Bernhard Rödig (1945 – 2026) – Ein Nachruf

Ein Leben im Dienste der Heimatforschung: Schrobenhausen trauert um Kreisheimatpfleger a. D. Bernhard Rödig

Mit Bernhard Rödig verliert die Heimat- und Regionalforschung im Schrobenhausener Land eine ihrer prägendsten und engagiertesten Persönlichkeiten. Über viele Jahrzehnte hinweg widmete er sich mit akribischer Sorgfalt, fundiertem Fachwissen und unermüdlichem persönlichem Einsatz der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung der lokalen Geschichte und Archäologie. Sein Lebenswerk hat das geschichtliche Bewusstsein der Stadt Schrobenhausen und des gesamten südlichen Landkreises nachhaltig geprägt.

 

Aus dem Egerland nach Schrobenhausen

Bernhard Rödig wurde am 1. November 1945 in Zieditz im sudetendeutschen Kreis Falkenau geboren. Die unmittelbaren Nachwehen des Zweiten Weltkriegs trafen die Familie mit voller Härte: Am 12. Juni 1946 musste die Familie ihre angestammte Heimat verlassen und wurde in die amerikanische Besatzungszone ausgewiesen. Die beschwerliche Reise führte die Familie gemeinsam mit 40 weiteren Personen in einem Viehwaggon über mehrere Zwischenstationen schließlich nach Schrobenhausen.

Hier fand die Familie eine neue Heimat. Bernhard Rödig wuchs in der Alten Steingriffer Straße 371 1/3c auf, besuchte die örtliche Volksschule sowie das Gymnasium und legte 1965 sein Abitur ab. Vielleicht trug auch die eigene kindliche Erfahrung als Fremder in Schrobenhausen dazu bei, seine Sensibilität für menschliche Schicksale zu stärken, die seine Arbeit als Heimatforscher immer wieder prägte.

Nach dem Lehramtsstudium in Augsburg kehrte er nach Schrobenhausen zurück und wurde Lehrer an der Hauptschule Schrobenhausen (der heutigen Michael-Sommer-Mittelschule). Über 40 Jahre lang unterrichtete er dort bis zu seiner Pensionierung mit großer Leidenschaft. Sein pädagogisches Wirken war stets von Pragmatismus, Empathie und Tatkraft geprägt. Um nur ein Beispiel seines überdurchschnittlichen Engagements zu nennen: Als in den 1970er-Jahren die Kinder der ersten türkischen „Gastarbeiter“ an die Schule kamen, stand man vor erheblichen Sprachbarrieren. Die Schüler sprachen kein Deutsch, Rödig kein Türkisch, und geeignetes Lehrmaterial fehlte völlig. Unbeirrt entwickelte Rödig eigene Lehrmethoden – und begann zeitgleich selbst Türkisch zu lernen. Dieser außergewöhnliche Einsatz schuf nicht nur die Grundlage für den Schulerfolg der Kinder, sondern verhalf dem Lehrer auch zu großem Respekt bei den Familien.

 

Engagierter Kreisheimatpfleger und leidenschaftlicher Archäologe

Das Engagement von Bernhard Rödig für die Region reichte weit über seinen Beruf hinaus. Schon lange bevor er im Jahr 1999 offiziell zum Kreisheimatpfleger für Heimatforschung und Archäologie berufen wurde, war er im Sinne der Heimatpflege aktiv. Seine Verdienste beschränken sich daher keineswegs nur auf seine spätere offizielle Amtszeit.

Besonders die Archäologie lag ihm seit jeher am Herzen. Rödig wartete nicht auf offizielle Grabungsteams, sondern stieg oft selbst in Baugruben, um historische Funde zu sichern – insbesondere dann, wenn dem Landesamt für Denkmalpflege das Bauvorhaben nicht spektakulär genug erschien, um eigene Grabungen durchzuführen. Unzählige Male wies er die zuständigen Denkmalschutzbehörden auf laufende Erdarbeiten an historisch bedeutsamen Stellen hin und rettete so kostbare Erkenntnisse vor der Zerstörung.

Ein besonderer Schwerpunkt seiner praktischen Arbeit lag auf der Erforschung alter Hausbrunnen. In der Altstadt von Schrobenhausen hat er  im Laufe der Jahre 58 Hausbrunnen untersucht und in Zusammenhang mit der historischen Wasserversorgung als wichtiges Element der lokalen Alltagsgeschichte dokumentiert. Durch seine eingehende Beschäftigung mit den Schrobenhausener Hafnern gelang ihm zudem die präzise zeitliche Einordnung zahlreicher keramischer Fundstücke. Seine Ergebnisse fanden nicht nur Eingang in lokale Publikationen, sondern wurden auch in wissenschaftlichen Fachgremien geschätzt und zitiert.

