Hörzhausenen (II): Geschichte auf einen Blick

Einleitung

Hörzhausen – heute ein Ortsteil der Stadt Schrobenhausen – war von 1818 bis 1972 eine selbstständige Gemeinde mit den Ortsteilen Hörzhausen, Halsbach und Mantelberg.

Im Folgenden zunächst ein Grundgerüst der Hörzhausener Geschichte, das vor allem neugierig machen soll. Wir werden immer wieder neue – ausführlichere – Beiträge einstellen. Im Mittelpunkt steht der Ort Hörzhausen, doch wird auch die Geschichte von Halsbach und Mantelberg miteinbezogen.

Wir versuchen, die Gemeindegeschichte mit  Ereignissen der überregionalen Geschichte zu verbinden. Viele ortsbezogene Zusammenhänge sind auch für andere Gemeinden interessant.

Wir sammeln die Beiträge auf unserer Homepage unter der Kategorie „Hörzhausen“ und verlinken sie untereinander.


Vor- und Frühgeschichte

Wenn noch keine schriftlichen Quellen vorhanden sind, müssen wir unser Wissen aus Bodenfunden schöpfen. Zusammenfassende archäologische Arbeiten über Hörzhausen existieren nicht. Der Heimatforscher Georg August Reischl (1895-1972) hat sich immer wieder mit – auch Hörzhausener – archäologischen Funden beschäftigt. Viele Funde, so berichtet er, seien verschollen oder gar nicht erst als bedeutsam erkannt worden, auch aus der Zeit des Bahnbaus.

 

Steinbeil aus der Jungsteinzeit von Gut Mantelberg (aus der Chronik von Mantelberg von Georg August Reischl)

 

Dabei gäbe es sehr viel zu entdecken. Die „Liste der Bodendenkmäler“ berichtet uns über Hörzhausen von prähistorischen Siedlungen, möglicherweise bis in die Jungsteinzeit zurück, also einige hundert bis einige tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung. Auch für das Hoch- und Spätmittelalter warten weitere Fragen auf Antwort: zum Beispiel Lage und Umfang der mittelalterlichen Burg, Vorgängerkirchen zu St. Peter und St. Martin.

Zur Liste der Bodendenkmäler auf Wikipedia geht es hier. Über die Anmerkungen geht es zu den Situationsplänen.

Möglichst viele dieser Fragen zu beantworten, wäre Thema für einen Archäologen / eine Archäologin. Dazu müssten viele bereits vorhandene Informationen zusammengetragen werden, zum Beispiel aus dem Stadtarchiv. Interpretiert werden müssten die zahlreichen Funde des Forschers Bernhard Rödig, von denen sich Fotos im Stadtarchiv befinden. Das alles müsste zusammengeführt werden mit den Erkenntnissen des Landesamts für Denkmalpflege, wobei auch Luftbilder oder Reliefkarten eine Rolle spielen können. Ergebnisse wären auch von Bedeutung für den gesamten Schrobenhausener Raum – und darüber hinaus.

Vielleicht finden wir auf diesem Weg einen Autor / eine Autorin, der sich mit diesen spannenden archäologischen Fragen beschäftigen möchte.


Ortsnamen und Erstnennungen

Die  zunehmenden schriftlichen Überlieferungen bringen auch die ersten urkundlichen Nennungen unserer Orte zu Tage. Oft lassen sich frühe Nennungen nicht jahresgenau datieren. Für den früheren Landkreis Schrobenhausen gibt es ein „Historisches Ortsnamenbuch“, dem wir hier folgen. In den Jahren zwischen 887 und 895 ist ein Grundstückstausch des Edlen „Egilbert ad Heridioshusun“ nachgewiesen, der Ortsname Hörzhausen wird als Zusammensetzung des Personennamens Herideo und Haus erklärt. In den Jahren zwischen 1140 und 1150 wird Ortsadel in „Haelsbach“ erwähnt, mit einer späteren Nennung als „Haholtzpach“ kann der Ortsname als Siedlung am „Bach eines Haholt“ gedeutet werden. Und schließlich wird im Jahr 1192 „Mandelbuhele“ erwähnt, eine Siedlung an einem Hügel oder Berg mit „Manteln“, das heißt Föhren. Ob alle diese Erstnennungen und Datierungen auch neueren Forschungen standhalten, müsste geklärt werden.

Friedrich Hilble / Cornelia Baumann-Oelwein: Landkreis Schrobenhausen, München 1996 (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern, Oberbayern, Band 5)


Mittelalter – Grafschaft, Klostergründer, Kirchen

Hörzhausen im Mittelalter ist nur zum Teil erforscht. Die Überlieferung an schriftlichem Material ist im Vergleich zu heute gering, umso mehr gilt es, diese wenigen Urkunden abgewogen zu interpretieren – eine Aufgabe, die noch der Bearbeitung wartet. Auch archäologische Informationen aus dieser Zeit gibt es nicht zusammenfassend. Hier einige grundlegende Informationen.

 

1011 – Grafschaft Hörzhausen

Im Jahr 1011 stellt König Heinrich II. dem Nonnenkloster Kühbach eine Urkunde aus, er verleiht darin unter anderem das Recht, Äbtissinnen und Vogt zu wählen. Das Kloster lag laut Urkunde „in comitatu Herteshusa“ – also in der Grafschaft Hörzhausen. Es gibt unterschiedliche Vermutungen, wie diese Grafschaft an der mittleren Paar ausgesehen haben könnte. Ein spannendes Thema, sich näher damit zu beschäftigen.

 

1192 Gottfried – Mitgründer des Klosters Indersdorf

Recht gut informiert sind wir aber über Gottfried von Hörzhausen, der im Jahr 1192 seinen Besitz zu Hörzhausen dem Kloster Indersdorf schenkt. Er zählt damit zu den wichtigen Gründern des Augustiner-Chorherrenstifts. Er ist in Indersdorf begraben, ein Bild im rechten Seitenschiff der Klosterkirche würdigt den Gründer durch ein Gemälde – wie ihn sich der Maler Mitte des 18. Jahrhunderts vorgestellt hat. Gottfried besaß wohl eine „Turmhügelburg“ – archäologisch wäre interessant, wo sie sich befunden und wie sie vielleicht ausgesehen hat.

Wilhelm Liebhart: Das Augustiner-Chorherrenstift Indersdorf als Grundherr im alten Landgericht Aichach, in: Altbayern in Schwaben 2013

Godefredus von Hörzhausen in der Indersdorfer Klosterkirche (rechtes Seitenschiff)

 

Kirchen

Wenig bekannt ist über die Baugeschichte der heutigen Pfarrkirche St. Martin in Hörzhausen. Netzgewölbe und Strebepfeiler im Chor deuten auf einen spätgotischen Bau des 15. Jahrhunderts. Das Kirchenschiff wurde zunächst Mitte des 18. Jahrhunderts erweitert, die heutige Form erhielt es durch eine neue Erweiterung  im Jahr 1874.

Am östlichen Ende des Dorfes stand früher das sogenannte „Peterskirchlein“, dessen Entstehung weit ins Mittelalter zurückreicht. Weil es sehr baufällig war und keine Mittel vorhanden waren, wurde es Ende des 18. Jahrhunderts abgetragen. Der weiter unten erwähnte Plan aus dem Jahr 1784 zeigt seine genaue Lage.


Dorfgmain in der Frühen Neuzeit

Vor der Gründung der modernen politischen Gemeinde gab es wenig allgemein verbindliche Regelungen in dörflichen Angelegenheiten, die Unterschiede von Dorf zu Dorf waren groß. Allgemein spricht man von der „Dorfgmain“, die bestimmte Angelegenheiten des Dorfes regeln konnte. Darunter gehören alle Wege- und Flurangelegenheiten, die Handhabung der Nutzungsrechte am Gemeindebesitz oder die Stellung der Dorfsrechnungen. Zuständig waren insbesondere die „Vierer“, in der Regel vier Dorfmitglieder. Namen kennen wir aus den Hörzhausener „Dorfsrechnungen“, die von 1653 bis 1674 überliefert sind und die sich nach langer Irrfahrt inzwischen im Schrobenhausener Stadtarchiv befinden. Für das Jahr 1660 sind für Hörzhausen folgende Vierer überliefert: Bartholomee Gebhardt, Christoph Wagner, Bartholomee Khoboldt und Hanns Gross.

 

Hörzhausener Dorfrechnung von 1660 (Stadtarchiv Schrobenhausen)

 


Hörzhausen 1700-1800

1701 – Sitz Hörzhausen

Der bayerische Kupferstecher und Topograph Michael Wening beschreibt im Jahr 1701 unter „Hertzhausen“ einen „Adeligen gefreiten Sitz“ mitten in der Ortschaft und von einem Weiher umgeben. Die Geschichte des Edelsitzes reicht bis ins Mittelalter zurück. Ein Plan von 1784 zeigt, dass er sich in unmittelbarer Nähe der Untermühle befand und der Grundbesitz nur noch gering war. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kauft der Untermüller das kleine Schlösschen und bricht es ab.

 

1706 – die ersten Hörzhausener Höfe im Bild

Vier Hörzhausener Höfe gehörten zur Hofmark Haslangkreit, darunter auch die Obermühle. Anlässlich einer Vormundschaft wird im Jahr 1706 ein „Grundt Rüs“ der Hofmark Haslangkreit erstellt, ein außergewöhnlich attraktiver Band, der sich im Stadtarchiv Schrobenhausen befindet. Neben genauen Hofbeschreibungen sind hier alle Höfe mit kleinen Zeichnungen festgehalten, auch die vier Hörzhausener Höfe, darunter die Obermühle  – die ältesten Abbildungen aus dem Dorf. Ein Vergleich zeigt, dass der Geometer hier nicht stilisiert hat, sondern sich die Skizzen wohl an der Realität orientierten.

Die Hörzhausener Obermühle im Jahr 1706 in einem Band der Hofmark Haslangkreit (Stadtarchiv Schrobenhausen)

 

1716 – Schutzengelkirche Halsbach

Im Jahr 1716 wurde in Halsbach das Schutzengelkirchlein als Stiftung des in Halsbach geborenen und in Hörzhausen tätigen Pfarrers Paul Eller (1665-1741) erbaut. Nach einem Jahrhundert war die Kirche in schlechtem Zustand, nach Diskussionen um Sanierung oder Neubau bekam der Schrobenhausener Maurermeister Joseph Lenbach, der Vater des Malerfürsten Franz von Lenbach, den Auftrag für einen Neubau. Der konnte 1826 fertiggestellt werden und war der alten Kirche weitgehend nachgebaut.

Marianne Sammer / Paul Hoser: Schutzengelverehrung im altbayerischen Halsbach. Stifter, Kirche, Bruderschaft, Benefiziaten und ihr Alltag, Hörzhausen 2005 (Pfarrei St. Martin)

 

1752 – Güterkonskription

Bis 1848 waren die meisten Bauern grundherrlich gebunden, das heißt sie waren Grunduntertanen eines Grundherrn. Bauern konnten nicht frei über ihren Hof verfügen und mussten dem Grundherrn Abgaben leisten. Die Güterkonskription von 1752 war eine flächendeckende Erfassung aller Höfe im Kurfürstentum Bayern und zeigt für Hörzhausen, wie vielfältig grundherrliche Beziehungen damals waren. Insgesamt 14 Grundherren sind nachgewiesen, viele nur mit ein oder zwei Höfen. Größter Grundherr war das Kloster Indersdorf mit insgesamt 24 Höfen (darunter auch die Untermühle und der Hof Mantelberg), dem Landesherrn gehörten 8 , der Hofmark Haslangkreit 3 Höfe. Weitere Höfe besaßen die Hofmarken Haslangkreit, Sandizell, Steingriff und die Kirche Hörzhausen. Selbsteigen waren 12 Höfe.

 

1784 – ein Plan gibt viele Geheimnisse preis

Im Jahr 1783 wurde das Chorherren-Stift Indersdorf mit päpstlicher Genehmigung durch Kurfürst Karl-Theodor aufgelöst, das Vermögen, damit auch alle grundherrlichen Rechte, an das Münchner Liebfrauenstift übertragen, das kirchlich auch für die Münchner Frauenkirche zuständig war. In diesem Zusammenhang wurden alle Besitzungen des Klosters nach Landgerichten erfasst.

Diese aufwendig und in Farbe gestalteten Bände befinden sich im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München. Der Band „Grundbeschreibung der zum Stifte Indersdorf gehörigen Unterthanen im Kurfürstlichen Landgericht Schrobenhausen“ gibt einen tiefen Einblick in einen Teil des Dorfes Hörzhausen, beschreibt Höfe, Felder und Wiesen, die Lage des Edelsitzes und des Peterkirchleins. Wir sehen auch die großen sozialen Unterschiede und finden bereits viele Hausnamen, die es heute noch gibt.

 

Das Hauptstaatsarchiv hat uns die Genehmigung erteilt, den Dorfplan hier zu veröffentlichen. Wir werden ihn ausführlich kommentieren. Wir wollen noch nicht zu viel verraten, man darf gespannt sein.

 


Hörzhausen 1800-1918

Die Zeit um 1800 ist für Bayern voller grundlegender Umbrüche: Im Zeitalter der Napoleonischen Kriege verbündet sich Bayern mit Napoleon. Säkularisation und Mediatisierung (1802-1806) – die Auflösung der Klöster sowie die Eingliederung der bislang direkt dem Reich unterstandenen Territorien wie der Hochstifte oder Reichsstädte – führen zu einem enormen Besitz- und Gebietszuwachs für das Kurfürstentum. Für Hörzhausen bedeutet das: Alle Untertanen des ehemaligen Klosters Indersdorf werden nun landesherrliche Untertanen. Im Jahr 1806 erlischt das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, Bayern wird in diesem Jahr „Königreich“. Unter den zahlreichen Reformen finden wir auch die Bildung einer modernen Gemeinde.

 

1818 – Gemeindebildung

Als Geburtsstunde der modernen Gemeinde in Bayern gilt das Jahr 1818. In diesem Jahr wurde ein Gemeindeedikt erlassen, das den neu gebildeten Gemeinden genau definierte Aufgaben übertrug. Die Gemeinde Hörzhausen wurde gebildet aus den Dörfern Hörzhausen (88 Familien), Halsbach (15 Familien) und dem Hof Mantelberg (1 Familie). In dieser Form existiert die Gemeinde bis 1972. Die ländlichen Gemeinden hießen bis 1834 Ruralgemeinden, dann Landgemeinden. An der Spitze einer Landgemeinde stand der „Gemeindevorsteher“, erster Gemeindevorsteher der neu gebildeten Gemeinde ist der Gütler Thomas Rail aus Hörzhausen.

 

 

Beschlüsse werden von zwei verschiedenen Gremien gefasst: zum einen vom Gemeindeausschuss, der dem heutigen Gemeinderat ähnlich ist, zum anderen von der Gemeindeversammlung, der Versammlung der „wirklichen Mitglieder der Gemeinde“, wie die Gemeindebürger noch genannt wurden. Gemeindemitglieder in diesem Sinne waren nur – männliche – Bewohner, die zu einer Steuer veranlagt wurden, Inwohner wie Dienstboten und Arme waren von der Mitwirkung ausgeschlossen. Die Gemeindeversammlung musste zum Beispiel einberufen werden, wenn es um finanzielle Angelegenheiten der Gemeinde ging.

Wichtige Aufgaben der Gemeinden waren die Verwaltung des Gemeindevermögens, die Aufnahme von Bürgern, die Mitwirkung bei der Zulassung von Gewerben und Schulangelegenheiten, die Armenpflege sowie die Ortspolizei.

 

1821  Bau der ersten Schule

Im Jahr 1802 wird in Bayern die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Auch vorher wurde in Hörzhausen schon Schule gehalten. Im Jahre 1821 wurde ein „Schul- und Mesnerhaus“ erbaut. Im Erdgeschoss wohnte der Lehrer, das Lehrzimmer befand sich im ersten Stock. Da der Lehrer zugleich als Mesner tätig war, übernahm die Pfarrkirchenstiftung drei Viertel der Kosten, die Gemeinde trug ein Viertel. Als ständiges Gehalt nahm der Lehrer jährlich 109 Gulden an Schulgeld ein, als Mesner verdiente er 132, als Cantor 10 und als Gemeindeschreiber 3 Gulden. Mit der „Special-Schul-Statistik“ der Landgemeinde Hörzhausen 1833 erhalten wir sehr umfangreiche Informationen über das Hörzhausener Schulwesen: über Schulhausbau, Schülerzahlen, Klassen, Unterricht, Lehrerbesoldung – wir werden noch näher darauf eingehen. Da die Schülerzahl wuchs, musste im Jahr 1880 ein neues Schulhaus gebaut werden. Der weitere Neubau aus dem Jahr 1912 beherbergt heute den Kindergarten.

 

Special-Schul-Statistik der Landgemeinde Hörzhausen 1833

 

1848 – Aufhebung der Grundherrschaft.

Jahrhundertelang waren die meisten Bauern einem Grundherrn verpflichtet, im Jahr 1848 wird diese Grundherrschaft aufgehoben. Die Bauern werden nun Alleineigentümer ihres Hofes, sie müssen dafür jedoch eine nicht unbeträchtliche Ablösesumme zahlen. Da diese Summen für viele Bauern zu hoch waren, wurden sie in Bodenzinszahlungen umgewandelt, die oft noch Jahrzehnte lang die Höfe belasteten.

 

1862 – Gericht und Verwaltung werden getrennt.

Die Aufgaben der alten Landgerichte werden aufgeteilt: Verwaltungsaufgaben übernehmen die Bezirksämter (ab 1939 Landratsämter genannt), für die Beurkundung von Verträgen werden die Notariate gegründet. Hörzhausen korrespondiert also in Verwaltungsangelegenheiten mit dem „Koeniglichen Bezirks-Amt Schrobenhausen“, für die Beurkundung von Verträgen sind Notare in Schrobenhausen zuständig. Das Landgericht Schrobenhausen (ab 1879 Amtsgericht) übt die Rechtsprechung aus.

