Paartalbahn-Chronik (1): Planungsphase und Bauzeit

Im Jahr 2025 ist die am 15. Mai 1875 eröffnete Paartalbahn, die Augsburg über Friedberg, Aichach und Schrobenhausen mit Ingolstadt verbindet, 150 Jahre alt geworden. Für „Paardon.de“ Grund genug, in einer dreiteiligen Chronik bedeutendere Ereignisse der lokalen Eisenbahngeschichte in tabellarischer Form knapp, aber einigermaßen umfassend darzustellen. Dies umso mehr, als abgesehen von einer umfangreichen Serie in der „Schrobenhausener Zeitung“ dieses Ereignis in Schrobenhausen selbst keinerlei Resonanz fand, während die Städte Friedberg und Aichach sowie die Gemeinde Dasing das Jubiläum gebührend feierten.

 

Die Planung der Paartalbahn 1860-1872

Die für eine Hauptbahn im 19. Jahrhundert ungewöhnliche lange Planungszeit der Paartalbahn  – neun Jahre bis zum Erlass des Baugesetzes, weitere drei Jahre bis zum ersten Spatenstich – passt eigentlich eher ins 21. Jahrhundert. Gewöhnlich ging es damals in der „guten alten Zeit“ deutlich schneller voran. Neben den politischen Auseinandersetzungen über Prioritäten (Welche der vielen wünschenswerten Strecken soll als erste gebaut werden?) und die konkrete Linienführung sollte dabei auch nicht vergessen werden, dass in die Planungs- und Bauzeit der Paartalbahn zwei Kriege fielen: Im Jahr 1866 der Deutsche Krieg , in dem Bayern – auch wenn daran so gut wie nicht aktiv beteiligt – Kriegspartei war, und 1870/71 der Deutsch-französische Krieg. Hinzu kam die Wirtschaftskrise des Jahres 1873, der sogenannte Gründerkrach.

 

JahrDatumText
1850Erste vage Vorschläge für den Bau einer Eisenbahntrecke von Augsburg nach Ingolstadt soll es bereits 1850 gegeben haben; eindeutige Belege fehlen.
186002.06.1860Am 2. Juni 1860 äußern sich die Augsburger Gemeindebevollmächtigten zugunsten des Bahnbaus.
19.07.1860Am 19. Juli 1860 beschließt der Aichacher Stadtrat, sich diesen Bestrebungen anzuschließen und benennt als Vertreter in dieser Angelegenheit Bürgermeister Ignaz Kapfhammer.
28.08.1860Auf Initiative der Stadt Augsburg treffen sich im dortigen Rathaus am 28. August 1860 Abgesandte der Städte Friedberg, Aichach, Schrobenhausen und der Gemeinde Reichertshofen. Die Versammlung unter Vorsitz von Bürgermeister Georg von Forndran (1807-1866) befürwortet das Vorhaben. Die Beteiligten sollen statistische Daten zur Untermauerung des gemeinsamen Wunsches erarbeiten. Wie es in einem heimatgeschichtlichen Beitrag aus dem Jahre 1950 heißt, soll auch eingehend darüber gesprochen worden sein, ob eine Staatsbahn oder einer Privatbahn der Vorzug zu geben sei: „Im letzteren Falle hätte Bankier Hirsch in München das Geld zur Verfügung gestellt“.
1860-1863Zahlreiche Bittschriften und Gesuche interessierter Anlieger einer künftigen Paartalbahn: Die Wichtigkeit des Bahnbaus untermauern die interessierten Städte und Gemeinden, denen es natürlich primär um ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung und kulturelle Teilhabe geht, auch mit übergeordneten Aspekten, vor allem einer leistungsfähigen Verbindung zwischen der Festung Ingolstadt und dem Truppenübungsplatz Lechfeld südlich Augsburg, sowie der Paartalbahn als kürzester Verbindung zwischen Böhmen und der Schweiz.
186122.01.1861Bei der nächsten Zusammenkunft in Augsburg wird am 22. Januar 1861beschlossen, sich mit einer Denkschrift an König Maximilian II zu wenden, um ihm „das Projekt einer Eisenbahn zwischen Augsburg und Ingolstadt durch das Thal des Paarflusses allerehrfurchtvollst zu unterbreiten.“ Den Bittstellern hat sich nun auch der Markt Hohenwart angeschlossen.
April 1861Im April 1861 empfängt der König eine Abordnung der Stadt Augsburg mit je zwei Mitgliedern des Rates und des Kollegiums. Repräsentanten der kleinen Städte wird diese Ehre nicht zu Teil. Die Audienz scheint der Sache dienlich gewesen zu sein. Der Königliche Betriebsingenieur Alois von Röckl (1822-1885) bietet an, die technischen Vorarbeiten für die künftige Bahnstrecke zu durchzuführen. Den ersten Entwurf samt Kostenschätzung, den die interessierten Städte und Gemeinden mit einem Betrag von 400 Gulden finanzieren, legt er bereits im Mai 1861 vor. Die Strecke demnach fünf Millionen Gulden kosten und von Augsburg über Stierhof, den Paartaldurchbruch bei Ottmaring, Hügelshart, Paar, Dasing, Aichach, Schrobenhausen, Hohenwart, Freinhausen, Gotteshofen und Reichertshofen nach Ingolstadt führen.
186228.01.1862Aichach setzt auch auf seine guten Beziehungen zu Herzog Max in Bayern, der häufig im nahen Schloss Unterwittelsbach weilt. Der Herzog versichert am 28. Januar 1862, dass er sich „nützlich zu seyn“ bemühe.
12.10.1862Die Stadt Friedberg wendet sich mit Schreiben vom 12. Oktober 1862 an die Königliche Regierung von Oberbayern.
07.12.1862Gesuch aus Hohenwart an die Königliche Regierung von Oberbayern.
1863April 1863Alois von Röckl erarbeitet ein im April 1863 fertig gestelltes Projekt mit deutlich geänderter Linienführung vor: Hochzoll – Friedberg – Paar – Dasing – Aichach – Schrobenhausen – Arnbach – Ingolstadt. Die neue Kostenschätzung: Sechs Millionen Gulden. Damit verlässt die Paartalbahn das bereits Paartal in Schrobenhausen.
20.07.1863Im 20. Juli 1863 bringt das Augsburger „Comitee für die Erbauung einer Eisenbahn von Augsburg über Ingolstadt nach Regensburg“ eine Denkschrift an die Kammer der Abgeordneten im Bayerischen Landtag auf den Weg.
07.08.1863Weiteres Gesuch aus Hohenwart Hohenwart, nun auch bei der Abgeordneten-Kammer.
27.08.1863Schrobenhausen wendet sich mit einer 16 Seiten umfassenden, von Bürgermeister August Böhm unterzeichneten „Ehrbietigsten Vorstellung um Berücksichtigung bei den zu bauenden Eisenbahnstrecken betreffend“ an die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landtags. Ausführlich wird in dem Schreiben dargelegt, welch lebenswichtige Impulse sich Schrobenhausen von einem Bahnanschluss erhofft.
21.09.1863In ihrer Sitzung am 21. September 1863 befasst sich die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landestags mit einem Gesetzentwurf der Königlichen Regierung, „die Vervollständigung und weitere Ausdehnung der bayerischen Eisenbahnen betreffend“. Eine Bahnstrecke Augsburg – Aichach Schrobenhausen – Ingolstadt beinhaltet diese Vorlage noch nicht. Doch der Schrobenhausener Landtagsabgeordnete und Stadtpfarrer Dr. Anton Schmid nützt bei der Behandlung einer zu bauenden Eisenbahnstrecke von München nach Ingolstadt die Gelegenheit zu einem "Modifikationsantrag", diese Strecke nicht über Pfaffenhofen, sondern über Schrobenhausen zu führen und macht dafür zahlreiche Argumente geltend. Eine aus Augsburg kommende Paartalbahn könne in Schrobenhausen an die aus München kommende Strecke angebunden werden. Die Entscheidung fällt zugunsten der Streckenführung über München - Pfaffenhofen - Ingolstadt.
1863-1868Das Projekt "Paartalbahn" macht keine Fortschritte. Gelegentlich beschäftigt sich die Presse damit. So steht beklagt beispielsweise der "Süddeutsche Anzeiger" am 2. Oktober 1864 unter der Ortsmarke Schrobenhausen: "Noch immer herrscht hier große Unzufriedenheit darüber, daß Schrobenhausen und die an der Paar liegenden Städte und Ortschaften nicht in das Eisenbahnnetz gezogen werden."
186804.02.1868In seiner Sitzung vom 4. Februar 1868 beschließt die Kammer der Abgeordneten, zur Vorberatung eines von der Regierung vorgelegten "Gesetzentwurf[es]: die Ausdehnung und Vervollständigung der bayerischen Staatseisenbahnen betr.", durch "Combinierung des II. und III. Ausschusses " ein besonderen Gremium zu ernennen. Als zuständige Referenten, die der Kammer zu berichten haben, werden die Abgeordneten Crämer und Bischoff bestellt. Der Gesetzentwurf umfasst insgesamt 19 neuen Strecken, wobei erstmals auch die Paartalbahn Augsburg - Ingolstadt genannt wird. Der Bau dieser neuen Linien soll sich über "viele Jahre" erstrecken, wobei lediglich sieben Strecken als "zunächst zu bauende" vorgeschlagen werden. Die Paartalbahn steht nicht in dieser "Prioritäts-Liste".
186902.03.186913 Monate nach Bildung des "combinierten Ausschusses" legt dessen Referent, der Abgeordnete Cramer, in der Sitzung der Kammer der Abgeordneten vom 2. März 1869 die erarbeiteten Empfehlungen vor. Nach mehreren Sitzungstagen beschließt die Kammer am 6. März 1869 den Bau von 22 neuen Bahnstrecken. Einzeln abgestimmt wird dabei über die schließlich im § 3 des Gesetzentwurfes aufgelisteten zehn Linien, die als erstes in Angriff genommen werden sollen. Auf Platz 7 steht die "Eisenbahn von Ingolstadt nach Augsburg", für deren Herstellung 5,9 Millionen Gulden bereitgestellt werden. "Die Mehrzahl erhebt sich" steht im Sitzungsprotokoll. Damit hat der Bau der Paartalbahn diese politische Hürde erfolgreich genommen.
In der vorangegangenen Debatte hatten sowohl Gustav von Schlör (1820-1883) als Staatsminister für Handel und Öffentliche Arbeiten wie auch der Landtagsabgeordnete und Führer des liberalen Linken, Carl Crämer (1818-1902), als Referent des Ausschusses eine Beziehung zwischen der Paartalbahn und der ebenfalls genehmigten Donautalbahn Regensburg - Ingolstadt - Donauwörth - Offingen oder Günzburg hergestellt. Schlör: "... ich darf Ihnen nicht vorenthalten, daß die Staatsregierung nicht beabsichtigt, die Bahn von Donauwörth aufwärts eher zu vollenden, als die von Ingolstadt nach Augsburg."
29.04.1869Mit Gesetz vom 29. April 1869, unterzeichnet von König Ludwig II., ist der Bau der Paartalbahn "beschlossen und verordnet".

 

Der Bau der Paartalbahn 1872 – 1875

Die eigentliche Bauzeit betrug lediglich drei Jahre, und auch wenn das Terrain, wie es damals hieß, keine großen technischen Herausforderungen bot, sollte nicht vergessen werden, dass Bahnbau in jenen Zeiten weitgehend Handarbeit mit Schaufel und Spitzhacke, Karren und Rollwagen war.