Eine besondere Liebe verband ihn mit dem Zeiselmairhaus, einem der ältesten spätmittelalterlichen Handwerkerhäuser im nördlichen Oberbayern und heute eines der vier städtischen Museen Schrobenhausens. Rödig packte bei den archäologischen Freilegungsarbeiten persönlich mit an und war maßgeblich an der inhaltlichen und museumspädagogischen Konzeption des Hauses beteiligt. Die dort veranschaulichten Wohn- und Arbeitswelten vergangener Jahrhunderte machten Geschichte greifbar – insbesondere für Schulklassen. Bernhard Rödig und seine Ehefrau Barbara betreuten beide das Museum auch in den Folgejahren mit großer Hingabe.

 

Mikrogeschichte, Zeitgeschichte und wissenschaftliche Akribie

Als Historiker und Autor verstand es Bernhard Rödig, das große historische Geschehen auf die lokale Ebene herunterzubrechen und an konkreten Schicksalen erfahrbar zu machen. Früh nutzte er die Methoden der Oral History, befragte Zeitzeugen und hielt deren Erinnerungen systematisch fest.

Zu seinen bedeutendsten Publikationen gehören:

  • „Im Garten der Ewigkeit. Der Alte Friedhof in Schrobenhausen“ (2008): Die Veröffentlichung gilt als das Standardwerk zur Geschichte und Kultur der historischen Begräbnisstätte in Schrobenhausen. Rödig begreift den Friedhof als „Steinernes Geschichtsbuch“, verknüpft Heimat- und Ahnenforschung, porträtiert – ausgehend von den Gräbern – lokale Persönlichkeiten, Handwerker, Honoratioren und alteingesessenen Familien.
  • Aufarbeitung der Rüstungsgeschichte: In einer beachteten Abhandlung aus dem Jahr 2012 erforschte er die Geschichte der HIAG, eines geheimumwitterten Rüstungswerks im Hagenauer Forst, in dem während des Zweiten Weltkriegs Vorprodukte für Sprengstoffe hergestellt wurden (heute Standort der MBDA).
  • Schrobenhausener im Ersten Grossen Krieg 1914 bis 1918. (2014): Eine umfangreiche, akribisch ausgearbeitete Mikrostudie zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs. Anhand anrührender Feldpostbriefe und Dokumente zeichnete er die Lebens- und Leidenswege heimischer Soldaten nach.
  • Orts- und Institutionengeschichte: Neben einer detaillierten „Geschichte der Volksschule in Schrobenhausen“ verfasste er Monografien über das Zeiselmair-Haus sowie das historische Freibad.

Viele dieser Werke verlegte Rödig auf eigenes finanzielles Risiko im Selbstverlag, um das Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Darüber hinaus prägte er über Jahrzehnte hinweg das geschichtliche Bewusstsein der Bevölkerung durch rund 700 Zeitungsartikel in der „Schrobenhausener Zeitung“. Ob Jubiläen, Kirchensanierungen oder Museumsneueröffnungen – Rödig lieferte stets den fundierten historischen Hintergrund. Besondere Beliebtheit genoss seine Veröffentlichungsreihe „Rödigs Ansichten“. Darin stellte er historischen Fotoaufnahmen aktuelle Fotografien aus exakt derselben Perspektive gegenüber. Dieser direkte Vergleich führte den Lesern vor Augen, wie rasch sich das Stadt- und Ortsbild verändert – und mahnte nicht selten einen behutsamen Umgang mit der baulichen Heimat an.

 

Ein offenes Archiv und ein unvergessenes Vermächtnis

Bernhard Rödig verstand seine Forschung nie als Selbstzweck oder isoliertes Expertenwissen. Sein Wissen und seine Materialien teilte er großzügig. Im Laufe der Jahrzehnte trug er zusammen mit seiner Frau ein gewaltiges Privatarchiv zusammen – eine wohl einzigartige Sammlung aus Fotos, historischen Postkarten, Drucken, Tonbandaufnahmen, Zeitungsartikeln und Sterbebildern. Dieses Archiv stand Lokaljournalisten, Wissenschaftlern, Kommunen sowie zahlreichen Heimat- und Familienforschern offen und ist zwischenzeitlich zu einem großen Teil im Stadtarchiv Schrobenhausen zugänglich.

Auch als Referent war Rödig überaus gefragt. Seine Vorträge – etwa im Rahmen des Schrobenhausener Sonntagsforums des Verkehrsvereins, bei der Volkshochschule Schrobenhausen, bei den Treffen der regionalen Familienforscher oder im Haus im Moos – waren nicht nur fachlich fundiert, sondern stets mit einer gehörigen Portion feinsinnigem Humor gewürzt. Zudem widmete er sich intensiv dem Nachlass des Schrobenhausener Heimatforschers Georg August Reischl und trug maßgeblich zur Erstellung einer umfassenden Bibliografie dessen Werkes bei.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bernhard Rödig hat in seiner Generation wie kein zweiter die Geschichtsschreibung des Schrobenhausener Landes geprägt, unzählige archäologische Zeugnisse vor der Vernichtung bewahrt und die Lokalgeschichte für breite Schichten der Bevölkerung erlebbar gemacht. Seine Arbeiten bilden ein dauerhaftes Fundament für alle künftigen Forschungen in der Region. Auch wenn das „öffentliche Schrobenhausen“ Bernhard Rödigs Bedeutung vielleicht nicht immer ausreichend erkannt und gewürdigt hat. Denn er war kein Selbstdarsteller, dem es darum ging, im Rampenlicht zu stehen. Das überließ er „Berufeneren“ …

