

 

Woher kommen die Zugriffe

Im Hintergrund läuft eine datenschutzkonforme Geolocation Box, die erfasst, woher die Zugriffe kommen, wo die Einwahlserver stehen. Da finden wir neben Deutschland … hier natürlich die meisten Zugriffe aus der Region … oft die USA, aber auch China, Vietnam, Singapore … Zugriffe gibt es also von allen Erdteilen. Wir wissen, dass viele Nutzer heute anonym surfen und die Zugriffsorte auch Zufall sein können – doch sind wir uns sicher, dass wir weltweit wahrgenommen werden.

 

Wie viele Zugriffe pro Artikel?

Die Bandbreite der Zugriffszahlen der einzelnen, oft doch sehr speziellen Artikel geht weit auseinander. So gibt es Artikel mit Zugriffszahlen im unteren Bereich zwischen 500 und 1.000 (auch das finden wir schon sehr beeindruckend), viele Artikel im mittleren Bereich mit 1.000 bis 2.000 Zugriffen sowie einzelne Artikel, deren Zugriffszahlen noch weit höher liegen.

 

Barrierefrei

Unsere Homepage ist barrierefrei gemäß Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) vom 28. Juni 2025: Bedienbarkeit ohne Maus allein über die Tastatur, Alternativtexte für Bilder, ausreichende Farbkontraste, semantische Strukturierung. Besucher können sich die Beiträge auch vorlesen lassen.

 

Langzeitarchivierung

Digitale Daten sind fragil und vergänglich. Deshalb haben wir uns schon von Anfang an die Frage gestellt: Was passiert, wenn es paardon.de mal nicht mehr geben sollte? Wir sind dabei, Möglichkeiten zu testen, wie unsere Beiträge dauerhaft gesichert werden können. Wir denken zum Beispiel daran

  • mit geeigneten Artikeln eine digitale historische Reihe zu machen, die dann über die Server der Staatlichen Bibliotheken Bayerns und der Deutschen Nationalbibliothek dauerhaft gespeichert werden.
  • die Homepage insgesamt mit geeigneten Programmen zu sichern und diese Sicherung ebenfalls staatlichen Bibliotheken anzubieten.

Und auch die Idee, einige interessante Beiträge in einem Sammelband in gedruckter Form herauszugeben, finden wir spannend.

 

Dankeschön

Ein herzliches Dankeschön an alle, die mit Interesse, Hinweisen, Bildern und Geschichten zu diesem Projekt beigetragen haben. Wir sagen Danke auch für die aufmunternden Zuschriften, zum Beispiel: „Tolles Projekt“ oder „Ich hoffe, dass Sie noch viele interessante Geschichten zusammentragen werden“. Oder: „Wenn wir etwas zur Stadtgeschichte recherchieren, landen wir erstaunlich oft bei euch – wirklich super!“

 

Das motiviert uns weiterzumachen – mit neuen Beiträgen, spannenden Funden und vielleicht auch der einen oder anderen Überraschung. Bleiben Sie neugierig – und schauen Sie immer wieder vorbei!

 




Ottheinrichs Reise von Neuburg nach Krakau 1536 – Reisebilder online

Neuburg 1536 (Universitätsbibliothek Würzburg, Bildausschnitt)

Ottheinrich · Topics (franconica.online)

Ottheinrichs Reise von Neuburg nach Krakau 1536 –

Reisebilder online

 Der Neuburger Künstler Viktor Scheck hat seine Reise 2004 nachempfunden

Am 27. November 1536 brach Pfalzgraf Ottheinrich nach Krakau auf, um beim dort residierenden polnischen König Sigismund einen Schuldschein einzulösen. Die wichtigsten Stationen der Reise wurden von einem bis heute unbekannten zeitgenössischen Künstler festgehalten und später koloriert. Diese 50 Aquarelle gehören für die meisten Orte zu den frühesten erhaltenen bildlichen Darstellungen. Die Originale dieser Ortsansichten befinden sich in der Universitätsbibliothek Würzburg und können online abgerufen werden. Wir möchten als gut besuchte Homepage dazu beitragen, dass diese beeindruckenden Ortsansichten eine noch weitere Aufmerksamkeit bekommen.

Lange Zeit kaum beachtet

Jahrhunderte lang waren diese Ortsansichten kaum beachtet worden, sie lagen undatiert in der Würzburger Universitätsbibliothek. Bis Angelika Marsch, eine Expertin der historischen Bildkunde, die Aquarelle entdeckte und sie nach jahrelanger Arbeit – zusammen mit internationalen Experten – zunächst datieren und schließlich der Polenreise Ottheinrichs zuordnen konnte.

Grund und Ablauf der Reise

Grund für die Reise war die hohe Verschuldung Ottheinrichs. Er besaß aber einen Schuldschein über 32.000 Gulden, den er von seiner Großmutter geerbt hatte – eine Mitgift des polnischen Königs Kasimir IV. an seine Tochter Hedwig anlässlich der Hochzeit mit Georg dem Reichen von Landshut, die heute als „Landshuter Hochzeit“ bekannt ist und gefeiert wird. Also machte sich Ottheinrich auf den Weg, im Winter mit einem fünfzigköpfigen Gefolge eine Strapaze.

Das Treffen in Krakau mit König Sigismund – dem Großonkel Ottheinrichs – war nur zum Teil erfolgreich.  Nach dreiwöchigen Verhandlungen konnte Ottheinrich zwar die Auszahlung des Schuldscheins in acht Jahresraten erreichen, jedoch nicht – wie er erhofft hatte – mit Zinsen und Zinseszinsen.

Ursprünglich war die Rückreise wohl auf der gleichen Strecke geplant, ein diplomatischer Auftrag des polnischen Königs veranlasste Ottheinrich zu einer anderen Route – zurück über Frankfurt (Oder), Berlin, Wittenberg. Im Frühjahr 1537 kehrte er nach drei Monaten und rund 2.200 zurückgelegten Kilometern wieder nach Neuburg zurück.

Ottheinrichs Leben

Geboren 1502 in Amberg, erhielt Ottheinrich mit seinem Bruder Philipp das im Jahr 1505 neu geschaffene Fürstentum Pfalz-Neuburg, ein sehr zerklüftetes Herrschaftsgebiet mit oft nicht zusammenhängenden Gebieten um Neuburg und donauaufwärts und in der heutigen Oberpfalz. Nach ihrer Großjährigkeit 1522 regierten beide das Fürstentum gemeinsam, im Jahr 1535 wurde es geteilt. Im Jahr 1542 führte Ottheinrich in seinem Fürstentum die Reformation ein.

Ottheinrich pflegte einen prunkvollen Lebensstil, ließ die alte Burg in Neuburg zu einem repräsentativen Renaissance-Schloss umbauen, errichtete wenige Kilometer von Neuburg entfernt das Jagdschloss Grünau, investierte viel Geld in seine Sammlung von Büchern und Handschriften.

Ottheinrich lebte in seinem vergleichsweise kleinen Fürstentum weit über seine Verhältnisse. Im Jahr 1544 betrug die Schuldenlast über eine Million Gulden. So ergriffen die Landstände die Regierungsgewalt, Vertreter des Adels, des Klerus sowie der Städte und Märkte. Ottheinrich ging nach Heidelberg, kehrte später wieder nach Neuburg zurück und erhielt nach dem Tod seines Onkels 1556 die Kurpfalz mit der Residenzstadt Heidelberg und die Kurfürstenwürde, die er bis zu seinem Tod 1559 innehatte.

Bilder online

Inzwischen sind die Bilder von der Universitätsbibliothek Würzburg online gestellt worden. Die Bibliothek bietet einen „interaktiven“ Zugang zu den Bildern (Reiseroute, Bildorte, Bilder zum Download, Kommentare). Zugang  hier 

Dort finden sich auch nähere Informationen sowie wichtige Literaturhinweise.

Ortsansichten – Aquarelle der Reise

Neuburg bis Prag

Neuburg an der Donau  – Sandersdorf  – Riedenburg  – Burglengenfeld  – Schwandorf  – Nabburg  – Pfreimd  – Ehemaliger Pfrentschweiher  – Haid/Bor  – Mies/Stříbro  – Pilsen/Plzeň  – Beraun/Beroun

Prag bis Krakau

Prag/Praha – Nimburg/Nymburk – Jaromĕř – Nachod/Náchod – Glatz/Kłodzko – Ottmachau/Otmuchów – Neisse/Nysa – Zülz/Biała – Oberglogau/Glogówek – Cosel/Koźle – Ujest/Ujazd – Beuthen/Bytom – Będzin

Krakau bis Berlin

Krakau/Kraków – Tost/Toszek – Oppeln/Opole – Brieg/Brzeg – Ohla/Oława – Breslau/Wrocław – Neumarkt/Środa Śląska – Liegnitz/Legnica – Polkwitz/Polkowice – Frankfurt an der Oder – Strausberg

Berlin bis Neuburg

Treuenbrietzen – Wittenberg – Bad Düben –  Leipzig –  Zeitz –  Gera –  Hof –  Vilseck – Sulzbach-Rosenberg – Kastl – Heideck – Eichstätt (– Neuburg)

Das Ottheinrich-Projekt von Viktor Scheck

Im Jahr 2004 machte sich der Neuburger Künstler Viktor Scheck auf den Weg nach Krakau. Er wollte Ottheinrichs Reise mit seinen künstlerischen Mitteln nachvollziehen, möglichst die Perspektive des historischen Künstlers finden – und so auch die enormen Veränderungen dokumentieren –  wobei sich einzelne Ortsansichten noch erstaunlich gut erhalten haben.

Alle Orte der Ottheinrich-Reise hat Viktor Scheck besucht und bildlich festgehalten. Im Jahr 2005 fand eine Ausstellung im Rathausfletz des Neuburger Rathauses statt. Mehr über Viktor Scheck, seine Biographie und Werke auch auf unserer Homepage hier

Viktor Scheck – Neuburg 2004

Literatur (kleine Auswahl)

Angelika Marsch: Zur Entdeckung der Reisebilder Pfalzgraf Ottheinrichs von seinem Ritt nach Krakau und Berlin 1536/37, in: Barbara Zeitelhack (Konzept und Redaktion): Pfalzgraf Ottheinrich. Politik, Kunst und Wissenschaft im 16. Jahrhundert, Regensburg 2002, S. 334-347

Reise, Rast und Augenblick – Mitteleuropäische Stadtansichten aus dem 16. Jahrhundert, Dettelbach 2002, 119 Seiten (Ausstellungskatalog der Universitätsbibliothek Würzburg 2002). – Das Buch, das alle Aquarelle der Ottheinrichreise in hochwertiger Druckqualität mit Beschreibungen und Kommentaren enthält, ist noch im Buchhandel und über Antiquariatsportale erhältlich.