1871Unter der Bauoberleitung durch die "Generaldirektion der kgl. bayer. Verkehrsanstalten" wird für den Bau der Paartalbahn in Augsburg, Aichach, Schrobenhausen und Ingolstadt jeweils eine Eisenbahnbausektion mit einem Sektionsingenieur an der Spitze eingerichtet, die für einen bestimmten Abschnitt Verantwortlich zeichnen. Die Eisenbahnsektionen werden in insgesamt 16 Lose unterteilt, die an Bauunternehmer vergeben wurden. So geht beispielsweise der 3,7 km lange Abschnitt Algertshausen (=Bahnhof Aichach) - Großhausen an die Unternehmer Gottlieb Schmid aus Aichach und Joseph Schmidt aus Pöttmes. Joseph Lenbach, der Bruder des Maler Franz Lenbach, übernimmt die Lose Hörzhausen - Schrobenhausen (3,5 km) und Schrobenhausen - Königslachen (3,9 km), übernimmt sich dabei und geht in Konkurs. Die Bauarbeiten werden ohne mechanische Hilfsmittel ausgeführt. Es regieren Schaufel, Spitzhacke und Schubkarre. Die ungelernten Eisenbahnbauarbeiter gelten - manchmal berechtigt, häufig auch unberechtigt - als raue Gesellen, stehen von vorneherein unter Generalverdacht und werden von der einheimischen Bevölkerung, insonderheit vom Bürgertum, abgelehnt, wenn sich auch mit Verpflegung und Unterkunft gute Geschäfte machen lassen.
1872Mai 1872Erster Spatenstich für den Bau der Paartalbahn. Die Quellen schweigen leider über den Ort des Ereignisses.
18.11.1872Das kgl. bayer. Festungsgouvernement Ingolstadt erteilt am 18. November 1872 dem Bau der Paartalbahn seine Zustimmung.
07.12.1872Die "Handelsbeilage zur Allgemeinen Zeitung" berichtet in ihrer Ausgabe vom 7. Dezember 1872: "Wenn man zur Zeit auf der Bahn von München nach Augsburg fährt, so sieht man zwischen der Station Stierhof und der Lechbrücke einen bedeutenden Damm entstehen, welcher in der Richtung gegen Friedberg sich erstreckt. Es ist dieß der Anfang der Paarthalbahn, die von Augsburg über Friedberg, Aichach und Schrobenhausen nach Ingolstadt führt. ... Die Erdarbeiten sind, soweit das Paarthal benützt wird, unerheblich, zwischen der Lechbrücke und dem Dorfe Paar aber sehr bedeutend. Es ist nämlich die Friedberger Höhe 14 Meter tief zu durchstechen, und daran anschließend ein bis zu 12 Meter hoher Damm aufzufüllen, dessen niedrigeres Ende bei Stierhof sichtbar wird."
187327.09.1873In einem Schreiben vom 27. September 1873 werden nachstehende Stationen genannt: Friedberg, Dasing, Obergriesbach, Aichach, Radersdorf, Schrobenhausen und Arnbach. Zuchering wird erst in einem Schreiben von März 1974 erwähnt.
187401.06.1874Nach jahrelangen, insbesondere von militärischen Erwägungen geprägten Debatten über den Standort, wird der "Centralbahnhof Ingolstadt" nach zweijähriger Bauzeit am 1. Juni eröffnet. Er bildet den Endpunkt der Paartalbahn.
26.09.1874Neben den Gleisanlagen erfordert der Bahnbau zahlreiche Hochbauten (Bahnhöfe, Betriebsgebäude). So wird beispielsweise am 26. September 1874 der Hebauf des Empfangsgebäudes und des Wasserhauses in Schrobenhausen begangen.
10.12.1874In Aichach trifft am 10. Dezember 1874 um 10.30 Uhr unter Salutschüssen der erste Materialzug ein.
187504.01.1875Die "Augsburger Postzeitung" berichtet in ihrer Ausgabe vom 4. Januar 1875: "Ungeachtet des Winters nehmen die Bahnarbeiten an der Paarthalbahn ihren ungestörten Fortgang und ich nur mehr eine Strecke bei Griesbach noch nicht im fahrbaren Stande, weil selbe später in Bau genommen wurde. Im nächsten Monat wird wohl die erste Lokomotive die Stadt Aichach erreichen. Die Hochbauten sind auf nahezu fertig gebracht; außer dem Bahnhofsgebäude in Friedberg ist auch das Expeditionsgebäude in Dasing nahezu vollendet, ebenso bei Griesbach."
01.02.1875Die Lokomotive mit dem Namen "Suevia", eine betagte Maschine der Gattung A I der Bayerischen Staatsbahn aus dem Jahre 1844, die bei der Militäreisenbahnkompagnie Ingolstadt ihr "Gnadenbrot" verdient, dampft als erste mit einem Materialzug in den Schrobenhausen Bahnhof. Die kgl. bayer. Eisenbahnkompagnie übte bei er Erstellung des Oberbaus.
06.02.1875Die Bautrupps, die von Augsburg und von Ingolstadt aus die Schienen verlegen, treffen am 6. Februar 1875 in Schrobenhausen zusammen. Der Lückenschluss wird mit Einsetzen des letzten Schienenstück feierlich begangen: geladene Gäste, Festjungfrauen, Festmenü. Einem Zug mit bekränzter Lokomotive entsteigen höhere Eisenbahnbeamte.
22.04.1875Ein Inspektionszug fährt am 22. April 1875 die gesamte Strecke ab.
01.05.1875Bis zur offiziellen Eröffnung der Paartalbahn am 15. Mai 1875 verkehren einige Güterzüge.
15.05.1875Eröffnung der Paartalbahn zum Sommerfahrplanwechsel am 15. Mai 1875, dem Pfingstsamstag dieses Jahres. Offizielle Feierlichkeiten sind untersagt, was viele Leute nicht daran hindert, auf „ihrem“ Bahnhof das große Ereignis gebührend zu begrüßen. Den ersten Zug führt eine Lokomotive der bayerischen Gattung A V.
Mit Eröffnung der Paartalbahn verkehren vier Züge Augsburg – Ingolstadt, davon zwei Personenzüge und zwei gemischte Züge (Personen- und Güterzug). Von Ingolstadt nach Augsburg verkehren vier Züge (ein beschleunigter Personenzug und drei gemischte Züge).
1875-187715.05.1875Bis 1877 fahren auf der Paartalbahn keine reinen Güterzüge, sondern gemischte Züge, auch "Güterzug mit Personenbeförderung" (GmP) genannt.

Die Lokomotive "Suevia" - erste Lokomotive im Bahnhof Schrobenhausen
Die Lokomotive „Suevia“ – die erste Lokomotive, die mit einem Bauzug in den Bahnhof Schrobenhausen einfuhr.

 




Branchen in Schrobenhausen 1938: 17 Gasthöfe, drei Honighändler und ein Rossschlächter

Wer hebt schon Telefonbücher, Branchenverzeichnisse, Fahrpläne oder ähnliche Druckwerke auf, die vor allem im vordigitalen Zeitalter überaus nützlich, wenn nicht gar unentbehrlich sind, aber nach einiger Zeit ihren Gebrauchswert einbüßen? Leider sind solche Veröffentlichungen, die auch gerne zu den „Ephemera“ („nur einen Tag lang dauernd, vergänglich“) gezählt werden, oft auch von Archiven und Bibliotheken wenig oder gar nicht beachtet worden. Daher sind alte Einwohnerverzeichnisse oder zum Beispiel historische Kursbücher heute, nachdem nicht nur Sammler, sondern vor allem auch die Geschichts- und Sozialwissenschaften ihren Wert erkannt haben, gesuchte und gehütete Raritäten geworden.

Mehr und mehr Bibliotheken haben damit begonnen, glücklicherweise trotz aller Fährnisse erhalten gebliebene Stücke aus konservatorischen Gründen, aber auch, um sie breiterer und einfacherer Nutzung zugänglich zu machen, zu digitalisieren. Dank Texterkennung können auch „dicke Wälzer“ besser denn je zu den verschiedensten Zwecken ausgewertet werden, wovon zum Beispiel gerne Familienforscher Gebrauch machen.

Nun zählt Deutschland nicht unbedingt zu den Vorreitern der Digitalisierung historischer Druckwerke, und so wird man bei Recherchen häufig erst im Ausland fündig. Die kleine Kostbarkeit, die in diesem Beitrag vorgestellt wird, stammt aus der Śląska Biblioteka Cyfrowa (ŚBC), der Schlesischen Digitalen Bibliothek in Katowice (Kattowitz). Im Jahre 1938 erschien das Deutsche Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel in seiner 36. Ausgabe. Im ersten Band der mehrere tausend Seiten umfassenden Zusammenstellung finden sich alphabetisch geordnet die Gemeinden Bayerns. Nach einem festen Branchen-Schema geordnet, verzeichnen die dicht bedruckten Seiten Namen, gegebenenfalls Telefonnummer (Abkürzung F) und Postscheck-Konto (Abkürzung Ps), manchmal auch die Straße des Geschäftsinhabers, Handwerkers, Freiberuflichen etc.

Wir veröffentlichen hier auszugsweise die Angaben, die in diesem Branchenbuch über die Stadt Schrobenhausen und die Gemeinden des Landkreises, damals noch Bezirksamt Schrobenhausen, verzeichnet sind. Es sind nicht alle Gemeinden des Altlandkreises aufgenommen. Ob dies mangels Informationen oder aus anderen Gründen geschah, lässt sich nicht nachvollziehen.

Schrobenhausen - Blick auf der Marktplatz mit der "Zeil"
Schrobenhausener Geschäfte einst: Marktplatz mit der „Zeil“ (Sammlung Bickel)

Schon ein erster Blick auf das Schrobenhausener Verzeichnis offenbart eine vergangene Welt, die von der heutigen Wirtschafts- und Sozialstruktur sehr weit entfernt ist. Manche Namen von Händlern, Handwerkern oder Gastwirten sind auch heute noch ein Begriff, andere sind längst vergessen. An Branchen finden wir unter vielen weiteren:

  • 17 Gasthöfe und Restaurationen
  • 13 Kolonialwaren und 4 Gemischtwarenhändler
  • 12 Schuhmacher
  • 11 Bäckereien und 11 Metzgereien
  • 5 Sattler
  • 7 Schneider
  • 5 Viehhändler
  • 5 Eisen- und Stahlwarenhandlungen
  • 4 Brauereien
  • 4 Friseure
  • 3 Konditoreien
  • 3 Rechtsanwälte
  • 3 Honighandlungen
  • 1 Rossschlächter

Zudem finden sich in dem Verzeichnis heute weitgehend vergessene Handweke wie Gürtler, Seiler und Gerber.

Stadt Schrobenhausen - Branchenverzeichnis 1938
Stadt Schrobenhausen – Branchenverzeichnis 1938

    Die im Branchenverzeichnis vom 1938 enthaltenen Gemeinden des Altlandlandkreises Schrobenhausen:

    Gemeinde Adelshausen - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Adelshausen – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Aresing Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Aresing – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Berg im Gau - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Berg im Gau – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Brunnen - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Brunnen – Branchenverzeichnis 1938

    Branchenverzeichnis-Edelshausen-1938
    Gemeinde Edelshausen – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Gerolsbach - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Gerolsbach – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Grimolzhausen - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Grimolzhausen – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Hörzhausen - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Hörzhausen – Branchenverzeichnis 1938

    Markt Hohenwart - Branchenverzeichnis 1938
    Markt Hohenwart – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Mühlried - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Mühlried – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Sandizell - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Sandizell – Branchenverzeichnis 1938

    Gemeinde Waidhofen - Branchenverzeichnis 1938
    Gemeinde Waidhofen – Branchenverzeichnis 1938

    Quelle: Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel. Band I: Adressen-Verzeichnis Baden . Bayern und Rheinpfalz . Hessen . Württemberg . Hohenzollern . Thüringen. 36. Ausgabe 1938. Berlin 1938 – Digitalisat: Śląska Biblioteka Cyfrowahttps://sbc.org.pl/dlibra/publication/657961/edition/618941




    Besuch in Schrobenhausen 1816 – ein sehr seltener Reisebericht

    Schrobenhausen - eine Lithografie aus dem Jahr 1825
    Schrobenhausen – eine Lithografie aus dem Jahr 1825.
    Joseph von Obernberg besuchte die Stadt 1816.

    Drehen wir die Uhr um 210 Jahre zurück. Die Zeiten sind bewegt. Am 18. Juni 1815 endet die Napoleonische Ära auf dem Schlachtfeld im belgischen Waterloo. Die restaurative Neuordnung Europas nimmt auf dem Wiener Kongress Gestalt an. Am 8. Juni 1815 wird der Deutsche Bund geschaffen, dem fortan auch Bayern angehört. In Verhandlungen und Verträgen arrondiert das junge, erst seit 1806 bestehende Königreich sein Staatsgebiet, verliert, gewinnt hinzu und erhält am 1. Mai 1816 schließlich die linksrheinische Pfalz.

    Wir aber begleiten – abseits der großen Welt – Joseph von Obernberg auf seiner Fahrt durch den Landgerichts-Bezirk Schrobenhausen im Mai 1816, worüber er wenige Wochen später im zweiten Heft des dritten Bandes seines insgesamt fünfbändigen Werkes „Reisen durch das Königreich Baiern“ berichtet, seine Eindrücke mit wohlgesetzt-blumiger Sprache schildert und sich dabei gerne in historischen Exkursen ergeht.

    Historische Reiseberichte, in denen Schrobenhausen in mehr als einem Nebensatz erwähnt wird, sind eine ausgesprochene Rarität. Auch Obernberg befasst sich viel lieber mit Pfaffenhofen oder Aichach, widmet sich aber immerhin den Orten des Umlands etwas ausführlicher. Jenseits aller „Nestbeschmutzung“ könnte man daher zu dem Urteil gelangen, dass Schrobenhausen für den Reisenden des frühen 19. Jahrhunderts wenig attraktiv war.

    Joseph von Obernberg, auch Ignatz Joseph von Obernberg, wurde am 21. November 1761 als Sohn eines Regierungsadvokaten in Ansbach geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Ingolstadt bekleidete er – auf der Karriereleiter nach oben steigend – zahlreiche öffentliche Ämter vom Vogteirichter in Miesbach (1785) bis zum Vorstand der Spezial-Staatsschulden-Tilgungskommisssion (1811). Kurfürst Carl Theodor erhob ihn 1793 in den Adelsstand. Seit 1803 ordentliches Miglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, profilierte er sich mit zahlreichen Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte. Joseph von Obernberg starb am 23. März 1845 in München.

    (Biographische Angaben nach: Anton von Delling: Biographie des Ignatz Joseph Edlen von Obernberg. Nebst Verzeichnis der vom königl. Kreisdirektor Ignaz Joseph von Obernberg verfassten Schriften und Aufsätze. Manuskript 1845)

    Joseph von Obernbergs bei weitem umfangreichstes Werk sind seine „Reisen durch das Königreich Baiern“, die zwischen 1815 und 1820 in insgesamt fünf Bänden im Verlag von Ignatz Joseph Lentner in München erschienen. All diese Fahrten unternahm er im Isarkreis, dem 1808 bis 1837 als Verwaltungseinheit bestehenden Vorgänger des heutigen Regierungsbezirks Oberbayern. Der Titel „Reisen durch das Königreich Baiern“ ist inhaltlich also etwas zu hoch gegriffen.

    Nachdem er sich in den Landgerichten Landshut und Pfaffenhofen umgesehen und mit lobenden Worten über Land und Leute nicht gespart hat, macht sich Obernberg nach einer Übernachtung in Geisenfeld an einem blühenden Frühlingstag im Mai 1816 auf den Weg nach Schrobenhausen:

    Nun gilt Obernbergs Aufmerksamkeit dem Paartal, über das er schwärmerisch urteilt:

    Das 72. Kapitel des Reisebuches, das sich nun dem Landgericht Schrobenhausen widmet, präsentieren wir in zwei Spalten, links das Original in Fraktur, rechts ein „Transkript“ in heutiger Druckschrift, dem sich jüngere Leser sicher gerne zuwenden werden:

    Obernberg Reisen in Bayern Schrobenhausen

    Zwey und siebenzigster Brief.


    Hohenwart. Stadt Schrobenhausen. Lage, Gestalt, Ursprung und Schicksale. Vorläufiger Ueberblick des Landgerichts. Schlösser: Singenbach, Steingriff, Edelshausen, Niederärnbach.


    Schon im vorigen Briefe habe ich von Hohenwart gesprochen, doch nur in Hinsicht auf seine mahlerische Lage. Nun, beym Eintritte in’s Landgericht Schrobenhausen, dessen
    erste Ortschaft es in dieser Gegend ist, theile ich Ihnen hierüber weitere Notizen mit. –
    Hohenwart (Hohe Warte, alta specula) bestehet aus dem bekannten vormahligen Nonnenkloster, und einem Marktflecken, der an seinem
    Fuße

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen_

    Fuße sich ausbreitet. Eine uralte Burg stand hier, und ward nach dem Geiste der Zeiten um das Jahr 1074 von Rapotho Grafen von Tauern in ein Kloster umgewandelt.