 

Heimatforschung im Tandem

Immer wenn in diesen Zeilen von Bernhard Rödig die Rede ist, fehlt ein ganz großes Und. Denn es ist – leider – ein Nachruf auf sein Wirken. Doch über Jahrzehnte hieß es stets „Bernhard und Barbara Rödig“ oder „Barbara und Bernhard Rödig“. In der Heimatgeschichtsforschung waren Bernhard Rödig und seine Frau immer ein Tandem. Ganz gleich, ob in der Baugrube bei der Bergung archäologischer Funde oder vor dem Computer beim Verfassen eines Artikels. Sie stand nie hinter ihm, nur um ihn vom schnöden Alltag zu entlasten, sie stand immer neben ihm in Tatkraft und mit Begeisterung an der gemeinsamen Sache.  Umso mehr gilt Barbara Rödig unser Mitgefühl.

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Buchveröffentlichungen von Bernhard Rödig

Eine nahezu fertiggestellte, umfangreiche Bibliografie von Rödigs Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsveröffentlichungen erscheint in Zusammenarbeit mit Barbara Rödig demnächst auf unserer Seite paardon.de. Bis dahin beschließen wir diesen Artikel mit einer kurzen Übersicht seiner Bücher:

 

Rödig, Bernhard: Archäologische Beobachtungen und Funde im Verlauf der Stadtsanierung Schrobenhausens. Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 1988 – [80] S. : zahlr. Ill., Kt. .

Rödig, Barbara und Bernhard Rödig: Zeiselmair-Haus. Spätmittelalterliches Handwerkerhaus In der Lachen 1, 8898 Schrobenhausen. Schrobenhausen 1991 – [6] S. : Ill., Kt. .

Rödig, Bernhard und Barbara Rödig: Altes Handwerk, lebendig geworden im Handwerkerviertel Schrobenhausen. Schrobenhausen: Verkehrsverein Schrobenhausener Land e. V.  1991

Rödig, Bernhard: Geschichte der Volksschule in Schrobenhausen. Schrobenhausen: Verlag Benedikt Bickel 1998 – 141 S. : zahlr. Ill., Kt. , ISBN 978-3-922803-91-1.

———: Am Schuss. Die Geschichte des alten Stadtbades in Schrobenhausen. Schrobenhausen: Verlag Benedikt Bickel 2001 – 146 S. m. zahlr. Ill., Kt. , ISBN 978-3-922803-62-1

———:. McCallisters letzter Einsatz. Die deutsch-amerikanische Geschichte des Absturzes einer B-17 der US Army Air Force im Jahre 1945 nahe Schrobenhausen (Schrobenhausener Schriften 2). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 2004 – 123 Seiten : Illustrationen, Karte

———: McCallister’s last mission. The German-American story of the shooting down of a US Army Air Force B-17 G in the year 1945 near Schrobenhausen (Schrobenhausener Schriften 2). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 2004 – 123 Seiten : Illustrationen, Karte

———, Rödigs Ansichten. [1] (Schrobenhausener Schriften 3). 2007 – 56 S. : überwiegend Ill.

———: Im Garten der Ewigkeit. Der Alte Friedhof in Schrobenhausen (Schrobenhausener Schriften 4). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig. 2008 – 384 S. zahlr. llustrationen, Karten ; 25,5 x 21 cm – Rez.: Schönere Heimat 98 (2009),1, S. 49-50 (Cornelia Oelwein); Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2010, S. 318-319 (Barbara Hoppe).

———, Rödigs Ansichten 2 (Schrobenhausener Schriften Bd. 5). 2. Aufl. 2009 – [28] Bl. : zahlr. Ill.

Rödig Bernhard; Direktor Max; Mayer Franz J.: Schrobenhausen. Die Stadt im Spiegel alter Postkarten. Schrobenhausen: Eigenverlag Stadtsparkasse Schrobenhausen 2010 – 119 S., überw. Ill.

———, Schrobenhausener im Ersten Grossen Krieg 1914 bis 1918. Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg in der Heimat – an den Fronten (Schrobenhausener Schriften Bd. 6). Schrobenhausen: Eigenverlag Rödig 2014 – 607 Seiten : zahlr. Ill.




Konrad Leufer (1944 – 2026) – ein Nachruf

Konrad Leufer (1944-2026) zum GedenkenKonrad Leufer (* 5. August 1944 – † 4. August 2026) – Pädagoge, Filmemacher, Kulturmanager –

 

Konrad Leufer ist tot. Auch wenn es in den letzten zehn Jahren eher ruhig um ihn geworden war, der Verlust ist groß. So ist es mehr als geboten, sein jahrzehntelanges Wirken zu würdigen. Nachrufe zählen zu den besonders unguten Textsorten, geprägt von Floskeln, Phrasen, Plattitüden. Und mit dem Verstorbenen mehr als 50 Jahre eine Freundschaft mit zahllosen Begegnungen und gemeinsamen Unternehmungen gepflegt zu haben, macht es mir nicht einfacher. Ich werde diesen persönlichen Bezug auch nicht verbergen. Das wäre nur ein Verbiegen. Doch geht es hier nicht um Histörchen mit persönlichem Touch. Es geht um Konrad Leufer als Persönlichkeit des lokalen Kulturlebens.