Max Direktor: Eine Künstlerreise von Neuburg nach Krakau. Viktor Scheck ist im Augenblick auf den Spuren Ottheinrichs unterwegs, in: Neuburger Rundschau, 5. Juni 2004

Viktor Scheck: Reisebilder. Das Ottheinrich-Projekt 2003 bis 2005 (2011)




Paartalbahn-Chronik (2): Staatsbahnzeit bis 1920

Im Jahr 2025 ist die am 15. Mai 1875 eröffnete Paartalbahn, die Augsburg über Friedberg, Aichach und Schrobenhausen mit Ingolstadt verbindet, 150 Jahre alt geworden. Für „Paardon.de“ Grund genug, in einer dreiteiligen Chronik bedeutendere Ereignisse der lokalen Eisenbahngeschichte in tabellarischer Form knapp, aber einigermaßen umfassend darzustellen. Dies umso mehr, als abgesehen von einer umfangreichen Serie in der „Schrobenhausener Zeitung“ dieses Ereignis in Schrobenhausen selbst keinerlei Resonanz fand, während die Städte Friedberg und Aichach sowie die Gemeinde Dasing das Jubiläum gebührend feierten.

Eisenbahnkarte 1878
Eisenbahnkarte 1878

Behandelte die erste Folge die Planungsphase und die Bauzeit bis zur Eröffnung, so beleuchtet der zweite Teil der Chronik die „Blütezeit“ der Paartalbahn, die 39 Jahren von 1875 bis 1914. Wenn dabei von der „Staatsbahnzeit“ die Rede ist, so meint dies die „Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen (K.Bay.Sts.B.)“, in deren Eigentum und Betrieb die Paartalbahn bis 1920 stand, in jener Zeit, als die Strecke das erste und konkurrenzlos einzige leistungsfähige Verkehrsmittel darstellte, das die wirtschaftliche Entwicklung und die in Bayern etwas verspätete Ankunft des Industriezeitalters ungemein förderte und in großem Maße überhaupt erst ermöglichte. Der vergleichsweise billige Transport von Massengütern auf der Schiene eröffnete lokalen Unternehmen wie der Papierfabrik Leinfelder in Schrobenhausen oder der Beck’schen Kunstmühle in Aichach, ebenso aber auch der Landwirtschaft die Möglichkeiten sich auf dem regionalen Markt und oft auch darüber hinaus zu platzieren.

Pendler aus Friedberg begannen mit dem Zug zur Arbeit nach Augsburg zu fahren, das sich in jenen Jahren gerne mit dem Titel eines „bayerischen Manchester“ schmückte. Auch Bildung und Ideen kamen mit dem Dampfzug vermehrt auf’s flache Land – ein Aspekt des Eisenbahnzeitalters, der heute gerne übersehen wird. So verbreitete sich beispielsweise die Sozialdemokratie entlang der Paartalbahn von Lechhausen nahe Augsburg-Hochzoll und kam 1893 in Schrobenhausen an, das im Vergleich zu den umliegenden Kleinstädten eine deutlich größere Arbeiterschaft besaß.1

Um aber in der Rückprojektion keine falsche Idylle zu produzieren: Bahnfahren, wenn auch preiswert im Vergleich zu Stellwagen und Postkutsche, war immer noch teuer. Handwerker und Bürger konnten es sich leisten. Für die „einfachen Leute“ blieb die Tür des „Eisenbahn-Coupés“ – auch das Abteil der dritten Klasse – häufig verschlossen oder bedeutete zumindest eine erhebliche finanzielle Anstrengung, die wohlüberlegt werden wollte. Zu den Ausnahmen zählten verbilligte Ausflugszüge. Zwar verbesserte sich die Situation zwischen 1875 und 1914 durch die steigende Kaufkraft und die Tarifpolitik der Bahn zunehmend, doch oft hieß es, um den Titel einer wissenschaftlichen Arbeit zur Alltagsmobilität aus der Schweiz zu zitieren: „Im Übrigen ging man zu Fuß“.2



187522.04.1875Ein Inspektionszug fährt am 22. April 1875 die gesamte Strecke ab.
01.05.1875Bis zur offiziellen Eröffnung der Paartalbahn am 15. Mai 1875 verkehren einige Güterzüge.
15.05.1875Eröffnung der Paartalbahn zum Sommerfahrplanwechsel am 15. Mai 1875, dem Pfingstsamstag dieses Jahres. Offizielle Feierlichkeiten sind untersagt, was viele Leute nicht daran hindert, auf „ihrem“ Bahnhof das große Ereignis gebührend zu begrüßen. Den ersten Zug führt eine Lokomotive der bayerischen Gattung A V.
15.05.1875Mit Eröffnung der Paartalbahn verkehren vier Züge Augsburg – Ingolstadt, davon zwei Personenzüge und zwei gemischte Züge (Personen- und Güterzug). Von Ingolstadt nach Augsburg verkehren vier Züge (ein beschleunigter Personenzug und drei gemischte Züge).
15.05.1875Bis 1877 fahren auf der Paartalbahn keine reinen Güterzüge, sondern gemischte Züge, auch "Güterzug mit Personenbeförderung" genannt.
18771877Ab diesem Jahr verkehren auch reine Güterzüge
SF 1877Nur im Sommerfahrplan 1877 und 1878 verkehrt ein Schnellzugpaar Augsburg – Regensburg. Die Fahrzeit von Augsburg nach Ingolstadt beträgt 1 Stunde und 23 Minuten; der Zug hält dabei nur in Aichach und Schrobenhausen. Die gesamte Fahrdauer Augsburg - Regensburg beträgt 2 Stunden und 59 Minuten.
188015.10.1880Die Station Pobenhausen wird eröffnet
1887WF 1887/88Die Station Arnbach wird auf Antrag des Freiherrn von Pfetten in Niederarnbach umbenannt.
188810.07.1888Die Station Hörzhausen wird eröffnet
1889Der Holzhändler Valentin Bork erhält in Schrobenhausen den ersten Gleisanschluß
1890WF 1890/91Die Station Paar wird eröffnet
01.10.1890Die Kilometrierung der Paartalbahn wird zwischen 01.10.1890 und 12.11.1891 umgedreht und beginnt nun ab Ingolstadt Hbf
1891Die Papierfabrik Leinfelder übernimmt den Borkschen Anschluss. Im Laufe der Jahre wird dieses Gleis bis zum Betriebsgelände nahe der Paar weitergeführt und verzweigt sich dort. Schon längere Zeit nicht mehr benutzt, wird es erst in den frühen 2000er Jahren endgültig abgebaut.
189301.07.1893Die Station Edelshausen wird als Bedarfshaltestelle eröffnet.
18971897Die beiden Brücken über die Paartalbahn nördlich von Schrobenhausen werden erbaut und ersetzen den höhengleichen Bahnübergang.
17.05.1897Als erster Bahnhof der Strecke (exklusive Augsburg und Ingolstadt) erhält Radersdorf ein mechanisches Stellwerk, das im Freien aufgestellt ist. Das Stellwerk ist vom Typ "Krauß & Comp."
1900SF 1900Mit dem Zugpaar D 89/90 Regensburg - Augsburg gibt es erneut eine Schnellzugverbindung, nun mit mehr Halten als 1877/78. Die Fahrtzeit beträgt daher von Regensburg nach Augsburg 3 Stunden und 18 Minuten, von Ausgburg nach Regensburg 3 Stunden und 1 Minute.
1903SF 1903Im Fahrplan erscheint erstmals eine Tabelle mit Vorortzügen Augsburg - Friedberg
1904Das Dampfsägewerk Anton Prücklmair in der heutigen Bürgermeister-Götz-Straße direkt bei den Gleisanlagen des Schrobenhausener Bahnhofs gelegen, erhält einen Gleisanschluß.
1905In Aichach entsteht ein Gleisanschluss zur Anlieferung von Material für den Bau des Gefängnisses. Ein verkürztes Stück des Gleises übernimmt 1908 die "Beck'sche Kunstmühle". Weitere Anschließer kommen dazu (u. a. Mahl, Dinauer, Reitberger).
17.01.1905Der Bahnhof Dasing erhält ein Stellwerk Bauart "Krauss & Comp."
190719.06.1907Der Bahnhof Aichach erhält ein Stellwerk Bauart "Krauss & Comp."
26.06.1907Der Bahnhof Schrobenhausen erhält einen mechanisches Stellwerk "Krauss & Comp."
190901.05.1909Die Station Edelshausen wird für den Güterverkehr eröffnet.
01.05.1909Zusammen mit der Inbetriebnahme des Ladegleises erhält der Bahnhof Edelshausen als letzter der Strecke ebenfalls ein Krauss-Stellwerk.
1914WF 1914/15Kriegsbedingt wird ein Zugpaar gestrichen
1917WF 1917/18Es verkehren nur noch drei Zugpaare: morgens, mittags und abends
1918WF 1918/19Weitere Reduzierung auf zwei Zugpaare: morgens und abends

Abkürzungen: SF = Sommerfahrplan; WF = Winterfahrplan


Züge auf der Paartabahn Augsburg – Ingolstadt und auf der Strecke Ingolstadt – Regensburg aus „A. Daibler’s Portemonnaie-Fahrplan Winterdienst 1878/79“.
Die Abkürzungen bedeuten: G-Z. = Güterzug mit Personenbeförderung. P.-Z. = Personenzug. Post-Zug: Bei den Postzügen handelt es sich um Personenzüge, die auch Post beförderten. S.-Z. = Schnellzug. Die Spalte ist leer, da der Schnellzug Regensburg – Augsburg nur im Sommerfahrplan 1877 und 1978 verkehrte. Da die 24-Stunden-Zählung noch nicht eingeführt war, verweisen fett gedruckte Stundenzahlen auf Zeiten zwischen 6 Uhr abends und 6 Uhr morgens. Die drei rechten Spalten nennen die Fahrpreise für die I., II. und III. Wagenklasse in Mark und Pfennig.


 




Paartalbahn-Chronik (1): Planungsphase und Bauzeit

Im Jahr 2025 ist die am 15. Mai 1875 eröffnete Paartalbahn, die Augsburg über Friedberg, Aichach und Schrobenhausen mit Ingolstadt verbindet, 150 Jahre alt geworden. Für „Paardon.de“ Grund genug, in einer dreiteiligen Chronik bedeutendere Ereignisse der lokalen Eisenbahngeschichte in tabellarischer Form knapp, aber einigermaßen umfassend darzustellen. Dies umso mehr, als abgesehen von einer umfangreichen Serie in der „Schrobenhausener Zeitung“ dieses Ereignis in Schrobenhausen selbst keinerlei Resonanz fand, während die Städte Friedberg und Aichach sowie die Gemeinde Dasing das Jubiläum gebührend feierten.