    Sie erinnern sich, mein Freund! dieses Geschlechtes aus meinem dritten Briefe über die erste Reise (Heft I. S. 45). Dasselbe war zwischen Hall und Innsbruck von Alters her
    reich begütert, und in vorzüglichem Ansehen. Rapotho vergab sein Eigenthum an der Paar an Benediktiner=Nonnen, und Ortolph sein Sohn, vorzüglich aber seine Schwester Willitrud vermehrten die Stiftung, und dotirten reichlicher das neue Kloster.

    Rapotho, ihr Bruder, hatte auf dem Rückwege von einem Kreuzzuge seinen Tod gefunden. Der Leichnam ward nach Hohenwart gebracht und in der Kirche begraben. Die gebeugte Schwester gab nun ihre ganze Habe dem Kloster hin, nahm selbst den Schleyer an, und starb als die erste Aebtissinn im Jahre 1081 *)
    Wie=

    *) Monum. boic. Vol. XVII. pag. 97.

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    Wiederholte Feuersbrünste haben in der Zeitfolge das Kloster in Asche gelegt, und diese und kriegerische Ueberfälle die ältern Urkunden zum unersetzbaren Schaden der Geschichte vernichtet. Doch ward dasselbe im J. 1572 durch Unterstützung Herzogs Albert V. des Großmüthigen von der Aebtissinn Barbara neu aufgeführt.

    Nicht unwahrscheinlich ist die Meinung derjenigen, welche das Summontorium der Römer, das in Antonins Reisekarte vorkommt, an Hohenwart erkennnen wollen. Die hohe Lage
    an einem Flusse nicht sehr fern vom Hauptstrome der Donau, – und der Umstand, daß die Römer stets hohe Plätze in ihren Kriegen mit den Germanen für ihre Kastelle wählten, stimmen ganz hiemit überein.

    Eben so ist es mehr als wahrscheinlich, daß die Burg Hohenwart bey den Einfällen der Ungarn, besonders im J. 955 von selben zerstört, nachhin aber, da sie auf dem Lechfelde
    im genannten Jahre die verdienten Schläge bekamen, und ihren Untergang gefunden haben, wieder aufgebaut worden; wo dann die zerstreuten Einwohner sich wieder gesammelt, und den

    Obernb. Reisen, III, B. 2. H

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    Markt Hohenwart am Fuße der Burg angelegt haben. Er zählet jetzt ungefähr 890 Seelen.

    Uebrigens darf sich Hohenwart der Ehre rühmen, durch einen Sprößling aus seiner Mitte die große Erfindung der Deutschen, die Buchdruckerkunst, in Rom eingeführt zu haben. Ein Geistlicher, von Hohenwart gebürtig, war es, der mit dem Priester Georg Sachsel von Reichenhall im Jahre 1478 dieses Verdienst sich erwarb. Mit Vergnügen theile ich Ihnen diese interessante, und den Baiern Ehre bringende, Notiz mit, wie ich sie von meinem literarischen Freunde Dionys Reithofer empfangen habe *).

    Je mehr wir uns der Stadt Schrobenhausen näherten, begegneten uns mehrere Menschen, welche vom dortigen Jahr=Markte zurückkehrten; denn auf den gestrigen Tag fiel das Himmelfahrtsfest, mit welchem jener Markt
    ver=

    *) Aemil. Reif. origg, typograph. zu genanntem Jahre.

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    verbunden ist. Wir konnten also die Gestalten und die Kleidertracht wahrnehmen, die wir beyde kaum etwas verschieden von jenen um Geisenfeld fanden, wo sie gegen die obern Reviere um Pfaffenhofen etwas, aber mehr noch gegen jene um Hohenkammer, Unterbruck und Munchen verbessert erscheinen. Aber in keiner Hinsicht mögen sie jenen gleich kommen, welche ich Ihnen aus dem Isarthale unter Landshut bey Altheim, Essenbach u. s. w. beschrieben habe. An Geschmack stehet die hiesige Tracht jenem edleren Kostüm bey weitem nach.

    Nur 2 Stunden=Säulen hatten wir von Hohenwart und Schenkenau nach Schrobenhausen zurückzulegen in schöner Ebene, die sich immer und immer erweitert, wie man sich dem Städtchen nähert, indem die beyderseitigen Hügel allmählig zurücktreten, und in Form eines Kranzes die Fluren der Stadt umgeben, gleichwohl aber im Süden einem schönen Ausblicke in die Ferne freyen Spielraum gewähren.
    Der niedersteigenden Sonne milde Strahlen verschönerten die Gegend, und vergnügt in diesem Genusse einer freundlichen Natur fuhren wir dahin. Schon glaubten wir am Thore zu seyn,
    als

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    als die Straße plötzlich zur Rechten ablenkte, und in einem weiten Bogen nach einer andern Seite der Stadt führte.

    Bey unserm Eintritte fanden wir wohl das Leben, das ein Jahrmarkt hervorbringt: aber wenig Angenehmes an der Gestalt des Innern von Schrobenhausen. Durchgehends hat es ein sehr alterndes Ansehen, ohne irgend einer vorzüglichen Auszeichnung. Auch dieser Ort und die Gegend soll in der Vorzeit die Grafen von Thauern zu Gebiethern gehabt haben; welches nicht unwahrscheinlich ist, da sie in der Nähe zu Hohenwart, wie dessen Stiftung beweiset, sehr begütert waren. Im eilften Jahr hundert bestand er nur aus 2 Höfen, die Schroben-Höfe genannt, die nach und nach, als sich mehrere Ansiedlungen ergaben, zu einem Markte anwuchsen. Diese neuen Einwohner leisteten in den Fehden gegen die Reichsstädte gute Dienste; daher ihnen auch Herzog Stephan II. von Baiern=Ingolstadt 1393 mehrere Freyheiten ertheilte. Sein Sohn, Ludwig der Gebartete erhob den Markt zu einer Stadt, ließ die Mauern aufführen, die Wälle aufwerfen, und sie mit Gräben umgeben. Zur Beförderung des
    Han=

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    Handels verlieh er seiner neuen Stadt noch mehrere ansehnliche Freyheiten, die sich aber in der Zeitfolge wieder verloren haben.

    Im dreyßigjährigen Kriege ward die Stadt von den Schweden hart bedrängt, indem sie die ganze Zeit hindurch den ersten Anfällen der Feinde, wie die Stadt Aichach ausgesetzt war. Im
    Jahre 1704 ward Schrobenhausen von den Engländern und Oestreichern besetzt, zu unserer Zeit aber im J. 1796 von den Franzosen genommen. Im J. 1799 zog zweymal das Heer der Russen durch, und 1800 ward die Stadt wieder von den Franzosen besetzt, und erst nach dem Frieden im folgenden Jahre geräumt.

    Schrobenhausen hat an der Straße nach Aichach eine ganz artig gelegene Vorstadt, mit deren Einschluß 1480 Einwohner gezählt werden. Die Stadt hält drey Jahrmärkte, in der Fastenzeit wochentlich einen Hauptviehmarkt, und an jedem Donnerstage eine, zwar nicht bedeutende, Getreidschranne nebst Wochenmarkt. Nur die Poststraße von Augsburg nach Regensburg führet hindurch. Uebrigens ist sie der Sitz des königl. Landgerichts und Rentamtes.
    Gleich=

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    Gleichwohl fließen die Erwerbs=Quellen nicht reichlich.

    Die Wiesen, welche die Stadt umgeben, und von der Paar durchschnitten werden, haben einigen Zusammenhang mit dem bekannt großen Donaumoose, dessen hier angränzender Theil das Schrobenhauser=Moos genannt wird. Wie weit die Kultur des erstern gediehen ist, werden wir
    auf einer andern Reise durch das Landgericht Neuburg sehen. Gegenwärtig kann ich nur die wichtigern Ortschaften des Landgerichts Schrobenhausen in’s Auge fassen, und dann dessen Bezirk im Ganzen überschauen, um die wesentlichsten Resultate aus diesem Ueberblicke abziehen zu können.

    Dieses Landgericht, welches ganz seine alte politische Formation behalten hat, begreift, nach neuesten genauen Vermessungen, nur 5 8/10 Quadratmeilen in sich, und zählet 9177 Seelen, wovon also nur 1582 auf einer derselben leben.
    Sie sehen also klar, welchen Einfluß jene Moosstrecken auf die Bevölkerung dieser Gegenden behauptet haben. Nun werden sie zwar zu den bestehenden Gütern benutzt, allein diese sind da=
    durch

    Obernberg-Reisen-Bayern-Schrobenhausen

    durch nur vergrößert, und, besonders für die Viehzucht erleichtert, aber darum nicht merklich Ihre Menschenzahl vermehrt; denn sie ertragen nicht so viel, daß neue Ansiedlungen auf nachhaltige Dauer bestehen könnten; und Kolonieen muß man nicht anlegen vor der Zeit, wenigstens
    nicht ohne hinlänglichem Spielraum zum Anbau. Doch hievon ein Andersmal!

    In den Umgebungen von Schrobenhausen wollen wir uns umsehen. Sie theilen sich in die westnordlichen und südöstlichen; indem die Paar, und die Straße das Landgericht nach seiner Breite durchschneiden, und dieses von Südost nach Nordost seine Länge erstrecket. In das Hauptthal der
    Paar mündet sich ein Seitenthälchen herab, von dem Flüßchen Weilach belebt, das aus dem Süden kommt, dem Orte Weilach den Nahmen giebt, und bey Schrobenhausen an ihre größere Schwester die Paar sich ergiebt. In
    diesem südöstlichen Theile befindet sich das Edelgut Singenbach, eine vormalige Hofmark, deren frühere Inhaber die Lösch und Seebeck waren. Wie die Inschrift eiues Grabsteins dieser letzteren Familie bezeuget, hieß der Ort vormals Minenbach. An ihn stoßt der sogenannte
    Thurn=

    Thurnberg, worauf vor Zeiten ein Thurm soll gestanden haben. Nach dem Abgange der Raindorfer gelangte Johann Nidermair, churbaierischer Hofkammer=Direktor, durch Kauf zum Besitze, dessen Nachkommen, die Freyherren von Niedermair noch gegenwärtig Eigenthumer des Gutes sind.

    Mehrere Ortschaften von Bedeutung lagern sich im nordwestlichen Theile des Landgerichts.In der Nähe von Schrobenhausen, nur eine halbe Stunde entfernt, vor dem Forste Hagenau, liegt Steingriff, ein, dem Freyherrn Augustin von Guggomos (nebst dem Edelsitze Wöhr) gehöriges Edelgut. Vor mehr als dreyhundert Jahren hatten es die Pichler im Besize. Johann Leonhard Pichlers Witwe Agnes, geborne von Seckendorf setzte 1493 ihre Vettern, Wolfgang, Christoph und Andreas die Weichser zu Erben ein, und lange hin bis auf unsere Zeit blieben ihre Nachkommen, die
    Freyherren von Weichs Inhaber dieser ehemaligen Hofmark. Einige derselben ruhen in der Kapelle auf dem nahen Dürrenberge, welche im J. 1566 Jacobe von Weichs gestiftet hat.
    Nörd=

    Nördlich von Steingriff besitzet der Herr Graf Kajetan von Sandizell das Schloß und Pfarrdorf Edelshausen. Der Ort war ursprünglich eine Einöde oder Einzelhof, von Ulrich Edelshauser bewohnt. Die Pfarrkirche erhob sich aus einer Kapelle, welcher derselbe seinen Hof als Dotation überlassen hat. Nach einer Steinschrift am Thore des Schlosses hat
    Ortolph von Sandizell 1556 den Bau desselben angefangen und 1562 vollendet. Das J. 1632 war dem Schlosse und auch zum Theil dem Dorfe verderblich; die Schweden legten selbes und auch einige Häuser in Asche; nur erst nach dreyßig Jahren ward es mit großen Kosten wieder hergestellt. In der Pfarrkirche wurden folgende Sandizeller begraben: im Jahre 1444 Ortolph; – 1486 Sigmund; 1517 Moritz; – 1541 Hochprand; – 1567 Mauritius, Bischof zu Freising; – 1574 Ortolph, und 1575 dessen Gemahlinn Martha, geborne Kärgl; – 1604 Georg; – 1607 Moritz; 1615 Johann; – 1671 Ortolph Freyherr von Sandizell. – Von jenem Hochprand von Sandizell erzählet die lateinische Steinschrift, daß er dem zweyten
    Zuge Kaiser Karls V. nach Afrika gefolget
    sey,

    sey, und dort jenseits des Meeres vor dem belagerten Algier, mit Waffenruhm bedeckt, seinen Tod gefunden habe, als ein blühender Jüngling von 21 Jahren.

    An der nördlichen Gränze des Landgerichts, zwey Stunden von der Stadt Schrobenhausen am Donaumoose, erscheint Ihnen Nieder=Aernbach, ein, dem Freyherrn von Pfetten gehöriges Edelgut. Das prächtige Schloß, im J. 1598 von den Vöhlin von Frickenhausen mit einem Aufwande von 60,000 Gulden erbaut, steht auf einem munteren Hügel, eine weite Aussicht über das Moos an die Donau nach Ingolstadt und Neuburg beherrschend.

    Im J. 1455 besaßen diese vormalige Hofmark die Herren von Kammer; 1551 Anton Fraunberger, von dem es durch Heirath 1571 an Daniel Messenbeck zu Schwendt, nach dessen Tode aber 1586 an Johann Ludwig von Gumpenberg durch Kauf, und 1594 an den schon genannten Ferdinand Vöhlin von
    Frickenhausen und Illerhausen auf gleiche Art übergieng. Eben so erhielten es 1629 die Herren von Seiboltsdorf; aber nach dem
    Tode

    Tode Victor Adams von Seibeltsdorf, Vicedoms zu Burghausen gelangte 1663 der geheime Rath und Hofkammer=Präsident, Marquard Freyherr von Pfetten zum Besitze, der es an seinen Stammen vererbte. Wir nehmen
    jetzt unsere Richtungen nach der westlichen Gränze des Landgerichts. Daher schließe ich für heute, und theile Ihnen morgen das Weitere mit.
    Drey

    Drey und siebenzigster Brief.