 

Aus Ungarn vertrieben, in Schrobenhausen nicht gleich willkommen

In die Wiege gelegt war es Konrad („Conny“) Leufer nicht, einmal das Kulturleben einer oberbayerischen Kleinstadt eine Generation lang ganz wesentlich mitzuprägen, als er am 5. August 1944 in dem kleinen südungarischen Dörfchen Mekényes (zu deutsch Meknitsch) in die unwirtliche Welt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hineingeboren wurde. Mit Vertreibung der deutschen Minderheit in Ungarn verschlug es den kleinen Jungen zusammen mit seiner Familie auf verschlungenen Wegen nach Schrobenhausen, genauer gesagt in die damals noch selbstständige Gemeinde Mühlried. Das Leben war nicht immer gut zu ihm. Nicht nur materiell, sondern auch psychisch: Weil er ein Flüchtlingskind war, oder ein „Flü“, wie man damals sagte, schlossen ihn seine Schulkameraden von so manchem Spiel aus. Er gehörte nicht dazu, wie viele andere auch.

Wie auch immer: Aus Conny Leufer wurde ein begabter Schüler, ein Abiturient mit glänzendem Abschluss, ein Student der Mathematik und Physik an der Technischen Universität München. Nach erfolgreichem Abschluss kehrte er an seine Schule, das Gymnasium Schrobenhausen, zurück. Dieser blieb er – abgesehen von einem fünfjährigen Intermezzo als Studienrat im Hochschuldienst an der TU – über die Jahrzehnte bis zu seiner Pensionierung treu, als Lehrender und in den verschiedensten administrativen Funktionen, schließlich als Studiendirektor und ständiger Stellvertreter des Schulleiters.

 

Der Lehrer – und noch viel mehr

Wer alte Abiturzeitungen durchblättert, wird immer wieder auf geradezu „hymnische“ Texte über den Studienrat Konrad Leufer treffen. Er mochte seine Schüler*innen und sie mochten ihn. Mehr als einmal wurde ihm der Titel „Beliebtester Lehrer“ zuteil, trotz seiner Fächer, die im Gegensatz zu Sport oder Literatur eher etwas spröde waren. Für viele war er „der Conny“, was seiner Autorität keinen Abbruch tat. Er stand seinen Schüler:innen nahe, motivierte, konnte begeistern, schenkte und gewann Vertrauen, ohne dabei jene unsichtbare, aber unabdingbare Grenze zwischen Lehrendem und Lernenden zu überschreiten, die es zu bewahren gilt: Nie biederte er sich an, nie „fraternisierte“ er.

 

Der Förderer der Künste

Schon einige Jahre vor Gründung des Kunstvereins gab es in Schrobenhausen eine kleine Gruppe von Malern – teils noch Studierende – und weiterer Kunstschaffender, die in Schrobenhausen an die Öffentlichkeit treten wollten. Erste Ausstellungen gab es Mitte der 1970er Jahre im Keller der Stadtsparkassenzweigstelle Kellerberg, dem damaligen „Kulturzentrum“ Schrobenhausens, in das man auch lieblos das historische Gestühl des einstigen Lenbachsaals im Rathaus verbannt hatte. Conny Leufer war von der ersten Stunde an als helfende Hand dabei. Als dann am 21. Februar 1978 der Schrobenhausener Kunstverein ins Leben gerufen wurde, damals eine ziemliche Novität für eine bayerische Kleinstadt, war Leufer Gründungsmitglied, wurde bescheiden zweiter Vorsitzender und prägte fortan für mehr als 20 Jahre den Verein ganz wesentlich. Auf „sein Konto“ gehen unter anderem die erfolgreichen „Kulturtage im Herbst“ (zum Beispiel 1981 mit 14 Veranstaltungen und 4000 Besuchern), die erste eigene Galerie des Kunstvereins im einstigen Sparkassengebäude an der Regensburger Straße (eröffnet 1984), die Finanzierung des „Schrobenhausener Lese- und Bilderbuchs“ (zwei Auflagen 1986 und 1988 mit insgesamt 2000 Exemplaren), für einen kleinen Verein damals ebenso wie die Galerie ein großes Wagnis. Zumal der Kunstverein für sich in jenen Jahren auch einen politischen Auftrag reklamierte, nicht nur im Unverbindlichen des Ästhetischen weilen wollte, damit mehr als einmal aneckte und so seine überaus bescheidenen öffentlichen Zuschüsse riskierte. Beispielsweise mit der von Konrad Leufer initiierten, durch und durch kritischen Ausstellung „Bedrohte Natur – bedrohtes Goachat – Bilder, Texte und Objekte“ im November 1984.