 

 

1868 – Gewerbefreiheit

Bis zu diesem Jahr war der Zugang zu gewerblichen Tätigkeiten in Bayern stark eingeschränkt, zunächst von Zünften reguliert, später nur durch Konzession zum Beispiel des Landgerichts möglich. Ab 1868 werden Gewerbeausübungen in Bayern weitgehend freigegeben. Gemeinden führen nun Gewerbe-Anmelderegister. Für Hörzhausen sind diese Register ab dem Jahr 1887 überliefert. Die erste Anmeldung vom Februar 1887 lautet: „Zeislmaier, Nikolaus, Hörzhausen Haus Nr. 62, Kleinkrämerei, Mehl- und Brothandel, ohne Gehilfen“.

 

1869 – Neue Gemeindeordung

Diese neue Gemeindeordnung bringt viele Neuerungen. Um sich in Gemeindeangelegenheiten beteiligen zu können, benötigt man nun das „Bürgerrecht“. Das muss beantragt werden und ist mit nicht unerheblichen Kosten verbunden. Aus dem „Gemeindevorsteher“ wird nun der Bürgermeister.

 

1871 – Gründung Deutsches Reich

Am 18. Januar 1871 wurde nach dem deutsch-französischen Krieg das deutsche Kaiserreich ausgerufen, dem nun auch Bayern angehörte. Für Bayern änderte sich in vielen Bereichen nur wenig, da es sich zahlreiche Reservatrechte gesichert hatte. Am augenfälligsten für Hörzhausen: Nach dem „Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung“ von 1875 wurde die staatliche Beurkundung von Geburten, Heiraten und Sterbefällen verpflichtend. Die Gemeinde Hörzhausen erhält nun ein eigenes Standesamt.

 

1875 – Bahnanschluss

Lange geplant, im Jahr 1875 eröffnet: die Bahnstrecke Augsburg – Ingolstadt, später auch als Paartalbahn bezeichnet. Im ersten Fahrplan finden wir Hörzhausen vergeblich, denn erst im Jahr 1888 erhält Hörzhausen eine eigene Haltestelle: „Mit dem 10. Juli laufenden Jahres wird die Haltestelle Hörzhausen zwischen Schrobenhausen und Radersdorf für die Abfertigung von Personen, Reisegepäck und Hunden eröffnet“, heißt es wörtlich im „Verordnungs- und Anzeige-Blatt für die Königlich-Bayerischen Verkehrs-Anstalten“.

 

Hörzhausener Bahnhof im Jahr 1925 (aus einer Mappe im Stadtarchiv). Übertragung: „Karte vom Bahnhof. Leonhard, Maria, Joseph, Kaspar  Wintermayr, Johann Endres, Sophie Wintermayr“.

 

1882 – Leinfelderkanal

In den Jahren 1882 bis 1884 wird das größte wasserbauliche Projekt des 19. Jahrhunderts im Raum Schrobenhausen realisiert: der sogenannte Leinfelderkanal. Der Kanal beginnt in Hörzhausen und endet an der Leinfelder’schen Papierfabrik in Schrobenhausen. Er verfolgte zwei Hauptziele: Eine bessere Nutzung der Wasserkraft durch die Papierfabrik, eine bessere Entwässerung der angrenzenden Grundstücke. Leinfelder musste sich verpflichten, den Kanal zu unterhalten und den Landwirten durch Brücken den Zugang zu ihren Grundstücken zu ermöglichen.

 

1900 – Hörzhausen um 1900

Das Ortschaftenverzeichnis von 1904 gibt uns statistisch genaue Auskunft über die Gemeinde Hörzhausen. Die Gemeinde hat insgesamt 540 Einwohner, alle katholisch, 127 Wohngebäude. Der Viehbestand der Gemeinde umfasst 68 Pferde, 719 Stück Rindvieh, 144 Schafe, 402 Schweine und 9 Ziegen. Das Dorf Hörzhausen hat 473 Einwohner und 113 Wohngebäude, eine katholische Schule und eine landwirtschaftliche Fortbildungsschule, eine Bahnstation und eine Postagentur. Das Dorf Halsbach hat 56 Einwohner und 13  Wohngebäude und gehört zur Pfarrei und Schule nach Hörzhausen. Der Hof Mantelberg hat 1 Wohngebäude und 11 Einwohner, er gehört zur Pfarrei und Schule nach Schrobenhausen.

 

Postkarte von Hörzhausen um 1910 mit altem Schulhaus (aus einer Mappe im Stadtarchiv)

 


 

Hörzhausen 1919-1972 (wird bearbeitet)


Hörzhausen seit 1972 (wird bearbeitet)

 


Bisher erschienen:

Hörzhausen (I): Eine Chronik entsteht

Hörzhausen (III): Geschichte der Feuerwehr 1873-1900

Hörzhausen (IV): Historische Ansichtskarten

 

 

 




Hörzhausen I: Eine Chronik entsteht

Philipp Apian 1568

 

Hörzhausen – eine Chronik entsteht

Vorbemerkung

Dieser Beitrag ist ein einleitender Artikel für die im Lauf der Zeit folgenden Bausteine zur Geschichte Hörzhausens. Er gibt einen kurzen Überblick, stellt spannende Fragen, die neugierig machen sollen. Es werden immer wieder neue Beiträge online gestellt, regelmäßige zeitliche Abstände können wir nicht einhalten. Wir bilden auf unserer Homepage eine „Kategorie: Hörzhausen“, unter der alle Artikel abgerufen werden können.

Von diesem Artikel hier verlinken wir auf alle vorhandenen und neu eingestellten Artikel. Wenn man den Link speichert, erhält man gleichzeitig eine Übersicht der vorhandenen oder neu eingestellten Artikel.

 

Die bereits eingestellten Beiträge: 

• Hörzhausen (2): Geschichte auf einen Blick (2. 4. 2024) hier

• Hörzhausen (3): Die Feuerwehr 1873 bis 1900  (7. Juli 2024) hier

• Hörzhausen (4):  Historische Ansichtskarten (10. Juli 2024) hier

 

Die nächsten geplanten Beiträge:

• Die Bildung der Gemeinde 1818

• Die Dorfbeschreibung von 1784

• Dorfleben in Erzählungen und Erinnerungen

 

Antworten auf spannende Fragen

Nur wenige Dörfer können auf eine so vielfältige und interessante Geschichte zurückblicken wie Hörzhausen. Vorchristliche Siedlung – Grafensitz – Mitgründung eines Klosters – Edelsitz sind nur einige Stichpunkt aus der älteren Zeit. Im Lauf der Jahre wurde umfangreiches Material zur Geschichte zusammengetragen, darunter außergewöhnlich interessantes Bildmaterial: zunächst von Hannes Geiger, dann über viele Erzählabende und Interviews auch von mir. Die Sammlungen zur Geschichte Hörzhausens befinden sich inzwischen alle im Schrobenhausener Stadtarchiv, das neben dem alten Hörzhausener Gemeindearchiv eine eigene stattliche Fotodokumentation zu Hörzhausen besitzt, die bis 1909 zurückreicht.

Daraus eine zusammenhängende Chronik zu erstellen, wäre wünschenswert, ist aber zeitaufwendiger, als viele denken, nicht zuletzt weil fast alle scheuen, sich die so genannte „alte deutsche Schrift“ anzueignen. Bevor das vorhandene Material nur in Schubladen liegt, wollen wir beginnen, einzelne „Bausteine“ der Gemeindechronik zu präsentieren. Zusammen mit dem außergewöhnlichen Bildmaterial ist eine reiche Bebilderung möglich.

 

Wir hoffen, zum Beispiel auf viele der folgenden spannenden Fragen eine Antwort bieten zu können:

  • Wie können wir uns die vermuteten vorgeschichtlichen Siedlungen vorstellen?
  • Gibt es dazu archäologische Befunde auf Luftbildern und Reliefkarten?
  • Gibt es neue Erkenntnisse bezüglich der Erstnennungen der Ortsnamen?
  • Wie müssen wir uns die Grafschaft Hörzhausen vorstellen?
  • Gottfried von Hörzhausen als Mitgründer des Klosters Indersdorf
  • Wo lag die vermutete Turmhügelburg?
  • Hörzhausen als Edelsitz
  • Was macht die Dorfgmain von Hörzhausen?
  • Eine Beschreibung von 1784 löst viele Rätsel
  • Säkularisation 1802 – aus Klosterbesitz wird Staatsbesitz
  • Wie ging die Gemeindegründung 1818 vor sich?
  • Wie entwickelt sich die Hörzhausener Schule?
  • Was sagt uns die „Agrikole Statistik“ von 1830?
  • Was beschäftigt den „Gemeinderat“ 1850?
  • Hörzhausen und die Gründung des Deutschen Reichs 1871
  • Welche statistische Daten gibt es im 19. Jahrhundert?
  • Wann gab es die ersten Protestanten?
  • Hörzhausener Wahlergebnisse Ende des 19. Jahrhunderts
  • Novemberrevolution 1918 – Hörzhausen wird demokratisch
  • Hörzhausen und die galoppierende Inflation 1923
  • Wie stark sind die Nationalsozialisten vor 1933?
  • Die Gemeindeordnung 1935 und die völlige Gleichschaltung
  • Hörzhausen und der Zweite Weltkrieg
  • Neubeginn und Wiederaufbau
  • Bevölkerungsexplosion durch Flüchtlinge und Vertriebene
  • Was beschäftigt den „Gemeinderat“ 1950?
  • Hörzhausen wächst
  • Arbeitsgelegenheiten: zunehmend Auspendler, wo arbeiten sie?
  • Flurbereinigung – grundlegende Änderungen der Agrarstruktur
  • 1972 – Hörzhausen wird Ortsteil von Schrobenhausen
  • Spannende Entwicklungen bis zur Gegenwart

Die Liste könnte fortgesetzt werden.

 

Dorfleben in Erinnerungen

Ergänzt werden die historischen Ausführungen durch Erinnerungen – zusammengestellt von einigen „Erzählabenden“, die anhand von mitgebrachten Fotos Erinnerungen wachriefen, und von Gesprächen mit Dorfbewohnern. Die Themen spiegeln das Alltagsleben Hörzhausens vor allem in den 1950er und 1960 Jahren, es geht um Themen wie:

Wasserversorgung –  Brunnen – Tagesablauf – Hüten – Lebensmittel – Dreschen – Milchsammelstelle – Butter – Hochwasser – Kirchenwacht – Lichtmess – Wirt – und vieles mehr.

 

 

Der Alte Wirt 1909

 

Bisher erschienen:

Hörzhausen (I): Eine Chronik entsteht

Hörzhausen (II): Geschichte auf einen Blick

Hörzhausen (III): Geschichte der Feuerwehr 1873-1900

Hörzhausen (IV): Historische Ansichtskarten




Die Schrobenhausener Papiermühle und ihre Wasserzeichen

Die Schrobenhausener Papiermühle und ihre Wasserzeichen

500 Jahre Papier aus Schrobenhausen – in wenigen Jahren wird es soweit sein. Damit gehört die heutige Papierfabrik Leinfelder, kurz LEIPA, einer der größten Papierhersteller in Deutschland, zu den wenigen Betrieben mit so langer Tradition. Gegründet wurde sie als Papiermühle im Jahr 1535. Mechtild und Hans-Georg Hofmann aus Schrobenhausen haben die ältere Geschichte der Papiermühle und ihre Wasserzeichen umfassend erforscht. Wir bringen hier erste Auszüge aus der umfangreichen Materialsammlung, die sich inzwischen im Stadtarchiv Schrobenhausen befindet.

 

Städtische Papiermühle

Die Geschichtsschreibung der Papierfabrik beruft sich zunächst auf  Michael Leinfelder, der die Papiermühle im Jahr 1847 kaufte. Dessen Sohn Georg Leinfelder baute den Betrieb zu einer Fabrik aus, die bald überregional Absatz fand und die zunehmend Papier aus Holzschliff herstellte.

Doch – und das ist wenig bekannt – war sie zuvor über 300 Jahre eine städtische Papiermühle. Die Stadt Schrobenhausen erbaute die Papiermühle im Jahr 1535, betrieb sie aber nicht selbst, sondern „verstiftete“ sie an Hanns Frieß. Das Wort „verpachtet“ würde den Kern der Sache nicht treffen. Mit dieser „Stift“ entstand ein „grundherrliches“ Verhältnis zwischen „Bürgermeister und Rat der Stadt Schrobenhausen“ und dem jeweiligen Papiermüller, der ein jährliches Stiftgeld reichen musste. Die Stadt besaß das „Obereigentum“, der Papiermüller das „Nutzeigentum“. Diese heute schwer nachvollziehbare Aufspaltung des Eigentumsbegriffs wurde in Bayern erst mit dem Gesetz über die Aufhebung der Grundlasten im Jahr 1848 aufgehoben. Gegen einen Ablösungsbetrag ging die Papiermühle dann in das freie Eigentum des Papiermüllers Michael Leinfelder über.

Bäckermess-Rechnung 1551 im Stadtdarchiv Schrobenhausen mit Schrobenhausener Wasserzeichen

 

Hadernpapier – Papier aus Lumpen

Die städtische Papiermühle stellte „Hadernpapier“ her. Ausgangsstoffe waren Textilfasern, vorwiegend Flachs- und Hanffasern. Lumpensammler zogen durchs Land auf der Suche nach abgetragenen Kleidungsstücken und Textilien und boten sie den Papiermüllern an. Der Rohstoff wurde zerkleinert, eingeweicht und dann in einem Stampfwerk zerstoßen, das durch Wasserkraft angetrieben wurde. Der verdünnte Faserbrei wurde in Bütten – Holzbottiche – gegeben, von dort wurden die Bögen mit einem Sieb „geschöpft“ und anschließend getrocknet. Das so hergestellte Papier war im Vergleich zur heutigen Zeit sehr teuer, ist aber extrem widerstandsfähig.

 

„Der Papyrer“ (Ausschnitt, aus Jost Ammans Ständebuch 1568)

 

Gezeigt wird diese historische Papierherstellung zum Beispiel im Klostermühlenmuseum Thierhaupten (www.klostermuehlenmuseum.de). Hier finden sich auch mehr Ausführungen zur Papierherstellung.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Hadernpapier von Holzschliffpapier verdrängt, das aus fein zermahlenem Holz hergestellt wurde.

 

Albrecht Dürer auf Schrobenhausener Papier

Der Absatzgebiet des Schrobenhausener Papiers erstreckte sich weit über unsere Region hinaus. Wir finden Schrobenhausener Papier natürlich bei der Stadt Schrobenhausen selbst, bei der Pfarrei und dem Landgericht, im Schlossarchiv Sandizell, dann in nahen oder  weiter entfernten Gerichten wie Aichach, Neuburg, Abensberg, Wemding, Deggendorf und Straubing, in den Städten Ingolstadt und Regensburg, in den Hochstiften Eichstätt und Freising, in den Klöstern Scheyern und Metten. Eine Liste, die sich sicher verlängern ließe.

Weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass es auch Drucke von Albrecht Dürer auf Schrobenhausener Papier gibt. Da Dürer 1528 in Nürnberg verstorben ist, die Schrobenhausener Papiermühle erst 1535 gegründet wurde, handelt es sich dabei um zeitgenössische Nachdrucke. Nachgewiesen hat das schon B. Hausmann in seiner Arbeit über Dürers Kupferstiche aus dem Jahr 1861. Auch bei Antiquariaten werden solche Drucke hin und wieder angeboten. Dieses Thema ist spannend, es würde sich lohnen, hier näher nachzuforschen.

B[ernhard] Hausmann: Albrecht Dürer’s Kupferstiche. Radirungen, Holzschnitte und Zeichnungen, unter besonderer Berücksichtigung der dazu verwandten Papiere und deren Wasserzeichen, Hannover 1861 (Schrobenhausen Seiten 6, 17, 25, 29, 30, 39, 72, 78. Ein Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek gibt es hier).

Schrobenhausener Stadtkammer-Rechnungen aus dem 18. Jahrhundert

 

Forschungsprojekt Mechtild und Hans-Georg Hofmann

Mechtild und Hans-Georg Hofmann haben sich intensiv mit verschiedenen Aspekten der Schrobenhausener Geschichte beschäftigt und alle Forschungsergebnisse dem Stadtarchiv überlassen, darunter fünf Leitzordner unter dem Projektnamen „Hadern“. Sie haben dazu hunderte städtischer Protokolle und Rechnungen ausgewertet, auch im Pfarrarchiv recherchiert. So konnten zahlreiche Dokumente zur Schrobenhausener Papiergeschichte zusammengetragen, transkribiert und kommentiert werden.

Das Markenzeichen der alten Papiermühlen war das Wasserzeichen, über das man die Herkunft der Papiere nachvollziehen kann. Für die Schrobenhausener Papiermühle war das Stadtwappen durch den ausgestellten Stiftbrief verbindlich festgelegt. Angetan vom Reiz dieser nur im Gegenlicht sichtbaren Zeichen haben Mechtild und Hans-Georg Hofmann in den Jahren 2016 bis 2017 rund 900 Wasserzeichen fotografisch festgehalten, darunter auch einige von auswärtigen Papiermühlen.

Max Direktor

 

Mechtild und Hans-Georg Hofmann

Die Papiermühle in Schrobenhausen und ihre Wasserzeichen

Wir präsentieren hier eine Dokumentation zur Geschichte der Papiermühle und ihren Wasserzeichen und hoffen, auch weitere interessante Informationen dazu liefern zu können, die das hier gezeigte Gerüst mit Leben erfüllen. Diese Dokumentation finden Sie als PDF hier. 

 

Frühes Schrobenhausener Wasserzeichen aus dem Jahr 1544




Familien- und Heimatforscher – offener Stammtisch für alle

Stammtisch Familien- und Heimatforscher – offen für alle

Der offizielle Name klingt inzwischen eigentlich zu bescheiden, denn die „Familien- und Heimatforscher Schrobenhausener Land“ haben Interesse weit über die Landkreisgrenzen hinaus geweckt, auch aus umliegenden Großstädten kommen Gäste und Referenten, die Lokalzeitungen berichten regelmäßig, auch TV Ingolstadt kommt gerne.