    Oberärnbach. Berg im Gau. Langenmoosen. Altes Dorfgericht daselbst. Schloß Sandizell. Erinnerung an das Landleben des Adels in der Vorzeit. Allgemeine Bemerkungen.


    Im Westen von Niederärnbach, nördlich von Schrobenhausen, erschienen uns die Dörfer Oberärnbach und Berg im Gau, in der fruchtbarsten Gegend des Landgerichts gelagert. Das Schloß Oberärnbach steht an einem Bache, welcher in den Hauptkanal fällt, und endlich mit der Ach in der Paar sich verliert. Diese vormalige Hofmark besassen die Judmann, Preysing, Neudeck, Schaden, Altersheimer, und
    nach=

    nachhin die Freyherren von Metternich als baierisches Ritterlehen, bis sie endlich gleichfalls die Freyherren von Pfetten erhielten. – Berg im Gau, ein Pfarrdorf, zählet 21 Häuser, unter welchen ein Schul= und Gasthaus sich befindet. Hier, wie auch um Oberärnbach, begünstiget die bessere Scholle den Bau des Weizens in nicht geringem Maße, vorzüglich in den Fluren von Berg.

    Unfern im Südwesten von Berg im Gau breitet sich das Pfarrdorf Langenmoosen aus, indem es 115 Häuser mit Einschluß eines Schul= und Gasthauses zählt. Merkwürdig ist für die Geschichte der Vor- und Mittelzeit in Baiern das alte Dorfgericht, und die sogenannte Ehehaft dieses Dorfes, noch vom Herzoge Georg dem Reichen zu Landshut im J. 1481 bestätiget, und unter dem Nahmen Herbstrecht zu Langenmoosen noch in der Tiefe des vorigen Jahrhunderts unter dem Vorsitze des Pflegers von Schrobenhausen ausgeübt. Mit Interesse werden Sie die Ordnung, wie dieses Herbst=Recht gehalten worden, in der Beylage lesen, und hierin die altväterlichen Formen eines Theiles der altbaierischen Gerichts= und Polizeyverwaltung kennen lernen.
    Wei=

    Weiter südlich steht das ansehnliche Stammschloß der Herren Grafen von Sandizell mit einem Brauhause und bedeutender Oekonomie, in dem zugehörigen Pfarrdorfe von 59 Behausungen. Wiguleus Hund versichert *), in alten Briefen den ursprünglichen Nahmen Sandigenzell gefunden zu haben: eine sprechende Bezeichnung der Beschaffenheit des Bodens. Das alte edle, in baierischen und andern Kriegsdiensten rühmlich ausgezeichnete, Geschlecht der Sandizeller hatte früher sein Begräbniß zu Scheiern, welches Kloster sie mit verschiedenen Stiftungen bereicherten, in einer besondern Kapelle. Sie theilten sich in mehrere Linien, unter eigenen Beynahmen: als die von Lintach (einem alten,
    auch nach Scheiern gegebenen Burgstall und Weiler nahe bey Edelshausen), von Satlberg, Großhausen, Niederwittelsbach, Edelshausen, dann, wie der gerühmte Wiguleus Hund vermuthet, auch von Steingriff, und
    Schrobenhausen.

    In der Richtung nach Süden gelangen Sie durch das große Kirchdorf Herzhausen an die
    Paar,

    *) Im Stammbuche II. Th. S. 274.

    Paar, und über diese an die Straße zurück,welche sich von Schrobenhausen herauf bereits der südwestlichen Gränze des Landgerichts nähert, nachdem sie ober dieser Stadt nur zwey Stunden=Säulen passiret hat.

    Auch in diesem, nun durchwanderten, Bezirke nannte ich Ihnen nur jene Edelgüter, auf welchen sich noch ihre Schlösser erhalten haben; die übrigen 11 alten Hofmarken, und nachmaligen, nun auch aufgelöseten, Patrimonialgerichte umging ich. Die herrschaftlichen Sitze derselben sind früher oder später durch Kriege verwüstet, oder sonst verlassen, und niedergelegt worden. Die zugehörigen Dörfer haben also weder Auszeichnung, noch jenes Leben mehr, das ihnen die vormalige Gegenwart des Landadels gegeben hatte. Daß in der Mittelzeit der Bestand so vieler bewohnter Burgen, und kleinerer Sitze des niedern Adels, oder der freyen Eigenthumer, zur Bevölkerung und Kultur des Landes sehr
    vieles beygetragen habe, können Sie sich, mein Werther! leicht vorstellen; wie es denn auch bekannt ist, daß Baiern vor dem dreyßigjährigen Kriege ungleich mehr bevölkert war, als gegenwärtig. Es beweisen ferner die Rudera vieler
    ver=

    verfallener Burgställe, daß in früherer Zeit nebenbey noch mehrere Edelsitze bestanden haben, und bewohnet worden, wovon nur mehr leise Sagen sprechen. So trägt im Landgerichte Schrobenhausen ein, dem Dorfe, und Edelsitze Wörth nahe gelegener Hügel deutliche Spuren eines hier gestandenen Thurmes oder Schlößchens in den wahrgenommenen Gräben und vorgefundenen Ziegel=Trümmern.

    Zwar ist nicht zu widersprechen, daß manche dieser älteren Burgen und Sitze freyer Eigenthümer durch die an neue Plätze versetzten Schlosser ersetzt, oder wenigstens ihr Hofbau an die Grundholden übergegangen, und öfter auch unter zwey Bauern=Familien vertheilt worden, so daß Bevölkerung und Kultur durch jene Verödung weniger zu leiden hatten. Allein im Ganzen erhielten doch die Lebhaftigkeit und die Gewerbe der Ortschaften, durch Versiegung der Nahrungs=Quellen für Dorfhandwerker, einen empfindlichen Stoß, und auch so mancher Platz, vormals in Kultur gesetzt, trat hierauf in den Zustand ursprünglicher Verwilderung zurück, und ward Heide, Wald, oder gar Sumpf: wie man
    be=

    besonders im Gebirge an vielen Stellen wahrnehmen kann.

    Uebrigens fanden wir allenthalben nur sehr mittelmäßige Fruchtbarkeit auf den Hügeln, deren Grundlage rother und weisser Sand bildet. Nur Berg im Gau, und Oberarnbach erfreuet sich, wie schon gesagt worden, eines guten Weizenbodens; die Flur von Niederarnbach begünstiget den Kornbau mehr, als andere Reviere. Ueberhaupt giebt der Sandboden den Samen nur 4-5, in etwas nassen Jahren 5-6mal zurück. Den höchsten Ertrag gewähren die westnördlich und westlichen Steuerdistrikte Berg im Gau, Langenmosen, Grimolzhausen, Hörzhausen, und Gerolsbach im Südosten. Mittelmäßig fällt er aus in den Distrikten Hohenwart, Schrobenhausen, Edelshausen, Diepoldshofen, Sandizell, Beutenhausen, Weilach, Klenau, Steingriff, Rettenbach und Gachenbach. – Der geringste Ertrag findet sich in den Distrikten: Mühlried, Brunen, Lauterbach, Strobenried, Singenbach, Alberzell, Hirschenhau=
    sen, Arresing, Weilenbach und Wan=

    Obernb. Reisen, III. B. 2. H.

    gen. Doch wird in einigen derselben auch Breun gebaut.

    Die Kultur schreitet voran. Sämmtliche Gemeinde-Gründe sind vertheilt; auch wird vielfältig das Brachfeld benützt, und der Klee= und Hopfenbau thätig betrieben. Die Bräuhaus=
    Inhaber zu Sandizell und Niederärnbach ließen ihr Winter- und Sommerbier nur allein mit inländischem Gewächse einsieden, welches sie theils aus ihren beträchtlichen Hopfen=Anlagen, theils durch Beykauf erhielten. Die Bierbräuer zu Schrobenhausen und Hohenwart erhandelten nur wenige Zentner, die meisten aber gar keinen ausländischen Hopfen.

    Wie diese Wahrnehmung uns erfreulich war, mit eben so vielem Vergnügen erhielten wir Kunde über die Männer, welche an der Spitze thätiger und verständiger Oekonomen stehen. Man nannte mir den Freyherrn von Pfetten zu Aernbach, den Rentenverwalter zu Sandizell Thomas Stubenböck, Stadtpfarrer Gebendorfer zu Schrobenhausen, Johann Schredinger, Michael Schirmböck, Johann Sedlmajr,
    wel=

    welche sich durch Arrondirungen ihrer Grundstücke, und andere erfolgreiche Unternehmungen auszeichnen, so wie der Bräuer Georg Stelzer in Hohenwart, welcher vom landwirthschaftlichen Vereine wegen neuen Hopfen=Anlagen mit einer Denkmünze belohnt ward.

    Auch die Obstbaumzucht rücket immer mehr vor. Der genannte Verein beurkundete dieses, indem er dem Hrn. Pfarrer, und Schul=Distrikts=Inspektor von Schmid, dem Schullehrer Metzenauer zu Weillach und Maximilian Groß zu Sattelberg die Ehren=Medaille zuerkannte. Auch der Schullehrer Sebastian Rothenkolber zu Schrobenhausen zeichnet sich für diesen Zweig der Landwirthschaft durch ganz besondere Thätigkeit aus.

    Mehrere Kolonieen wurden auf den Gründen erkaufter Staatswaldungen angelegt: allein sie sind wegen ihrem beschränkten Raume sehr unbedeutend. Wichtigen Erfolg aber verspricht für die Zukunft die Kolonie zu Pappenbergsweil, welche der k. Hr. Rentbeamte Pappenberger angelegt hat. –
    Es

    Es kommt hier, wie allenthalben, darauf an, ob und wie die Güter=Arrondirungen erzielt werden. Auf der ganzen Reise, und schon auf den vorigen ward mir von den bewährtesten Oekonomen die einstimmige Bemerkung mitgetheilt, daß die bisherigen Gemeinheits=Vertheilungen die Hornvieh= oder Pferdezucht, oft auch beyde zugleich sehr zurückgesetzt haben. Die Kleinbegüterten und Leerhaus=Besitzer erhielten als Gemeindeglieder gleiche Antheile. Letztere vorzüglich ergreifen die neuen Grundstücke, und schaffen sie zu Ackerland um. Die andern können die vorige Anzahl Viehes auf den kleinen, ihnen zugemessenen Weide=Theilen nicht mehr unterhalten, und die verminderte Zahl auf selben hüten zu lassen sind sie durch die Kosten der Hut gehindert. – Soll also die Abtheilung den beabsichteten Zweck, freyen Gesnuß des Eigenthums, erreichen: so müssen die Gründe zusammengelegt werden. Nur dann ist jeder im Stande, sein Besitzthum so frey und gut zu benützen, wie es sein eigenes Wirthschafts=System erfodert, folglich nach Umständen mehr die Viehzucht oder den Fruchtbau zu befördern, auf jeden Fall aber jene so weit zu betreiben, als es selbst der Ackerbau der Dün=
    gung

    gung wegen erfodert. Aber diese Arrondirung war bisher noch selten zu erzielen, so nothwendig sie auch geworden ist.

    Im Gebiethe der Industrie erscheinet auf dem Lande die Garnspinnerey als ein Nebengegenstand der Betriebsamkeit; hiezu wird allenthalben die Zeit der Winter=Abende angewendet. Durch Kunstfleiß zeichnet sich der Uhrmacher Georg Mayr aus, so wie überhaupt die Tischler zu Schrobenhausen und Hohenwart. Joseph Brugger hat nicht nur allein mehrere Modelle für Säe= und Gesottschneidmaschinen, sondern auch mit gutem Erfolge schon mehrere Säekarren verfertigt.

    An der Spitze der öffentlichen Anstalten stehen die Schulen, indem wackere Männer hiebey das k. Landgericht mit aller Kraft unterstützen. So hat der k. Distrikts=Schulen=Inspektor Kajetan von Schmid mehrmahls das öffentliche Lob der Regierung erworben. Auch der Stadtpfarrer Gebendorfer, Benefiziat Anton Ertlmayr, Kaplan Biberdaller daselbst, die Pfarrer Hörmann zu Aresing, Auerbach zu Gerolsbach und Pletz zu Klenau
    zeich=

    zeichnen sich durch Thätigkeit und warme Theilnahme vorzuglich aus.

    Bey diesen Wahrnehmungen lebt die Hoffnung auf, die Bildung des Volkes bald in höherem Anfschwunge zu erblicken, überall Kultur
    und Industrie in kräftiger Wirkung, und durch sie Glück und Wohlstand verbreitet zu sehen.

    Quellennachweis: Die gemeinfreien Digitalisate stammen aus dem MDZ – Münchener DigitalisierungsZentrum.




    Stadtpfarrer Dr. Anton Schmid und die Paartalbahn

    Die Paartalbahn Augsburg – Friedberg – Aichach – Schrobenhausen – Ingolstadt ist 150 Jahre alt geworden. Doch bevor am 15. Mai 1875 der erste Zug fuhr, musste die Strecke gebaut werden. Das dauerte von 1872 bis 1875. Bevor die Strecke gebaut werden konnte, brauchte es Planung – technisch, wirtschaftlich, organisatorisch und zunächst vor allem politisch. Der politische Prozess dauerte von 1860 bis 1871 und somit dreimal länger als die Bauzeit. Der Schrobenhausener Stadtpfarrer und Landtagsabgeordnete Dr. Anton Schmid spielte dabei in einer bemerkenswerten Episode die Hauptrolle: Er plädierte in der Kammer der Abgeordneten nicht nur für eine Paartalbahn, sondern für die Streckenführung der Bahnverbindung München – Ingolstadt über Schrobenhausen statt über Pfaffenhofen. Die Münchner Strecke über Dachau, Indersdorf und Jetzendorf und die von Augsburg kommende Strecke sollten sich in Schrobenhausen vereinigen und weiter nach Ingolstadt und schließlich Regensburg führen.

    Wir schreiben das Jahr 1863. In Nordamerika tobt der Sezessionskrieg, ein patriotischer Aufstand in Polen wird von Russland und Preußen mit aller Macht unterdrückt. In Bayern herrscht gottlob Frieden. Das kleine Landstädtchen Schrobenhausen zählt gut 2100 Einwohner. Einige von ihnen treibt etwas um, das man heute als “Innovation” bezeichnen würde: Ein Anschluss an das im Entstehen begriffene Eisenbahnnetz.