 

Der engagierte Bürger

Womit wir wieder bei Conny dem engagierten Bürger sind. Konrad Leufer war ein politischer Mensch. Früh engagierte er sich bei den Schrobenhausener Jungsozialisten, hatte verschiedene Vorstandsposten inne und war 1978 auch bereit, für den Stadtrat zu kandidieren. Von alten Sturköpfen und Karrieristen im SPD-Ortsverein wurde er ausgebootet. Der junge Gymnasiallehrer hat daraus die Konsequenzen gezogen und sich kein zweites Mal um eine Kandidatur bemüht. Dem Schrobenhausener Kulturleben aber konnte gar nichts Besseres passieren! Und politisch war Connys Stimme auch oder vielleicht gerade „außerparlamentarisch“ immer wieder von Gewicht. So war er einer der ersten und entschiedensten Gegner der sogenannten Südwesttangente, Südumgehung, Goachat-Trasse oder wie auch immer das unselige Straßenbauprojekt durch die Paarauen südlich Schrobenhausens in seiner nun knapp 50-jährigen erfolglosen „Planungsphase“ abwechselnd hieß. Leufer engagierte sich im gerade erst entstehenden Bund Naturschutz für den Erhalt des Goachats, referierte auf Veranstaltungen, nahm an Diskussionen teil, doch sein wertvollster und schönster Beitrag war zweifellos der ebenso poetische wie anklagende SOB-Dokumentarfilm „He Willi …“, der seit seiner Erstaufführung 1988 in eindringlichen Bildern bis heute davor warnt, das kleine Paradies vor den Toren der Stadt dem Moloch Straßenverkehr zu opfern. Bei mehreren tausend Zuschauern fiel diese Botschaft im Laufe der Jahre auf fruchtbaren Boden.

 

Der Förderer der Bildung

Schon in den späten 1970er Jahren gehörte Konrad Leufer dem Beirat der Volkshochschule Schrobenhausen an. Die vhs-Vorstandschaft war in jenen Jahren ein ziemlich zerstrittener Haufen, der sich gerne mit seinen gegenseitigen Antipathien beschäftigte. Conny Leufer zählte damals zu den wenigen Stimmen der Vernunft und der Mediation. Damals konnte er noch nicht vorausahnen, dass er 1992 selbst das Amt des 1. Vorsitzenden der vhs übernehmen und es für die nächsten 25 Jahre bis 2017 innehaben würde, ehe er dann verdientermaßen zum Ehrenvorsitzenden gekürt wurde. Der Schreiber dieser Zeilen muss nun ganz kurz „persönlich“ werden, war er doch in dieser Ära von 1989 bis 2017 Leiter der vhs Schrobenhausen. Und als solcher hat mich Conny unterstützt, wenn es geboten war, aber nie gegängelt, was ich weder ertragen noch akzeptiert hätte. Hier kam eines seiner „Geheimnisse“, eine seiner besonderen Gaben zum Tragen: Er konnte in andere Menschen Vertrauen setzen, sie einfach machen lassen.

Die Jahre zuvor bereits an großen Erweiterungsbaumaßnahmen des Gymnasiums beteiligt, brachte er in den Jahren 1996 bis 1998 beim Umbau des städtischen Gebäudes Lenbachstraße 22 zum vhs-Haus all seine Erfahrungen und gegenüber den im Detail nicht immer wohlgesonnenen Vertretern der Stadt Schrobenhausen sein Verhandlungsgeschick ein. So ist das vhs-Haus so recht eigentlich sein Haus. Ohne Conny hätte das vhs-Haus nicht einmal einen Aufzug bekommen. Heute nur noch schwer vorstellbar, nicht wahr?

Konrad Leufer war 25 Jahre Vorsitzender der vhs Schrobenhausen. Marianne Paul vom Schrobenhausener Lenbachchor überreicht ihm am 14.12.2015 eine Spende für Deutsch-Kurse.

Konrad Leufer war 25 Jahre Vorsitzender der vhs Schrobenhausen. Marianne Paul vom Schrobenhausener Lenbachchor überreicht ihm am 14.12.2015 eine Spende zur Unterstützung der ehrenamtlichen Deutsch-Kurse für Migranten.

 

Der Filmemacher: Kreativ hinter der Kamera. Kreativ im Umgang mit Menschen vor der Kamera

Wenn Schrobenhausen in den letzten Jahrzehnten überregionale Schlagzeilen machte, so waren sie nicht immer positiv. Zu den Ausnahmen zählt die SOB-Filmgruppe, der wohl bedeutendste kulturelle und künstlerische Glanzpunkt im Lebenswerk von Conny Leufer.

Eine umfassende Darstellung finden die Leserinnen und Leser auf der Website von paardon.de unter dem Titel Kleines SOB-Film-Lexikon, daher gibt es hier nur einen kurzen Abriss.