 

Die Planung der Paartalbahn 1860-1872

Die für eine Hauptbahn im 19. Jahrhundert ungewöhnliche lange Planungszeit der Paartalbahn  – neun Jahre bis zum Erlass des Baugesetzes, weitere drei Jahre bis zum ersten Spatenstich – passt eigentlich eher ins 21. Jahrhundert. Gewöhnlich ging es damals in der „guten alten Zeit“ deutlich schneller voran. Neben den politischen Auseinandersetzungen über Prioritäten (Welche der vielen wünschenswerten Strecken soll als erste gebaut werden?) und die konkrete Linienführung sollte dabei auch nicht vergessen werden, dass in die Planungs- und Bauzeit der Paartalbahn zwei Kriege fielen: Im Jahr 1866 der Deutsche Krieg , in dem Bayern – auch wenn daran so gut wie nicht aktiv beteiligt – Kriegspartei war, und 1870/71 der Deutsch-französische Krieg. Hinzu kam die Wirtschaftskrise des Jahres 1873, der sogenannte Gründerkrach.

 

JahrDatumText
1850Erste vage Vorschläge für den Bau einer Eisenbahntrecke von Augsburg nach Ingolstadt soll es bereits 1850 gegeben haben; eindeutige Belege fehlen.
186002.06.1860Am 2. Juni 1860 äußern sich die Augsburger Gemeindebevollmächtigten zugunsten des Bahnbaus.
19.07.1860Am 19. Juli 1860 beschließt der Aichacher Stadtrat, sich diesen Bestrebungen anzuschließen und benennt als Vertreter in dieser Angelegenheit Bürgermeister Ignaz Kapfhammer.
28.08.1860Auf Initiative der Stadt Augsburg treffen sich im dortigen Rathaus am 28. August 1860 Abgesandte der Städte Friedberg, Aichach, Schrobenhausen und der Gemeinde Reichertshofen. Die Versammlung unter Vorsitz von Bürgermeister Georg von Forndran (1807-1866) befürwortet das Vorhaben. Die Beteiligten sollen statistische Daten zur Untermauerung des gemeinsamen Wunsches erarbeiten. Wie es in einem heimatgeschichtlichen Beitrag aus dem Jahre 1950 heißt, soll auch eingehend darüber gesprochen worden sein, ob eine Staatsbahn oder einer Privatbahn der Vorzug zu geben sei: „Im letzteren Falle hätte Bankier Hirsch in München das Geld zur Verfügung gestellt“.
1860-1863Zahlreiche Bittschriften und Gesuche interessierter Anlieger einer künftigen Paartalbahn: Die Wichtigkeit des Bahnbaus untermauern die interessierten Städte und Gemeinden, denen es natürlich primär um ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung und kulturelle Teilhabe geht, auch mit übergeordneten Aspekten, vor allem einer leistungsfähigen Verbindung zwischen der Festung Ingolstadt und dem Truppenübungsplatz Lechfeld südlich Augsburg, sowie der Paartalbahn als kürzester Verbindung zwischen Böhmen und der Schweiz.
186122.01.1861Bei der nächsten Zusammenkunft in Augsburg wird am 22. Januar 1861beschlossen, sich mit einer Denkschrift an König Maximilian II zu wenden, um ihm „das Projekt einer Eisenbahn zwischen Augsburg und Ingolstadt durch das Thal des Paarflusses allerehrfurchtvollst zu unterbreiten.“ Den Bittstellern hat sich nun auch der Markt Hohenwart angeschlossen.
April 1861Im April 1861 empfängt der König eine Abordnung der Stadt Augsburg mit je zwei Mitgliedern des Rates und des Kollegiums. Repräsentanten der kleinen Städte wird diese Ehre nicht zu Teil. Die Audienz scheint der Sache dienlich gewesen zu sein. Der Königliche Betriebsingenieur Alois von Röckl (1822-1885) bietet an, die technischen Vorarbeiten für die künftige Bahnstrecke zu durchzuführen. Den ersten Entwurf samt Kostenschätzung, den die interessierten Städte und Gemeinden mit einem Betrag von 400 Gulden finanzieren, legt er bereits im Mai 1861 vor. Die Strecke demnach fünf Millionen Gulden kosten und von Augsburg über Stierhof, den Paartaldurchbruch bei Ottmaring, Hügelshart, Paar, Dasing, Aichach, Schrobenhausen, Hohenwart, Freinhausen, Gotteshofen und Reichertshofen nach Ingolstadt führen.
186228.01.1862Aichach setzt auch auf seine guten Beziehungen zu Herzog Max in Bayern, der häufig im nahen Schloss Unterwittelsbach weilt. Der Herzog versichert am 28. Januar 1862, dass er sich „nützlich zu seyn“ bemühe.
12.10.1862Die Stadt Friedberg wendet sich mit Schreiben vom 12. Oktober 1862 an die Königliche Regierung von Oberbayern.
07.12.1862Gesuch aus Hohenwart an die Königliche Regierung von Oberbayern.
1863April 1863Alois von Röckl erarbeitet ein im April 1863 fertig gestelltes Projekt mit deutlich geänderter Linienführung vor: Hochzoll – Friedberg – Paar – Dasing – Aichach – Schrobenhausen – Arnbach – Ingolstadt. Die neue Kostenschätzung: Sechs Millionen Gulden. Damit verlässt die Paartalbahn das bereits Paartal in Schrobenhausen.
20.07.1863Im 20. Juli 1863 bringt das Augsburger „Comitee für die Erbauung einer Eisenbahn von Augsburg über Ingolstadt nach Regensburg“ eine Denkschrift an die Kammer der Abgeordneten im Bayerischen Landtag auf den Weg.
07.08.1863Weiteres Gesuch aus Hohenwart Hohenwart, nun auch bei der Abgeordneten-Kammer.
27.08.1863Schrobenhausen wendet sich mit einer 16 Seiten umfassenden, von Bürgermeister August Böhm unterzeichneten „Ehrbietigsten Vorstellung um Berücksichtigung bei den zu bauenden Eisenbahnstrecken betreffend“ an die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landtags. Ausführlich wird in dem Schreiben dargelegt, welch lebenswichtige Impulse sich Schrobenhausen von einem Bahnanschluss erhofft.
21.09.1863In ihrer Sitzung am 21. September 1863 befasst sich die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landestags mit einem Gesetzentwurf der Königlichen Regierung, „die Vervollständigung und weitere Ausdehnung der bayerischen Eisenbahnen betreffend“. Eine Bahnstrecke Augsburg – Aichach Schrobenhausen – Ingolstadt beinhaltet diese Vorlage noch nicht. Doch der Schrobenhausener Landtagsabgeordnete und Stadtpfarrer Dr. Anton Schmid nützt bei der Behandlung einer zu bauenden Eisenbahnstrecke von München nach Ingolstadt die Gelegenheit zu einem "Modifikationsantrag", diese Strecke nicht über Pfaffenhofen, sondern über Schrobenhausen zu führen und macht dafür zahlreiche Argumente geltend. Eine aus Augsburg kommende Paartalbahn könne in Schrobenhausen an die aus München kommende Strecke angebunden werden. Die Entscheidung fällt zugunsten der Streckenführung über München - Pfaffenhofen - Ingolstadt.
1863-1868Das Projekt "Paartalbahn" macht keine Fortschritte. Gelegentlich beschäftigt sich die Presse damit. So steht beklagt beispielsweise der "Süddeutsche Anzeiger" am 2. Oktober 1864 unter der Ortsmarke Schrobenhausen: "Noch immer herrscht hier große Unzufriedenheit darüber, daß Schrobenhausen und die an der Paar liegenden Städte und Ortschaften nicht in das Eisenbahnnetz gezogen werden."
186804.02.1868In seiner Sitzung vom 4. Februar 1868 beschließt die Kammer der Abgeordneten, zur Vorberatung eines von der Regierung vorgelegten "Gesetzentwurf[es]: die Ausdehnung und Vervollständigung der bayerischen Staatseisenbahnen betr.", durch "Combinierung des II. und III. Ausschusses " ein besonderen Gremium zu ernennen. Als zuständige Referenten, die der Kammer zu berichten haben, werden die Abgeordneten Crämer und Bischoff bestellt. Der Gesetzentwurf umfasst insgesamt 19 neuen Strecken, wobei erstmals auch die Paartalbahn Augsburg - Ingolstadt genannt wird. Der Bau dieser neuen Linien soll sich über "viele Jahre" erstrecken, wobei lediglich sieben Strecken als "zunächst zu bauende" vorgeschlagen werden. Die Paartalbahn steht nicht in dieser "Prioritäts-Liste".
186902.03.186913 Monate nach Bildung des "combinierten Ausschusses" legt dessen Referent, der Abgeordnete Cramer, in der Sitzung der Kammer der Abgeordneten vom 2. März 1869 die erarbeiteten Empfehlungen vor. Nach mehreren Sitzungstagen beschließt die Kammer am 6. März 1869 den Bau von 22 neuen Bahnstrecken. Einzeln abgestimmt wird dabei über die schließlich im § 3 des Gesetzentwurfes aufgelisteten zehn Linien, die als erstes in Angriff genommen werden sollen. Auf Platz 7 steht die "Eisenbahn von Ingolstadt nach Augsburg", für deren Herstellung 5,9 Millionen Gulden bereitgestellt werden. "Die Mehrzahl erhebt sich" steht im Sitzungsprotokoll. Damit hat der Bau der Paartalbahn diese politische Hürde erfolgreich genommen.
In der vorangegangenen Debatte hatten sowohl Gustav von Schlör (1820-1883) als Staatsminister für Handel und Öffentliche Arbeiten wie auch der Landtagsabgeordnete und Führer des liberalen Linken, Carl Crämer (1818-1902), als Referent des Ausschusses eine Beziehung zwischen der Paartalbahn und der ebenfalls genehmigten Donautalbahn Regensburg - Ingolstadt - Donauwörth - Offingen oder Günzburg hergestellt. Schlör: "... ich darf Ihnen nicht vorenthalten, daß die Staatsregierung nicht beabsichtigt, die Bahn von Donauwörth aufwärts eher zu vollenden, als die von Ingolstadt nach Augsburg."
29.04.1869Mit Gesetz vom 29. April 1869, unterzeichnet von König Ludwig II., ist der Bau der Paartalbahn "beschlossen und verordnet".

 

Der Bau der Paartalbahn 1872 – 1875

Die eigentliche Bauzeit betrug lediglich drei Jahre, und auch wenn das Terrain, wie es damals hieß, keine großen technischen Herausforderungen bot, sollte nicht vergessen werden, dass Bahnbau in jenen Zeiten weitgehend Handarbeit mit Schaufel und Spitzhacke, Karren und Rollwagen war.