    Schrobenhausen und die „Eisenbahnwüste“ in der Mitte Bayerns. Ausschnitt aus: „Neueste Eisenbahn-Reisekarte durch das Königreich Bayern“, Augsburg ca. 1863. (Bayerische Staatsbibliothek, Mapp. XI,86)

    Mag es auch schon frühere Überlegungen gegeben haben, seriös nachweisen lassen sich Bestrebungen zum Bau einer Paartalbahn erst im Jahr 1860. Die Initiative dazu geht von der Stadt Augsburg aus. Dort treffen sich am 28. August im kleinen Rathausaal Vertreter der Städte Friedberg, Aichach, Schrobenhausen und der Gemeinde Reichertshofen und kommen überein, sich gemeinsam für den Bahnbau zu engagieren.

    Im Jahr darauf wird eine Denkschrift an König Maximilian II (reg. 1848 bis 1864) auf den Weg gebracht, die vom Februar 1861 datiert:

    Paatalbahn Denkschrift 1861
    Paatalbahn Denkschrift 1861

    Die Bemühungen zeitigen bald Früchte. Im Mai 1861 legt der Königliche Betriebsingenieur Alois von Röckl (1822-1885) einen ersten Entwurf für eine Strecke vor, die vom Gut Stierhof bei Augsburg über Friedberg, Aichach, Schrobenhausen, Hohenwart, Freinhausen und Reichertshofen nach Ingolstadt führen soll. Im April 1863 legt Röckl einen Plan mit deutlich geänderter Linienführung vor: Nun nicht mehr über Hohenwart, sondern über Arnbach (dem heutigen Niederarnbach) nach Ingolstadt, also so, wie schließlich auch gebaut wurde. Es folgen weitere Denk- und Bittschriften der interessierten Städte und Gemeinden, die sich an den Landtag, an Ministerien und die Kgl. Regierung von Oberbayern wenden. Auch der Magistrat der Stadt Schrobenhausen wird am 27. August 1863 nochmals vorstellig.

    Im Herbst des gleichen Jahres befasst sich die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landestages mit einem Gesetzentwurf der Königlichen Regierung, die Vervollständigung und weitere Ausdehnung der bayerischen Eisenbahnen betreffend – wie es in schönstem Amtsdeutsch heißt. Eine Bahnstrecke Augsburg – Schrobenhausen – Ingolstadt beinhaltet diese Vorlage noch nicht. Im Mittelpunkt der Beratungen steht der Bau der Bahnstrecke München – Ingolstadt und ihre Weiterführung nach Nürnberg.

    Nach dem Antrag von Pfarrer Dr. Anton Schmid sollte die Strecke München – Ingolstadt nicht über Pfaffenhofen führen, sondern von Dachau nach Schrobenhausen und weiter nach Ingolstadt.

    Trotzdem sollte in der Sitzung, die am 21. September 1863 ab 16 Uhr im Landtagsgebäude in der Münchner Prannenstraße 20 stattfindet – das Maximilianeum gab es noch nicht, – das Projekt Paartalbahn eine Rolle spielen. Denn an der Zusammenkunft nimmt auch der Schrobenhausener Stadtpfarrer Anton Schmid teil, der als frisch gewählter Landtagsabgeordneter den Wahlbezirk Schrobenhausen vertritt. Im Mittelpunkt der teils hitzigen Debatten steht der Bau der Bahnstrecke München – Ingolstadt und vor allem die Frage, wie diese über die Fränkische Alb nach Nürnberg weiterzuführen sei. Ob nun über Eichstätt, wie damals beschlossen, oder auf direkten Weg, wie die heutige Hochgeschwindigkeitsstrecke Ingolstadt – Nürnberg, deren Trassenführung eine ganze Reihe von Abgeordneten schon damals bevorzugt hätte, ist nicht Gegenstand von Schmids Überlegungen. Vielmehr geht es ihm in seinem Modifikationsantrag” um etwas ganz anderes. Doch lassen wir ihn selbst sprechen. Laut dem stenographischen Landtagsprotokoll eröffnet Stadtpfarrer Schmid seine Rede:

    Die folgende Argumentation ist nicht völlig ohne Widerspruch. Eingangs betont Stadtpfarrer Schmid, es gehe ihm keineswegs um rein lokale Interessen, denn durch eine gemeinsame Führung der Strecken von München und Augsburg ab Schrobenhausen bis Ingolstadt ließen sich über zwei Millionen Gulden sparen. Doch wenige Sätze legt er sich so richtig ins Zeug für Schrobenhausen:

     Und ein weiteres Argument bringt der Redner vor:

    Dem gleichfalls „gewerbesamen Städtchen Pfaffenhofen“ wollte der Geistliche „durchaus nicht zu nahe treten“ und stellte „ihm früher oder später jedenfalls von Indersdorf oder Jetzendorf aus eine Zweigbahn“ in Aussicht.

    War Schmids Vorschlag nun ein kurioser Einfall aus der Provinz, über den die Mitglieder des Hohen Hauses spöttisch lächelnd hinwegsahen? Keineswegs, denn als Joseph Pözl (1814-1881), der zweite Präsident der Kammer, die Frage stellt, ob der Antrag aus Schrobenhausen unterstützt werden solle, erhebt sich eine genügende Anzahl von Abgeordneten zustimmend von ihren Plätzen. Womit Schmids „Modifikation“ zwar nicht angenommen ist, aber es darf darüber diskutiert werden. Diese Diskussion leuchtet in der viele Stunden langen Debatte, die sich bis zum 24. September hinzieht immer wieder mal auf, ohne für den Gesamtverlauf besonders bedeutungsvoll zu sein. So kann etwa der Augsburger Abgeordnete Dr. Marquard Barth (1809-1885) der Idee von Pfarrer Schmid durchaus etwas abgewinnen.

    Schließlich kommt es zur Abstimmung über verschiedene Varianten, aus der die direkte Linienführung München – Pfaffenhofen – Ingolstadt als Sieger hervorgeht. Anton Schmids Vorstoß hat sich erledigt.

    Ob es dem Stadtpfarrer ein “Herzensanliegen“ war, ob er sich als örtlicher Landtagsabgeordneter dazu verpflichtet fühlte, ob er von Schrobenhausener Honoratioren dazu gedrängt wurde, diese Frage ruht im Dunkel der Vergangenheit. Sein Engagement war jedenfalls nicht ungewöhnlich: Geistliche, die sich für den Bahnbau einsetzen, dem örtlichen Eisenbahn-Committe” angehörten oder ihm vorstanden, finden sich in der Eisenbahngeschichte Bayerns im 19. Jahrhundert häufig. Sie zählten zur lokalen Elite.


    Quellen und Literatur:

    • Löwenstein, Theodor: Die bayerische Eisenbahnbaupolitik bis zum Eintritt Deutschlands in die Weltwirtschaft. 1825 bis 1890. In: Archiv für Eisenbahnwesen 1927, S. 881-925, 1285-1312, 1587-1639
    • Mages, Emma: Eisenbahnbau, Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft in der südlichen Oberpfalz 1850 – 1920 (Regensburger historische Forschungen; Band Bd. 10), Kallmünz/Opf: Lassleben . 1984 – XLIV, 390 S. : Ill., graph. Darst., Kt., ISBN 978-3-7847-4010-2.
    • Marggraff, Hugo: Die Kgl. Bayerischen Staatseisenbahnen in geschichtlicher und statistischer Beziehung. Gedenkschrift zum 50. Jahrestag der Inbetriebsetzung der ersten Staatsbahnstrecke Nürnberg-Bamberg am 1. Oktober 1844 (Kohlhammer Edition Eisenbahn), Stuttgart: Kohlhammer 1982 – 286 Seiten : Illustrationen, Karten , ISBN 978-3-17-007685-3 – Erw. Nachdr. d. Ausg. München 1894.
    • Pittius, Hans-Joachim / Schuster, Anton: Die Paartalbahn. Seit 1875 mit dem Zug von Augsburg nach Ingolstadt, Schrobenhausen: Verlag Benedikt Bickel 2000 – 156 Seiten, 220 Abbildungen, ISBN 978-3-922803-52-2 .
    • Sauer, Andreas: „… daß bei Erbauung einer Eisenbahn die Stadt Pfaffenhofen in das Eisenbahnnetz aufzunehmen sei“. Der Eisenbahnbau und seine Auswirkungen auf die Stadtentwicklung (Pfaffenhofener Stadtgeschichte(n); Band 19), Pfaffenhofen a.d. Ilm: Stadt Pfaffenhofen a.d. Ilm . 2017 : 93 S.-zahlr. Ill. u. Kart. .
    • Stark, Hans: Die 100jährige Geschichte der unteren Donautalbahn. Dampf, Öl, ein Schienenstrang, Abensberg: [Selbstverl. ?] . 1974 – 58 S. m. Abb. u. Taf.
    • Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Landtages im Jahre 1863. Stenographische Berichte Nr. 1-25. Von der I. Sitzung am 25. Juni 1863 bis zur XXV. Sitzung am 30. September 1863. I. Band, S. 402-403



    Von der Kupferschmiede zur Weltfirma – die Geschichte der Firma BAUER in Schrobenhausen

    Werkstatt von Kupferschmied Bauer um 1930

    Industriegeschichte fristet oft ein Schattendasein in der regionalen Geschichtsschreibung – völlig zu unrecht. Denn erst die Industrialisierung ermöglichte unseren heutigen Lebensstandard. Und die Industrialisierung fand nicht nur in großen Zentren statt. Beispielhaft ist die Geschichte der Firma BAUER, die sich in mehr als 200 Jahren von einer kleinen Schrobenhausener Kupferschmiede  zu einer Weltfirma entwickelte.

    Wir präsentieren – in Zusammenarbeit mit der BAUER AG – im Folgenden die Firmengeschichte BAUER – Geschichte und Geschichten aus dem Jahr 2018 (Link siehe unten).

    Einige Meilensteine der Firmengeschichte, die neugierig machen sollen:

    • 1790 Der Kupferschmied Sebastian Bauer aus Deggendorf erwirbt eine Kupferschmiede in Schrobenhausen und legt damit den Grundstein für das Unternehmen. Kupferschmiede stellen zu dieser Zeit zum Beispiel her: Gebrauchsgegenstände für den täglichen Bedarf, Pfannen, Töpfe, Kannen, Leuchter, Zubehör für Bierbrauer, Färber und Seifensieder; sie sind aber auch im Bereich hochwertiger Dachdeckungen tätig.
    • 1902  Andreas Bauer bohrt einen artesischen Brunnen: das ist ein Brunnen, aus dem Wasser nach dem Anbohren von selbst austritt. Weitere artesische Brunnen folgen.
    • 1928  Das bisher größte Projekt der Firma: der Bau der Schrobenhausener Hochdruckwasserleitung.
    • 1952  Dipl.Ing. Karlheinz Bauer übernimmt die Firma, die Ära des Spezialtiefbaus beginnt – und damit ein steiler Aufstieg des Unternehmens.
    • 1958  Erfindung des Injektionszugankers, ein wichtiger technologischer Durchbruch, der patentiert wurde.
    • 1969  Beginn des Maschinenbaus mit dem ersten Ankerbohrgerät.
    • 1976  Herstellung des ersten Drehbohrgeräts BG 7.
    • 1986  Übernahme der Geschäftsführung durch Thomas Bauer und Ausbau der Internationalisierung.
    • 1994  Gründung der BAUER Aktiengesellschaft als Holding.
    • 2006  Börsengang der BAUER AG.

    Heute sieht sich die Firma BAUER in Verbindung mit den schwierigsten und größten Gründungsaufgaben der Welt, auch in der Umwelttechnik hat sich BAUER einen Namen gemacht. Die BAUER-Gruppe verzeichnete mit all ihren weltweiten Tochterfirmen im Jahr 2023 mit etwa 12.000 Mitarbeitern einen Gesamtumsatz von 1,8 Milliarden Euro.

    Die von Franz Josef Mayer verfasste Firmengeschichte „BAUER – Geschichte und Geschichten“ (292 Seiten, Großformat, 38 MB) finden Sie hier

    Eine Kurzfassung der Firmengeschichte finden Sie hier

    Die „Urverträge“ der Kupferschmiede befinden sich übrigens im Sammlungsbestand des Schrobenhausener Stadtarchivs (siehe auch Abb. auf Seite 22 des Buches).

     

    Bauer - Geschichte und Geschichten

    Bauer – Geschichte und Geschichten

     

    Die beliebte und informative Firmenzeitschrift BOHRPUNKT gibt es auch digital. Sie spiegelt die Firmengeschichte anhand von zahllosen Beispielen. Die digitalen Ausgaben ab 2018 finden Sie auf der Homepage der BAUER AG, nämlich hier  

     




    Die Gemeinden des Altlandkreises Schrobenhausen im Spiegel der Fotografie um 1930

    Im Folgenden eine Verlinkung auf ein Digitalisat, präsentiert vom

     

    Vorderer Buchdeckel des Fotobandes mit eingearbeiteter Lenbach-Medaille

     

    Die Gemeinden des Altlandkreises Schrobenhausen im Spiegel der Fotografie um 1930

    Das Münchener Digitalisierungszentrum präsentiert einen phänomenalen Fotoband über den Altlandkreis Schrobenhausen als Digitalisat. Anlass zur Erstellung des Bandes war wohl eine Verabschiedung, wie die Widmung vermuten lässt: „Die Kreislandwirtschaftsschule [Schrobenhausen] in Dankbarkeit ihrem sehr geschätzten Herrn Oberveterinärrat.“ Der Name wird dabei leider nicht genannt. Der Band wird auf die Zeit zwischen 1920 und 1950 datiert. Gefertigt wurde er von der Schrobenhausener Buchbinderei August Weber. Da der Begriff „Bezirksamt“ vorkommt (ab 1939 wurde es in Landratsamt umbenannt), sollte der Band vor 1939 entstanden sein. Der Band enthält 140 eingeklebte Fotos von allen Gemeinden des Altlandkreises Schrobenhausen – als fotografische Dokumentation eines gesamten Landkreises eine Rarität.