Schon in jungen Jahren begeistere sich Konrad Leufer für das Filmen. Gemeinsam mit Freunden drehte er erste kleine schwarzweiße Stummfilme im 8 mm-Format, fern von einem Gedanken an eine öffentliche Aufführung. 1974 kam dann mit „Woodwool der erste Spielfilm mit Farbe und Ton, dessen Handlung noch eine literarische Vorlage hatte. Dann der große Qualitätssprung: „Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen“ fand seit der Erstaufführung 1978 immer wieder begeisterte Resonanz im örtlichen Kino. So entfaltete sich im Laufe der Jahre das „typische“ SOB-Film-Genre. Seine Ingredienzien: im Team entwickeltes Drehbuch; begabte Darsteller, die aber ihre Grenzen kannten und sich nicht unfreiwillig komisch als professionelle Schauspieler imaginierten; aufwendige Dreharbeiten in Kulisse und freier Natur; Originalmusik, also Eigenkompositionen, frisch eingespielt, nichts aus der Konserve; Schnitt in hoher und Vertonung in beachtlicher Qualität, wozu sich die Technik im Keller des Leuferschen Familienhauses befand. Dort konnte Conny einer weiteren Begabung frönen, denn zahreiche Gerätschaften dort waren Marke Eigenbau.

Bis 2013 folgten noch weitere neun Filme, darunter 1989 auch eine Dokumentation mit Spielelementen über Franz von Lenbach. „Der rote Schirm“, wie der Titel hieß, war keineswegs eine bieder-ehrfurchtsvolle Hommage an den „großen Sohn“ der kleinen Stadt, sondern warf einen kunstgeschichtlich grundierten kritischen Blick auf den einst berühmten Porträtisten. So eroberte der Film auch einige dritte Fernsehprogramme. Daneben hagelte es Preise, zum Beispiel „Bester Deutscher Amateurfilm des Jahres 1982“ für den Spielfilm „Das Lied vom Lande“. Die straff organisierte Amateurfilmszene und die lockeren SOB-Filmer fremdelten allerdings etwas. „Wenn ihr kommt, haben wir eh keine Chancen…“ wurde Conny Leufer mal auf einem Festival beschieden. Die Teilnahme an Wettbewerben blieb eine Episode von wenigen Jahren.

Das Erfolgsgeheimnis von SOB-Film? Konrad Leufer als „primus inter pares“, nicht als abgehobenes „Genie“, beseelt oder gar besessen von einer einzigartigen Idee, die es durchzupeitschen galt. Das Zauberwort lautete Teamarbeit. Connys Gespür für die besonderen Begabungen und Neigungen der einzelnen Gruppenmitglieder, die Fähigkeit, für jeden den richtigen Platz zu finden und ihm Freiheit zur Entwicklung zu gewähren. Motivation und Begeistern statt Zwang und Gängelei. Letztlich all das, was ihn auch als Lehrer erfolgreich machte.

Und Konrad Leufers persönliche künstlerische Begabung? Das war der Blick durch das Objektiv der Kamera, seien es turbulente Szenenabläufe oder wundervolle Landschaftsaufnahmen, für die ich einmal den Begriff „Malen mit der Kamera“ geprägt habe.

Konrad Leufer – Malen mit der Kamera: Szene aus dem SOB-Film "Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen" mit Sig Fabig.

Konrad Leufer – Malen mit der Kamera. Szene aus dem SOB-Film „Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen“ mit Sig Fabig.

 

Bescheidenheit ist eine Zier …

… und Conny Leufer kam sehr weit mit ihr. Und nach Verwendung eines auch in seiner Abwandlung abgeschmackten Sprüchleins folgt eine weitere Plattitüde, einfach weil sie ausnahmsweise wahr ist: Konrad Leufer hat sich um das Schrobenhausener Kulturleben verdient gemacht! Sind diese seine Dienste zu seinen Lebzeiten gebührend gewürdigt worden? Die SOB-Filmgruppe und nicht er persönlich – das wollte er auch so – bekam 1982 den Kunstpreis der Stadt Schrobenhausen. Sein Lebenswerk wäre wohl eine Bürgermedaille wert gewesen, auf die er aber, wie ich ihn kenne, gar keinen so großen Wert gelegt hätte. Wohltuend in einer Stadt, in deren Kulturleben es ja auch heute noch begnadete Selbstdarsteller geben soll.

 

Abschied

In letzter Zeit ist es Conny, wie ihn seine Freunde nannten, gar nicht mehr gut gegangen gesundheitlich. Und zu guter Letzt konnte er einfach loslassen.




Paardon.de freut sich über 60.000 Zugriffe

 

60.000 Zugriffe – ein schöner Erfolg für unsere Regionalgeschichte

60.000 Zugriffe – wir sind begeistert und möchten ein wenig zurück und auch nach vorne blicken. 60.000 Zugriffe – das heißt: so oft ist ein Artikel auf unserer Homepage angeklickt und wie wir hoffen auch gelesen worden (Stand Anfang Mai 2026). Jeder Artikel hat einen DSGVO-konformen Zähler im Hintergrund, der nur dann mitzählt, wenn die Seite nicht von einem Bot aufgerufen wird.