Eine wichtige Quelle für Familien- und Heimatforscher: die Briefprotokolle, die nicht nur vom Landgericht, sondern auch von Städten und Hofmarksgerichten geführt wurden. Sie dokumentieren u. a. Käufe von Häusern und Grundstücken, Hofübergaben, Eheverträge, Testamente und gelten somit als Vorläufer der Notariatsurkunden.

 

Forscher-Stammtisch – inzwischen der größte in Bayern

Als Forscherstammtisch sieht sich die Gruppe um Anna Probst, ein Verein hätte zu viel bürokratischen Aufwand erfordert. Sechs- bis achtmal pro Jahr treffen sich Interessenten in Lampertshofen zu Vorträgen, zum Erfahrungsaustausch, zur gegenseitigen Unterstützung und zu gemütlichem Zusammensein unter Gleichgesinnten. Dabei wird auch Neulingen oder weniger Erfahrenen der Einstieg in die Forschungstätigkeit erleichtert, z. B. durch Schreib- und Leseübungen. Daneben werden Exkursionen organisiert, sie führten zum Beispiel in umliegende Stadtarchive, in die Schlösser Neuburg und Sandizell und verschiedene Bibliotheken, ins Vermessungsamt Pfaffenhofen und Bistumsarchiv Augsburg.

Der Stammtisch ist inzwischen wohl der größte seiner Art in Bayern, rund 130 Adressen von Interessenten sind in der Mailingliste verzeichnet, rund 60 bis 90 Besucher kommen zu den Vortragsabenden – den Rekord hält ein Vortrag über die HIAG in Schrobenhausen mit 141 Besuchern.

Wie vielfältig die Themen und Tätigkeiten sind, lässt auch die Rubrik „Rückblick“ auf der Homepage des Stammtisches erkennen.

Das Programm ist ambitioniert und wird von vielen hochrangigen Referenten getragen, wie das hier präsentierte Jahresprogramm 2025 zeigt:

Wie alles begann

Im Herbst des Jahres 2000 traf sich auf Initiative der Familien- und Heimatforscher Anna Probst, Josef Ilg und Josef Huber eine kleine Gruppe Gleichgesinnter aus der Gegend um Schrobenhausen zu einem Gedanken- und Informationsaustausch. Dieses Treffen führte zur Gründung der Interessengemeinschaft Familien- und Heimatforscher Schrobenhausener Land. Seither ist der Interessentenkreis Jahr für Jahr gewachsen – und reicht inzwischen weit über die Landkreisgrenzen hinaus. Seit über 10 Jahren wird der Stammtisch von Anna Probst in Autenzell organisiert – unterstützt durch zahlreiche Stammtischmitglieder.

 

Kontakt und Homepage

Willkommen zu den Vortragsabenden ist jeder, der an den angebotenen Themen Gefallen findet. Die Teilnahme ist – abgesehen von 5 € jährlichem Unkostenbeitrag – kostenlos, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

Homepage: Einen Überblick über die Tätigkeit und einen Rückblick auf das breite und reichhaltige Programm der letzten Jahre bietet die Homepage

http://www.ahnenforscher-schrobenhausener-land.de.

Hier finden sich auch Links zu den Berichten von TV Ingolstadt.

 

Veranstaltungsort: Gasthaus Felbermaier, Schützenstraße 4, 86562 Lampertshofen (Gemeinde Berg im Gau, Landkreis Neuburg-Schrobenhausen)

Kontaktadresse: Anna Probst

anna.probst@gmx.de
… oder einfach anrufen unter 08252 / 6043

 

Projekt Sterbebilder

Der Forscherstammtisch beteiligt sich sehr engagiert am Sterbebilderprojekt des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde (BLF). Dort sind inzwischen rund 1,2 Millionen Sterbebilder erfasst worden, der Stammtisch hat einen hohen Anteil an diesem Erfolg. Seit 2013 hat Anna Probst (Administratorin beim Sterbebildprojekt) einen Durchzugsscanner vom BLF, daher besteht jederzeit die Möglichkeit, bei den Treffen oder auf Anfrage Sterbebilder einzuscannen.

Sterbebilder bieten nicht nur zahllose familien- und ortsgeschichtliche Informationen, sie spiegeln Erinnerungskultur und Volksfrömmigkeit, bieten aber auch zeitgeschichtliche Bezüge über die Sterbebilder der Gefallenen der Weltkriege. Familienforscher bedauern, dass in den letzten Jahren auf den Sterbebildern keine Geburts- und Sterbeorte mehr angegeben werden, was Recherchemöglichkeiten enorm erschwert.

 

Forschungsmöglichkeiten für Landkreis und Region

Für unseren Landkreis wurden bisher außergewöhnlich viele Sterbebilder eingescannt. Eine zahlenmäßige Abschätzung ist schwierig, es werden auf jeden Fall „Zehntausende“ sein. Gespeichert sind die Scans beim Landesverein für Familienkunde

Bayerisches Sterbebilderprojekt | Bayerischer Landesverein fuer Familienkunde e.V. (blf-online.de)

Die Recherche ist für jedermann und über alle gescannten Bilder möglich, die auf den Bildern befindlichen Daten werden für alle zur Verfügung gestellt. Mitglieder des Landesvereins können auch Scans der Bilder erhalten, allerdings nur von Bildern vor 1953 – wegen der Urheberrechte an der Bildgestaltung.

 

 

 

 

 

 




Als das Internet nach Schrobenhausen kam

Ein wenig Vorgeschichte

Kein World Wide Web, keine E-Mail und kein Smartphone? Wer heute 25 Jahre alt ist, kann sich eine Welt ohne Internet wohl nur schwer vorstellen. Doch ist es erst gut 25 Jahre her, als Schrobenhausen seinen ersten bezahlbaren Internet-Zugang erhielt. Und das dank einer zivilgesellschaftlichen Initiative namens „Bürgernetz Neuburg-Schrobenhausen e. V.“ Denn die großen, marktbeherrschenden Provider gab es damals noch gar nicht.

Wer 1995 ins Internet wollte, mußte sich auf ein technisches Abenteuer und ein kostspieliges Vergnügen einlassen. Zugänge gab es zwar bereits einige, aber nicht in Schrobenhausen. Eine Einwahlmöglichkeit gab es zum Beispiel in München – das kostete allein an Telefongebühren pro Stunde 19,60 DM. Hinzu kamen Kosten für den Anbieter und für die Anschaffung eines Modems. Zwei, denen das alles nicht gefiel, trafen sich im Dezember 1995 zufällig in einem Schrobenhausener Supermarkt am Regal mit dem Computer-Zeitschriften und hatten die gleiche Idee: Es müßte doch möglich sein, meinten Informatik-Student Martin Fenn und vhs-Leiter Benno Bickel, in Schrobenhausen vor Ort einen Internet-Zugang  zu schaffen, bei dem nur die Gebühren des damaligen Ortstarifs der Telekom anfallen. Ein Aufruf im Frühjahrs-Programm der Volkshochschule Schrobenhausen, das kurz vor der Drucklegung stand, sollte Gleichgesinnte motivieren. Die Einladung, dieses recht anspruchsvolle Projekt anzugehen, fiel auf fruchtbaren Boden. Aus Neuburg meldete sich Franz-Josef Simon, damals Leiter der Landkreisbetriebe, der die gleichen Ambitionen hatte. Wenige Wochen später wurde Verein „Bürgernetz Neuburg-Schrobenhausen e. V.“ gegründet. Zehn Monate später – das mutet heute erstaunlich schnell an – ging der lokale Internet-Zugang in Betrieb, wobei politische und juristische Fragen oft mehr Zeit in Anspruch nahmen als die Technik, mit der immerhin Neuland betreten wurde.

Aufruf im Frühjahrs-Programm 1996 der Volkshochschule Schrobenhausen

Für  die technische Umsetzung sorgte in Schrobenhausen, das damals zu den Internet-Pionieren in Bayern zählte, der Verein „Schrobenhausen Online e. V.“ Die Server nebst dazugehörender Technik wie Modems, ISDN-Leitungen etc. standen im Keller der Franz-von-Lenbach-Realschule. So fand denn auch die offizielle Eröffnung des „Bürgernetzes Neuburg-Schrobenhausen“ am 28. November 1996 in der Aula dieser Schule statt. In unveränderten Wortlaut veröffentlichen wir hier als kleines Dokument aus den Kindertagen der „Digitalisierung“ eine Rede, die aus diesem Anlass gehalten wurde.

Rede zur Eröffnung des „Bürgernetzes Neuburg-Schrobenhausen“ am 28. November 1996

1838, drei Jahre nachdem die erste deutsche Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth dampfte, soll ein Medizinalgutachten erschienen sein, wonach bei Geschwindigkeiten über 40 km/h die Reisenden ganz unweigerlich einem jähen Tode ausgeliefert seien. Solches Tempo, hieß es, könne der menschliche Körper keinesfalls ertragen. Nun steht zwar heute nirgendwo zu lesen, daß der Datentransport mit mehr als zwei Megabit letal endet. Dennoch haben das frühe 19. und das späte 20. Jahrhundert vieles gemeinsam. Damals wie heute war die Menschheit mit einer Revolution der Kommunikation konfrontiert. War es damals der physische Transport von Menschen und Gütern, so ist es heute die Übermittlung von Information. Und damals wie heute wußten viele Menschen nicht so recht, was sie von all diesen nur schwer einschätzbaren Entwicklungen halten sollen.

"Homepage" des Bürgernetzes Schrobenhausen

Erster Internet-Auftritt: BürgernetzNeuburg-Schrobenhausen – Testbetrieb im Mai 1996 (Screenshot: Bürgernetz Neuburg-Schrobenhausen)

Die Eisenbahn bedeute das Ende aller Kriege, sagten Kulturoptimisten eine goldene Zukunft voraus. Und die Pessimisten sahen das Abendland mit Schnellzugtempo in den Abgrund des Maschinenzeitalters rasen. Haben wir Grund, darüber heute überheblich zu lächeln? Das Internet, prophezeien die einen, führe dank unbegrenzt verfügbarer Information zu selbstverantworteter Basisdemokratie und rationaler Entscheidungsfindung. Das Internet, prophezeien die anderen, führe unweigerlich zum gläsernen Menschen, zum totalen Überwachungsstaat, zur Mediokratie. Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen, vermengt mit Mythen, Legenden und waghalsigen Prognosen, finden Sie in jeder Computer-Zeitschrift.

Wie auch immer. Das Internet ist da. Und es wird zunehmend unseren Alltag mitbestimmen. Ob wir das Internet wollen oder nicht, ist dabei völlig belanglos. Wir werden nicht gefragt. Wesentlich ist, was wir aus dem Internet machen. Entscheidend ist, ob wir uns passiv dareinfügen und nur konsumieren, oder ob wir unser „digitales Geschick“ selber in die Hand nehmen, mitbestimmen und mitgestalten.

Die bayerischen Bürgernetze sind ein hervorragendes Instrumentarium, um einen selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit dem Medium Internet zu erlernen. Umso mehr freut es uns, daß der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen zu den Pionieren zählt, zu den ersten Landkreisen, die in diesen Wochen und Monaten an’s Netz gehen. So haben wir allen Grund, heute ein wenig zu feiern. Und daß wir feiern können, das ist in erster Linie der Initiative und Aufgeschlossenheit von Landrat Dr. Richard Keßler zu danken. Ebenso danken wir dem Kreistag, der die nicht unerheblichen Mittel für die Anschaffung der Technik und die laufenden Betriebskosten bereitgestellt hat.

Das Bürgernetz Neuburg-Schrobenhausen bietet allen Bürgern einen Internet-Zugang ohne teure Gebühren. Es fallen lediglich die Telefonkosten zum Ortstarif an. Darüberhinaus will das Bürgernetz aber auch lokale Informationen aus dem Kreisgebiet, den beiden Städten und den Gemeinden bieten. Hier sind alle Bürger herzlich eingeladen und aufgerufen mitzumachen. Und je mehr sich beteiligen, desto lebendiger wird dieses lokale Informationssystem, das vom Behördenwegweiser über politische und Vereinsnachrichten bis zum Veranstaltungskalender, den Fußballergebnissen und der Theaterkritik vom Wochenende reichen kann. Anregungen dazu wollen die bereits bestehenden Informationsseiten der beiden Städte Neuburg und Schrobenhausen, der Gemeinden Aresing, Karlshuld und Brunnen geben. Und wir hoffen – mit dem heutigen Eröffnungstag stehen wir ja erst ganz am Anfang -, daß die noch bestehenden weißen Flecken auf der Landkreiskarte in den nächsten Monaten immer weniger werden.

Wenn Sie mitmachen wollen, so geben Ihnen das Bürgernetz und die beiden Betreibervereine „Neuburg Online“ und „Schrobenhausen Online“ jederzeit gerne Auskunft. Sicher werden sich einige von Ihnen fragen, warum man für ein Netz gleich drei Vereine braucht. Ist da vielleicht wieder einmal die in Strukturen selbstverliebte Vereinsmeierei zugange? Oder will gar jeder sein eigenes Süppchen kochen? Keineswegs! Die Erklärung ist ganz einfach. Die Welt der Kommunikation hat sich etwas rascher entwickelt als das Steuerrecht. Und so wurde es erforderlich, für den Betrieb der Einwählcomputer – der eine in Schrobenhausen wird heute eröffnet, der andere in Neuburg soll bald folgen – eigene Vereine ins Leben zu rufen. Aber seien Sie versichert: Wir machen und wollen alle dasselbe!

Sie werden sich vielleicht schon gewundert haben, wo bleibt die Computer-Fachsprache in dieser Rede? Wann geht’s endlich los mit dem abschreckend-geheimbündlerischen Kauderwelsch, im Vergleich zu dem uns Chinesisch vertraut erscheint wie ein bayrischer Dialekt? Ich muß Sie – hoffentlich angenehm – enttäuschen! Was Sie als Nutzer des Bürgernetzes wissen müssen, können Sie in ganz normalem Deutsch erfahren.

Wenn Sie Anfänger sind, meiden Sie am besten den Umgang mit selbsternannten Experten hinter deren fachsprachlichen Tiraden sich in der Regel bestenfalls ein Mangel an Kompetenz oder Charakter, manchmal auch an beidem, verbirgt. Wer seinen Videorecorder oder seine Programm-Waschmaschine beherrscht, kommt auch mit dem Internet zurecht.

Um Nutzer des Bürgernetzes zu werden, benötigen Sie einen Computer, eine Verbindung zwischen Computer und Telefon und einige Zugangsprogramme. Sie können dann eine Verbindung zwischen ihrem Computer und dem Einwählcomputer des Bürgernetzes herstellen, der hier im Keller der Franz-von-Lenbach-Schule untergebracht ist. Von diesem Einwählcomputer können Sie alle lokalen Informationen abrufen, die Sie interessieren. Sie können aber auch ins weltweite Internet gehen, indem Sie die entsprechende Adresse eingeben oder in einem großen Register, einer sogenannten Suchmaschine, ein Stichwort eintippen.

Der Server-Schrank des Bürgernetzes Neuburg-Schrobenhausen im "Haus im Moos".

Der Server-Schrank des Bürgernetzes Neuburg-Schrobenhausen im „Haus im Moos“.

Vielleicht interessiert Sie auch, wie man vom Keller der Realschule in den Rest der Welt kommt? Da ist zuerst eine Standleitung, eine ständig geschaltete Telefonleitung, die zur Fachhochschule in Ingolstadt führt, wo sich der nächsthöhere Einwählcomputer befindet. Von da führt eine Leitung des Deutsches Forschungsnetzes DFN zur Universität Eichstätt, von da führt eine weitere DFN- Leitung zum nächsthöheren Knoten. Und so geht das weiter, bis Sie – häufig, aber nicht immer – in Sekundenschnelle über ein Tiefseekabel oder eine Satellitenverbindung in den USA, in Australien oder sonstwo landen. Es gibt nur mehr wenige Länder, die nicht am Internet hängen, beispielsweise die Zentralafrikanische Republik oder Laos.

Doch zurück nach Schrobenhausen und zur anderen Seite des Einwählcomputers. Auf dieser anderen Seite befinden sich 16 Telefonleitungen – acht althergebrachte und acht sogenannte ISDN-Leitungen -, die sich allesamt mit der gleichen Nummer anwählen lassen. Es können sich also maximal 16 Nutzer gleichzeitig einwählen. Wir sind übrigens gespannt, wie lange diese Kapazitäten ausreichen. Sie sehen, so einfach ist es, ins Internet zu gehen!

Die größte Hürde, die Sie als neuer Nutzer erwartet, ist das Antragsformular, das Sie ausfüllen müssen. Denn ganz ohne Bürokratie geht es leider nicht. Dann aber steht Ihnen die weite Welt des Internets offen. Und was immer Sie in diesem unerschöpflichen Reservoir an Information suchen, wir wünschen Ihnen, daß Sie es finden. Sei es nun der letzte Brief von Karoline von Günderode an Achim von Armin – die richtige Adresse lautet hier University of Massachusetts – oder der Würzburger Pizzaservice – wir wünschen Ihnen viel Erfolg im Bürgernetz Neuburg-Schrobenhausen.

Benno Bickel
stellv. Vorsitzender „Bürgernetz”; 1. Vorsitzender „Schrobenhausen Online e. V.“




Ortschaftenverzeichnisse als hervorragende lokalgeschichtliche Quelle

Ortschaftenverzeichnisse gehören zu den bedeutendsten orts- und sozialgeschichtlichen Quellen. Sie wurden von 1877 bis 1991 zunächst vom Königlich Bayerischen Statistischen Bureau, ab 1920 vom Bayerischen Statistischen Landesamt herausgegeben. Sie enthalten nicht nur Daten zu den einzelnen Gemeinden, sondern auch zu deren Ortsteilen, also den einzelnen Dörfern, Weilern und Einöden. Alle diese Ortschaftenverzeichnisse sind inzwischen online nutzbar.