1871Unter der Bauoberleitung durch die "Generaldirektion der kgl. bayer. Verkehrsanstalten" wird für den Bau der Paartalbahn in Augsburg, Aichach, Schrobenhausen und Ingolstadt jeweils eine Eisenbahnbausektion mit einem Sektionsingenieur an der Spitze eingerichtet, die für einen bestimmten Abschnitt Verantwortlich zeichnen. Die Eisenbahnsektionen werden in insgesamt 16 Lose unterteilt, die an Bauunternehmer vergeben wurden. So geht beispielsweise der 3,7 km lange Abschnitt Algertshausen (=Bahnhof Aichach) - Großhausen an die Unternehmer Gottlieb Schmid aus Aichach und Joseph Schmidt aus Pöttmes. Joseph Lenbach, der Bruder des Maler Franz Lenbach, übernimmt die Lose Hörzhausen - Schrobenhausen (3,5 km) und Schrobenhausen - Königslachen (3,9 km), übernimmt sich dabei und geht in Konkurs. Die Bauarbeiten werden ohne mechanische Hilfsmittel ausgeführt. Es regieren Schaufel, Spitzhacke und Schubkarre. Die ungelernten Eisenbahnbauarbeiter gelten - manchmal berechtigt, häufig auch unberechtigt - als raue Gesellen, stehen von vorneherein unter Generalverdacht und werden von der einheimischen Bevölkerung, insonderheit vom Bürgertum, abgelehnt, wenn sich auch mit Verpflegung und Unterkunft gute Geschäfte machen lassen.
1872Mai 1872Erster Spatenstich für den Bau der Paartalbahn. Die Quellen schweigen leider über den Ort des Ereignisses.
18.11.1872Das kgl. bayer. Festungsgouvernement Ingolstadt erteilt am 18. November 1872 dem Bau der Paartalbahn seine Zustimmung.
07.12.1872Die "Handelsbeilage zur Allgemeinen Zeitung" berichtet in ihrer Ausgabe vom 7. Dezember 1872: "Wenn man zur Zeit auf der Bahn von München nach Augsburg fährt, so sieht man zwischen der Station Stierhof und der Lechbrücke einen bedeutenden Damm entstehen, welcher in der Richtung gegen Friedberg sich erstreckt. Es ist dieß der Anfang der Paarthalbahn, die von Augsburg über Friedberg, Aichach und Schrobenhausen nach Ingolstadt führt. ... Die Erdarbeiten sind, soweit das Paarthal benützt wird, unerheblich, zwischen der Lechbrücke und dem Dorfe Paar aber sehr bedeutend. Es ist nämlich die Friedberger Höhe 14 Meter tief zu durchstechen, und daran anschließend ein bis zu 12 Meter hoher Damm aufzufüllen, dessen niedrigeres Ende bei Stierhof sichtbar wird."
187327.09.1873In einem Schreiben vom 27. September 1873 werden nachstehende Stationen genannt: Friedberg, Dasing, Obergriesbach, Aichach, Radersdorf, Schrobenhausen und Arnbach. Zuchering wird erst in einem Schreiben von März 1974 erwähnt.
187401.06.1874Nach jahrelangen, insbesondere von militärischen Erwägungen geprägten Debatten über den Standort, wird der "Centralbahnhof Ingolstadt" nach zweijähriger Bauzeit am 1. Juni eröffnet. Er bildet den Endpunkt der Paartalbahn.
26.09.1874Neben den Gleisanlagen erfordert der Bahnbau zahlreiche Hochbauten (Bahnhöfe, Betriebsgebäude). So wird beispielsweise am 26. September 1874 der Hebauf des Empfangsgebäudes und des Wasserhauses in Schrobenhausen begangen.
10.12.1874In Aichach trifft am 10. Dezember 1874 um 10.30 Uhr unter Salutschüssen der erste Materialzug ein.
187504.01.1875Die "Augsburger Postzeitung" berichtet in ihrer Ausgabe vom 4. Januar 1875: "Ungeachtet des Winters nehmen die Bahnarbeiten an der Paarthalbahn ihren ungestörten Fortgang und ich nur mehr eine Strecke bei Griesbach noch nicht im fahrbaren Stande, weil selbe später in Bau genommen wurde. Im nächsten Monat wird wohl die erste Lokomotive die Stadt Aichach erreichen. Die Hochbauten sind auf nahezu fertig gebracht; außer dem Bahnhofsgebäude in Friedberg ist auch das Expeditionsgebäude in Dasing nahezu vollendet, ebenso bei Griesbach."
01.02.1875Die Lokomotive mit dem Namen "Suevia", eine betagte Maschine der Gattung A I der Bayerischen Staatsbahn aus dem Jahre 1844, die bei der Militäreisenbahnkompagnie Ingolstadt ihr "Gnadenbrot" verdient, dampft als erste mit einem Materialzug in den Schrobenhausen Bahnhof. Die kgl. bayer. Eisenbahnkompagnie übte bei er Erstellung des Oberbaus.
06.02.1875Die Bautrupps, die von Augsburg und von Ingolstadt aus die Schienen verlegen, treffen am 6. Februar 1875 in Schrobenhausen zusammen. Der Lückenschluss wird mit Einsetzen des letzten Schienenstück feierlich begangen: geladene Gäste, Festjungfrauen, Festmenü. Einem Zug mit bekränzter Lokomotive entsteigen höhere Eisenbahnbeamte.
22.04.1875Ein Inspektionszug fährt am 22. April 1875 die gesamte Strecke ab.
01.05.1875Bis zur offiziellen Eröffnung der Paartalbahn am 15. Mai 1875 verkehren einige Güterzüge.
15.05.1875Eröffnung der Paartalbahn zum Sommerfahrplanwechsel am 15. Mai 1875, dem Pfingstsamstag dieses Jahres. Offizielle Feierlichkeiten sind untersagt, was viele Leute nicht daran hindert, auf „ihrem“ Bahnhof das große Ereignis gebührend zu begrüßen. Den ersten Zug führt eine Lokomotive der bayerischen Gattung A V.
Mit Eröffnung der Paartalbahn verkehren vier Züge Augsburg – Ingolstadt, davon zwei Personenzüge und zwei gemischte Züge (Personen- und Güterzug). Von Ingolstadt nach Augsburg verkehren vier Züge (ein beschleunigter Personenzug und drei gemischte Züge).
1875-187715.05.1875Bis 1877 fahren auf der Paartalbahn keine reinen Güterzüge, sondern gemischte Züge, auch "Güterzug mit Personenbeförderung" (GmP) genannt.

Die Lokomotive "Suevia" - erste Lokomotive im Bahnhof Schrobenhausen
Die Lokomotive „Suevia“ – die erste Lokomotive, die mit einem Bauzug in den Bahnhof Schrobenhausen einfuhr.

 




Frühe Hörzhausener Schulgeschichte von 1800 bis 1850

Kirche und altes Schulhaus aus dem Jahr 1880 (links)

 

Frühe Hörzhausener Schulgeschichte 1800 bis 1850

Sechs Klassen in einem Raum und gleichzeitig Unterricht? Werktagsschule und danach Schule am Sonntag? Schulgeld zahlen? Zweitberuf Mesner für den Lehrer, weil er sich von seinem Einkommen als Lehrer nicht ernähren kann? Geistliche als örtliche und staatliche Schulaufsicht? Heute für viele schwer vorstellbar, vor zweihundert Jahren allgemeine Realität in Bayern.

Umfangreiche Unterlagen zur Schule Hörzhausen im Schrobenhausener Stadtarchiv motivieren, sich diese Zeit näher anzusehen … und immer wieder Vergleiche mit heute anzustellen. Was hier für Hörzhausen skizziert wird, gilt für viele ländliche Gemeinden in Bayern, nicht nur in unserer Region

 

Hörzhausener Schule vor 1800

Vor der Einführung der Schulpflicht in Bayern im Jahr 1802 gab es kein flächendeckendes allgemeinbildendes Schulwesen. In den Städten sind vielfach Schulen vorhanden – Gewerbetreibende mussten Rechnungen stellen können und auch Korrespondenzen führen. Die dörfliche Gemeinschaft kam weitgehend ohne Lesen und Schreiben zurecht. Trotzdem sind in größeren Dörfern Schulen nachgewiesen, der Schulbesuch war freiwillig.

In Hörzhausen begegnet uns ein „Schuellmaister“ schon in der Gemeinderechnung von 1670, er hat 10 Kreuzer erhalten für das Aufschreiben der Einnahmen und Ausgaben der Dorfrechnung. Wie viele Schüler den Unterricht besuchten, was im Unterricht gelehrt wurde, bleibt unklar. Unbekannt ist auch, ob es durchgehend Schulunterricht in Hörzhausen gegeben hat.

 Rechnung des Dorfs Hörzhausen 1670: „Dem Schuellmaister von Aufschreibung der Einnamb unnd Ausgaben das ganze Jahr 10 Kreuzer“

Ende des 18. Jahrhunderts finden wir als Schullehrer und Mesner einen Adam Denz, der auch nach Einführung der Schulpflicht bis 1819 in Hörzhausen tätig war.

 

Schulpflicht in Bayern ab 1802

Die moderne Schulgeschichte beginnt in Bayern mit dem Jahr 1802: Die allgemeine Schulpflicht wird eingeführt, die Schule damit praktisch verstaatlicht. Schulpflichtig waren nun alle Knaben und Mädchen von 6 bis 12 Jahren, für den Schulbesuch musste Schulgeld bezahlt werden. Der Schulsprengel von Hörzhausen umfasste das Pfarrdorf Hörzhausen und die Ortschaft Halsbach. Kinder aus dem Gut Mantelberg mussten nach Schrobenhausen in die Schule. Alle Hörzhausener Kinder waren katholisch.

Spätestens mit dem Gemeindeedikt von 1818 waren die Gemeinden für die Organisation und den Betrieb der Volksschulen in ihrem Gebiet verantwortlich.

Die Schulen werden als Volksschulen, auch als Elementarschulen oder als Werktagsschulen bezeichnet,

 

Sonntags- und Feiertagsschulen 1803

Im Jahr 1803 wurde die Schulpflicht ergänzt: Es wurden Sonn- und Feiertagsschulen eingeführt, die Schule fand nur an Sonn- und Feiertagen statt, oft direkt nach dem Gottesdienst, die Schulpflicht bestand vom 12. bis zum 18. Lebensjahr.

 „In unserer Verordnung vom 23ten December vorigen Jahrs haben Wir nur sechs Jahre zum ordentlichen Schulbesuche bestimmt, um den Aeltern ihre Kinder für die nothwendigen Feld- und häuslichen Arbeiten nicht zu lange zu entziehen. Indessen werden vernünftige Aeltern selbst einsehen, daß in einem Zeitraume von sechs Jahren nur das Nothwendigste gelehrt werden könne; daß das Gelernte, wenn aller Unterricht mit dem zwölften Jahre aufhöret, größtentheils wieder vergessen werde; und daß endlich besonders die moralische Ausbildung in diesen Jahren nicht vollendet werden könne.“

 

Schulprüfung 1804

Ein sehr ungewöhnlicher Fund, der nur möglich war, weil zahlreiche alte Zeitungsbände und Zeitschriften inzwischen digitalisiert sind und gut durchsucht werden können. Im Jahr 1804 findet in Hörzhausen eine Schulprüfung statt, ein Bericht dazu findet sich im „Kurpfalzbaierischen Münchner Wochenblatt“ im Jahr 1804. Wir bringen den Text hier wörtlich, weil auch die Sprache ein Licht auf die damalige Zeit wirft:

 

„Schulprüfung zu Hörzhausen 1804

Am verflossenen Pfingstmondtage war zu Hörzhausen im kurfl. Landgerichte Schrobenhausen, und im Ober-Schulkommissariats-Bezirke München die erste Prüfung und Preisevertheilung der dortigen Elementar- und Feyertags-Schule, welche der würdige Ortspfarrer Georg Wurm, ganz auf seine Kosten, und auf eine Weise hielt, welche in der ganzen Gegend eine für das Schulwesen sehr günstige Sensation machte.