     

    Seite aus dem Band mit der Ansicht des Bezirksamts (ab 1939 Landratsamt genannt)

     

    Die Gemeinden des Altlandkreises

    Fotos aus der Stadt Schrobenhausen sowie den Gemeinden Adelshausen / Alberzell / Aresing / Berg im Gau / Brunnen / Deimhausen / Diepoldshofen / Edelshausen / Freinhausen / Gachenbach / Gerolsbach / Grimolzhausen / Hirschenhausen  / Hörzhausen / Hohenried / Hohenwart / Klenau/ Klosterberg / Koppenbach / Langenmosen / Lauterbach / Malzhausen / Mühlried / Peutenhausen / Pobenhausen / Rettenbach / Sandizell / Sattelberg / Seibersdorf / Singenbach / Steingriff / Strobenried / Waidhofen / Wangen / Weichenried / Weilach / Weilenbach.

     

    Der Band befindet sich im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek.

     

    Auf der Downloadseite gibt es Informationen zu den Nutzungsbedingungen.

     

    Wir werden versuchen, die Entstehung des Bandes noch genauer zu datieren.

     

    Zum genannten Band geht es hier

     

    Auf der linken Seite findet sich die Inhaltsangabe, über die man direkt zu den gewünschten Seiten kommt.

     




    Die Schrobenhausener Papiermühle und ihre Wasserzeichen

    Die Schrobenhausener Papiermühle und ihre Wasserzeichen

    500 Jahre Papier aus Schrobenhausen – in wenigen Jahren wird es soweit sein. Damit gehört die heutige Papierfabrik Leinfelder, kurz LEIPA, einer der größten Papierhersteller in Deutschland, zu den wenigen Betrieben mit so langer Tradition. Gegründet wurde sie als Papiermühle im Jahr 1535. Mechtild und Hans-Georg Hofmann aus Schrobenhausen haben die ältere Geschichte der Papiermühle und ihre Wasserzeichen umfassend erforscht. Wir bringen hier erste Auszüge aus der umfangreichen Materialsammlung, die sich inzwischen im Stadtarchiv Schrobenhausen befindet.

     

    Städtische Papiermühle

    Die Geschichtsschreibung der Papierfabrik beruft sich zunächst auf  Michael Leinfelder, der die Papiermühle im Jahr 1847 kaufte. Dessen Sohn Georg Leinfelder baute den Betrieb zu einer Fabrik aus, die bald überregional Absatz fand und die zunehmend Papier aus Holzschliff herstellte.

    Doch – und das ist wenig bekannt – war sie zuvor über 300 Jahre eine städtische Papiermühle. Die Stadt Schrobenhausen erbaute die Papiermühle im Jahr 1535, betrieb sie aber nicht selbst, sondern „verstiftete“ sie an Hanns Frieß. Das Wort „verpachtet“ würde den Kern der Sache nicht treffen. Mit dieser „Stift“ entstand ein „grundherrliches“ Verhältnis zwischen „Bürgermeister und Rat der Stadt Schrobenhausen“ und dem jeweiligen Papiermüller, der ein jährliches Stiftgeld reichen musste. Die Stadt besaß das „Obereigentum“, der Papiermüller das „Nutzeigentum“. Diese heute schwer nachvollziehbare Aufspaltung des Eigentumsbegriffs wurde in Bayern erst mit dem Gesetz über die Aufhebung der Grundlasten im Jahr 1848 aufgehoben. Gegen einen Ablösungsbetrag ging die Papiermühle dann in das freie Eigentum des Papiermüllers Michael Leinfelder über.

    Bäckermess-Rechnung 1551 im Stadtdarchiv Schrobenhausen mit Schrobenhausener Wasserzeichen

     

    Hadernpapier – Papier aus Lumpen

    Die städtische Papiermühle stellte „Hadernpapier“ her. Ausgangsstoffe waren Textilfasern, vorwiegend Flachs- und Hanffasern. Lumpensammler zogen durchs Land auf der Suche nach abgetragenen Kleidungsstücken und Textilien und boten sie den Papiermüllern an. Der Rohstoff wurde zerkleinert, eingeweicht und dann in einem Stampfwerk zerstoßen, das durch Wasserkraft angetrieben wurde. Der verdünnte Faserbrei wurde in Bütten – Holzbottiche – gegeben, von dort wurden die Bögen mit einem Sieb „geschöpft“ und anschließend getrocknet. Das so hergestellte Papier war im Vergleich zur heutigen Zeit sehr teuer, ist aber extrem widerstandsfähig.

     

    „Der Papyrer“ (Ausschnitt, aus Jost Ammans Ständebuch 1568)

     

    Gezeigt wird diese historische Papierherstellung zum Beispiel im Klostermühlenmuseum Thierhaupten (www.klostermuehlenmuseum.de). Hier finden sich auch mehr Ausführungen zur Papierherstellung.

    In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Hadernpapier von Holzschliffpapier verdrängt, das aus fein zermahlenem Holz hergestellt wurde.

     

    Albrecht Dürer auf Schrobenhausener Papier

    Der Absatzgebiet des Schrobenhausener Papiers erstreckte sich weit über unsere Region hinaus. Wir finden Schrobenhausener Papier natürlich bei der Stadt Schrobenhausen selbst, bei der Pfarrei und dem Landgericht, im Schlossarchiv Sandizell, dann in nahen oder  weiter entfernten Gerichten wie Aichach, Neuburg, Abensberg, Wemding, Deggendorf und Straubing, in den Städten Ingolstadt und Regensburg, in den Hochstiften Eichstätt und Freising, in den Klöstern Scheyern und Metten. Eine Liste, die sich sicher verlängern ließe.

    Weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass es auch Drucke von Albrecht Dürer auf Schrobenhausener Papier gibt. Da Dürer 1528 in Nürnberg verstorben ist, die Schrobenhausener Papiermühle erst 1535 gegründet wurde, handelt es sich dabei um zeitgenössische Nachdrucke. Nachgewiesen hat das schon B. Hausmann in seiner Arbeit über Dürers Kupferstiche aus dem Jahr 1861. Auch bei Antiquariaten werden solche Drucke hin und wieder angeboten. Dieses Thema ist spannend, es würde sich lohnen, hier näher nachzuforschen.

    B[ernhard] Hausmann: Albrecht Dürer’s Kupferstiche. Radirungen, Holzschnitte und Zeichnungen, unter besonderer Berücksichtigung der dazu verwandten Papiere und deren Wasserzeichen, Hannover 1861 (Schrobenhausen Seiten 6, 17, 25, 29, 30, 39, 72, 78. Ein Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek gibt es hier).

    Schrobenhausener Stadtkammer-Rechnungen aus dem 18. Jahrhundert

     

    Forschungsprojekt Mechtild und Hans-Georg Hofmann

    Mechtild und Hans-Georg Hofmann haben sich intensiv mit verschiedenen Aspekten der Schrobenhausener Geschichte beschäftigt und alle Forschungsergebnisse dem Stadtarchiv überlassen, darunter fünf Leitzordner unter dem Projektnamen „Hadern“. Sie haben dazu hunderte städtischer Protokolle und Rechnungen ausgewertet, auch im Pfarrarchiv recherchiert. So konnten zahlreiche Dokumente zur Schrobenhausener Papiergeschichte zusammengetragen, transkribiert und kommentiert werden.

    Das Markenzeichen der alten Papiermühlen war das Wasserzeichen, über das man die Herkunft der Papiere nachvollziehen kann. Für die Schrobenhausener Papiermühle war das Stadtwappen durch den ausgestellten Stiftbrief verbindlich festgelegt. Angetan vom Reiz dieser nur im Gegenlicht sichtbaren Zeichen haben Mechtild und Hans-Georg Hofmann in den Jahren 2016 bis 2017 rund 900 Wasserzeichen fotografisch festgehalten, darunter auch einige von auswärtigen Papiermühlen.

    Max Direktor

     

    Mechtild und Hans-Georg Hofmann

    Die Papiermühle in Schrobenhausen und ihre Wasserzeichen

    Wir präsentieren hier eine Dokumentation zur Geschichte der Papiermühle und ihren Wasserzeichen und hoffen, auch weitere interessante Informationen dazu liefern zu können, die das hier gezeigte Gerüst mit Leben erfüllen. Diese Dokumentation finden Sie als PDF hier. 

     

    Frühes Schrobenhausener Wasserzeichen aus dem Jahr 1544




    Die Schrobenhausener Gesundheits- und Umwelttage – ein kleiner Beitrag zur Umweltgeschichte

    Persönliche Vorbemerkung

    Ein Rückblick auf eine große Veranstaltungsreihe aus dem Jahr 1996? Ist das denn schon Geschichte? Und was sollen wir daraus lernen?

    Kurz nach den Gesundheits- und Umwelttagen 1996 wurde ich von einer überregional erscheinenden Zeitschrift aus dem Bereich des Gesundheitswesens gebeten, einen Artikel über diese Veranstaltung zu schreiben. Obwohl mit der Redaktion abgestimmt, wurde er dann doch nicht veröffentlicht, der Grund dafür ist mir nicht bekannt. Vielleicht weil es ein Erfahrungsbericht war, keine wissenschaftliche Auswertung? Vielleicht weil nicht die „klassische Schulmedizin“ im  Vordergrund stehen sollte?

    Da dieser Artikel jedoch einen sehr guten Einblick in die Zeit der 1990er Jahre gibt, soll er im Folgenden veröffentlicht werden. Der Artikel zeigt, wie sich in dieser Zeit viele ehrenamtlich Engagierte zusammengefunden haben, um für ihr Anliegen zu werben, eine Bürgerinitiative einer ganz eigenen Art.

    Der Vergleich zur Gegenwart zeigt, wie viel sich in diesen knapp drei Jahrzehnten verändert hat, wie viele Ideen Anstoß für Veränderungen gegeben haben.

    Die Gesundheits- und Umwelttage wurden bis 2003 abgehalten. Viele Mitwirkende engagierten sich auch in der Ende der 1990er Jahre entstandenen Initiative AGENDA 21. Im Bereich Energie wurde in Schrobenhausen damals ein erstes „Bürgerkraftwerk“ aus Spendengeldern errichtet, ein kleines Photovoltaikprojekt, das damals nicht selten belächelt wurde. Im Energiebereich Engagierte initiierten schließlich das noch bestehende Projekt „Energie effizient einsetzen“ und schließlich auch die Bürgerenergie-Genossenschaft, die inzwischen weit über die Landkreisgrenzen hinaus tätig ist. Auch heute finden wieder Umwelttage in Schrobenhausen statt.

    Im Folgenden das eingereichte Manuskript in unveränderter Fassung, formale Fehler wurden korrigiert, die Rechtschreibung modernisiert. Parallel dazu haben wir das Programmheft eingescannt, das in hoher Auflage im Raum Schrobenhausen verteilt wurde. Das Programm finden Sie hier.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Die Schrobenhausener Gesundheits- und Umwelttage – eine Initiative  von Bürgern für Bürger

     

    Zusammenfassung

    Die Stadt Schrobenhausen – eine Kleinstadt im nördlichen Oberbayern mit knapp 16.000 Einwohnern – veranstaltet im zweijährigen Turnus „Gesundheits- und Umwelttage“. Diese Veranstaltung – mit etwa 40 Ausstellern sowie 50 Vorträgen und Aktionen für eine Kleinstadt eine enorme Leistung – wird im wesentlichen vom Engagement der Bürger getragen. Vereine, Firmen, Behörden und alle örtlich vertretenen Krankenkassen haben sich der Veranstaltung angeschlossen – die Stadt hat die Trägerschaft und die Organisation übernommen. Das Beispiel Schrobenhausen zeigt, dass man auch in Zeiten knapper werdender Kassen Veranstaltungen dieser Art durchführen kann, wenn man sparsam wirtschaftet – und das bei einem hohen Qualitätsniveau. Der folgende Erfahrungsbericht stammt aus der Sicht des städtischen Koordinators, der seine Aufgabe vor allem darin gesehen hat, die Initiativen zu koordinieren, die Gesamtorganisation zu leiten und für ausreichend Öffentlichkeitsarbeit und Werbung zu sorgen.

    Ein Erfahrungsbericht in einer Zeitschrift, in der vor allem wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht werden? Ein Erfahrungsbericht sollte es vor allem deshalb werden, weil die Daten rund um die Gesamtveranstaltung nicht so einfach wissenschaftlich aufbereitet werden können. Ein Erfahrungsbericht erleichtert die Suche nach Motiven, Zielen und Erfolgen einer Initiative, die inzwischen weit über die Grenzen Schrobenhausens hinaus Beachtung findet.

     

    Vorgeschichte

    Anfang der neunziger Jahre formierte sich in Schrobenhausen eine kleine Gruppe, die sich Arbeitskreis Stadtökologie nannte und in lockeren Zusammenkünften verschiedene Umweltthemen diskutierte. Aus diesen Treffen entstand die Idee, unter dem Titel „Schrobenhausener Umwelttage“ ein anspruchsvolles Ausstellungs- und Vortragsprogramm zu entwickeln. Konkretes Ziel war, einer breiteren Öffentlichkeit Informationen und Anregungen im Umweltbereich zu geben, lähmenden Umweltängsten entgegenzuwirken und zum Handeln zu ermuntern. Ein Rundbrief an interessierte Bürger, an Vereine und Institutionen war erfolgreich: etwa drei Dutzend engagierte Einzelpersonen sowie Vertreter von Vereinen, Initiativen und Institutionen wollten mitarbeiten. So wurde die Veranstaltung ein Erfolg, auch wenn das Wetter nicht so recht mitspielen wollte und Anfangsschwierigkeiten zu überwinden waren. Man war sich einig, die Veranstaltung nach zwei Jahren zu wiederholen.

    Inzwischen waren auch Pläne gereift, in Schrobenhausen eine ähnliche Veranstaltung im Bereich der Gesundheit anzubieten, vorangetrieben vor allem vom damaligen Stadtrat Dr. Anton Euba. Die Idee lag in der Luft und wurde schon nach kurzer Diskussion für gut befunden: die beiden Veranstaltungen unter dem Titel „Schrobenhausener Gesundheits- und Umwelttage“ zu vereinen, wobei die die Teilbereiche Gesundheit und Umwelt gleichberechtigt nebeneinander stehen sollten.