Beispiel 

Volkszählung 1900 (Ortschaftenverzeichnis 1904)

Abkürzungen

Gem. = Gemeinde, Ldg. = Landgemeinde, Pfd. = Pfarrdorf, D. = Dorf, E. = Einöde, W. = Weiler

Einw. = Einwohner, Wgb. = Wohngebäude, ha = Hektar

Pf. = Pfarrei, K. = Katholiken,  k. = katholisch, Pr. = Protestanten, pr. = protestantisch, Dek. = Dekanat

P. = Pferde, Rv. = Rindvieh, Schw. = Schweine, Sch. = Schafe, Z = Ziegen

Ausführliche Abkürzungsverzeichnisse befinden sich am Anfang des jeweiligen Bandes.

Bezeichnungen

Die Benutzung wird vereinfacht, wenn man sich mit folgenden Informationen vertraut macht.

Bezirksämter (seit 1862) waren die unteren staatlichen Verwaltungseinheiten, sie wurden 1939 in „Landkreise“ umbenannt.

Kreise (seit 1808) waren die regionalen Verwaltungseinheiten, sie wurden 1939 in Regierungsbezirke umbenannt.

Kreisunmittelbare (auch unmittelbare) Städte waren größere oder bedeutendere Städte, die direkt dem „Kreis“ unterstanden und nicht einem Bezirksamt (für unseren Landkreis nur die Stadt Neuburg).

Kreisfreie Städte: Nach der Umbenennung der Bezirksämter in Landkreise Städte, die nicht direkt dem Landkreis untergeordnet („kreisfrei“) waren, sondern dem Regierungsbezirk.  Für unseren Landkreis nur die Stadt Neuburg, die von 1940 bis 1948 nicht kreisfrei war und seit 1972 nicht mehr ist.

 

Kreisunmittelbare bzw. kreisfreie Städte werden in den Bänden unter eigenem Gliederungspunkt aufgeführt.

 

Zugehörigkeit zu Regierungsbezirken

Das Bezirksamt bzw. der Landkreis Neuburg gehörte bis 1972 zum Kreis bzw. Regierungsbezirk Schwaben. Das Bezirksamt bzw. der Landkreis Schrobenhausen gehörte durchgehend zu Oberbayern. Seit 1972 gehört der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen zu Oberbayern.

 

Bayernweite Daten

Im ersten Teil finden wir jeweils bayernweite statistische Überblicke, eine Übersicht der Hof- und Staatsverwaltung und der Ministerien, dabei auch eine Übersicht über die Distriktsgemeinden, die Organisation des Schulwesens, über die staatlichen Behörden wie Amtsgerichte, Rent- bzw. Finanzämter, Vermessungsämter, die Gliederung der Bayerischen Armee (vor 1918) – und für die Recherche wichtig: auch die territorialen Änderungen der einzelnen Bezirksämter bzw. Landkreise. Außerdem finden sich in den Ortsverzeichnissen ab 1928 Karten zur Verwaltungsgliederung Bayerns.

 

Lokale Informationen

Das findet man zum Beispiel  in den Ortschaftenverzeichnissen (nicht alle genannten Daten wurden durchgehend erhoben):

  • Gemeinde mit allen Ortsteilen (Dörfer, Weiler, Einöden)
  • Gebietsgröße
  • Einwohnerzahlen (auch Konfessionen)
  • Zahl der Gebäude
  • Viehstand: Pferde, Kühe, Schweine, Schafe, Ziegen
  • Zugehörigkeit zu Pfarreien und Schulen
  • Bahnstationen und Postagenturen

 

Ortsregister

Das ausführliche Ortsregister listet alle Orte Bayerns auf und ermöglicht das Auffinden im jeweiligen Band. Es erleichtert auch das Auffinden von unbekannten Orten bzw. Orten ähnlicher oder gleicher Schreibweise.

 

Bände

Die einzelnen Bände der Ortschaften- bzw. Ortsverzeichnisse werden über die Bayerische Landesbibliothek Online zur Verfügung gestellt …. hier

Dort findet sich auch eine ausführliche Darstellung der statistischen Erhebungen und ihrer wissenschaftlichen Bedeutung.

 

Folgende Bände sind erschienen (Datenerhebung, in Klammer Erscheinungsjahr):

1875 (1877), 1883/85 (1888), 1900 (1904),  1925/28 (1928), 1959/52 (1952), 1961(64 (1964), 1970/73 (1973), 1970/78 (1978), 1987/90 (1991).

 

Bedeutung

Die Landesbibliothek Online schreibt über die wissenschaftliche Bedeutung der Ortsverzeichnisse:

„Die amtlichen Ortsverzeichnisse stellen mit ihren umfassenden statistischen Daten eine umfangreiche und zugleich äußerst verlässliche Quelle zur Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung der jüngeren bayerischen Landesgeschichte und der Zeitgeschichte dar.

Darüber hinaus sind die früheren Ortsverzeichnisse bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wegen ihrer detaillierteren und teils umfangreichen Statistiken eine wichtige Quelle für die bayerische Wirtschafts-, Sozial- und Religionsgeschichte.

Schließlich leisten die amtlichen Ortsverzeichnisse als Nachschlagewerke nicht nur für Ortsnamenforscher, sondern auch für jeden an der jüngeren bayerischen Verwaltungs- und Ortsgeschichte Interessierten unverzichtbare Dienste.“

 

 

 

 




Joseph Sattler – Grafiker und Illustrator

Ein Grafiker zwischen Vergessen und Wiederentdeckung?

»Ich sehe für ihn eine Karriere voraus gleich jener von Aubrey Beardsley, dem Illustrator von King Arthur, dessen Genie mit dem seinen verwandt ist. … Es ist merkwürdig festzustellen, daß zwei ähnliche Begabungen gleichzeitig sich entfalten«, schreibt 1895 Friedrich Warnecke, der Begründer des Berliner Ex-libris­Vereins.«1

»Man kann die modernen Exlibris schier in zwei Klassen ordnen: erstens Sattler, und zweitens alles Übrige«, urteilt um die Jahrhundertwende der Kunstkritiker Kühl. 2»Seine 19 Zeichnungen sind von einer unbestreitbaren Originalität geprägt«, anerkennt die gewöhnlich mit Lob nicht gerade großzügig umgehende französische Kunstzeitschrift » L‘Art« nach einer 1893 stattfindenden Ausstellung im »Salon de Paris«, der den damals gerade 26jährigen Künstler mit einer »mention honorable« auszeichnet.3

 

Josef Sattler, Monogramm, Radierung, 11,5 x 9,5 cm, ca. 1924

Josef Sattler, Monogramm, Radierung, 11,5 x 9,5 cm, ca. 1924

Den, von dem hier die Rede ist, dem eine Zukunft wie Beardsley prophezeit wurde, sucht man heute in Konversationslexika und Kunstenzyklopädien vergeblich. Joseph Kaspar Sattler (1867- 1931) ist vergessen. Zu Recht oder zu Unrecht? Hielt das zeitgenössische Urteil einer Betrachtung aus der Distanz nicht stand, oder hatte eine schnellebige Zeit einfach keinen Platz für diesen Außenseiter? War es zu umständlich, eine passende Schublade für ihn zu finden, die ihn uns im Karteitrog der Klassifizierten und Eingeordneten in die Gegenwart hinübergerettet hätte? Diese Fragen können und sollen hier nicht eindeutig beantwortet werden. Vielleicht aber findet sich zu ihrer tiefergehenden Klärung doch einmal ein Kunsthistoriker, der Sattler eine Monographie widmet, oder ein Studierender der Kunstgeschichte, der – Modetrends hinter sich lassend – ihn als Thema seiner Abschlußarbeit für würdig befindet. [Anmerkung 2023: Das ist zwischenzeitlich geschehen] Reiches Material hierzu böte die Sattler­Sammlung der Stadt Schrobenhausen, die seit 1978 im historischen Hartl-Turm an der Wehrmauer untergebracht ist.4 [Anmerkung 2023: Die Schrobenhausener Sattler-Sammlung ist seit Jahren im Depot und der Öffentlichkeit nicht zugänglich]

Wenn auch eine Würdigung des Sattlerschen Œuvres aus heutiger Sicht also noch aussteht, so kann dennoch zweifelsfrei festgestellt werden, daß sich eine Beschäftigung mit diesem »Zeichner, Graphiker, Illustrator und Schriftkünstler«, wie die Vielseitigkeit des Künstlers gerne zusammengefaßt wird, äußerst lohnt. Freilich, im ersten Augenblick scheint es schwer, Zugang zu seinem Werk zu finden. Zu fremd sind dem heutigen Betrachter die vorzugsweise im Mittelalter angesiedelten Themen. Wem schon sind die »Wiedertäufer« ein Begriff? Und eine Prachtausgabe der Nibelungensage, vordergründig auch zur Verherrlichung von Chauvinismus und Imperialismus der Wilhelminischen Ära bestimmt, widerstrebt trotz ihres künstlerischen Wertes erfreulicherweise – noch – häufig demokratischem Selbstverständnis der Gegenwart. Das Faszinierende an Sattlers Arbeiten ist jedoch die ungeheure, elementare Phantasie, nicht selten um eine satirische Note angereichert, die trotz aller Zeitbefangenheit des Künstlers ein waches Auge für zeitlos übergreifende Kritik an »Menschlichem-Allzumenschlichem« offenbar werden läßt.

Aus der Mappe "Die Wiedertäufeer"

Josef Sattler. Tod des Propheten Jan Matthiesen, Lichtdruck, 15 x 15 cm. Aus: „Die Wiedertäufer“ 1895

Sattler und Schrobenhausen – biografischer Zufall ohne Folgen

Von allen Künstlern, die in diesem Buch [Anmerkung 2023: gemeint ist das »Schroenhausener Lese- und Bilderbuch«] behandelt werden, bleibt Sattlers Beziehung zu Schrobenhausen die zufälligste, an ausmachbaren Konsequenzen geringste. Er wurde eben hier geboren, weil sich sein Vater gerade für einige Jahre in der kleinen Stadt niedergelassen hatte, ehe er Attraktiveres fand. Dies zeigt sich auch am kunstgeschichtlichen Selbstverständnis Schrobenhausens. Ehe das Museum eröffnet wurde, das so etwas wie eine lokale »Sattler-Renaissance« brachte, rangierte sein Name an letzter Stelle.

Unternimmt man den Versuch, Sattlers Lebensweg zu skizzieren, so stößt man schnell auf Grenzen. Zwar liegt eine leidlich genügende Anzahl »harter« biographischer Fakten vor, doch lassen diese nur ein grobes Raster entstehen, ein zu grobes, als daß der Mensch Joseph Sattler als Individuum aus Fleisch und Blut sinnlich faßbare Konturen annehmen könnte. 5

Joseph Sattlers Geburtshaus in Schrobemhausen (Foto ca.1920. (Stadtarchiv Schrobenhausen)

Joseph Sattlers Geburtshaus in Schrobemhausen, heute Metzgergasse 3 (Foto ca.1920, Stadtarchiv Schrobenhausen)

Joseph Kaspar Sattler wurde am 26. Juli 1867 in Schrobenhausen geboren. 6 Sein Vater, Joseph Sattler, Glas- und Dekorationsmaler, war wohl Ende 1863 von Donaualtheim nach Schrobenhausen gezogen, erwarb das spätere »Engelhard-Haus« (heute Lenbachstraße 68; 1982 abgerissen) und verheiratete sich 1864 mit der Organistentochter Rosalie Lachner. Joseph Sattler sen. scheint ein Mann der Tat gewesen zu sein. Wie anders ließe es sich erklären, daß der Zugezogene, die Gunst der Stunde nutzend, 1870 Bürgermeister der Stadt wurde und dieses Amt drei Jahre innehatte? Doch bereits 1875 zog die Familie Sattler nach Landshut.

Der kleine »Sepp«, wie man ihn wohl gerufen haben mag, verbrachte also seine ersten acht Lebensjahre in Schrobenhausen. Über diese Zeit ist weiter nichts bekannt. Spekulationen, Franz von Lenbach sei der Taufpate Joseph Kaspar Sattlers gewesen, erwiesen sich als Fehlschlag. So reizvoll es auch für Heimatkundler gewesen wäre, dergestalt eine »künstlerische Begegnung« herzustellen, das Geburts- und Taufregister der Stadtpfarrkirche St. Jakob nennt als Paten nur einen Kaspar Geiger aus Dillingen und eine Anna Fuchs. Kontakte des späteren Künstlers zu seiner Geburtsstadt sind nicht nachgewiesen. Man darf wohl mit Georg August Reischl konform gehen, der schreibt, daß Sattler »nur noch spärliche Erinnerungen an die Stadt seiner Kindheit hatte«. 7 Für sein künstlerisches Werk scheint Schrobenhausen jedenfalls lediglich biographische Marginalie.

Auf dem Weg nach oben

Mit Sattlers weiterem Lebensweg beschäftigte sich Ludwig Hollweck, Leiter der Monacensia-Sammlung in München, auf dessen Arbeit die folgenden Zeilen mehrmals Bezug nehmen. 8
Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf das erstgenannte Typoskript.Der Vater, bei dem Joseph Sattler in Landshut zunächst als Anstreicherlehrling tätig war, brachte für die künstlerischen Neigungen seines Sohnes Verständnis auf. Im Jahre 1882 kam der 15jährige nach München, wo er bei dem Genremaler Heinz Heim ersten Unterricht genoß. Mit seinem Lehrer an der Kunstakademie, Gabriel Hackl, kam der Student nur schwer aus. 1886, im Alter von 19 Jahren, mußte Sattler die Akademie aufgrund finanzieller Probleme verlassen. Er malte nun – der Not gehorchend – alles, was Geld einbrachte, ehe er beim zweiten Anlauf in den heil‘gen Hallen der bildenden Künste dann auf einen Lehrer traf, bei dem e mit großer Freude arbeitete: Nikolaus Gysis. »Der temperamentvolle Grieche regte Sattler zu klarer formaler Durcharbeitung an, er zeigte ihm, daß monumentale Kunst nicht an große Flächen gebunden ist, und er führte ihn auch zur damals noch nicht anerkannten Plakatkunst. 9

1891 wird Sattler zusammen mit seinem elsässischen Malerfreund Leo Hornecker an die im Vorjahr gegründete Kunstgewerbeschule Straßburg berufen. In der Rolle des Lehrenden fühlt er sich jedoch nicht wohl; nach einem Semester gibt er diese Tätigkeit auf und arbeitet fortan freischaffend. Zunächst entstehen graphische Blätter und Folgen in »Anlehnung an die alten Meister … Dürer, Holbein, Cranach, Baldung«. 10 Als früheste gedruckte Arbeit wird in der greifbaren Literatur ein unter dem Titel » Die Quelle« 1892 erschienener Bilderbogen mit zwölf Lichtdrucken genannt. 11Hollweck bezeichnet als erstes größeres Werk die nach seinen Angaben 1893 in 100 numerierten Exemplaren herausgegebene Mappe »Bilder aus der Zeit des Bauernkrieges« (30 Blatt in Lichtdruck).12 Zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes und zur Freude seiner Mäzene zeichnet Sattler nun auch reizvolle Exlibris, die ihn bei Sammlern dieser Buchzeichen innerhalb kurzer Zeit international berühmt machen. 1893 stellt der Künstler Zeichnungen im renommierten »Salon de Paris« aus; er erntet Anerkennung und ermutigende Kritik. Diese Erfolge öffnen ihm 1894 die Tore des Berliner Kunstgewerbemuseums, wo er im November ausstellt. Aufträge für die Kunstzeitschrift »Pan« und der zunehmend enger werdende Kontakt zum Verlag von J. A. Stargardt veranlassen Sattler 1895, nach Berlin zu ziehen. 13 Allein in diesem Jahr erscheinen bei Stargardt seine Werke »Bilder vom internationalen Kunstkrieg«, »Die Wiedertäufer« und »Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen«.

Die Kunstzeitschrift »Pan« existierte nur fünf Jahre von 1895 bis 1900. Mit ihr sind Namen wie Otto Julius Bierbaum, Arnold Böcklin, Thomas Theodor Heine und Max Liebermann verbunden. Als Werbemittel für den ersten Jahrgang 1895/96 kreiert Sattler ein Plakat, »das in allen neuen Werken über den Jugendstil jetzt … als beispielgebend erwähnt wird«, wie Ludwig Hollweck betont, der diese Arbeit so beschreibt: »Drei Blütenfäden einer Lotusblume zeichnen das Wort >Pan < in den Himmel, der gehörnte Naturgott lauert im Hintergrund, Spaten und Rechen sollen zu neuer Arbeit rufen.« 14

 

Plakat für Kunstzeitschrift "Pan" 1895

Joseph Sattler, Plakat für die Kunstzeitschrift „Pan“ 1895 (Stasdtarchiv Schrobenhausen)

»Den bedeutendsten Auftrag seines Lebens« erhält Sattler im Jahre 1898. 15 Er wird in die Berliner Reichsdruckerei berufen, »um ein Monumentalwerk deutscher Buchkunst – ›Die Nibelunge‹ – zu schaffen«. 16 Der Künstler zeichnet die Bilder und Initialen, entwirft die Drucktypen und den Einband, kümmert sich um die Wahl des Papiers. Auf der Pariser Weltausstellung von 1900 erhält die Prachtausgabe einen »Grand Prix«. Einzug hielt diese »Nibelunge« mit ihrem äußerst stolzen Preis von 600 Mark nur in außerordentlich betuchten Bibliotheken.17 Im Jahre 1927 erschien eine einfachere, erschwinglichere Ausgabe für 9,80 Mark.

Josef Sattler, Titelblatt zu "Die Nibelunge", Zeichnung 1900

Josef Sattler, Titelblatt zu „Die Nibelunge“, Zeichnung 1900 (Stadtarchiv Schrobenhausen)

1904 verläßt Sattler Berlin und kehrt nach Straßburg zurück. Seiner Vielseitigkeit entsprechend, entstehen unter anderem graphische Einzelblätter, Exlibris, Buchillustrationen, Buchschmuck, Plakate und Gebrauchsgraphik. Im März 1917 wird Joseph Sattler durch ein Patent des »Kaiserlichen Statthalters in Elsaß-Lothringen« zum Professor ernannt, doch kurz vor dem Einzug der französischen Truppen verläßt der Künstler Straßburg und kehrt nach Bayern zurück.