Es waren außer den Herren Pfarrern der Gegend die Aeltern und Anverwandten von mehr als 60 Werktags- und Feiertagsschülern und überhaupt eine große Volksmenge in der Pfarrkirche, wo die Feyerlichkeit vor sich gieng, versammelt. Die Prüfung dauerte 2 Stunden und fiel über alle Erwartung gut aus. Die Gegenstände waren: Christenthum, Sittenlehre, Lese-, Schreib und Rechenkunst und nützliche Kenntnisse. Im Kopfrechnen löseten besonders die Feyertagsschüler und Schülerinnen schwere Aufgaben und alle Aeltern freuten sich sichtbar über die vielen schönen und nur aufs praktische Leben beschränkten Sachen, welche ihre Knaben und Mädchen in der Hörzhauser Schule lernten.

Die Preisevertheilung gieng nach einer vom Herrn Pfarrer Wurm gehaltenen zweckmäßigen Rede unter Trompeten- und Paukenschall vor sich. Die Preise bestanden in silbernen Münzen an Bändern und in lauter gut gewählten, nützlichen Büchern. Bey der Austheilung eines jeden Preises wurden einige auf den Schüler oder die Schülerinn passende Reime abgelesen, welche sich nicht durch Poesie, sondern durch Herzlichkeit, Popularität und die Wirkung auszeichneten, daß fast alle Aeltern und Kinder Freudenthränen weinten.

Nach der Preisevertheilung hieng Pfarrer Wurm dem (erst von ihm gebildeten und immer unterstützten) alten Ortsschullehrer einen vergoldeten grissen Thaler mit einem seidenen Bande an und beschloß das Kinder- und Aelternfest mit feyerlicher Absingung des Herr Gott dich loben wir!“

 

Dieser euphorische Bericht sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einführung der Schulpflicht in der Regel mit großen Problemen verbunden war: Die Pfarrer mussten Listen der Schulpflichtigen erstellen, die Bauern Schulgeld zahlen. Die Schulpflicht wurde von der bäuerlichen Bevölkerung auch deshalb oft skeptisch beurteilt, weil Kinder schon früh auf dem Hof mitarbeiten mussten. Um das auch weiterhin zu ermöglichen, gab  es zahlreiche Sonderbestimmungen. Bis Schule und Schulunterricht flächendeckend den gestellten Ansprüchen genügte, dauerte es noch viele Jahre.

 

Lehrer und Schulräume

Eines der drängendsten Probleme waren die Unterrichtsräume. Schulunterricht hatte ja auf Dörfern bisher meist in den Räumen des Mesners stattgefunden, diese Räume waren nach der Einführung der Schulpflicht zu klein. So wird das schöne Bild der musterhaften Schulprüfung getrübt vom Bericht des Hörzhausener Lehrers Adam Denz aus dem Jahr 1809. Er schreibt bezüglich des Schulhauses:

„Das alte Mesner- und Schulhaus ist ganz baufällig und völlig unbewohnbar, und wird dermal aus Gefälligkeit des Wirths die Schule in dessen Nebenhaus bis zum Verkauf gehalten, wo ein kerkerähnliches Zimmer ohne Apparat [hier gemeint wohl „Ausstattung“] und sonstiger Nothwendigkeit zum Lehrzimmer dient.“

Unterschrift des Lehrers Adam Denz

Adam Denz stirbt im Jahr 1819. Nachfolger wird als Lehrer und Mesner ab November 1820 Joseph Weichselbaumer. Er wurde im Jahr 1797 in Hohenwart geboren und Hörzhausen ist seine erste Stelle. Als „Befähigungs-Note“ wird gut angegeben, eine eher bescheidene Note, denn die Notenstufen lauten: ausgezeichnet, vorzüglich, sehr gut, gut, mittelmäßig und notdürftig. Auch „sittlicher Wandel  und Fleiß“ werden mit gut beurteilt.

Joseph Weichselbaumer bleibt 38 Jahre lang Lehrer und Mesner in Hörzhausen, im Jahr 1858 tritt er wohl aus gesundheitlichen Gründen zurück. Kein Lehrer konnte im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts auch nur annähernd auf eine so lange Dienstzeit zurückblicken.

 

Ältestes Zensur-Buch von 1820

Die Leistungen der Schüler wurden benotet, die Noten in „Zensurbüchern“ festgehalten. Für Hörzhausen ist ein sehr frühes Zensurbuch aus dem Jahr 1820 erhalten. Wir zeigen hier eine Seite für den Schüler „Raichl Michael, 10 Jahre und 8 Monate alt, geboren in Hörzhausen, Sohn eines 1/4 Gütlers“.

Die Noten sind von November bis März eingetragen – für heutige Verhältnisse sehr ungewöhnliche Noten – die Notenstufen reichen von 0 bis 4:

0 – vorzüglich gut

1 – sehr lobenswürdig

2 – lobenswürdig

3 – nicht tadelfrei

4 – oft tadelhaft

Die Fächer der „Lehrgegenstände“ von links nach rechts:

Religion

Lesen

Schreiben

– Schön(schreiben)

– Recht(schreiben)

– Aufsätze

Rechnen

– mündlich

– schriftlich

Nützl(iche) Kenntnisse

Sittliches Betragen

 

Es handelt sich hier also um ein hervorragendes Zeugnis, die meisten Schüler konnten sich wohl nicht mit Michael Raichl messen.

 

Neues Hörzhausener Schulhaus 1821

Eines mit der Schulpflicht verbundenen Probleme waren fehlende Schulhäuser. Nicht selten hatte ursprünglich die Schule im Haus des Mesners stattgefunden, doch das war nun zu klein. Für die Organisation der Schule war die Gemeinde zuständig, sie konnte  aber, wenn der Lehrer auch kirchliche Dienste ausführte, die Kirchenstiftungen beteiligen. Der Hörzhausener Lehrer war zugleich Mesner, so konnten die Kosten aufgeteilt werden. Der Bericht der „Special-Schul-Statisitik“ von 1833:

„Das Schulhaus wurde im Jahre 1821 nach Vorlage und Genehmigung des Planes neu erbaut, hat eine freundliche Lage und entspricht vollkommen seinem Zwecke. Zu ebener Erde wohnt der Lehrer und im ersten Stocke ist das Lehrzimmer.“

Und weiter:

„Das Schul- und Mesnerhaus wurde im Jahre 1821 mit hoher Genehmigung der k[öniglichen] Regierung neu erbaut. An den darauf verwendeten Auslagen bezahlte die Pfarrkirchenstiftung 3/4 und die Gemeinde 1/4. Alle Reparaturen tragen Kirche und Gemeinde jetzt gleichtheilig mit einander, so daß Bau und Unterhaltungspflicht des Schul- und Mesnerhauses vollkommen liquid gestellt ist.“

Im Plan vermerkt: „für 65 Schüler“. Man hatte also mit einer leichten Zunahme der Schülerzahl gerechnet.

 

„Plan des neu herzustellenden Schulhauses zu Hörzhausen“ von Johann Michael Voit (Architekturmuseum der TU München). Ob dieser Plan genauso verwirklicht wurde, bleibt unklar, denn es gibt keine Außenansichten dieses alten Schulhauses.

Link zum Plan: 

Schulhaus: Grundrisse, Ansicht | bavarikon

Rechte: CC BY-NC-ND 4.0

 

Werktagsschule Hörzhausen 1833

Die Schulstatistik von 1833 gibt weitere sehr genaue Informationen zum Schulwesen in Hörzhausen. Es gab 55 Werktagsschüler, 42 Schüler aus Hörzhausen und 13 aus Halsbach. Dafür war nur ein Lehrer angestellt, also fand Unterricht von 6 Jahrgängen zur gleichen Zeit in einer Klasse statt. Vergleiche zeigen, dass es zu dieser Zeit an einzelnen Schulen auch Klassen mit bis zu 80 Schülern gab.

 „Da nur ein Lehrer vorhanden ist, so ist eine Theilung der Knaben und Mädchen für besondere Schulstunden nicht denkbar. Dagegen ist jedes Geschlecht separirt auf einer Seite. Die Klassen und Abtheilungen unterscheiden sich von je zwei zu zwei Jahren, so daß die Werktagsschule 3 Klassen hat, von welcher immer eine den Unterricht erhält, während die anderen mit anderen Arbeiten beschäftigt werden. Der Lehrplan für Elementarschulen von 1806 wird genau eingehalten, und nach den verschiedenen Altersstufen werden die Schüler in den sie treffenden Gegenständen unterrichtet.“

 

Sonntagsschule Hörzhausen 1833

Die Sonn- und Feiertagsschule besuchen insgesamt  42 Schüler und Schülerinnen. Aus der Schulstatistik:

„Obwohl die Abtheilung der Sonntagsschüler nach Geschlechtern sehr erwünschbar wäre, so kann sie doch aus Mangel an Zeit nicht stattfinden wegen des Gottesdienstes und des Religionsunterrichtes, indem die Schulzeit für jedes Geschlecht dann zu sehr abgekürzt und somit der ausgedehnte Unterricht beschränkt würde. „

 

Besoldung des Lehrers und Mesners 1833

Von seinem reinen Lehrergehalt hätte ein Dorfschullehrer kaum leben können. Der Beruf des Lehrers war hier meist mit der Aufgabe des Mesners verbunden, der wiederum als „Cantor und Organist“ diente, also für die Kirchenmusik zuständig war. Der Hörzhausener Lehrer war außerdem Gemeindeschreiber.

Im Jahr 1833 wird eine „Fassion“ erstellt, ein sehr detailliertes Einkünfteverzeichnis des Hörzhausener Lehrers. Auf den ersten Blick übersichtlich, erweisen sich die Einkunftsverhältnisse bei näherem Hinsehen als sehr komplex.

Das Gesamteinkommen des Lehrers und Mesners beträgt 278 Gulden.

Die Einkünfte bestehen aus verschiedenen Positionen (alle Geldwerte wurden auf ganze Gulden abgerundet):

 

Einkünfte als Lehrer: 133 Gulden

Haupteinnahme des Lehrers ist das Schulgeld, das von den Eltern für jeden Schüler bezahlt werden muss. Es ist von der Schülerzahl abhängig und wurde für die Fassion nach dem 10-jährigen Durchschnitt mit 109 Gulden berechnet. Die Lehrerwohnung ist frei und wird mit 15 Gulden angesetzt. Die Dienstgründe des Lehrers und Mesners umfassen 8 Tagwerk, sind teils Wiesen, teils Äcker und werden vom Lehrer selbst bewirtschaftet, dafür wird ein Einkommen von 9 Gulden vorgetragen.