    Die Argumente waren klar: Zahlreiche Gefahren für die Umwelt bedrohen auch die Gesundheit des Menschen – andererseits mag die Sorge um die eigene Gesundheit so manchen motivieren, sich näher mit Umweltschutz zu beschäftigen. Auch war man sich der Chance bewusst, die Bereiche Gesundheit und Umwelt in größere Zusammenhänge zu stellen. Es sollte nicht die klassische Schulmedizin im Vordergrund stehen, die es sich zur Aufgabe macht, Symptome zu kurieren. Gesundheit und Krankheit sollten in ganzheitlichen Zusammenhängen gesehen werden. In den Mittelpunkt rückte die Prävention mit Vorschlägen und Anregungen, wie man selbst mit Aktivität und Spaß zu einer gesunden Lebensweise und lebenswerten Umwelt beitragen kann. Dazu wollte man Denkanstöße geben und neue Wege aufzeigen.

    So gab es im Jahr 1994 noch deutlich mehr Resonanz, als die Organisatoren – vor allem wieder engagierte Bürger – zur Beteiligung an den ersten „Schrobenhausener Gesundheits- und Umwelttagen“ aufriefen. Man verlegte den Ausstellungsort in die Stadtmitte rund ums Rathaus und brachte wieder ein ausführliches Programm heraus. Von vornherein versuchte man, thematische Schwerpunkte zu setzen, um zu vermeiden, dass sich Themenstellungen alle zwei Jahre wiederholen. Um noch breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen und der Veranstaltung jegliches Außenseiterimage zu nehmen, einigte man sich dahingehend, eine bekannte Persönlichkeit als Schirmherrn zu gewinnen und die Eröffnung zu einem gesellschaftlichen Ereignis zu machen. Für diese Aufgabe konnte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer gewonnen werden. Zur Eröffnungsveranstaltung wurden nicht nur die üblicherweise eingeladenen öffentlichen Funktionsträger, sondern auch die interessierte Bevölkerung eingeladen – die große Resonanz mit 400 Besuchern gab den Veranstaltern recht. Für die „Gesundheits- und Umwelttage 1996“, deren Verlauf im folgenden näher geschildert wird, wollte man daher die Grundlinien dieser Veranstaltung beibehalten.

     

    Werbung und Programmgestaltung

    Menschen in unserer Gesellschaft werden Tag für Tag mit Informationen überhäuft und mit Werbematerial überschwemmt. Deshalb wollte man den Erfolg der Veranstaltung von Anfang an nicht dürftigen Faltblättern überlassen, die in Banken, Geschäften und bei Behörden ausliegen und vergleichsweise nur wenige Personen erreichen. Erfahrungen haben gezeigt, dass man Ausstellungen zwar gut durch die Presse und mit Plakaten bekannt machen kann, dass aber Vortragssäle oft leer bleiben, wenn man die Vortragsveranstaltungen nicht ausführlicher ankündigt. Um alle Veranstaltungen rund um die Gesundheits- und Umwelttage einem möglichst breiten Publikum nahezubringen, entschloss sich das Organisationsteam, ein ausführliches Programmheft zu erstellen und an alle Haushalte im Stadtgebiet und im Einzugsbereich der Stadt verteilen zu lassen. Alle Aussteller und Referenten wurden daher gebeten, ihren Themenbereich kurz und prägnant in wenigen Sätzen darzustellen. Viele der eingereichten Texte erwiesen sich als kompliziert, deshalb war es unerlässlich, die Texte redaktionell zu bearbeiten, stilistisch anzugleichen und allgemeinverständlich zu formulieren. Die Arbeit am 24seitigen Programmheft gestaltete sich somit zu einer der zeitraubendsten Arbeiten im Rahmen der Vorbereitungsarbeiten. Moderne Satz-, Druck- und Bindetechniken ermöglichten es, das Heft in einer Auflage von 18.000 Exemplaren zu drucken und an die Haushalte zu verteilen – und das bei Gesamtkosten von unter 9.000 DM.

     

    Inhalte und Schwerpunkte

    Da die Gesundheits- und Umwelttage wieder im Herbst stattfinden sollten – die Sommertermine sind häufig durch eine Fülle von Feiern und Veranstaltungen belegt – wurde das erste Rundschreiben im Februar versandt: Alle Teilnehmer der letzten Veranstaltung und zusätzliche Interessierte wurden persönlich eingeladen. Das sehr gut besuchte erste Treffen ließ hoffen, dass auch diesmal das nötige Engagement für eine erfolgreiche Veranstaltung vorhanden sein würde. Auch die zweiten Gesundheits- und Umwelttage sollten Schwerpunkte setzen, ohne die gesamte Bandbreite der Bereiche einzuengen. Man einigte sich auf die Themen „Natürliche Heilweisen“ auf dem Gebiet der Gesundheit und „Verkehr“ im Bereich Umweltschutz. Von vornherein wurde ein ausgewogenes Verhältnis von Ausstellungen und Vorträgen angestrebt. Die Zeit zwischen den einzelnen Vorbereitungstreffen wurde von den Teilnehmern genutzt, um Termine abzuklären, Referenten zu gewinnen oder sich Gedanken über das eigene Angebot zu machen. Die Diskussionsatmosphäre war von gegenseitiger Toleranz bestimmt, die Überparteilichkeit war Grundvoraussetzung und wurde auch von den in Parteien organisierten Teilnehmern vollkommen akzeptiert.

    Neben den klassischen Themen in den Bereichen Gesundheit und Umwelt wollte man diesmal noch bewusster Themen einbinden, die häufig weniger Beachtung finden oder gar tabuisiert werden, z. B. die Hospizbewegung oder der Umgang mit der Krankheit AIDS. Auch sollte der Blick über den Tellerrand gewagt werden, Umwelt und Gesundheit nicht zur deutschen Angelegenheit erhoben und auf deutsche Bevölkerung beschränkt werden. In diesem Sinne informierte die Dritte-Welt-Gruppe über fairen Handel und dessen positive Auswirkungen auf die Dritte Welt – auch auf die dortigen Gesundheits- und Umweltbedingungen. Der Ausländer-Inländer-Treff – eine lokale Initiative zur Förderung von gegenseitigem Verständnis und Toleranz – stellte sich durch internationale Schmankerl vor. Nicht zuletzt förderte das gutbesuchte Abendgebet der Religionen, das christliche und islamische Gläubige in einem gemeinsamen Gottesdienst vereinte, das gegenseitige Verständnis, die Achtung vor dem anderen. Es wäre mühsam, hier alle Themen aufzuzählen, stellvertretend für die gesamte Bandbreite werden in nebenstehender Rubrik die Titel aller Referate, Diskussionen und Aktionen genannt.

     

    Kernveranstaltung und Rahmenprogramm

    Die Kern- bzw. Hauptveranstaltung fand an einem Wochenende statt und bestand zum einen aus etwa 40 Ausstellungen und Informationsständen, zum anderen aus Aktionen und Vorträgen. Den Auftakt bildete auch diesmal eine Eröffnungsfeier in größerem Rahmen, zu der als Schirmherrin die bayerische Sozialministerin Barbara Stamm begrüßt werden konnte. Die Redebeiträge wurden durch Musik und Tanzvorführungen von Schülerinnen aufgelockert, anschließend gab es die Möglichkeit, bei gesundheitsbewusstem Buffet Gedanken auszutauschen und sich kennenzulernen.

    Der Samstag startete mit einem Biobauernmarkt, auf dem biologisch wirtschaftende Landwirte aus der Region ihre Produkte anboten. Die Aussteller konnten ihre Produkte oder Informationen am Samstag und Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr präsentieren. Etwa zwei Drittel der Aussteller konnte in Zelten untergebracht werden, für das restliche Drittel stellte die benachbarte Mädchenrealschule Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Erfahrung zeigt, dass die Besucher offene Räumlichkeiten wie Zelte eindeutig bevorzugen. Die Organisatoren nehmen an, dass die lockere Ausstellungsatmosphäre in Zelten weniger verbindlich wirkt und die Hemmschwelle für den daher Besucher niedriger ist. Alle Mitmachaktionen, die die Besucher zu Aktivitäten aufforderten, z. B. der „Parcours der Sinne“ des Gesundheitsamts oder die Rollstuhlaktion mit der Möglichkeit, die Erfahrungen in einem Rollstuhl nachzuempfinden, fanden großen Anklang. Kabarettistische Einlagen („Heilkunst im Mittelalter“) und Livemusik (von Akkordeonorchester bis zur Sambagruppe) lockerten die Atmosphäre auf. Da Gesundheit und Umwelt bekanntlich auch durch den Magen gehen, wurde für die Bewirtung vor allem Vollwertkost in phantasievollen Variationen angeboten – ganz nach dem Motto „mal etwas anderes probieren“, daneben auch ausländische Spezialitäten – außerdem Biere und Weine aus ökologischem Anbau. Organisiert wurde die Verpflegung vor allem von nichtprofessionellen Anbietern wie örtlichen Vereinen und Initiativen. Sitzmöglichkeiten luden zum Essen, Trinken, zum Ausruhen, zum Kennenlernen und zum Gedankenaustausch ein.

    Um das Ausstellungswochenende nicht mit zu vielen Vorträgen und Einzelveranstaltungen zu überfrachten, wurde der größere Teil der Vortragsveranstaltung in ein Rahmenprogramm gelegt, das sich über vier Wochen nach der Hauptveranstaltung verteilte. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil dieser Entzerrung war, dass die Gesundheits- und Umwelttage über Wochen Gesprächsthema blieben, was sich nicht zuletzt in der ausführlichen Berichterstattung der Lokalpresse widerspiegelte.

     

    Besucherresonanz

    Aussteller, Referenten und Sponsoren sind gleichermaßen an Besucherzahlen interessiert. Da alle Ausstellungen kostenlos zu besichtigen waren und daher auch keine Eintrittskarten verkauft wurden, lassen sich die Besucher hier nur schätzen.

    Etwa vier- bis fünftausend Besucher mögen die Ausstellungen in den Zelten und den Schulräumen besucht haben – für eine Kleinstadt eine sehr beachtliche Resonanz. Das Ausstellungswochenende zeigte jedoch auch deutlich, dass Quantität nicht der einzige Maßstab ist, nach dem man den Erfolg einer Ausstellung beurteilen sollte. Termin und Ort der Ausstellung waren nämlich diesmal so gewählt worden, dass sie auch zeitgleich mit der am Sonntag in unmittelbarer Nachbarschaft abgehaltenen Herbstdult („Jahrmarkt“) stattfand, zu der jedes Jahr auch  zahlreiche Besucher aus dem Umland erwartet werden – selbst bei schlechter Witterung. So konnte man auch Bevölkerungs- schichten erreichen, die wegen der Gesundheits- und Umwelttage allein nicht in die Stadt gekommen wären. Bei der Abschlussdiskussion stellte sich jedoch heraus, dass mehrere Aussteller die Resonanz am dultfreien Samstag positiver einschätzten, weil hier eher das speziell am Thema interessierte Publikum kam und es zahlreiche interessante Einzelgespräche gab. Am Sonntag hingegen – mit weit mehr Besuchern – herrschte eher Massenbetrieb, der intensivere Kontakte eher behinderte. Trotzdem war die Mehrheit der Aussteller dafür, die nächste Veranstaltung wieder am Dultwochenende zu planen.

    Einen genaueren Überblick haben die Veranstalter über die Besucher an Aktionen und Vortragsveranstaltungen. Manchen Veranstaltern oder Referenten war von vornherein klar, dass sich ihre Vorträge oder Diskussionen nur an ein kleines Publikum richten würden, so dass auch 20 bis 30 Besucher durchaus als Erfolg gesehen wurden. Der überwiegende Teil der Veranstaltungen hatte dagegen 40 bis 60 Besucher, auch hier eine erfreulich positive Resonanz. Als besonders erfolgreich stellte sich der Vortrag über Knochenverschleiß (170 Zuhörer) und der Tag der offenen Tür bei der Papierfabrik Leinfelder (etwa 500 Teilnehmer) heraus. Mit insgesamt etwa 2.000 Gesamtbesuchern von Vortragsveranstaltungen und Aktionen können die Veranstalter sehr zufrieden sein.

     

    Die Beteiligung der Schulen

    Wie schon bei der Veranstaltung zwei Jahre zuvor wurden die Schrobenhausener Schulen von vorneherein miteinbezogen.  Schulleiter aller Schulen sowie interessierte Lehrer wurden eingeladen, die Gesundheits- und Umwelttage mit einem geeigneten Unterrichtsprogramm zu begleiten. Fast alle Schulen ließen sich begeistern und nahmen die Möglichkeit wahr, in den Wochen nach der Hauptveranstaltung Aktionen und Unterrichtseinheiten durchzuführen. Im folgenden sollen nur einige repräsentative Beispiele der Unterrichtsgestaltung erwähnt werden: In der Grundschule startete die Aktion „Gesundes Pausenfrühstück“ sowie eine Buchausstellung zum Themenkreis Gesundheit und Umwelt. Die Hauptschule widmete einen Aktionstag dem Themenkreis Drogen, die Mädchenrealschule beteiligte sich an der Eröffnungsveranstaltung und führte das Projekt Schulhofbegrünung fort, die Knabenrealschule beschäftigte sich mit ökologischen Fragen wie nachwachsenden Rohstoffen und Wärmedämmung, im Gymnasium entstanden Arbeitsgruppen zu alternativen Energieformen. Insgesamt also sehr ermutigende Ergebnisse, vor allem vor dem Hintergrund sich ausbreitender Umwelt- und Zukunftsängste bei Kindern und Jugendlichen, denen mit Aufklärung und aktivem Handeln entgegengewirkt werden kann.

     

    Kosten, Zuschüsse, Sponsoren

    Die Stadt Schrobenhausen hatte die Trägerschaft für die Gesundheits- und Umwelttage übernommen und musste natürlich einen entsprechenden Anteil an den Gesamtkosten tragen. Die angespannte Haushaltslage der Stadt erlaubte es nicht, aus dem vollen zu schöpfen. Von vorneherein war klar, dass die Kosten möglichst niedrig gehalten werden mussten. So versuchte man, überall dort Kosten zu sparen, wo keine qualitative Beein- trächtigung zu befürchten war. Da sich die Veranstaltung nicht nur an die Bürger der Stadt, sondern auch die des Umlandes richtete, war auch der Landkreis bereit, einen Zuschuss zu gewähren. Ein Spendenaufruf an Schrobenhausener Firmen und Privatpersonen brachte zusätzlich Geld in die Kasse. Auch die örtlichen Banken unterstützten die Veranstaltung großzügig, nicht zuletzt, indem sie ihre Räumlichkeiten für zahlreiche Vorträge kostenlos zur Verfügung stellten.