München und Heinrich Graf

Sattler wohnt nun in München bei seiner Schwester Rosa in der Ainmillerstraße 15/III rechts. Am 19. November 1918 meldet er sich polizeilich an. Obwohl es um ihn nun still geworden ist, arbeitet er weiter. So entstehen bis 1931 noch über 90 Exlibris, die Bücher angesehener Bürger zieren. Einen neuen Impuls beschert Sattler 1924 die Begegnung mit dem heute [Anmerkung: 1982] 84jährigen Kunstkupferdrucker Heinrich Graf. Durch ihn wendet er sich der Radierung zu. Heinrich Graf schreibt darüber im Mai 1934: »Als ich damals den Künstler in seinem bescheidenen Heim besuchte, machte ich ihn auf die Technik der Radierung aufmerksam, besorgte ihm auch einige Kupferplatten und präparierte diese. Nach einigen Tagen brachte er mir eine Platte, auf der sein Monogramm, umgeben von mindestens tausend Köpfen, prangte. Ich hatte mich damals bereit erklärt, seine Platten zu ätzen: als ich aber die mühevolle Arbeit sah, verlor ich fast den Mut. Denn ich wollte es nicht auf mich nehmen, eine solche Arbeit möglicherweise zu verätzen, und bat den Künstler, vorerst mit einer einfacheren Arbeit zu beginnen.

Das tat er, und die Ätzung fiel zu unserer Zufriedenheit aus, was der sofort hergestellte Probedruck bewies. Der Tod, welcher mit der linken Hand schreibt, wurde dann als >erste< Radierung bezeichnet, und wir nannten sie nur die >Zwanzig-Minuten-Ätzung<. Der Künstler fand große Freude an der Technik, und auch ich bekam im Ätzen größere Sicherheit. In der Folge habe ich alle Platten Sattlers selbst geätzt und manches dabei gelernt. Es entstanden nach und nach eine Anzahl von Exlibris, auch Gelegenheitsgraphik, die er teils von seinen Freunden und Gönnern in Auftrag bekam, teils konnte ich ihm aus meinem Kunden- und Freundeskreise mehrere kleine Aufträge vermitteln. Mein Bemühen ging dahin, den Künstler zu einem größeren Werke anzuregen, und so entstand für das Lutherjahr: >Zehn Bilder aus Dr. Martin Luthers Leben<. Diesem sollte das Werk >Helden und Burgen der Reformation< folgen; doch entstanden dafür nur zwei Platten, denn am 12. Mai 1931 nahm der Tod dem Künstler den Griffel aus der nimmermüden Hand und vereitelte alle weiteren Pläne.« 18

So wurden die »Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben«, 1929 als Handpressenkupferdruck von der Graf-Presse hergestellt und verlegt, das letzte größere Werk, das zu Sattlers Lebzeiten erschien. Heinrich Graf blieb dem Künstler jedoch auch nach dessen Tode treu. In drei Teilen verlegte er 1934 posthum Sattler-Radierungen, die in den Jahren der Zusammenarbeit entstanden waren.

 

Josef Sattler, Radierung, 14,5 x 9,5 cm. Aus: Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben, 1929

Josef Sattler, Radierung, 14,5 x 9,5 cm. Aus: Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben, 1929

Die Zäsur

Betrachtet man das Leben Joseph Kaspar Sattlers zusammenfassend, so fällt eine tiefe Zäsur auf: der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch des Kaiserreichs. Vor 1914 der erfolgreiche, geschätzte, anerkannte Künstler, nach 1918 der vergessene, unverstandene, verbitterte Künstler. Mag dieser Gegensatz vielleicht auch etwas zu kraß formuliert sein, die wenigen vorhandenen Anhaltspunkte scheinen auf einen Menschen zu deuten, der sich in der Zeit der Republik nicht mehr zurechtfand. Eine jener tragischen Figuren, wie sie Joseph Roth in seinen Romanen zeichnet? Ein Unschuldiger, oder ein Schuldiger? Zweifelsohne war Sattler ein bürgerlicher Künstler, weder Bohemien noch Avantgardist, sondern einer, der in der Welt des kaiserlichen Deutschlands zuhause war, darin seine Identität hatte. Ebensowenig dürften Zweifel bestehen, daß für Sattler als Kind seiner Zeit Begriffe wie Deutschtum und Vaterland einen Stellenwert besaßen, den heute in dieser Form zu akzeptieren die Geschichte uns unmöglich gemacht haben sollte. Keinesfalls aber repräsentierte Sattler jenen »gefährlich übersteigerten Nationalismus«, 19 der in den Abgrund führte; keinesfalls war er ein platt-fanatischer Propagandist deutschen »Weltmachtstrebens«, eines »Größeren Deutschlands« Rohrbachscher Prägung, mögen auch Arbeiten von ihm in diesem Sinne eingesetzt und interpretiert worden sein. Dies zu konstatieren, genügt ein Blick auf sein Werk. Dafür ist es zu differenziert, zu gut. Als Künstler lebte Sattler in einer Welt, die mit den gesellschaftlich-politischen Verhältnissen des Wilhelminismus zwar nicht unbedingt vollkommen identisch war, mit ihnen aber in Übereinklang stand. Die Republik bot diesen Rückhalt nicht mehr. Die Umwälzung entläßt den eher unpolitisch anmutenden Sattler in eine neue Realität, in der er sich als dreifach Heimatloser wiederfindet: künstlerisch, geistig und geographisch.

»Er lebte sehr zurückgezogen; seine ihm lieb gewordene Wahlheimat, das Elsaß, und vor allem sein Straßburg hat er schweren Herzens verlassen, … und damit verlor er auch den Kreis seiner Freunde und Gönner, die überallhin zerstreut wurden, soweit sie nicht Franzosen wurden. … Einige seiner Straßburger Freunde suchten ihn zur Rückkehr zu bewegen, aber er konnte es nicht über das Herz bringen, sein geliebtes Straßburg in französischen Händen zu wissen. Darunter litt er sehr«, erinnert sich Heinrich Graf. 20 So recht heimisch werden konnte also Sattler in München nicht mehr. »Joseph Sattler war ein sehr liebenswürdiger Mensch!« betont Graf. 21 In das Privatleben des Künstlers gewann der Kupferdrucker jedoch kaum Einblick. »Er soll aber häufig und viel getrunken haben, ist mir erzählt worden.« 22 Graf sieht darin auch eine Erklärung dafür, warum im Spätwerk die Darstellung des Todes eine besondere Rolle spielt.23 Angetrunken soll Sattler nachts in niedergeschlagener Stimmung sich immer wieder mit diesem Motiv beschäftigt haben. Wenn sich auch kein expliziter Hinweis finden läßt, so liegt dennoch der Schluß nahe, daß Sattlers Krankheit und Tod zumindest mittelbar mit seinem Alkoholkonsum zusammenhängen. Von den letzten Lebenstagen ist überliefert: »Graf wollte den Künstler besuchen, … doch die Schwester erklärte, es gehe ihrem Bruder nicht gut. Am nächsten Tag, als Graf wieder kam, war Sattler bereits ins Schwabinger Krankenhaus eingeliefert worden. Auch dort besuchte der Drucker den Künstler und brachte einen neu gefertigten Druck mit. Sattler betrachtete die Arbeit und lobte sie, doch Graf hatte bemerkt, daß der Kranke das Blatt verkehrt gehalten hatte. Im nächsten Moment wollte Sattler mit Graf den Raum verlassen: >Gehn wir in die Werkstatt<, sagte der Kranke und stand auf, suchte seinen Kragen, griff nach dem Kragenknöpferl und langte, ohne dies zu bemerken, in die Zuckerdose. >Da war mir klar, wie schlimm es mit ihm stand<, sagt Graf dazu. Am nächsten Tag wollte er noch einen Besuch im Krankenhaus machen, doch er kam zu spät. Sattler war kurze Zeit vorher gestorben.« 24

 

 

Josef Sattlers "erste Radierung": Der Tod schreibt mit der linken Hand. Entstandem ca. 1924 in München

Josef Sattlers „erste Radierung“: Der Tod schreibt mit der linken Hand. Entstandem ca. 1924 in München

 

Ein »archaisierender« oder ein »sattlernder« Sattler

»Für sein Kunstschaffen und für seine Kunstauffassung hatte man in der Republik wenig Verständnis. Dies tat dem Künstler oft bitter weh. … Die Scheinblüte der Kunst in der Inflationszeit und der schnellebige moderne Zeitgeist waren ihm ein Greuel. Er zog sich mehr und mehr in sich selbst zurück«, notiert Heinrich Graf. 25

Welcher Art nun war diese Kunstauffassung? Hierzu seien einige zeitgenössische Meinungen zitiert. Als erster Zeuge Sattler selbst: »Es reizte mich vor allem der alte Holzschnitt-Stil, den ich bei alten Darstellungen mit großer Liebe verfolgte. Wenn auch manchmal bei alten Holzschnitten die Zeichnung darunter litt, so ist doch die Behandlung dieser Blätter mit dem Schneide-Messer karakteristisch. Die Verbindung harter Züge mit vorsichtiger Freiheit war mir höchst interessant.« 26 Hier wurzelt eine Kontroverse: Ist Sattler nun ein – handwerklich zwar hervorragender – Nachahmer des Dürerschen oder Holbeinschen Holzschnittstils, oder besitzt er Originalität? Der Berliner Kunstkritiker Daniel Greiner verteidigt im Jahre 1903 den gerade 36jährigen Künstler so: »Es konnte nicht ausbleiben, daß bei solch hingebendem Studium es unser Künstler zu ähnlicher Meisterschaft in der Beherrschung der Holzschnitt-Technik der Alten brachte, wie sein Landsmann Lenbach auf dem Gebiete der Öl-Malerei. Indes bewahrte ihn seine selbständige Art, bei bloßer Nachahmung stehen zu bleiben und in Archaismus unterzugehen. Jene glänzende Epoche deutscher Kunst wurde für ihn zwar Meisterin, aber er wußte diese selbstgesetzte gefährliche Schranke zu überwinden und, den Stil der Alten fortentwickelnd, zu einem eigenen Stil zu gelangen. Schon die am auffallendsten altmeisterlich gezeichneten Bilder aus dem Bauern-Kriege zeigen die keimende Eigenart Sattler’s auch in diesem Punkte. >Ganz die Art der alten Meister!< >Und doch nicht ganz!< So zeichneten die alten Meister nicht. Vor allem fehlt die naive Art der Alten, man sieht schon diesen Blättern an, daß ein moderner Mensch sie gezeichnet hat.« 27 Und Kühl sieht etwa zur gleichen Zeit einen Entwicklungsprozeß: »Gewiß archaisiert Sattler. Gewiß wimmelt es in seiner Phantasie von alten Burgen und Verließen, von Folterwerkzeugen und eisenbeschlagenen Türen, von siegelbehangenen Urkunden und Scharteken.« Doch habe ihn »der unbekannte Geist seines Innern« … » mit der Zeit völlig von allem Altertümeln frei gemacht«. Daß Sattlers Illustrationen zu Heinrich Boos‚ »Geschichte der rheinischen Städtekultur« (Berlin 1897-1901) von Kritikern erneut des Archaisierens geziehen wurden, erscheint Kühl »schlechterdings unbegreiflich«. Er meint: »Wer so urteilt, hat den Stil der Alten vergessen und begeht ein einfaches Quidproquo: er hat sich aus Sattlers früheren Werken eine Vorstellung von der mittelalterlichen Welt angeeignet und nimmt nun das Persönliche in seinem Stil, der sich hier sozusagen ganz abstrakt gibt, ohne weiteres für archaisch. Wie kann man nur angesichts dieser durchsichtigen, frei komponierten, weiträumig gedachten Rundbilder den Eindruck haben, daß der Künstler darin dürert oder holbeint. Keine Spur. Er sattlert in diesem Werk, das ist alles.« 28

Joseph Sattler, Zeichnung/Heliogravur. Aus: Ein moderner Todtentanz 1894

Joseph Sattler, Zeichnung/Heliogravur. Aus: Ein moderner Todtentanz 1894

Daß Sattler in der Welt des Mittelalters zu Hause war, zeigt bereits ein erster flüchtiger Blick auf sein Werk mit hinreichender Deutlichkeit. Greiner stellt fest:» Der Künstler hat etwas von einem Geschichtsforscher in sich. … Auch hierin leistet er Hervorragendes. Es ist wohl kein Künstler so innig vertraut mit den Kultur-Verhältnissen des deutschen Mittelalters und der Renaissance wie der Schöpfer der ‚Bilder aus dem Bauernkrieg‘, der ‚Wiedertäufer’…« 29 Sattlers düstere Weltschau, durch das satirische Element eher betont als abgemildert, kommt hier voll zur Geltung. Er »schildert das Leben von seiner rauhen Seite, den wildtosenden Kampf, den Schrecken und das Entsetzen, die Macht des Todes«. 30 Von den Blättern » Kalktaufe«, »Münsterisch Straßenleben« und »Das Wort ist Fleisch geworden und wohnet in uns« aus den »Wiedertäufern« schwärmt Kühl: »Welche Phantasie hat diese Menschen erschaut, die sich zwischen Himmel und Erde an ein paar Leitern emporarbeiten, und von der heißen Flüssigkeit getroffen, wie Würmer in sich zusammen kriechen! … Die Szene ist hell gehalten, keine kleinste dunkle Partie, die zur Hebung der Lichter dienen könnte, und doch brennt einem das Weiß des Kalkes geradezu in den Augen. Man meint, ihn auf dem eigenen Rücken zu fühlen. Von gleicher Grandiosität ist das dunkler gehaltene Blatt, das die Verhungernden in den Straßen Münsters zeigt, wie sie da herumhocken und -stehen und -liegen, die Armen, aus deren lemurenhaften Gesichtern jeder Lebensausdruck, selbst der Haß geschwunden ist.« Das dritte Bild schließlich >zeigt den vertierten König<, auf vier Tatzen gehend, aber mit menschlichem Kopf, in einer Haltung, die eine leise Erinnerung an den grasfressenden Nebukadnezar wachruft. Doch trägt dieser hier die Bibel im Maul. Unter seinem Mantel, der vorzüglich sein Hinterteil deckt, sieht man das kleine Volk an den Sphinxbrüsten hangen. Der unmittelbare Eindruck ist der einer ekelhaften Blödigkeit, die auch deutlich aus seinen Augen hervorschaut; zugleich aber eine verschwommene und unehrliche Vorstellung von Würde. … gerade in den ernstesten und fürchterlichsten Bildern klingt ein grausiges Lachen durch. Ob dem Zeichner selber einmal unheimlich zu Mute geworden ist in dieser lrrenanstalt?« 31

 

Sattler und die Kleinkunst

Neben den großen Arbeiten mit den vorwiegend mittelalterlichen Themen – Federzeichnungen, Pinselzeichnungen, getuschte Bilder, Holzschnitte und Radierungen, viele von ihnen als Zyklen unter Anwendung des Lichtdrucks, des Kupferdrucks, der Photogravur in Mappen oder in Buchform veröffentlicht – nimmt in Sattlers Werk die sogenannte Kleinkunst einen bedeutenden Platz ein: Buchillustrationen, Buchschmuck (Vignetten, Initialen, Ornamentik mit Streifen, Bändern, Schnitzeln, Spänen, Splittern), Signets und natürlich Exlibris. Greiner und Kühl kommen hier zu ähnlicher Einschätzung. Der eine: »Man weiß nicht, was man an Sattler’s Fantasie mehr bewundern soll: ihre Tiefe oder ihre oft geradezu überraschende Originalität oder ihre eminente Vielseitigkeit. Sie ist immer frisch, lebendigsprudelnd, wie ein unversieglicher Berg-Quell. Ihr Reichtum zeigt sich namentlich in einer Fülle kleiner Zeichnungen, Vignetten, Leisten, Initialen, Signets und Bücher-Zeichen. Immer wieder eine neue, reizvolle Idee, manche, und nicht wenige, sind wahre Kostbarkeiten zeichnender Kleinkunst. Sehr häufig begegnet der menschliche Kopf in immer anderen Variationen … Er kann sich gar nicht genug thun, immer wieder Köpfe zu zeichnen, und bedeckt ganze Blätter mit zahllos scheinenden Köpfen und zwingt ihre Mannigfaltigkeit zum Ornamente.« 34

Joseph Sattler. Die Kalktaufe, Lichtdruck 23 x 30 cm- Aus: Die Wiedertäufer, 1895

Joseph Sattler. Die Kalktaufe, Lichtdruck 23 x 30 cm- Aus: Die Wiedertäufer, 1895

 

Joseph Sattler, Exlibris, Zeichnung/Kunstdruck, 6 x 9 cm. Aus: Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen, 1895

Joseph Sattler, Exlibris, Zeichnung/Kunstdruck, 6 x 9 cm. Aus: „Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen“ 1895

Besondere Anerkennung erwarb sich Sattler bei seinen Zeitgenossen mit seinen Exlibris. Die »Zeitschrift des Ex-libris-Vereins zu Berlin« stellt – besonders in den Jahren 1893 bis 1906 – immer wieder Sattlers neue Buchzeichen vor und bespricht sie meist mit ausgesprochener Euphorie, diese »genialen Kompositionen des jungen Meisters«. 35 »In eleganter Mappe«, für 40 Mark, erscheint 1895 bei J. A. Stargardt »Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen«.36 Noch im gleichen Jahr folgt die englische Ausgabe »Art in Book-Plates. Forty two original Ex-Libris designed by Joseph Sattler«. Exlibris des Künstlers sind zwischen 1898 und 1906 unter anderem in London, Straßburg, Wien, Berlin und München zu sehen. 37 Die Bücherzeichen-Kundschaft Sattlers rekrutiert sich aus Hochadel, Adel und Geldadel, Bürgern und Künstlern. Vertreten sind beispielsweise auch »Ihre Majestät die Kaiserin und Königin Auguste Victoria« und Philipp Graf zu Eulenberg. Buchzeichen wie auch andere Beispiele Sattlerscher Kleinkunst sind nicht selten vom Jugendstil geprägt. Einigen Exlibris ist anzusehen, daß es auch Geschmack und besondere Wünsche des erlauchten Auftraggebers zu berücksichtigen galt. Nicht immer konnte der Künstler so »sattlern«, wie er es wohl gerne gewollt hätte. Derlei Zwängen enthob er sich mitunter durch Exlibris­Zeichnungen, hinter denen kein Besteller stand, die gar nicht den Zweck eines Buchzeichens erfüllen sollten, sondern sich lediglich der Form eines solchen bedienten. Beispiele dieser Art enthält auch die Mappe »Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen«. Über derart Afunktionales freilich rümpften Exlibristen die Nase. Daß Sattlers Exlibris-Skizzen im »Durcheinander« (Berlin 1897) »wirkliche Exlibris« sind, bezeichnet ein Anonymus als »entscheidenden Fortschritt«. 38