 

Einkünfte als Mesner: 142 Gulden

Einkünfte als Mesner bestehen zunächst aus fixen Einkünften: so erhält er jährlich für seine Mesnertätigkeit 12 und als Cantor und Organist jährlich 10 Gulden. Daneben hat er Anspruch auf eine Reihe von Naturalien, die von alters her von verschiedenen Bauern oder Höfen geleistet werden mussten, so 3 Scheffel Korn, 41 Läutgarben (für das Läuten der Kirchenglocken), daneben Kirchtrachtkorn, Brot, Mehl und Eier. Ein Teil der Naturalien war wohl in eine Geldabgabe umgewandelt, ein Teil davon war noch als Naturalabgabe fällig. Der größte Einzelposten besteht aus dem Ertrag von Gebühren, vor allem für Hochzeiten und Taufen, er wurde nach dem 10-jährigen Durchschnitt ermittelt und mit 52 Gulden angesetzt.

 

Einkünfte als Gemeindeschreiber: 3 Gulden

Der Lehrer hat als Gemeindeschreiber ein fixes Gehalt von 3 Gulden pro Jahr.

 

Das Gehalt des Hörzhausener Lehrers in Höhe von 278 Gulden war nicht hoch, doch konnte eine Familie damit ihren Lebensunterhalt knapp bestreiten. Zum Vergleich: Die Hörzhausener Pfarrerstelle wurde 1831 mit Einkünften in Höhe von 722 Gulden ausgeschrieben.

 

 

Geistliche Schulaufsicht

Die Schulen waren nun zwar eine staatlich-gemeindliche Angelegenheit, doch wurden der Kirche zahlreiche Zugeständnisse gemacht. So lag die Schulaufsicht in geistlicher Hand. Die Schulaufsicht vor Ort übte die Lokalschul-Inspektion aus.  Mitglied waren der Vorsteher („Bürgermeister“) und zwei Mitglieder des Gemeindeausschusses („Gemeinderats“), den Vorsitz hatte der örtliche Pfarrer, der Lokalschul-Inspektor. Seine Aufgabe war nicht nur die Erfassung der Schulpflichtigen nach den Geburtsregistern, er sollte sich auch um die Verbesserung der Schulen und der Schulverhältnisse allgemein kümmern. Er erteilte gleichzeitig den Religionsunterricht und führte die jährliche Prüfung der Lehrer durch.

Dem Lokalschul-Inspektor – der gemeindlich-kirchlichen Aufsicht – übergeordnet war der Distriktsschul-Inspektor, der für die „staatliche Schulaufsicht“ zuständig war, vergleichbar mit dem heutigen Schulamt. Er war ebenfalls fast ausschließlich ein Pfarrer führte jährlich Schulprüfungen vor Ort durch.

Die Lehrer waren damit nicht nur fachlich, sondern auch hinsichtlich ihres sittlichen, staatsbürgerlichen und  politischen Verhaltens der Kontrolle der Geistlichkeit unterstellt.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahmen die Konflikte zwischen den Lehrern, die nicht selten „liberal“ gesinnt waren, und der „konservativen“ geistlichen Schulaufsicht vielfach zu. Die geistliche Schulaufsicht wurde in Bayern erst im Verlauf der Revolution nach dem Ende des Weltkriegs und dem Ende der Monarchie im Jahr 1919 aufgehoben.

 

Beeindruckender Briefkopf aus dem Jahr 1855: Schreiben der Distrikts-Schulen-Inspektion an die Lokalschulinpektion Hörzhausen wegen eines Lehrbuchs zur bayerischen Geschichte

 

Schulentlassungs-Zeugnisse

Am Ende der Schulzeit gab es wie heute Schulentlassungs-Zeugnisse. Das Stadtarchiv hat eine Sammlung alter Zeugnisse, hier ein Entlassungszeugnis aus der Hörzhausener Feiertagsschule aus dem Jahr 1855, mit dem zugleich die Schulpflicht beendet war. Entlassungs-Zeugnisse waren nicht nur Erinnerungsstücke, sondern wichtig für den weiteren Lebensweg, zum Beispiel konnte niemand heiraten, der nicht die Schulpflicht hinter sich gebracht hatte.

 

Übertragung

„Entlassungs-Schein

aus der Feiertags-Schule

Nach dem Xaver Kiermaier, geboren zu Hörzhausen kgl.[königlichen]

Landgerichts Schrobenhausen am 15ten Dezbr. 1837, die

Feiertags-Schule zu Hörzhausen vom 1ten Juni 1850 bis zum

31ten Mai 1853 mit vielem Fleiße besucht und die

Entlassungs-Prüfung mit sehr gutem Erfolge bestanden hat,

so wird der selbe hiemit der gesetzl(ichen) Schul-Pflicht förmlich und

zwar unter Zuerkennung folgender einzelner Qualifikations

Noten entlassen.“

 

 

Ausblick

Die Schulchronik nach Joseph Weichselbaumer enthält zahlreiche Namen von Lehrern in Hörzhausen … viele bleiben nur wenige, manche auch nur ein oder oder zwei Jahre.

1853 Die Schule Hörzhausen bekommt neben dem Lehrer einen „Schulgehilfen“ zugeteilt.

1877 Die Schülerzahl ist nach einem Bericht auf 90 angewachsen, das Schulhaus ist viel zu klein.

1880 Ein neues Schulhaus wird gebaut. Von diesem Schulhaus gibt es die ersten fotografischen Aufnahmen.

1904-1905 Mit Jola Lüttich ist zum ersten Mal eine Frau als Lehrerin nachgewiesen, als Hilfslehrerin.

1912 Der weitere Neubau des Schulhauses aus dem Jahr 1912 beherbergt heute den Kindergarten.

1919 Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht.

1919 Schul- und Mesnerdienst werden in Hörzhausen getrennt.

 

Kurz nach dem Neubau 1912

 

Quellen und Literatur

Schulakten der Schule Hörzhausen (Stadtarchiv Schrobenhausen)

Schulgeschichtliche Aufzeichnungen für die Volksschule Hörzhausen (Stadtarchiv Schrobenhausen, Kopie)

 

Zwei sehr interessante Beiträge zur bayerischen Schulgeschichte im „Historischen Lexikon Bayerns“

Zur allgemeinen Schulpflicht

Allgemeine Schulpflicht (1802) – Historisches Lexikon Bayerns (historisches-lexikon-bayerns.de)

Zur geistlichen Schulaufsicht

Geistliche Schulaufsicht (19./20. Jahrhundert) – Historisches Lexikon Bayerns (historisches-lexikon-bayerns.de)

 

Bisher erschienen

Hörzhausen (I): Eine Chronik entsteht

Hörzhausen (II): Geschichte auf einen Blick

Hörzhausen (III): Geschichte der Feuerwehr 1873-1900

Hörzhausen (IV): Historische Ansichtskarten hier

Hörzhausen (V): Hörzhausener Schulgeschichte 1800-1850 hier




Branchen in Schrobenhausen 1938: 17 Gasthöfe, drei Honighändler und ein Rossschlächter

Wer hebt schon Telefonbücher, Branchenverzeichnisse, Fahrpläne oder ähnliche Druckwerke auf, die vor allem im vordigitalen Zeitalter überaus nützlich, wenn nicht gar unentbehrlich sind, aber nach einiger Zeit ihren Gebrauchswert einbüßen? Leider sind solche Veröffentlichungen, die auch gerne zu den „Ephemera“ („nur einen Tag lang dauernd, vergänglich“) gezählt werden, oft auch von Archiven und Bibliotheken wenig oder gar nicht beachtet worden. Daher sind alte Einwohnerverzeichnisse oder zum Beispiel historische Kursbücher heute, nachdem nicht nur Sammler, sondern vor allem auch die Geschichts- und Sozialwissenschaften ihren Wert erkannt haben, gesuchte und gehütete Raritäten geworden.

Mehr und mehr Bibliotheken haben damit begonnen, glücklicherweise trotz aller Fährnisse erhalten gebliebene Stücke aus konservatorischen Gründen, aber auch, um sie breiterer und einfacherer Nutzung zugänglich zu machen, zu digitalisieren. Dank Texterkennung können auch „dicke Wälzer“ besser denn je zu den verschiedensten Zwecken ausgewertet werden, wovon zum Beispiel gerne Familienforscher Gebrauch machen.

Nun zählt Deutschland nicht unbedingt zu den Vorreitern der Digitalisierung historischer Druckwerke, und so wird man bei Recherchen häufig erst im Ausland fündig. Die kleine Kostbarkeit, die in diesem Beitrag vorgestellt wird, stammt aus der Śląska Biblioteka Cyfrowa (ŚBC), der Schlesischen Digitalen Bibliothek in Katowice (Kattowitz). Im Jahre 1938 erschien das Deutsche Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel in seiner 36. Ausgabe. Im ersten Band der mehrere tausend Seiten umfassenden Zusammenstellung finden sich alphabetisch geordnet die Gemeinden Bayerns. Nach einem festen Branchen-Schema geordnet, verzeichnen die dicht bedruckten Seiten Namen, gegebenenfalls Telefonnummer (Abkürzung F) und Postscheck-Konto (Abkürzung Ps), manchmal auch die Straße des Geschäftsinhabers, Handwerkers, Freiberuflichen etc.

Wir veröffentlichen hier auszugsweise die Angaben, die in diesem Branchenbuch über die Stadt Schrobenhausen und die Gemeinden des Landkreises, damals noch Bezirksamt Schrobenhausen, verzeichnet sind. Es sind nicht alle Gemeinden des Altlandkreises aufgenommen. Ob dies mangels Informationen oder aus anderen Gründen geschah, lässt sich nicht nachvollziehen.

Schrobenhausen - Blick auf der Marktplatz mit der "Zeil"
Schrobenhausener Geschäfte einst: Marktplatz mit der „Zeil“ (Sammlung Bickel)

Schon ein erster Blick auf das Schrobenhausener Verzeichnis offenbart eine vergangene Welt, die von der heutigen Wirtschafts- und Sozialstruktur sehr weit entfernt ist. Manche Namen von Händlern, Handwerkern oder Gastwirten sind auch heute noch ein Begriff, andere sind längst vergessen. An Branchen finden wir unter vielen weiteren:

  • 17 Gasthöfe und Restaurationen
  • 13 Kolonialwaren und 4 Gemischtwarenhändler
  • 12 Schuhmacher
  • 11 Bäckereien und 11 Metzgereien
  • 5 Sattler
  • 7 Schneider
  • 5 Viehhändler
  • 5 Eisen- und Stahlwarenhandlungen
  • 4 Brauereien
  • 4 Friseure
  • 3 Konditoreien
  • 3 Rechtsanwälte
  • 3 Honighandlungen
  • 1 Rossschlächter

Zudem finden sich in dem Verzeichnis heute weitgehend vergessene Handweke wie Gürtler, Seiler und Gerber.