    Stand- bzw. Platzgelder wurden nicht erhoben. Zum einen handelte es sich zum Teil um nichtprofessionelle Aussteller, andere Aussteller hätte man mit hohen Standgebühren eher verschreckt. Dafür wurden auch alle Unkosten für den Aufbau der Stände und für Transport von den Ausstellern selbst übernommen. Für die Ausstellungszeit schloss die Stadt Schrobenhausen eine Ausstellungsversicherung ab, da vor allem bei technischen Geräten sehr schnell hohe Sachwerte zusammenkommen. Auch die meisten Referenten waren bereit, die Schrobenhausener Gesundheits- und Umwelttage dadurch zu unterstützen, dass sie sich kostenlos oder doch kostengünstig zur Verfügung stellten. So konnten die Gesundheits- und Umwelttage 1996 mit einem Gesamtetat von etwa 30.000 DM abgeschlossen werden. Eine Grobschätzung zeigt, dass etwa ein Viertel des Gesamtetats auf Programm und Verteilung, ein weiteres Viertel auf Aufbau und Nutzung der Zelte entfiel, der Rest teilte sich auf die vielen kleineren Ausgaben auf. Von den Gesamtkosten trug etwa die Hälfte die Stadt Schrobenhausen, etwa ein Viertel der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, das letzte Viertel wurden über Spenden finanziert.

     

    Erfolge und Kritik

    Schon während der Hauptveranstaltung und dann im Verlauf des Rahmenprogramms kristallisierte sich eine positive Grundstimmung bei Ausstellern und Referenten heraus. Ein detailliertes Urteil wurde nach Abschluss des Gesamtprogramms mit Hilfe eines Fragebogens ermittelt, der allen Beteiligten vorgelegt wurde. Gefragt wurde etwa nach der Zufriedenheit mit der Besucherresonanz und dem Gesamtablauf, auch sollte Kritik geäußert, sollten Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Wie bei einer Veranstaltung dieses Ausmaßes nicht anders zu erwarten, gab es einige Aussteller und Referenten, die von der Resonanz eher enttäuscht waren, wobei vielleicht mangelnde Vorbereitung, falsche Themenstellung, falscher Zeitpunkt oder Veranstaltungsort eine Rolle spielten. Die große Mehrheit der Veranstalter war jedoch zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Ein Referent drückte die Grundstimmung so aus: „Die Begeisterung der Organisatoren hat angesteckt.“

    Was von den einzelnen Beteiligten als Erfolg gewertet wurde, ist natürlich unterschiedlich: Firmen sehen den Erfolg darin, ob es gelang, ihre Produkte einem größeren Publikum nahezubringen. Ebenso messen Vereine und Initiativen daran, wie groß das Interesse der Besucher an ihrer Arbeit war. Als Gesamtorganisator setzt man auch noch andere Maßstäbe, beurteilt die Gesamtwirkung auf die öffentliche Meinung und auf politische Entscheidungsträger.

    Die Gesamtresonanz in der Öffentlichkeit war fast ausschließlich sehr positiv, was sich nicht nur in zahlreichen persönlichen Gesprächen ausdrückte, sondern auch in der sehr ausführlichen Berichterstattung der lokalen Presse. So waren die Veranstaltungen der Gesundheits- und Umwelttage über Wochen hinweg Tagesgespräch und auch in den Schlagzeilen der Schrobenhausener Zeitung zu finden. So wurden über die Zeitung auch noch all jene informiert, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht den Weg zu den Ausstellungen und Vorträgen fanden.

    Die große Resonanz bei Bevölkerung und Presse bleibt natürlich auch im Kommunalparlament nicht ungehört. So wurde die Stellung der Stadträte, die als Referenten die Bereiche Umwelt und Energie sowie Gesundheit und Soziales betreuen, im Stadtgremium gestärkt – nicht zuletzt auch dank ihres überdurchschnittlichen Engagements im Rahmen der Gesundheits- und Umwelttage. Durch die breite Resonanz, die die Themen Gesundheit und Umwelt nun zum wiederholten Mal in der Öffentlichkeit hatten, fällt es den Stadträten nun wohl auch leichter, positive Entscheidungen für Umwelt und Gesundheit im lokalen Rahmen zu treffen.

    War ein Hauptziel der Veranstalter, tausendfach Denkanstöße zu geben, so ist dieses Ziel bei mehr als 6.000 Gesamtbesuchern sicherlich erreicht. Nicht zu unterschätzen sind auch die vielen kleinen Erfolge im persönlichen Bereich, z. B. die zahlreichen Anregungen und Gespräche, auch über eingefahrene gesellschaftliche Grenzen hinweg; die Zeit, sich Themen zu widmen, mit denen man sich immer schon mal beschäftigen wollte – oder die Erfahrung, dass man mit seinen Zielen nicht allein dasteht. Die Aktivitäten wirken in Teilbereichen weiter: So hat sich bei den Gesundheits- und Umwelttagen eine Gruppe Gleichgesinnter zusammengetan und ein Bürgerprojekt ins Leben gerufen, das sich im kommunalen Bereich für umweltfreundliche Energien starkmachen will. Eine weitere Initiative will eine Hospizbewegung in Schrobenhausen ins Leben rufen.

    Letztendlich haben die Beteiligten die Erfahrung gemacht, dass das Engagement von Bürgern öffentliche Wirkung zeigen kann, dass es gelingt, Einfluss zu nehmen, Erfolge zu erzielen, Veränderungen voranzutreiben – kurz: Politik zu machen. Deshalb war man sich in der Schlussbesprechung auch einig, die Gesundheits- und Umwelttage in zwei Jahren in bewährter Form wieder abzuhalten.

     

    Max Direktor




    Der Maler und Künstler Viktor Scheck

    Viktor Scheck gehört sicher zu den bekanntesten  Künstlern der Region Ingolstadt. Wir zeigen hier den Katalog seiner aktuellen Ausstellung, die vom 14. Januar bis 5. Februar 2023 in der Harderbastei in Ingolstadt zu sehen war. Außerdem den neu erschienenen Werkkatalog, der Arbeiten von 1970 bis 2022 enthält.

    Kurzbiographie

    • 1952 in Schrobenhausen geboren
    • 1975-1980 Studium Grafik Design an den Fachhochschulen in Augsburg und München
    • 1981 freischaffender Maler und Zeichner
    • 1987 Kunstpreis der Stadt Schrobenhausen
    • Seit 1982 zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland zum Thema Landschaft
    • Seit 1999 wohnhaft in Neuburg
    • 1998-2018 Geschäftsführer des Berufsverbandes Bildender Künstler für die Region Ingolstadt und Oberbayern -Nord
    • 2010-2016 Koordination und Leiter der im zweijährigen Rhythmus veranstalteten Kunstmesse Ingolstadt.

    Nähere Infos zu Viktor Scheck, auch über seine realisierten Projekte im Bereich „Kunst und Bauen“, finden Sie:

    • im hier präsentierten Ausstellungskatalog
    • auf Wikipedia hier
    • auf seiner eigenen Homepage hier

    Viktor Scheck über seine Bilder

    „Meine Bilder erzählen meine Geschichte und verweisen auf meine kulturelle Herkunft. Der Betrachter macht aus meinen Bildern seine eigene Geschichte.

    Wenn Sie vor einem Bild von mir stehen, sehen Sie ‚Ihr Bild‘, nicht mein Bild.

    Ihre persönliche Geschichte und Ihre kulturelle Herkunft entscheiden darüber, was Sie sehen und wie Sie das Gesehene interpretieren.

    Darin liegt der Zauber und die Verführungskraft der Malerei.“

     

    Ausstellung von Viktor Scheck in der Harderbastei in Ingolstadt 2023

     

    Titelseite des Ausstellungskatalogs

    Sie können den Katalog als PDF hier von unserer Homepage herunterladen.

     

     

    Titelseite des Werkkatalogs 1970 – 2022

    Den Katalog seiner Werke können Sie hier herunterladen.




    HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst – eine Buchempfehlung

    HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst gehören zu den interessantesten Themen der neueren Schrobenhausener Geschichte. Der Langenmosener Wolfgang Haas hat darüber ein Buch verfasst, das wir jedem geschichtlich Interessierten empfehlen möchten. Zusammen mit dem Autor planen wir auch einen umfangreicheren Beitrag auf unserer Website.

    Das geheimnisvolle Werk

    Jahrzehnte lang war das Werk im Hagenauer Forst bei Schrobenhausen von Geheimnissen umwittert, viele Gerüchte waren im Umlauf, man wusste aber nichts Genaues. Die Geheimhaltung war strengstens geregelt, handelte es sich doch um den Bau und Betrieb eines Rüstungsunternehmens, errichtet im Zusammenhang mit der gewaltigen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung der Nationalsozialisten.

    Erstes Licht in die Angelegenheit brachte Kreisheimatpfleger Bernhard Rödig schon in den 1990er Jahren. Wolfgang Haas, der 40 Jahre bei der heute hier ansässigen MBDA und ihren Vorgängerfirmen gearbeitet hat, hat sich die Erforschung der Geschichte dieses Industriestandorts praktisch zu einer zweiten Lebensaufgabe gemacht.

    Kurz zusammengefasst

    „HIAG“: unter diesem Tarnnamen errichtete der Bauherr der Fabrik – die Abkürzung steht für „Holzverkohlungs-Industrie AG“ – zwischen 1938 und 1942 Fabrikgebäude im Hagenauer Forst, der damals noch gemeindefreies Gebiet war.

    „PARAXOL“: Nach der Fertigstellung der Anlagen produzierte der Betrieb unter dem Namen „PARAXOL GmbH“ von 1942 bis 1945 Pentaerythrit, ein weißes, unscheinbares Pulver, ein Sprengstoff-Vorprodukt, das in anderen Firmen zu militärischem Sprengstoff weiterverarbeitet wurde. PARAXOL war ein Teil der Firma Degussa und hatte mehrere Betriebsstätten in Deutschland. Die Degussa,  gegründet 1873 als Deutsche Gold- und Silber-Scheide-Anstalt, spezialisierte sich später auf Industriechemikalien und war wie viele andere Unternehmen fest in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft verstrickt.

    Nach dem Krieg

    Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde die Fabrikanlage demontiert, sie wurde in Südfrankreich in der Nähe von Toulouse wieder aufgebaut und produzierte dort bis zum Jahre 1980. Nach dem Krieg zogen Flüchtlinge in das „Lager Paraxol“ ein, das auch eine eigene Schule hatte. Im Jahr 1958 pachtete die Rüstungsfirma Ludwig Bölkow Apparatebau aus Ottobrunn das Gelände, im Jahr 1968 entstand daraus die Firma Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB). Heute ist das Industriegebiet Hagenauer Forst Hauptsitz des Rüstungsunternehmens MBDA Deutschland.

    Heute finden wir innerhalb und außerhalb des Firmengeländes noch verwitterte Betonruinen. Viele Fabrik- und Bürogebäude haben die Zeit überdauert und werden auch heute noch genutzt.

    Ein Buch entsteht

    Wolfgang Haas, selbst 40 Jahre bei der MBDA und den Vorläuferfirmen beschäftigt, hat sich schon immer für die Geschichte des geheimnisvollen Werks im Wald interessiert. Viele Jahre hat er alle Informationen zusammengetragen, keine Mühen gescheut, Zeitzeugen befragt, Dutzende Archive besucht und angeschrieben: Firmenarchive und staatliche Archive, nicht zuletzt auch Archive in Frankreich, Polen, England, den Niederlanden und den USA. Sogar in den Archiven des US-Geheimdienstes CIA waren Dokumente zu finden. Schon früh begann er, seine Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, zum Beispiel in Vorträgen für die VHS Schrobenhausen.

    Schließlich hat er seine Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst, das im Selbstverlag erschienen ist. Doch die Neugier nahm kein Ende und so wurden laufend weitere interessante Dokumente aufgespürt. Sie verschwanden nicht im Schreibtisch, sondern wurden immer wieder in die Buchpublikation eingearbeitet, so dass 2024 bereits die 10. Auflage des Werks erscheinen konnte. Nur wenige Publikationen behandeln ein Thema derartig umfassend in allen Aspekten: vom Bau und Betrieb der Anlage über die komplizierten chemischen Prozesse der Herstellung bis zur geschichtlichen Einbindung in die Aufrüstung der Nationalsozialisten.

    Beantwortet werden unter vielen anderen folgende Fragen:

    • wie sind HIAG und PARAXOL entstanden
    • was ist Pentaerythrit
    • welche chemischen Verfahren wurden angewendet
    • welche Funktionen hatten die einzelnen Gebäude
    • wie schwierig war die Wasserversorgung aus der Paar
    • wie erfolgten Anlieferung und Versand über den eigenen „Paraxol-Bahnhof“
    • wie viele Zwangsarbeiter wurden beschäftigt
    • warum wurde das Werk nur leicht bombardiert
    • was geschah nach dem Einmarsch der Amerikaner

    Wolfgang Haas würdigt im Vorwort auch die Verdienste von Bernhard und Barbara Rödig, ohne deren Forschungen und Unterstützung seine eigene Forschungsarbeit vielleicht nie in Gang gekommen wäre.

    Sehr viel Information für nur 13 Euro

    Wolfgang Haas: „Was waren HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst Schrobenhausen“. Das Werk ist im Eigenverlag erschienen, umfasst 168 Seiten im Format DIN A 4, enthält über 200 Fotos, Bilder und Originaldokumente und ist durchgehend vierfarbig gedruckt. Derzeit ist die 2024 erschienene 10. Auflage des Buchs erhältlich.

    Es kann zum Selbstkostenpreis von 13 Euro nur direkt vom Autor bezogen werden:

    Wolfgang Haas
    Goethestraße 5
    D-86571 Langenmosen
    Tel 08433 – 536
    Mail: haas.la@neusob.de