Einigkeit herrscht unter den Zeitgenossen, was die in jenen Jahren gerade auflebende »Exlibris-Bewegung« Joseph Sattler verdankt. Er hat bei den Buchzeichen »auf den heraldischen Zopf verzichtet und damit für die dekorative Fassung neuer stofflicher und ornamentaler Einfälle freie Luft geschafft«, stellt Kühl fest. 39 Der Exlibris-Forscher und Sammler Walter von zur Westen schreibt: »Erst Joseph Sattlers Bucheignerzeichen haben die schöne alte Exlibrissitte einer großen Gemeinde von Kunstfreunden nahegebracht und haben Anstoß gegeben, daß die Exlibriszeichnung sich aus einer Domäne heraldischer Künstlerspezialisten zu einem weiten Schaffensgebiet für die Künstler der verschiedensten Richtungen erweitert hat.« 40

Josef Sattler. Exlibris, Zeichnung/Kunstfahrendruck, 15 x 8,5 cm. Aus: "Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen" 1895

Josef Sattler. Exlibris, Zeichnung/Kunstfahrendruck, 15 x 8,5 cm. Aus: „Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen“ 1895

Sattlers Mappen und Bilder

Eine Bibliographie von Sattlers Mappen und in Buchform veröffentlichten Graphik-Zyklen sowie der von ihm illustrierten und geschmückten Bücher fehlt bis heute. Die folgende Zusammenstellung, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, versucht, wenigstens einen kleinen Überblick zu geben. Als Quellen dienten in erster Linie Titelverzeichnisse des Verlages von J. A. Stargardt, Berlin, in den Sattler-Werken »Die Wiedertäufer« und »Bilder vom internationalen Kunstkrieg«, der Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek, München, und die in den USA erscheinende Bibliographie »The National Union Catalog«. Eingeklammerte Jahreszahlen weisen darauf hin, daß es sich nicht um eine Erstausgabe handelt. In Anführungszeichen gesetzte Angaben sind wörtlich den genannten Titelverzeichnissen von Stargardt entnommen.

1892
Die Quelle. 12 satyrische Blätter
12 Lichtdrucke in Gross-Folio.
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1892 oder 1893
Bilder aus der Zeit des Bauernkrieges
30 Blatt in Lichtdruck. Limitierte und numerierte Ausgabe in 100 Exemplaren. (Nach Kühl 1892, nach Hollweck 1893 erschienen, vgl. Anm. 12.)
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1893
Une cure merveilleuse
Kurzgeschichte, illustriert von Joseph Sattler
ohne Ort

1893–96
zusammen mit Charles SPINDLER: Elsaesser Bilderbogen. Images alsaciennes
1.-3. Jahrgang.
F. X. de Roux & Co., Straßburg

1894
Ein moderner Todtentanz
»13 zum Theil farbige Heliogravuren. Folio. In art-linen-Originaleinband.« Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1894
A Modern Dance of Death
(Englische Ausgabe von Ein moderner Todtentanz.)
H. Grevel & Co., London

1895
Friedrich SARRE: Die Berliner Goldschmiede-Zunft
Mit einem Titelblatt von Joseph Sattler.
Berlin

1895
Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen
Mit einem Vorwort von Friedrich Warnecke
»42 Original-Ex-libris, meist in prächtigem Kunstfarbendruck. Folio. In Originalmappe.«
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1895
Art in Book-Plates. Forty two original Ex-libris designed by Joseph Sattler. With an introduction on artists, literature and collectors of Ex-libris in England, the United States, Germany and France by Frederick Warnecke
(Englische Ausgabe von Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen.)
H. Grevel & Co., London

1895
Bilder vom internationalen Kunstkrieg. La guerre des peintres. Artists on the war-path
J. A. Stargardt, Berlin

1895
Die Wiedertäufer
Es erschienen folgende Ausgaben:
»1 Originalradierung und 29 Blätter in Lichtdruck und Holzschnittmanier. Folio.
Liebhaber-Ausgabe auf altjapanischem Papier, enthaltend drei Originalradierungen und 27 Blätter in Lichtdruck und Holzschnittmanier. Nur in 100 in der Presse numerierten Exemplaren gedruckt. Grossfolio.«
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1896
Meine Harmonie
6 Blätter, 10 Tafeln. In Mappe. Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1896
Georg FUCHS (Hrsg.): Das Werk des Malers Heinz Heim
Mit Titelzeichnung und Initialen von Joseph Sattler.
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1897
Durcheinander. Allerlei Zeichnungen und Skizzen von Ex-libris, Titelblätter, Zierleisten, Vignetten usw. im Laufe der letzten Jahre gefertigt von Joseph Sattler
Verlagsbuchhandlung Stargardt, Berlin

1897-1901
Heinrich BOOS: Geschichte der rheinischen Städtekultur von den Anfängen bis zur Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung von Worms
Mit Zeichnungen von Joseph Sattler.
J. A. Stargardt, Berlin

Werbung des Verlages J. A. Stargardt

Werbung des Verlages J. A. Stargardt

1900
REICHSDRUCKEREI (Hrsg.): Die Nibelunge
Gestaltet und illustriert von Joseph Sattler.
Berlin

1904
Die Nibelunge
Text der Hohenems-Münchener Handschrift A des Nibelungenliedes nach der Ausgabe von Karl LACHMANN.
Illustriert von Joseph Sattler.
Stargardt, Berlin

1905
Légendes d‘Alsace, in: Revue Alsacienne Illustrée (hrsg. von Charles SPINDLER), 7. Jahrgang.
Illustrationen von Joseph Sattler. 46 Blätter mit Abbildungen, 15 Tafeln. Strasbourg

(1912)
Ein Moderner Totentanz in 16 Bildern gezeichnet
16 farbige Heliogravuren; 2 Blätter, 16 Tafeln.
Zweite, vermehrte Auflage
Stargardt, Berlin

1917
Ostergruß der Kaiser Wilhelms Universität Straßburg an ihre Studenten im Felde
Zusammengestellt und herausgegeben von der Kriegsstelle der Universität Straßburg durch Joh. FICKER. Den Schmuck des Buches schuf Joseph Sattler.
Straßburger Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. R. Schultz & Co., Straßburg

1927
Die Nibelunge
Einfache Volksausgabe nach der Prachtausgabe der Reichsdruckerei aus dem Jahre 1900.
Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin

(1929)

Will VESPER: Tristan und lsolde. Parzival. Ein Liebes- und Abenteuerroman
Mit Bildern von Joseph Sattler.
188. Tausend
Die Bücher der Rose
Wilhelm Langewiesche-Brandt. Ebenhausen bei München

1929
Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben
Handpressenkupferdruck in 400 numerierten Exemplaren. 22 Blätter.
Druck und Verlag der Graf-Presse, München

1932
Joseph Sattlers letzte Arbeit
Zwei fertige Platten – Goetz von Berlichingen und Sebastian von Rotenhahn –aus dem geplanten Werk Helden und Burgen nach dem Tode des Meisters herausgegeben von Heinrich GRAF.
Graf-Presse, München

1934
Radierungen. 1. Teil
Mit einem Vorwort von Heinrich GRAF
Gedruckt und verlegt von der Grafpresse-München

Joseph Sattler, Radierung 1929

Joseph Sattler, Radierung 1929

1934
Radierungen. 2. Teil
Mit einem Vorwort von Heinrich GRAF.
Gedruckt und verlegt von der Grafpresse-München

1934
Kaltnadelradierungen. 3. Teil
Mit einem Vorwort von Heinrich GRAF.
Gedruckt und verlegt von der Grafpresse-München

(1936)
Ernst von WILDENBRUCH: Das Hexenlied
Buchschmuck von Joseph Sattler.
13.-15. Tausend
Grote, Berlin

ohne Jahr (vor 1896)
Merkbuch des Ritters Hans von Schweinichen
Mit einem Titelblatt von Joseph Sattler.
ohne Ort

ohne Jahr
Hans Jakob Christoffel von GRIMMELSHAUSEN: Simplicius Simplicissimus
Bilder, Initialen und Vignetten von Joseph Sattler.
ohne Ort

ohne Jahr
Exlibris. Neue Folge
20 ein- und mehrfarbige Handpressen-Kupferdrucke.
0. Wiegand, Leipzig

 

Nachbemerkung

Dieser Text erschien erstmals 1982 im „Schrobenhausener Lese- und Bilderbuch“ unter dem Titel „Joseph Kaspar Sattler. Ansätze zu einer Spurensicherung“. Die damalige Rechtschreibung wurde beibehalten. An wenigen Stellen finden sich Anmerkungen mit dem Stand 2023 in eckigen Klammern. Die Illustrationen wurden um zwei Abbildungen ergänzt. Die Reproduktionen stammen – soweit nicht anders angegeben – aus der Sammlung des Autors.

 




HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst – eine Buchempfehlung

HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst gehören zu den interessantesten Themen der neueren Schrobenhausener Geschichte. Der Langenmosener Wolfgang Haas hat darüber ein Buch verfasst, das wir jedem geschichtlich Interessierten empfehlen möchten. Zusammen mit dem Autor planen wir auch einen umfangreicheren Beitrag auf unserer Website.

Das geheimnisvolle Werk

Jahrzehnte lang war das Werk im Hagenauer Forst bei Schrobenhausen von Geheimnissen umwittert, viele Gerüchte waren im Umlauf, man wusste aber nichts Genaues. Die Geheimhaltung war strengstens geregelt, handelte es sich doch um den Bau und Betrieb eines Rüstungsunternehmens, errichtet im Zusammenhang mit der gewaltigen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung der Nationalsozialisten.

Erstes Licht in die Angelegenheit brachte Kreisheimatpfleger Bernhard Rödig schon in den 1990er Jahren. Wolfgang Haas, der 40 Jahre bei der heute hier ansässigen MBDA und ihren Vorgängerfirmen gearbeitet hat, hat sich die Erforschung der Geschichte dieses Industriestandorts praktisch zu einer zweiten Lebensaufgabe gemacht.

Kurz zusammengefasst

„HIAG“: unter diesem Tarnnamen errichtete der Bauherr der Fabrik – die Abkürzung steht für „Holzverkohlungs-Industrie AG“ – zwischen 1938 und 1942 Fabrikgebäude im Hagenauer Forst, der damals noch gemeindefreies Gebiet war.

„PARAXOL“: Nach der Fertigstellung der Anlagen produzierte der Betrieb unter dem Namen „PARAXOL GmbH“ von 1942 bis 1945 Pentaerythrit, ein weißes, unscheinbares Pulver, ein Sprengstoff-Vorprodukt, das in anderen Firmen zu militärischem Sprengstoff weiterverarbeitet wurde. PARAXOL war ein Teil der Firma Degussa und hatte mehrere Betriebsstätten in Deutschland. Die Degussa,  gegründet 1873 als Deutsche Gold- und Silber-Scheide-Anstalt, spezialisierte sich später auf Industriechemikalien und war wie viele andere Unternehmen fest in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft verstrickt.

Nach dem Krieg

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde die Fabrikanlage demontiert, sie wurde in Südfrankreich in der Nähe von Toulouse wieder aufgebaut und produzierte dort bis zum Jahre 1980. Nach dem Krieg zogen Flüchtlinge in das „Lager Paraxol“ ein, das auch eine eigene Schule hatte. Im Jahr 1958 pachtete die Rüstungsfirma Ludwig Bölkow Apparatebau aus Ottobrunn das Gelände, im Jahr 1968 entstand daraus die Firma Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB). Heute ist das Industriegebiet Hagenauer Forst Hauptsitz des Rüstungsunternehmens MBDA Deutschland.

Heute finden wir innerhalb und außerhalb des Firmengeländes noch verwitterte Betonruinen. Viele Fabrik- und Bürogebäude haben die Zeit überdauert und werden auch heute noch genutzt.

Ein Buch entsteht

Wolfgang Haas, selbst 40 Jahre bei der MBDA und den Vorläuferfirmen beschäftigt, hat sich schon immer für die Geschichte des geheimnisvollen Werks im Wald interessiert. Viele Jahre hat er alle Informationen zusammengetragen, keine Mühen gescheut, Zeitzeugen befragt, Dutzende Archive besucht und angeschrieben: Firmenarchive und staatliche Archive, nicht zuletzt auch Archive in Frankreich, Polen, England, den Niederlanden und den USA. Sogar in den Archiven des US-Geheimdienstes CIA waren Dokumente zu finden. Schon früh begann er, seine Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, zum Beispiel in Vorträgen für die VHS Schrobenhausen.

Schließlich hat er seine Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst, das im Selbstverlag erschienen ist. Doch die Neugier nahm kein Ende und so wurden laufend weitere interessante Dokumente aufgespürt. Sie verschwanden nicht im Schreibtisch, sondern wurden immer wieder in die Buchpublikation eingearbeitet, so dass 2024 bereits die 10. Auflage des Werks erscheinen konnte. Nur wenige Publikationen behandeln ein Thema derartig umfassend in allen Aspekten: vom Bau und Betrieb der Anlage über die komplizierten chemischen Prozesse der Herstellung bis zur geschichtlichen Einbindung in die Aufrüstung der Nationalsozialisten.

Beantwortet werden unter vielen anderen folgende Fragen:

  • wie sind HIAG und PARAXOL entstanden
  • was ist Pentaerythrit
  • welche chemischen Verfahren wurden angewendet
  • welche Funktionen hatten die einzelnen Gebäude
  • wie schwierig war die Wasserversorgung aus der Paar
  • wie erfolgten Anlieferung und Versand über den eigenen „Paraxol-Bahnhof“
  • wie viele Zwangsarbeiter wurden beschäftigt
  • warum wurde das Werk nur leicht bombardiert
  • was geschah nach dem Einmarsch der Amerikaner

Wolfgang Haas würdigt im Vorwort auch die Verdienste von Bernhard und Barbara Rödig, ohne deren Forschungen und Unterstützung seine eigene Forschungsarbeit vielleicht nie in Gang gekommen wäre.

Sehr viel Information für nur 13 Euro

Wolfgang Haas: „Was waren HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst Schrobenhausen“. Das Werk ist im Eigenverlag erschienen, umfasst 168 Seiten im Format DIN A 4, enthält über 200 Fotos, Bilder und Originaldokumente und ist durchgehend vierfarbig gedruckt. Derzeit ist die 2024 erschienene 10. Auflage des Buchs erhältlich.

Es kann zum Selbstkostenpreis von 13 Euro nur direkt vom Autor bezogen werden:

Wolfgang Haas
Goethestraße 5
D-86571 Langenmosen
Tel 08433 – 536
Mail: haas.la@neusob.de

 

 




Die vergessene Kiste: Stoffdruckmodeln aus dem alten Unterbräu

Mechtild Hofmann (1944-2020) hat sich lange und intensiv mit den Färbern in Schrobenhausen beschäftigt und dem Stadtarchiv umfangreiche Dokumentationen überlassen. Der folgende Aufsatz wurde übernommen aus dem Band „Schrobenhausener Land, Band 2“ aus dem Jahr 2012.
Bilder: Sammlung Hofmann, Max Direktor

 

Die vergessene Kiste

Ein Schatz von Stoffdruckmodeln aus dem alten Unterbräu

Im Jahr 2003 wurde der alte Unterbräu abgerissen, das Gebäude an der Ecke Lenbachstraße / Kaminkehrergasse. Jahrhunderte lang war dieses Haus mit einer Braugerechtigkeit verbunden. Da die Braugerechtigkeit des Unterbräu zu Beginn des 19. Jahrhunderts an das benachbarte Trappenhaus übergegangen war, bezeichnet man das Gebäude auch als „alten Unterbräu“. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war der alte Unterbräu Werkstätte einer Färberei. Als das Haus abgerissen wurde, wurden eine Reihe von gut erhaltenen Druckmodeln gefunden, die von Maria Joas, der letzten Bewohnerin des Gebäudes, dem Stadtmuseum übergeben wurden. Eine kurze Familien- und Hausgeschichte, die Herstellung von Indigo als beliebter Druckfarbe und ein kurzer Einblick in die Technik des Blaudrucks, die im alten Unterbräu bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde, geben einen interessanten Eindruck vom Leben und Arbeiten der Färber in Schrobenhausen.

Ältere Hausgeschichte

Der Unterbräu in der Unteren Stadt ist schon im 15. Jahrhundert als Braustätte bezeugt. Die Hausforscher Wolfgang und Walter Kirchner haben festgestellt, daß der alte Unterbräu an der Ecke Lenbachstraße / Kaminkehrergasse um 1600 aufgestockt wurde für einen farbenprächtigen Tanzboden, der die gesamte Fläche des ersten Stockwerks einnahm und in Rot aus Erdmenning und ockerfarbenem Erdpigment gefasst war. Später wurde eine Trennwand eingezogen. Zur Straßenseite blieb ein stattlicher Festsaal erhalten. Wände und Decke des Saals wurden nach neuem Geschmack mit Kienspanruß vollkommen geschwärzt. Wischfest machte sie ein Bindemittel. Ende des 16. Jahrhunderts waren schwarze Räume 100 Jahre lang in Mode gekommen. Bier wurde im Erdgeschoß gebraut und dort in der Bräustube ausgeschenkt.[1] Die noch robusten Bänke, die an den Wänden entlangliefen, blieben erhalten, als die Bräustube später zur Wohnstube wurde. Die „Färbermarie“ – Maria Joas, geborene Märtl – hat noch um 1910 als Kind ihr Spielzeug in den Truhen dieser Bänke verstaut.