Stadt Schrobenhausen - Branchenverzeichnis 1938
Stadt Schrobenhausen – Branchenverzeichnis 1938

Die im Branchenverzeichnis vom 1938 enthaltenen Gemeinden des Altlandlandkreises Schrobenhausen:

Gemeinde Adelshausen - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Adelshausen – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Aresing Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Aresing – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Berg im Gau - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Berg im Gau – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Brunnen - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Brunnen – Branchenverzeichnis 1938

Branchenverzeichnis-Edelshausen-1938
Gemeinde Edelshausen – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Gerolsbach - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Gerolsbach – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Grimolzhausen - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Grimolzhausen – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Hörzhausen - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Hörzhausen – Branchenverzeichnis 1938

Markt Hohenwart - Branchenverzeichnis 1938
Markt Hohenwart – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Mühlried - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Mühlried – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Sandizell - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Sandizell – Branchenverzeichnis 1938

Gemeinde Waidhofen - Branchenverzeichnis 1938
Gemeinde Waidhofen – Branchenverzeichnis 1938

Quelle: Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel. Band I: Adressen-Verzeichnis Baden. Bayern und Rheinpfalz. Hessen. Württemberg. Hohenzollern. Thüringen. 36. Ausgabe 1938. Berlin 1938 – Digitalisat: Śląska Biblioteka Cyfrowa – https://sbc.org.pl/dlibra/publication/657961/edition/618941




150 Jahre Paartalbahn – eine sehr kurze Geschichte

Die Paartalbahn, die seit dem 15. Mai 1875 Augsburg über Friedberg, Aichach und Schrobenhausen mit Ingolstadt verbindet, ist heuer 150 Jahre alt geworden. In Dasing und Friedberg gab es Veranstaltungen und Ausstellungen, in Schrobenhausen ist dieses Jubiläum nicht gefeiert worden. Wie auch immer, ein Grund zurückzublicken – auch aus Schrobenhausener Sicht.

Erste Aktivitäten zum Bau der Strecke gingen bereits 1860 von Augsburg aus, doch es sollte zwölf Jahre dauern, bis die Mühlen der Bürokratie und vor allem der Politik den Weg für den Baubeginn im Mai 1872 freigaben. Ein Aspekt, der für den Bahnbau sprach, war die Verbindung der Landesfestung Ingolstadt mit dem Artillerie-Schießplatz  Lechfeld südlich von Augsburg. Der Schrobenhausener Stadtpfarrer und Landtagsabgeordnete Dr. Anton Schmid (1827-1881) versuchte 1863 die Kammer der Abgeordneten für eine alternative Streckenführung München – Dachau – Schrobenhausen – Ingolstadt zu gewinnen. Die Bemühungen waren vergeblich.

Der Bau der 62 km langen, eingleisigen Hauptbahn Augsburg-Hochzoll – Ingolstadt Centralbahnhof fand ohne mechanische Hilfsmittel mit Schaufel und Spitzhacke statt und dauerte dennoch vom ersten Spatenstich bis zur Eröffnung nur drei Jahre. Der Schrobenhausener Stadtmaurermeister Joseph Lenbach (1820-1887), Stiefbruder des Malers Franz von Lenbach (1836-1904), zeichnete für die Ausführung der Baulose Hörzhausen – Schrobenhausen und Schrobenhausen – Königslachen verantwortlich, übernahm sich und ging in Konkurs.

Im Eröffnungsfahrplan ab 15. Mai 1875 – der Güterverkehr hatte informell bereits am 1. Mai begonnen – umfasste das Zugangebot von Augsburg nach Ingolstadt einen beschleunigten Personenzug und drei gemischte Züge (kombinierter Personen- und Güterzug, der auf den Unterwegsbahnhöfen auch rangierte, also Güterwagen abstellte oder mitnahm). Von Ingolstadt nach Augsburg weist der Fahrplan zwei Personenzüge und zwei gemischte Züge aus. Die Fahrt im gemischten Zug von Schrobenhausen nach Ingolstadt dauerte – um ein Beispiel zu nennen – eine Stunde und 13 Minuten. Heute sind es 18 Minuten.

Fahrplan der Paartalbahn aus dem Jahr 1876, ein Jahr nach der Eröffnung. (Sammlung Benno Bickel)

Die Paartalbahn trug wesentlich zu einer etwas verspäten „Gründerzeit“ bei der Industrialisierung in Schrobenhausen und Aichach bei. Ebenso profitierte die Landwirtschaft vom schnellen und preiswerten Transport auf der Schiene. Massengüter (besonders  der Hauptenergieträger Kohle), Fertigprodukte (etwa Papier aus Schrobenhausen), Baumaterial und Agrarerzeugnisse konnten erstmals schnell und wirtschaftlich über große Entfernungen transportiert werden. Viele Menschen, für die Postkutschen, Cariolpost und Stellwagen jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten lagen, konnten sich erstmals ein Billet für eine Zugfahrt leisten.

Mit der rasanten technischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im letzten Viertel des 19. Jahrhundert und bis zum Ersten Weltkrieg wurden die Züge auf der Paartalbahn länger und leistungsfähiger, schneller und bequemer. Nicht umsonst wird diese Epoche auch gerne als Eisenbahn-Zeitalter bezeichnet.

1920 ging die Paartalbahn wie das gesamte Streckennetz der einstigen Königlich Bayerischen Staatsbahnen auf die Deutsche Reichsbahn über. Zwischen Inflation einerseits und dem Beginn des Zweiten Weltkrieg andererseits gab es eine Reihe von Verbesserungen im Zugangebot. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Strecke mit nur sehr geringen Schäden.

Die Deutsche Bundesbahn, gegründet 1948 und aufgelöst 1993, brachte eine ganze Reihe von Modernisierungen auf den Weg. So wurde der Einsatz von Dampflokomotiven kontinuierlich verringert und 1967 beendet. Ergänzt wurden die Dampfzüge schon ab den frühen 1950er Jahren durch Schienenbusse, ab den 1960er Jahren durch Personenzüge mit Diesellokomotiven.

Viele Jahrzehnte prägten auch auf der Paartalbahn Dampflokomotiven das Betriebsgeschehen. Lok 50 1201 im Jahre 1967 mit einem Güterzug kurz vor Schrobenhausen. (Foto: Benno Bickel)

Hinsichtlich Zugangebot – auch im Güterverkehr – und Leistungsfähigkeit erreichte die Paartalbahn zwischen 1965 und 1975 einen Höhepunkt. Dennoch war die Strecke zwischen 1976 und 1979 akut von einer Stilllegung des Reisezugverkehrs bedroht. Das Thema bildete für vier Jahre ein großes lokales und regionales Politikum. Die Einstellung konnte verhindert werden, dennoch ging es in den 1980er Jahren mit der Paartalbahn bergab. So wurden die Bahnhöfe bzw. Haltepunkte Paar, Hörzhausen, Edelshausen, Niederarnbach und Pobenhausen geschlossen und die Gleisanlagen der Bahnhöfe bis in den folgenden zwei Jahrzehnten bis zum Minimum der Betriebstauglichkeit abgebaut. Von 1985 bis 1996 verkehren auf dem Streckenabschnitt zwischen Aichach über Schrobenhausen nach Ingolstadt samstags keine Reisezüge, sonntags nur noch ein weitgehend nutzloses Alibi-Zugpaar am frühen Abend. Die als Ersatz eingesetzten Busse waren aufgrund der langen Fahrtzeiten nur wenig nachgefragt. Die Paartalbahn hatte ihren Tiefststand erreicht.

Ebenso geriet der einst bedeutsame Güterverkehr ist nach dem Willen der deutschen Verkehrspolitik zunehmend in eine Abwärtsspirale und ist seit Ende der 1990er Jahre so gut wie tot. Die Durchgangsüberzüge und die Ganzzüge aus Kesselwagen mit Produkten der Ingolstädter Raffinieren verschwanden zunehmend mit der Elektrifizierung der Donautalbahn 1980, die Nahgüterzüge des Einzelwagenverkehrs, die im Bahnhof Wagen für Industrie und andere Besteller bereitgestellt und wieder abgeholt wurden, verschwanden mit der Jahrtausendwende.

Lediglich die Pfeifer Holz GmbH in Unterbernbach und die Scherm Gruppe mit dem großen Audi-Parkplatz im Karlskroner Ortsteil Probfeld besitzen heute noch einen Gleisanschluss. In Schrobenhausen hatten früher unter anderem die Papierfabrik Leinfelder, das Sägewerk Prücklmair, die BayWa (drei verschiedene Anschlüsse), die Kartoffelflocken- und Stärkefabrik (Südstärke), die Hanfröste und Ytong einen Gleisanschluss.

Ökoligisch sinnvoll, aber verkehrspolitisch nicht gewollt: Der Güterverkehr auf der Paartalbahn gehört fast völlig der Vergangenheit an. Unser Bild aus den frühen 1980er Jahren zeigt einen Durchgangsgüterzug nach Augsburg, der gerade den Schrobenhausener Bahnhof mit seinen damals noch umfangreichen Gleisanlagen passiert. (Foto: Benno Bickel)

Mit der formalen Privatisierung der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn (neue Bundesländer) zum 1. Januar 1994 und Gründung der privatwirtschaftlich geführten, wiewohl zu 100 Prozent in Staatsbesitz befindlichen  Deutschen Bahn AG wurde die Infrastruktur – also die Gleisanlagen etc. – vom Zugbetrieb getrennt. Seit 13. Dezember 2009 fährt auf der Paartalbahn im Auftrag der „Bayerischen Eisenbahngesellschaft“ (BEG), die den Regionalverkehr in Bayern organisiert,  die „Bayerische Regiobahn“. So heimatverbunden der Name auch klingt, verbirgt sich dahinter der französische Konzern „transdev“. Zum Einsatz kommen moderne Dieseltriebzüge des Typs LINT 41/H mit einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.

So ist heute im 150. Jubiläumsjahr ist das Angebot auf der Paartalbahn besser denn je. Vom frühen morgen bis Mitternacht verkehren die Züge zwischen Augsburg und Ingolstadt im Stundentakt (Augsburg Hbf– Aichach im 30-Minuten-Takt; Augsburg Hbf – Friedberg im 15-Minuten-Takt. Die Zahl der Reisenden auf der Paartalbahn ist seit Einführung und schrittweiser Ausdehnung des Stundentakts in den Nachtstunden gewaltig gestiegen, allein zwischen 2008 und 2012 um 72 Prozent. Aktuellere Zahlen werden als „Geschäftsgeheimnis“ nicht kommuniziert.

Und die Zukunft? Es gibt vage Pläne für eine Teilelektrifizierung der Paartalbahn und den Einsatz umweltfreundlicher Batterie-Triebwagen, die unter Fahrdraht aufgeladen werden. Die gegenwärtigen Tendenzen der Verkehrs- und Umweltpolitik sprechen jedoch eher gegen das Vorhaben.