Begonnen haben wir klein, wir mussten uns auf einen Namen unserer Homepage einigen, Google ermuntern, uns zu finden. Die ersten fünf Beiträge gingen am 26. November 2021 online.

Klickzahlen steigen mit der Zahl der Artikel, zur Zeit rund  2.500 Klicks pro Monat. Und das, obwohl wir keine Werbung machen, nur eine Lokalzeitung hat vor zwei Jahren mal über uns berichtet.

WordPress ist ein professionelles Programm. Die integrierte SEO = Search Engine Optimization, das heißt Suchmaschinenoptimierung, leitet uns an, Metadaten wie Schlagworte so zu vergeben, dass wir von Suchmaschinen gut gefunden werden.

 

Ziele

  • Wir sind eine private Homepage und somit völlig unabhängig.
  • Wir präsentieren alle Beiträge kostenlos, ohne Bezahlschranke und verdienen deshalb keinen einzigen Cent.
  • Wir praktizieren „Open Access“ – leider oft noch nicht selbstverständlich.
  • Zusammengefasst haben wir unsere Ziele hier

 

Name unserer Homepage

Lange haben wir überlegt, wie der Name unserer Homepage lauten soll. Wir haben uns für www.paardon.de entschieden. Interessierte können sich das leicht merken, Google und andere Suchmaschinen finden diesen Namen auch gut – letztlich stecken im Namen die Flüsse Paar und Donau drin. Der Name zeigt auch, dass wir uns in einer Region bewegen und nicht an Landkreisgrenzen Halt machen.

 

Woher kommen die Zugriffe

Im Hintergrund läuft eine datenschutzkonforme Geolocation Box, die erfasst, woher die Zugriffe kommen, wo die Einwahlserver stehen. Da finden wir neben Deutschland … hier natürlich die meisten Zugriffe aus der Region … oft die USA, aber auch China, Vietnam, Singapore … Zugriffe gibt es also von allen Erdteilen. Wir wissen, dass viele Nutzer heute anonym surfen und die Zugriffsorte auch Zufall sein können – doch sind wir uns sicher, dass wir weltweit wahrgenommen werden.

 

Wie viele Zugriffe pro Artikel?

Die Bandbreite der Zugriffszahlen der einzelnen, oft doch sehr speziellen Artikel geht weit auseinander. So gibt es Artikel mit Zugriffszahlen im unteren Bereich zwischen 500 und 1.000 (auch das finden wir schon sehr beeindruckend), viele Artikel im mittleren Bereich mit 1.000 bis 2.000 Zugriffen sowie einzelne Artikel, deren Zugriffszahlen noch weit höher liegen.

 

Barrierefrei

Unsere Homepage ist barrierefrei gemäß Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) vom 28. Juni 2025: Bedienbarkeit ohne Maus allein über die Tastatur, Alternativtexte für Bilder, ausreichende Farbkontraste, semantische Strukturierung. Besucher können sich die Beiträge auch vorlesen lassen.

 

Langzeitarchivierung

Digitale Daten sind fragil und vergänglich. Deshalb haben wir uns schon von Anfang an die Frage gestellt: Was passiert, wenn es paardon.de mal nicht mehr geben sollte? Wir sind dabei, Möglichkeiten zu testen, wie unsere Beiträge dauerhaft gesichert werden können. Wir denken zum Beispiel daran

  • mit geeigneten Artikeln eine digitale historische Reihe zu machen, die dann über die Server der Staatlichen Bibliotheken Bayerns und der Deutschen Nationalbibliothek dauerhaft gespeichert werden.
  • die Homepage insgesamt mit geeigneten Programmen zu sichern und diese Sicherung ebenfalls staatlichen Bibliotheken anzubieten.

Und auch die Idee, einige interessante Beiträge in einem Sammelband in gedruckter Form herauszugeben, finden wir spannend.

 

Dankeschön

Ein herzliches Dankeschön an alle, die mit Interesse, Hinweisen, Bildern und Geschichten zu diesem Projekt beigetragen haben. Wir sagen Danke auch für die aufmunternden Zuschriften, zum Beispiel: „Tolles Projekt“ oder „Ich hoffe, dass Sie noch viele interessante Geschichten zusammentragen werden“. Oder: „Wenn wir etwas zur Stadtgeschichte recherchieren, landen wir erstaunlich oft bei euch – wirklich super!“

 

Das motiviert uns weiterzumachen – mit neuen Beiträgen, spannenden Funden und vielleicht auch der einen oder anderen Überraschung. Bleiben Sie neugierig – und schauen Sie immer wieder vorbei!