Der Unterbräu (ganz links) um 1880

Der Unterbräu wird Färberei

Im 18. Jahrhundert war südlich des Unterbräu von Pflegsverweser Johann Stephan Trapp ein neues Gebäude errichtet worden, neben dem Pflegschloss und dem Rathaus das repräsentativste nichtkirchliche Gebäude der Stadt. Im Jahr 1803 eröffnete Trapp hier die erste Poststation in Schrobenhausen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Braugerechtigkeit des Unterbräu an das südliche Gebäude gezogen, das dann lange als Trappenbräu, später dann als Unterbräu bezeichnet wurde.[2]

Im Jahr 1843 ist der Wirt und Metzger Jakob Stief Besitzer des Trappenbräu und des danebenliegenden ehemaligen Brau- und Gasthauses. Das letztere verkauft er an den Lodner Joseph Boniberger, der es für seine Tochter Elisabeth erwirbt und an seinen Schwiegersohn Johann Nepomuk Plank übergibt. Johann Plank stammt aus Ellingen und hatte das Färberhandwerk erlernt und erhält im Jahr 1843 in Schrobenhausen eine Konzession als Färber. Im Jahr 1855 erwirbt er eine Webergerechtigkeit und ist danach auch als Weber tätig. Im Jahr 1857 kauft er eine Zwirnmaschine und erhält die Konzession zur Herstellung und zum Verkauf maschinell gezwirnter Garne. Im gleichen Jahr richtet Plank neben der Färberei einen Laden für Färberei- und Textilerzeugnisse ein.[3]

Vinzenz Märtl

Nach einem familiären Schicksalsschlag verkauft Johann Plank sein Anwesen mit Krämerei im ehemaligen Unterbräu-Haus um 5 000 Gulden an den Färber Vinzenz Märtl. Nach Krankheit und Tod seiner Frau hoch verschuldet, muss dieser das Haus verkaufen, doch gelingt es seinen Kindern, das elterliche Anwesen im Jahr 1884 zurückzuerwerben. Im Jahr 1904 gibt Vinzenz Märtl die Färberei auf. Seine Frau Anna Maria Märtl richtet im Färberhaus einen kleinen Kolonialwarenladen ein. Maria Joas, die im Färberhaus im Jahr 1909 geborene und aufgewachsene Enkelin, erinnert sich: „Die Großmutter hatte einfache Stoffe am Meter, Socken, Heringe, Käse, Weihnachtskugeln, Zigarren und Zigaretten, Salatöl, Essig, kugelige Pfefferminzbonbons: weiß mit roten Streifen in Gläsern, Eisbonbons: flache weiße ohne Farbstoff erfrischend., Waschmittel, Seife, Schnupftabak, Kaffee, Petroleum, Margarine, Kerzen, Zucker.“ Vinzenz Märtls Tochter Babette, die bis1909 den Öfele-Bräu bewirtschaftet hatte, führte den Laden bis in die späten Dreißigerjahre weiter.[4]

Als Vinzenz Märtl 1869 das Anwesen samt Färbergerechtigkeit und Zubehör übernommen hatte, gehörten dazu auch  Druckmodeln, die Plank selbst hergestellt hatte. Märtl hat dann den Bestand an Druckmodeln noch erweitert. Als Märtls Enkelin Maria Joas ihr Haus räumte, fanden sich in einer vergessenen Kiste auf dem Dachboden fast fünfzig dieser Druckstöcke und das Musterbuch des Färbers. Im wackligen Puppenwagen und zwischen Gartengeräten lagen weitere Modeln. „Als Kind hab´ ich damit gern im Sand g´spielt. Das hat so schöne Muster geben. Oder man hat sie als Blumentopf-Untersetzer hergenommen.“ Da hatte der Großvater schon nicht mehr gelebt und sein Sohn Vinzenz, der Onkel Marias, war als Färber nach Passau gezogen.[5]

Druckmodel von Vinzenz Märtl

 

Der bekannte Färbermeister Josef Fromholzer aus Ruhmannsfelden hat für das Schrobenhausener Stadtmuseum mit den alten Modeln, die Frau Joas dem Museum überlassen hatte, ein großes Mustertuch bedruckt. Nebenbei verriet er, daß er 1943 bei Vinzenz Märtl junior, den er als Mensch und Fachmann schätzte, in Passau die Gesellenprüfung abgelegt hat. Märtl war Obermeister der Färber- und Chemischreinigungs-Innung Niederbayern-Oberpfalz.

Druckmodel von Vinzenz Märtl

 

Indigo – König der Farben

Den blauen Farbstoff für den Blaudruck lieferten seit dem 17. Jahrhundert vor allem die Blätter des tropischen Indigostrauchs.[6] Der Indigostrauch (Indigofera species) und der heimische, farbstoffärmere Waid (Isatis tinctoria) enthalten den Indigo-Farbstoff in einer farblosen, wasserlöslichen Vorstufe, dem sogenannten Indoxyl oder Indigweiß.Bei der Gärung des zerstoßenen Pflanzenmaterials wird diese Vorstufe unter Zusatz von Soda, Pottasche oder Urin ausgewaschen. Ist die schmutzig aussehende Brühe, die sogenannte Küpe, gefiltert, können Stoffe damit getränkt werden. Das Blau entwickelt sich dann beim Verhängen an der Luft, wenn durch Oxidation das Indigweiß in den unlöslichen Indigo umgewandelt wird.

Abhängig von der Konzentration der Küpe und der gewünschten Tiefe des Farbtons wurden die Arbeitsgänge Küpen – Verhängen im 15-Minuten-Takt wiederholt. Für die Indigo-Produktion – hauptsächlich auf Plantagen in Westindien – ließ man die Küpe in flachen Becken in der Sonne verdunsten. Im Kontakt mit der Luft entstand der Indigo, der sich leuchtend blau am Boden absetzte. Dieser Satz wurde getrocknet, zu Brocken zerstoßen und so in den Handel gebracht. Vor der Verarbeitung mußten die blauen Brocken durch Reduktion wieder in Indigweiß übergeführt werden. Dies geschah früher in der Gärungsküpe durch Versetzen mit Zucker oder stärkehaltigen Produkten, auch Kalk, Urin oder Soda, heute in der Natronlauge-Hydrosulfit-Küpe.

Der Blaudruck

Der Blaudruck entwickelte sich in Europa im späten siebzehnten Jahrhundert.[7] Durch die Ostindische Kompanie kamen blau-weiß gemusterte Stoffe in den Westen, die bald nachgeahmt wurden. So entstand in den Städten das Gewerbe der Blaufärber.In ruhigeren Zeiten haben die Färber Stoffe auf Vorrat bedruckt und damit gehandelt. Oft brachte der Kunde eigenes Leinen mit, an das als Eigentums-Nachweis eine Färbermarke aus Metall mit eingeprägter Nummer gehängt wurde. Die zweite Marke war für die Abholung bestimmt. Anhand des vorliegenden Musterbuchs traf der Auftraggeber seine Wahl für den Druck.

Blaudruck

Druckvorbereitung

Durch Kochen wurde der Stoff gereinigt und für den Druck saugfähig gemacht, meist mit dünnem Kleister leicht gestärkt, geglättet und auf den Drucktisch gespannt.

Modeln 

Wichtigstes Arbeitsgerät der Blaudrucker waren die Modeln oder Druckstöcke. Sie bestanden meist aus Hartholz – vorwiegend Obsthölzer oder Weißbuche. Ab dem neunzehnten Jahrhundert arbeitete man zum Teil mit metallbesetzten Druckstöcken, die feinere Muster ermöglichten. Spitze Metallstifte an den Ecken der Model bohrten sich in den Stoff und erleichterten dem Drucker die exakte Fortsetzung des Musters.

Druckverfahren 

Man unterscheidet in der Blaudruckerei zwei technische Verfahren. Beim Negativdruck (Reservedruck) wird eine farbundurchlässige Masse (Papp) mittels Model auf den Stoff gebracht. Die unterschiedlichen Rezepturen beschrieben Wachs, Harz, Terpentin, Tonerde oder Gummiarabicum vermischt mit Bleiweiß, Kreide, Grünspan, Schmalz oder andere Substanzen. Beim Färben bleibt das aufgedruckte Muster ausgespart; der Papp wird später ausgewaschen. Beim Positivdruck (Direktdruck) wird blaue Farbe mittels Model auf den Stoff gebracht.

Nachbehandlung

Beim Negativdruck muß die wachshaltige Schutzschicht in schwachen schwefelsauren Bädern ausgewaschen und mit klarem Wasser nachgespült werden. Frau Joas, die „Färbermarie“, erinnert sich: „D´Mama hat erzählt, dass der Großvater die Stoffe im Stadtbach g´waschen und am eigenen Arteser-Brunnen im Hof geschwenkt hat.“ In Körben landeten die Stoffbahnen mit einem Aufzug im zweiten Stock, wo sie über kräftige Stangen an der Altana geworfen, trocknen konnten. Im Kellergewölbe stand die Mange. Ein mit Steinen gefüllter Kasten auf dicken Holzrollen wurde über einen Göpel in Bewegung gesetzt und ähnlich einer Mangrolle und einem Mangbrett über die Leinwand bewegt.

Viel Geduld, viel Sorgfalt war gefragt in den vergangenen Tagen und das im Umgang mit giftigen Chemikalien in gesundheitsschädlicher Nässe und bei teils harter körperlicher Arbeit mit der Aussicht auf einen mageren Gewinn.

Blaudruck mit Färbermarke von Vinzenz Märtl

 

[1] Wolfgang und Walter Kirchner: Historische Hausforschungen zum Unterbräu.

[2] Georg August Reischl: Schrobenhausen – sein altes Handwerk, Schrobenhausen 1967, S. 76-78.

[3] Stadtarchiv Schrobenhausen, Ansässigmachungs-, Verehelichungs und Gewerbekonzessionsakten A und A…

[4] Stadtarchiv Schrobenhausen, Sammlung Mechtild Hofmann, Ordner „Unterbräu“. Hier sind auch die Erzählungen von Maria Joas dokumentiert.

[5] Wie Anm. 4.

[6] Matthias Seefelder: Indigo – Kultur, Wissenschaft und Technik, Landsberg 1994

[7] Reinhold Reith: Lexikon des alten Handwerks, München 1990, S. 70-75. – Informationsblätter des fränkischen Freilichtmuseums Bad Windsheim:

Farben, Färben, Drucken. – Josef Fromholzer: Färberei und Handdruckerei. Ruhmannsfelden.

 




Das grüne Oval – der Stadtwall von Schrobenhausen

 

Stimmstock

Ein warmer Sommerabend im August 1847. Schrobenhausen liegt schon im Dunkeln, ein leichter Windhauch bewegt die Blätter der Bäume am westlichen Stadtwall. Da mischen sich Geigentöne in das melodische Rascheln der Blät­ter, Töne, die traurig und schwer und fern klingen. Abschiedstöne. Sie drin­gen aus einem Fenster, hinter dem kein Licht brennt. Der verborgene Geiger ist ein junger Mann von kaum 20 Jahren. Ein junger Künstler, ein Maler und Musiker, von seinem Vater dazu bestimmt, Maurer zu werden. Aber die schwache Gesundheit des Jünglings erspart ihm diese Dissonanz: Er stirbt am 9. Oktober 1847 an einer Lungenentzündung.

Der junge Mann am nächtlichen Stadtwall war Karl August Lenbach, Bruder des späteren »Malerfürsten« Franz von Lenbach. Seit ich diese Schilderung in Georg August Reischls Buch »Lenbach und seine Heimat« gelesen habe, komme ich auf dem Weg über den Stadtwall nicht mehr am Lenbachhaus vor­bei, ohne verklingende Geigentöne zu hören und an den früh verstorbenen Karl August Lenbach zu denken, anstatt, wie es wohl üblicher wäre beim Anblick des Lenbachhauses, an dessen berühmten Bruder. Traurige Klänge dürften aber auf dem Rondo des Stadtwalls eher die Ausnahme sein. Es herr­schen Dur-Tonarten vor. Die Bäume lassen sich piano vernehmen, die Vogel­welt zwitschert pizzicato dazu, das Andante der erwachsenen Passanten wird aufgelockert durch das Vivace der Kinder, denen sich hier Berge und Täler, Wälder und Jagdgründe auftun.

Lorbeerblatt

»Einer der erfreulichsten und beglückendsten Vorzüge Schrobenhausens ist sein Stadtwall.« So leitet die Schrobenhausener Zeitung am 14. Juni 1958 einen ganzseitigen Artikel ein, in dem der damalige Kreisheimatpfleger Georg August Reischl die Geschichte der Schrobenhausener Wehranlage ausbreitet, in großer Sorge um eine schleichende Zerstörung der Stadtmauer und womög­lich auch des Stadtwalls, »in unseren materialistischen und scheinbar so unro­mantischen Zeiten«. Eingedenk des Lokalpatriotismus der Schrobenhausener Bürger skizziert das redaktionelle Vorwort den Stadtwall mit folgenden Wor­ten: »Viele andere Orte beneiden uns darum, jeder Fremde ist entzückt. Auch die Einheimischen aller Altersstufen genießen ihn: Aus ihren Kinderwägen schauen schon die Säuglinge in sein grünes Blätterdach, die Schulkinder lär­men auf ihm, Verliebten ist er Zuflucht bei Mondenschein und Sternengefun­kel, gesetzte Bürger promenieren darauf nach dem sonntäglichen Gottes­dienst und die ganz Alten gar, sie sind die Stammgäste der vielen lustig bunt gestrichenen Bänke.«

Der Stadtwall – Tummelplatz für alle Generationen, geruhsamer Parcours zwischen stummen Baumriesen, Rettungsring vor innerstädtischer Hektik. Diese friedliche Zukunft ist ihm wahrlich nicht in der Wiege gesungen wor­den.

Stachelschale

Im 15. Jahrhundert wurde Schrobenhausen erweitert und mit einer Stadt­mauer gesichert. Dazu gehörte nach der damaligen Wehrtechnik ein innerer und ein äußerer Wassergraben mit einem Erdwall dazwischen. Ein bewaffne­ter Angreifer stand also auf dem Wall wie auf dem Präsentierteller für die hin­ter den Schießscharten lauernden Verteidiger. Da aber der Verteidigungsfall nicht allzuoft eintrat, bekam der Wall beizeiten ein friedlicheres Gesicht: Man bepflanzte ihn. Georg August Reischl weist dies an zwei alten Stadtkammer­rechnungen nach: »( … ) wurden viele Linden und Pirnbäum vom Eschhai ( das ist die alte Bezeichnung für den Stadtflurwächter) eingesetzt und den gan­zen Sommer hindurch von ihm regelmäßig gegossen (. . . ) bekam dafür 28 Pfennig« (1592). »( … ) haben vier Bürger Lindenbäum aus der Hagenau ausgegraben und bei dem Untern Tor wieder eingeimpft; erhielten dafür ver­ehrt 1/2 Gulden« (1595). Vereinzelten Baumbestand auf dem Wall sieht man auch auf dem Fresko von Hans Donauer im Antiquarium der Münchner Resi­denz, das Schrobenhausen im Jahre 1583 zeigt.

Anfang des 19. Jahrhunderts waren Stadtmauer, Gräben und Wall wehrtech­nisch längst wertlos geworden. Der Wall war kahl und von unregelmäßiger Höhe; die Stadtmauer wurde niedergerissen, wenn eine Baumaßnahme beab­sichtigt war. Wie leicht hätte der Ausdehnungsdrang der Stadt nun die gesamte Wehranlage sprengen und einebnen können.

Da erhielt das historische Oval im Jahr 1825 plötzlich Aufwertung und Aner­kennung: Der Stadtwall wurde neu in Form gebracht und bepflanzt. Viel­leicht ist dieser zukunftsträchtigen Tat sogar die Rettung der Wehranlage zu verdanken. Wer hat in letzter Minute diesen Rettungsring angelegt? Wer sind die Schöpfer dieser grünen Wehrmauer gegen die Zerstörung der mittelalterli­chen Umfriedung, die heute der Stolz Schrobenhausens ist?

»Culturwurzeln«

Die »Schrobenhausener Chronik« meldet im Jahr 1850: »Am 15. und 16. April des Jahres 1825 wurde hier der hiesige Wall um die Stadt, welcher durch den hiesigen Unteraufschläger (Steuereinnehmer), Herrn Oberleutenant Hegele, seine dermalige Cultur empfing, mit Bäumen und Gesträuchen besetzt. Obgleich Herr Hegele von der hiesigen Gemeinde 50 fl. Honorar für seine Bemühungen empfing, so gebührt ihm dennoch unser fernerer Dank für diesen Wall, der vorzüglichsten und angenehmsten Zierde unserer Stadt.«

Im Archiv der Stadt befinden sich noch die Abrechnungen Hegeles für die »Erhöhung und Erweiterung des hiesigen Stadtwalles« vom 15. November 1824 bis 4. Mai 1825. Am Tag der Vollendung wurde »den Tagwerkern noch­mal Bier und Brot« bezahlt. Für durchschnittlich 21 Kreuzer pro Tag hatten sie über 400 Arbeitstage am Wall abgeleistet. Hegele selbst erhielt am 25. August 1825 für »die Leitung der Verschönerungsanstalten um die Stadt Schrobenhausen« von der Stadt ein Honorar von 54 Gulden angewiesen.