Die Paartalbahn heute: Dieseltriebzüge der „Bayerischen Regiobahn“ im  Taktverkehr. Die Aufnahme vom 11. Dezember 2024 zeigt VT 320 bei der Feldwegbrücke nahe des Königslachener Weges in Schrobenhausen  als Regionalbahn von Ingolstadt nach Augsburg Hbf. (Foto: Benno Bickel)




150 Jahre Paartalbahn-Geschichte(n)

Vom Landrat und der „dummen Bundesbahn“: Vor fast 50 Jahren sollte die Paartalbahn stillgelegt werden

Stundentakt Augsburg – Schrobenhausen – Ingolstadt, 30-Minuten-Takt Augsburg – Aichach, 15-Minuten-Takt Augsburg – Friedberg. Noch nie gab es auf der Paartalbahn so viele Züge wie im 150. Jubiläumsjahr. Noch nie fuhren so viele Reisende wie heute.

Das sah schon einmal ganz anders aus. Nur noch ältere Schrobenhausener erinnern sich daran, dass die einstige Deutsche Bundesbahn die Paartalbahn schon einmal stilllegen wollte. Fast 50 Jahre ist es her, dass sich dunkle Wolken über der Strecke zusammenballten. Bundesbahn-Vorstand und Verkehrspolitik hatten 1976 das Konzept eines „betriebswirtschaftlich optimalen Netzes“ ausgeheckt, und diesem sollten auch die Personenzüge auf der Paartalbahn zum Opfer fallen.

In Schrobenhausen brach ein Sturm der Empörung los: Kommunale Gremien, politische Parteien, Vertreter von Industrie und Handel, Gewerkschaften und viele Bürger, die ihren Namen auf Unterschriftslisten zum Erhalt der Bahn setzten, meldeten massiven Protest an. Ganz besonders deutlich wurde Landrat Dr. Walter Asam (1926-2002): „Der Bundesbahn fällt jeden Tag eine andere Dummheit ein!“ echauffierte sich der langjährige Landkreis-Chef im Januar 1979 in öffentlicher Sitzung. Dr. Alfons Thoma (1917-2011), Präsident der Bundesbahndirektion München, war sehr beleidigt. Worauf denn diese „dem Unternehmen Bundesbahn abträgliche Äußerung“ zurückzuführen sei, wollte der oberste bayerische Eisenbahner wissen. Landrat Asam dachte nicht daran einzuknicken. „Leider muß ich im Hinblick auf meine Enttäuschung über die Pläne der Deutschen Bundesbahn (Streckenstillegung) auch heute noch zu der von mir geäußerten Bemerkung stehen“, schrieb der Landrat zurück nach München.

Blättert man heute in alten Ausgaben der Schrobenhausener Zeitung, so erzählen allein schon die Titel der mehr als 60 Berichte und Kommentare, die zwischen 1976 und 1979 zum Thema Paartalbahn erschienen, eine beredte Geschichte zwischen Hoffen und Bangen, Protest und Resignation. Eine kleine Auswahl: „Über 1000 Pendler melden Protest an“ – „Wir fahren mit der Bahn und wollen mit der Bahn fahren“ – „Pläne der Bundesbahn gefährden die Entwicklung Schrobenhausens“ – „Gegen die Pläne der Bundesbahn wurde viel Dampf abgelassen“ – „JU und Landjugend wenden sich gegen die Reisezugverlagerung“ – „Busse können den Bahnverkehr niemals ersetzen“ – „Industrie- und Handelskammer für den Personenzugverkehr“.

Nach drei Jahren, im Herbst 1979, war die Schlacht gewonnen. Eine ganze Reihe von Bahnstrecken in Bayern erwischte es. Die Personenzüge auf der Paartalbahn blieben erhalten. Doch der Hader mit der Bahn begann bald aufs Neue: Immer mehr Stationen wurden geschlossen, so etwa Hörzhausen, Edelshausen und Niederarnbach. Diese „Salami-Taktik“ fand am 2. Juni 1985 ihren Höhepunkt mit der völligen Einstellung des Zugverkehrs am Samstag und der Reduzierung auf zwei Abendzüge an Sonn- und Feiertagen zwischen Aichach und Ingolstadt. Ersatzbusse waren mangels Nachfrage rasch wieder verschwunden. Die große Wende kam dann genau nach elf Jahren am 2. Juni 1996. Im neu geschaffenen Bayern-Takt fuhren die Züge nun werktags erstmals im Stunden- und am Wochenende im Zweistunden-Takt. Von da an ging’s bergauf mit der Paartalbahn.

 

Als Güter noch mit der Bahn kamen: Schrobenhausen hatte früher einen „richtigen Bahnhof“

Das Schrobenhausener Bahnhofgebäude hat sich trotz einiger Um- und Anbauten seit der Eröffnung der Paartalbahn vor 150 Jahren äußerlich in seiner Grundform erhalten. In dem heute wie viele andere in Privatbesitz befindlichen Bahnhof ist die derzeit zuständige „DB InfraGO“ nur noch Mieter und schert sich wenig um ein freundliches Ambiente. Der Eingangsraum mit dem geschlossenen Schalter heißt in all seiner Trostlosigkeit den Reisenden nicht gerade willkommen. Allein die drei Fenster der Schrobenhausener Glaskünstlerin Brigitte Schuster aus dem Jahr 2010 setzen einen gewissen Akzent.

Früher ging es im Bahnhof belebter zu: Fahrkarten-Schalter, Schalter für Gepäck und Expressgut sorgten für Publikumsverkehr. Stichwort Expressgut – schnelle Beförderung in regulären Zügen: Auch die Druckvorlagen der Schrobenhausener Zeitung, damals „Matern“ genannt, wurden viele Jahre Tag für Tag per Bahn nach Ingolstadt zum Donaukurier geschickt – das klappte zuverlässig. Neben dem Bahnhof befand sich die Güterhalle für das Stückgut, bis zuletzt mit der Aufschrift „Kgl. Güterexpedition“ (heute stehen dort Fahrräder). Für Viehtransporte gab es eine eigene Rampe.

Das einst zahlreiche Personal ist bis auf den Fahrdienstleiter, der im kleinen Stellwerksvorbau seine Arbeit verrichtet, verschwunden. Ebenso verschwunden sind die umfangreichen Gleisanlagen, die in zwei „Rückbauaktionen“ von fünf bis auf das für Zugkreuzungen erforderliche Minimum von zwei Gleisen reduziert wurden.

Ein typischer Nahverkehrszug der Paartalbahn in den 1980er Jahren: Diesellokomotive der Baureihe 211 mit vier "Silberlingen", so genannt nach ihrer Farbe.

Arg geschrumpft sind sie, die Anlagen des Schrobenhausener Bahnhofs. Dieser „klassische Personenzug“ nach Ingolstadt mit Diesellokomotive der Baureihe 211  und vier Wagen, steht 1981 auf dem dritten von insgesamt fünf Gleisen. Heute sind es noch zwei Gleise, auf denen sich jede Stunde die Triebzüge der Bayerischen Regiobahn begegnen. (Foto: Benno Bickel)

Die Gütergleise, auf denen fleißig rangiert wurde, sind heute überbaut oder der natürlichen Vegetation überlassen. Die zwei Ladestraßen, an denen von Güterwagen in Straßenfahrzeuge ein- oder ausgeladen wurde – oft landwirtschaftliche Produkte – gehören ebenso der Vergangenheit an. Nicht besser erging es den Anschlußgleisen Schrobenhausener Industriebetriebe: Leinfelder, Ytong, Baywa, Sägewerk Prücklmair, „Kartoffelflocken“ – alle brauchten mal die Bahn.  Für den Rangierbetrieb besaß der Schrobenhausener Bahnhof eine eigene kleine Diesellok, eine sogenannte Kleinlok. 1988 wurde sie abgezogen.

Eine Kleinlok (Köf) sorgte lange Jahre für den Rangierverkehr im Bahnhof Schrobenhausen. Auf dem Anschlussgleis parallel zum Königslacher Weg bringt die Köf 332 258 zwei Kalkwagen zum Ytong-Werk.

Als Güter noch mit der Bahn nach Schrobenhausen kamen: Die „bahnhofseigene“ Kleinlok bringt auf dem längst verschwundenen Anschlußgleis entlang der Königslachener Straße zwei Güterwagen mit Kalk zur Firma Ytong. (Foto: Benno Bickel)

Einen „richtiger Bahnhof“ wie aus dem Bilderbuch gibt es heute in Schrobenhausen nicht mehr, nachdem sich ab den 1980er Jahren mindestens zweieinhalb Jahrzehnte lang der von der großen Verkehrspolitik gewollte Rückzug der Eisenbahn vollzogen hatte. Das mag so manchen Nostalgiker schmerzen, doch das Angebot im Reisezugverkehr ist im Jubiläumsjahr besser, schneller und komfortabler denn je. Der Güterverkehr aber ist seit Anfang der Jahrtausendwende tot. Alles läuft in Schrobenhausen über die Straße.

 

Eine „alte Innovation“ kehrt zurück

Die Zukunft der Paartalbahn soll jüngsten Verlautbarungen gemäß im 150. Jahr ihres Bestehens in einer Teilelektrifizierung und dem Einsatz batterie-elektrischer Triebzüge liegen. Kurios: Das gab es bereits einmal, und das zu Zeiten, als das Modewort „innovativ“ noch friedlich im Fremdwörter-Duden schlummerte und nur selten in Aktion treten musste. Von den frühen 1960er Jahren bis 1985 fuhren auf der Paartalbahn häufig sogenannte Akkumulator-Triebwagen, die leise summend im Schrobenhausener Bahnhof hielten, um sich dann – mit etwas behäbiger Beschleunigung – wieder auf den Weg zu machen. Ihre Energie bezogen sie aus schweren Varta-Batterien; Ladestationen gab es in Augsburg und Ingolstadt. Ob ihres leisen Fahrgeräusches und der großen Laufruhe waren die Fahrzeuge beim Reisepublikum beliebt. Ökologische Überlegungen spielten bei diesen „frühen Umweltschützern auf Schienen“ noch keine Rolle. Vielmehr ging des darum, die Vorteile des elektrischen Betriebs ohne die hohen Kosten einer Elektrifizierung auch auf weniger befahrenen Strecken zu nutzen. Auch wenn sich die Batterie-Technik seither stürmisch weiter entwickelt hat und damals von einer Aufladung via elektrischer Oberleitung noch nicht die Rede war, so ganz neu ist diese ’Innovation nicht.

Paartalbahn: Akku-Triebwagen 515 007 kurz vor Schrobenhausen als Nahverkehrszug nach Augsburg Hbf. Foto aus den frühen 1890er Jahren.Leise surrend und emissionslos hat der Akku-Triebwagen 515 007 auf seinem Weg nach Schrobenhausen gerade die Feldwegbrücke unweit der Königslachener Weg passiert. Das Bild dieser „vergessenen Innovation“ entstand um 1980. (Foto: Benno Bickel)