Der Dank der Stadt ging sogar so weit, daß »auf Verlangen« des Magistrats am 23. Juni 1825 gegen Bezahlung von 3 Gulden und 21 Kreuzern ein Artikel in das Münchner Unterhaltungsblatt »Flora« eingerückt wurde, der mit der spröden Überschrift »Über Landes-Verschönerung« versehen war. Die Quit­tung des Redakteurs brachte Max Direktor vom Schrobenhausener Stadt­archiv auf die Spur dieser »Geburtsurkunde« des heutigen Stadtwalls. Der Artikel besteht nur aus fünf Sätzen und ist im Namen des Magistrats von Bür­germeister Frisch unterzeichnet. Zunächst wird die frühere Bedeutung der Wehranlage gewürdigt. Dann folgt das Bekenntnis, daß besonders der östli­che Stadtwall durch die Überschwemmungen der Paar und Weilach schon sehr geschädigt war. Da der Wall aber Schutz vor Hochwasser bieten sollte, war seine Ausbesserung »unvermeidlich« geworden. Es folgen noch drei Sätze: »Der, der hiesigen Stadt während seines kurzen Hierseyns durch die Anlage eines zierlichen und dauerhaften Weges zu den Gottesäckern und mehrere andere Verschönerungs-Anstalten verehrungswerth gewordene k. Oberlieute­nant und Aufschlagseinnehmer Hr. F. Högele brachte in Antrag: den Wall um die Stadt mittelst Aufführung zu einem öffentlichen Spaziergang umzuwan­deln, und bei der bereitwilligen Empfänglichkeit der hiesigen Einwohner für Verschönerung und Kultur übernahm derselbe die Leitung eines Geschäftes, das seine rastlose Thätigkeit im höchsten Anspruch nahm, den hohen Sinn und Sachkenntniß dieses würdevollen Offiziers im höchsten Grade bewährte, und ein unvertilgbares Denkmal des Dankes und der Achtung hiesiger Stadt ihm setzte. Mehr als 5000 Fuhren wurden durch die Menathbesitze (Besitzer von Zugtieren) geleistet, vom October 1824 bis Mai 1825 so unablässig gear­beitet, und die versunkenen Stellen erhoben, daß nun ein 18 Schuh breiter und 2000 Schritte langer Spaziergang angelegt, derselbe mit 400 Bäumen und Gesträuchen besetzt, und das Ganze einer neuen Schöpfung ähnlich vollendet ist, so daß dieser Platz täglich, selbst auch von durchreisenden Fremden besucht, und als zweckmässig und wohlgeordnet befunden wird. Für die Aus­führung dieses Unternehmens gebührt dem Hrn. Oberlieutenant Högele, als Antragsteller und Leiter des Geschäftes, der wohlverdienteste Dank der hiesi­gen Bürgerschaft, welcher demselben hiermit unter dem Wunsche gezollt wird, daß diesen verdienstvollen Beförderer der Verschönerung und des Gemeinnützigen noch oft der Wink des Wirkens in diese seine Lieblings­sphäre erwarten, und seinem unermüdet thätigen Geist Gelegenheit schaffen wolle, allenthalben seinen Mitbürgern, wie uns, nützlich zu seyn, und sie durch ähnliche Werke, gleich entsprechend dem wohlthätigen Sinne der Aller­höchsten Gesetzgebung, wie den Einwirkungen auf Menschenwohl und Glück, zu erfreuen.«

Außer der halsbrecherischen Satzbautechnik des Artikels fällt auf, daß in die­sem offiziellen Bulletin Hegele als einziger Initiator der Wallsanierung darge­stellt wird. Es gab aber noch einen zweiten: den Volksschullehrer Michael Sommer.

In einem Lebensbild Sommers, veröffentlicht 1906 vom Historischen Verein Schrobenhausen, schreibt Ludwig Gröschl: »Der Wall um unsere Stadt war fast baumlos, ungleich und nieder. Auf Sommers Betreiben stellte Bierbrauer Schredinger einen ganzen Sommer, 1825, ein Pferd zur Beifuhr von Erde zur Verfügung, während Kaufmann Khan, Nadler Pöllath und einige andere Bür­ger das Unternehmen mit Geldbeiträgen unterstützten. An der äußeren und inneren Böschung pflanzte Aufschläger Hegele Bäume; die Strecke vom Post­garten bis zum oberen Tor war mit wilden Rosen besetzt, und vom Herzog­Max-Garten bis zur Fronfeste zierte eine freundliche Blumenanlage die äußere Wallböschung.« Es ist zwar nicht genauer bekannt, wie intensiv Som­mers »Betreiben«, wie aktiv seine Beteiligung am Projekt Stadtwall war, aber Georg August Reischl, der ehemalige Hüter des Stadtarchivs, würdigt im ein­gangs erwähnten Zeitungsartikel von 1958 Hegele und Sommer als Antriebs­kräfte zur Rettung des Stadtwalls: »In Hauptlehrer Sommer und Aufschläger Hegele erstanden dem vernachlässigten Stadtwall tatkräftige Freunde. Sie warben für eine schöne Bepflanzung, gewannen die finanzielle Hilfe angese­hener Bürger und legten selbst unentwegt Hand an ( … ).«

Ein Blick in die Lebensbeschreibung Sommers zeigt, daß seine maßgebende Mitwirkung an der Bepflanzung des Walls mehr als wahrscheinlich ist:

Michael Sommer, gebürtig aus Kempten, kam im September 1822 nach Schro­benhausen. Sein Vater war Verwalter einer Ökonomie gewesen, und zeitlebens interessierte Sommer sich und seine Schulkinder für landwirtschaftliche Fra­gen. In der Gemeinde Steingriff – in der nach ihm heute noch so benannten »Sommerau« – bewirtschaftete er selbst einige Tagwerk Ackerland. Auch an der Stadtmauer hatte er einen Garten. »Irn gegenwärtigen Friedhof( … ) waren die meisten Grabstätten ungeordnet durcheinander. Solch gar zu länd­liche Gestaltung beleidigte sein ästhetisches Gefühl, und er ruhte nicht, bis er 1841 die Erlaubnis erhielt, die Grabstätten in Reihen zu bringen und Gänge anzulegen.« Sommer setzte auch die Errichtung eines Kreuzweges durch. Auf  einer Wiese an der Straße nach Hörzhausen baute er eine unterirdische Halle mit Rasendach; das Licht fiel durch farbige Gläser magisch in den Raum, in dem Tische und Bänke zum Ruhen einluden. In heutiger Zeit wäre Sommer wohl Landschaftsarchitekt geworden. Als der 22jährige Lehrer 1822 nach Schrobenhausen versetzt wurde, muß er sofort erkannt haben, welche land­schaftsgestalterischen Möglichkeiten der Stadtwall bot. Zwei Jahre später war er dann schon mit dabei, den Wall neu anzulegen.

Von dem in Schrobenhausen erst kurz vorher zugezogenen Sommer und dem offensichtlich auch noch nicht lange hier lebenden Hegele ging also der Impuls zur Wiederbelebung des darniederliegenden Stadtwalls aus. Daß sie in verhältnismäßig kurzer Zeit tatkräftige Unterstützung für die Bepflanzungs­aktion finden konnten, spricht wohl dafür, daß der Gedanke vom grünen Stadtwall schon »in der Luft lag« oder vielleicht sogar schon in groben Zügen geplant war. Jedenfalls rannten beide mit ihrem Vorstoß offene Stadttore ein.

»Landes-Verschönerung«

Im »Unternehmen Stadtwall“ wird damaliger Zeitgeist offenbar, der nun auch außerhalb der aristokratischen Ziergärten ein Bestreben nach Verschö­nerungsmaßnahmen durch geplante Naturgestaltung entwickelte. Die her­aufdämmernde Industrialisierung drängte die Natur aus ihrer Selbstverständ­lichkeit in die Rolle des Besonderen, der Verzierung. Man wurde sich der Ästhetik der Natur bewußt im Moment ihrer Bedrohung. 1825, als in Schro­benhausen »Landes-Verschönerung« praktiziert wurde, verdunkelte in Eng­land der Dampf der ersten Lokomotive den Himmel (50 Jahre später war auch Schrobenhausen an das wachsende Eisenbahnnetz angeschlossen); im selben Jahr vollendete Caspar David Friedrich sein Gemälde »Watzmann«, ein Bild, das reine, ätherische Natur beschwört im künstlerischen Bewußtsein ihrer Bedrohung. Diese Bedrohung hat heute ein Maß erreicht, das uns Bäume wie die auf dem Stadtwall fast als Reliquien – wenn nicht bald als Fossilien – erscheinen läßt …

Wolkenbruch

Der aufgelassene äußere Graben regte Mitte des 19. Jahrhunderts einige wirt­schaftliche Nutzungsversuche an: Im südlichen Teil der Wallanlage wurden von der Stadt Maulbeerbäume angepflanzt, nach dem Vorbild des Lebzelters Kröner. Aber das rauhe Klima ließ nichts aus der Seidenraupenzucht werden, die Anpflanzung ging ein. Landgerichtsarzt Dr. Hug und auch Michael Som­mer versuchten, in extra angelegten Teichen im äußeren Stadtgraben Blutegel zu züchten. Reischl zitiert einen Zeitgenossen: »( … ) die eingeworfenen Blut­egel wurden durch eine wilde Flut, verursacht von einem Wolkenbruch, größ­tenteils aus ihren Teichen weggeschwemmt.«

Das Wasser im Stadtgraben – ehemals zur Abschreckung der Angreifer gedacht – schreckte schließlich die Schrobenhausener Bürger selber ab: 1870 forderten sie die Kanalisation des inneren Grabens, weil sie der Gestank des Brackwassers störte. So wurden die Stadtgräben mit der Zeit trockengelegt. Auf zwei alten Postkarten aus der Jahrhundertwende, veröffentlicht in den »Schrobenhausener Ansichten« (S. 78 f.), kann man noch einen Bach im west­lichen äußeren Graben und eine Holzbrücke darüber sehen. Beides -vor Zei­ten aus der Mode gekommen und als rückständig, unpraktisch eliminiert- hat jetzt gute Chancen, wieder zurückzukehren.

Am 16. August 1916, abends zwischen acht und neun Uhr, versetzte die Natur selbst dem Stadtwall einen harten Schlag: »Fast ist die Feder nicht im Stande, ein Bild von der Verwüstung zu geben. Uralte Bäume, mit l1/2 Meter Durch­messer, welche seit fast hundert Jahren jedem Unwetter trotzten, liegen nun dutzendweise mitsamt dem Wurzelstock in den Gräben oder Gärten und ver­sperren die Passage. ( … ) Der östliche Stadtwall«, so das »Schrobenhausener Wochenblatt«, »hat besonders arg gelitten«. Sofort wurden die Lücken wie­der aufgeforstet.

Wallfahrt

Kommen Sie mit auf eine Runde um den Stadtwall? Sie durchqueren dabei einen Wald, in dem über 500 Bäume stehen, vor allem Kastanien, Ahorn­bäume, Eichen und Linden. Das dichte Blätterdach schützt Sie vor der Sommerhitze. Bei einem Platzregen genießen Sie es, unter den Baumriesen im Trockenen zu sein, während es »draußen« gießt. Aus dem Dschungel der riesi­gen Baumkronen vernehmen Sie Gezwitscher, Gezeter und Geflöte; dort tummeln sich zahlreiche Vogelarten, tatkräftig gefördert durch die einladen­den Nistkästen des Vereins der Vogelfreunde.

Ein Baumriese jagt Ihnen einen Schreck ein – er ist mit Seilen festgebunden, mit Drainageröhrchen gespickt, mit Baumwachs maskiert. Einige solcher arboresker Gruselstücke zeigen, daß auch Bäume altern. »Sanierung« heißt das Zauberwort, und der Stadtrat hat dafür in den letzten Jahren viel Geld lok­kergemacht. langsam rückt aber dennoch der Zeitpunkt heran, an dem Neu­anpflanzungen größeren Ausmaßes nötig sein werden, damit es für die nach­folgenden Generationen wieder einen »Stadtwald« gibt …

Sollte sich Ihr Kind plötzlich von Ihrer Hand losreißen, lassen Sie es laufen: Es ist der magischen Anziehungskraft der Spielgeräte erlegen, die 1985 an zwei Stellen des Stadtgrabens neu aufgestellt wurden. Wenn es Herbst ist, wer­den Sie der Versuchung nicht widerstehen können, eine der glänzenden Kasta­nien vom Boden aufzuheben. Im Winter sind Sie Zeuge dramatischer Schlit­tenabfahrten dick eingemummter Zwerge.

Begegnen Sie auf Ihrem Spaziergang einem Hund, so ermahnen Sie ihn zu ehr­fürchtiger Reinhaltung des Kulturschatzes. Diese Ermahnung dürfen Sie auch verschiedenen Mitmenschen zuteil werden lassen, denn bei einer Suchaktion wurden im Bereich des halben Stadtwalls einmal nicht weniger als 252 Müll­teile gefunden, darunter auch ein Hundertmarkschein – allerdings Spielgeld. Auf Ihrer »Wallfahrt« begleiten Sie auf der einen Seite der innere Graben und die Stadtmauer; auf der anderen Seite läuft der äußere Graben mit, von par­kenden Autos umzingelt, die den Bäumen auf den Zehen stehen. Manchmal rächt ein Vogel oder eine herabfallende Kastanie dieses Heranrücken der Blechlawine. Sie müssen sich hie und da vor eiligen Radfahrern retten, denen der Stadtwall halb lästiges Hindernis, halb sportliche Herausforderung ist – Fahrverbot hin oder her. Es kann Ihnen aber auch passieren, daß Ihr Spazier­schritt plötzlich gehemmt wird von zwei nebeneinanderschreitenden Gesprächspartnern, deren Diskurs gerade einen so intensiven Punkt erreicht hat, daß sie nur noch im Schneckentempo vorrücken. Überholen können Sie schwerlich. Der Weg ist schmal und die Böschung ist steil, besonders am west­lichen Wall. Jetzt brauchen Sie Geduld und ein bißchen Zeit- beides sind Kul­turgüter, die Sie im Ritardando des Stadtwalls wiederfinden können …

Sie sind jetzt auf dem Wall einmal um die ganze Stadt herumgegangen und können auf Ihrer Trimm-Dich-Karte 1,33 Kilometer eintragen. Sind es 2000 Schritte, wie es 1825 in der Zeitschrift »Flora« zu lesen war? Falls Sie sich nun in das Geschäftsleben der City stürzen wollen, haben Sie am östlichen und am westlichen Wall je zwei romantische Durchgänge durch die Stadtmauer zur Auswahl. Wenn Sie gestreßt zurückkommen und etwas Erholung brauchen:

Der Stadtwall ist immer für Sie da!

Gucklöcher

Biologisch gesehen verbessern die Bäume des Stadtwalls das Kleinklima. Finanzpolitisch ausgedrückt erbringt das »grüne Oval« jährlich eine Leistung von weit über einer Million Mark, legt man den volkswirtschaftlichen Nutzen eines Baumes zugrunde, wie ihn Frederic Vester 1985 ermittelte – für alle, denen Naturschutz leichter fällt, wenn sich dabei irgend etwas »rechnet«. Ver­kehrstechnisch gesehen ist der Wall ein autofreies Roundabout, auf dem die Fußgänger sehr positive Luftwerte vorfinden. Von kultureller Seite her darf man den Stadtwall als historischen Rundwanderweg mit vielen Gucklöchern in die Vergangenheit preisen. Psychologisch betrachtet verschafft uns ein Gang auf dem erhöhten Weg des Stadtwalls das Gefühl, über den Dingen zu stehen; die Eindeutigkeit des von stummen und mächtigen Bäumen gesäum­ten Weges fördert die Konzentration und die innere Ruhe; das Blätterdach ver­mittelt ein Gefühl von Raum und Geborgenheit. Und der ästhetische Nutz­effekt: Nicht nur der Anblick der archaischen Baumgestalten erfrischt das an abgezirkelte Industrieformen gewöhnte Auge, sondern auch der Stadtwall als Ganzes, als Oval, bietet uns eine optische Sensation, die wir freilich nur von den Luftaufnahmen her kennen. Fühlt nicht ein Düsenjägerpilot, besser viel­leicht: ein über Schrobenhausen hinweggondelnder Ballonfahrer, wie »heime­lig« eine eingefaßte Siedlung wirkt? Die grüne Grenzlinie strukturiert, gibt Maß und schafft Übersichtlichkeit, die uns zugleich Sicherheit bedeutet. Ent­fernt man zum Spaß – in einer Collage habe ich es versucht – den grünen Ring um die Stadt, dann wird aus dem Stadtkern von Schrobenhausen das, was aus vielen neuzeitlichen Städten und Siedlungen geworden ist: ein gleichförmiger, unübersichtlicher Siedlungsbrei, ohne Orientierungspunkte, bau- und · finanztechnisch rationell, aber ohne Berücksichtigung humaner Seh- und Denkgewohnheiten, die schließlich den Maßstab für urbanes Wohlbefinden setzen.

Was wäre Schrobenhausen ohne Stadtwall? Eine Collage von Karl Stöger.

Flora

Schrobenhausen hat Glück gehabt, daß es nicht zu Brei geworden ist. Allen, die sich darum Verdienste erworben haben, sollte ein Bäumchen gepflanzt werden – auf dem Stadtwall, im Goachat, in der Innenstadt, in Ihrem Garten, in Ihrer Straße, im zukünftigen Stadtpark und wo immer noch ein Plätzchen frei ist, wie ehemals auf dem öden Stadtwall …

 

Quellen

Bickel, Benno; Pollinger, Thekla Maria: Schrobenhausener Ansichten. Schrobenhausen 1980.

Fick, Michael: Chronikon der Stadt Schrobenhausen. Schrobenhau­sen 1850. S. 82 r.

Flora: Ein Unterhaltungs-Blatt, Nr. 99, 23. Juni 1825.

Gröschl, Ludwig: Lebensbild des Oberlehrers Michael Sommer. In: Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung. Erste Reihe. Schrobenhausen 1906.

Reischl, Georg August: Lenbach und seine Heimat. Schrobenhausen 0. J. (1954).

Reischl, Georg August: Der alte Schutzgürtel der Stadt bedarf unse­res Schutzes. In: Schrobenhausener Zeitung, 14. Juni 1958.

Schrobenhausener Zeitung, 19. August 1916 (Unwetter).

Vester, Frederic: »Ein Baum ist mehr als ein Baum«. München 1985.

Vitzthum, Werner: [verschiedene Beiträge]. In: Schrobenhausener Zeitung, 1980-1992.

Dank an Max Direktor vom Stadtarchiv

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Durchgesehene Fassung eines Textes aus dem Jahre 1992. Die Rechtschreibung wurde nicht angepasst.
© 1992 Karl Stöger