 




Ottheinrichs Reise von Neuburg nach Krakau 1536 – Reisebilder online

Neuburg 1536 (Universitätsbibliothek Würzburg, Bildausschnitt)

Ottheinrich · Topics (franconica.online)

Ottheinrichs Reise von Neuburg nach Krakau 1536 –

Reisebilder online

 Der Neuburger Künstler Viktor Scheck hat seine Reise 2004 nachempfunden

Am 27. November 1536 brach Pfalzgraf Ottheinrich nach Krakau auf, um beim dort residierenden polnischen König Sigismund einen Schuldschein einzulösen. Die wichtigsten Stationen der Reise wurden von einem bis heute unbekannten zeitgenössischen Künstler festgehalten und später koloriert. Diese 50 Aquarelle gehören für die meisten Orte zu den frühesten erhaltenen bildlichen Darstellungen. Die Originale dieser Ortsansichten befinden sich in der Universitätsbibliothek Würzburg und können online abgerufen werden. Wir möchten als gut besuchte Homepage dazu beitragen, dass diese beeindruckenden Ortsansichten eine noch weitere Aufmerksamkeit bekommen.

Lange Zeit kaum beachtet

Jahrhunderte lang waren diese Ortsansichten kaum beachtet worden, sie lagen undatiert in der Würzburger Universitätsbibliothek. Bis Angelika Marsch, eine Expertin der historischen Bildkunde, die Aquarelle entdeckte und sie nach jahrelanger Arbeit – zusammen mit internationalen Experten – zunächst datieren und schließlich der Polenreise Ottheinrichs zuordnen konnte.

Grund und Ablauf der Reise

Grund für die Reise war die hohe Verschuldung Ottheinrichs. Er besaß aber einen Schuldschein über 32.000 Gulden, den er von seiner Großmutter geerbt hatte – eine Mitgift des polnischen Königs Kasimir IV. an seine Tochter Hedwig anlässlich der Hochzeit mit Georg dem Reichen von Landshut, die heute als „Landshuter Hochzeit“ bekannt ist und gefeiert wird. Also machte sich Ottheinrich auf den Weg, im Winter mit einem fünfzigköpfigen Gefolge eine Strapaze.

Das Treffen in Krakau mit König Sigismund – dem Großonkel Ottheinrichs – war nur zum Teil erfolgreich.  Nach dreiwöchigen Verhandlungen konnte Ottheinrich zwar die Auszahlung des Schuldscheins in acht Jahresraten erreichen, jedoch nicht – wie er erhofft hatte – mit Zinsen und Zinseszinsen.

Ursprünglich war die Rückreise wohl auf der gleichen Strecke geplant, ein diplomatischer Auftrag des polnischen Königs veranlasste Ottheinrich zu einer anderen Route – zurück über Frankfurt (Oder), Berlin, Wittenberg. Im Frühjahr 1537 kehrte er nach drei Monaten und rund 2.200 zurückgelegten Kilometern wieder nach Neuburg zurück.

Ottheinrichs Leben

Geboren 1502 in Amberg, erhielt Ottheinrich mit seinem Bruder Philipp das im Jahr 1505 neu geschaffene Fürstentum Pfalz-Neuburg, ein sehr zerklüftetes Herrschaftsgebiet mit oft nicht zusammenhängenden Gebieten um Neuburg und donauaufwärts und in der heutigen Oberpfalz. Nach ihrer Großjährigkeit 1522 regierten beide das Fürstentum gemeinsam, im Jahr 1535 wurde es geteilt. Im Jahr 1542 führte Ottheinrich in seinem Fürstentum die Reformation ein.

Ottheinrich pflegte einen prunkvollen Lebensstil, ließ die alte Burg in Neuburg zu einem repräsentativen Renaissance-Schloss umbauen, errichtete wenige Kilometer von Neuburg entfernt das Jagdschloss Grünau, investierte viel Geld in seine Sammlung von Büchern und Handschriften.

Ottheinrich lebte in seinem vergleichsweise kleinen Fürstentum weit über seine Verhältnisse. Im Jahr 1544 betrug die Schuldenlast über eine Million Gulden. So ergriffen die Landstände die Regierungsgewalt, Vertreter des Adels, des Klerus sowie der Städte und Märkte. Ottheinrich ging nach Heidelberg, kehrte später wieder nach Neuburg zurück und erhielt nach dem Tod seines Onkels 1556 die Kurpfalz mit der Residenzstadt Heidelberg und die Kurfürstenwürde, die er bis zu seinem Tod 1559 innehatte.

Bilder online

Inzwischen sind die Bilder von der Universitätsbibliothek Würzburg online gestellt worden. Die Bibliothek bietet einen „interaktiven“ Zugang zu den Bildern (Reiseroute, Bildorte, Bilder zum Download, Kommentare). Zugang  hier 

Dort finden sich auch nähere Informationen sowie wichtige Literaturhinweise.

Ortsansichten – Aquarelle der Reise

Neuburg bis Prag

Neuburg an der Donau  – Sandersdorf  – Riedenburg  – Burglengenfeld  – Schwandorf  – Nabburg  – Pfreimd  – Ehemaliger Pfrentschweiher  – Haid/Bor  – Mies/Stříbro  – Pilsen/Plzeň  – Beraun/Beroun

Prag bis Krakau

Prag/Praha – Nimburg/Nymburk – Jaromĕř – Nachod/Náchod Glatz/Kłodzko Ottmachau/Otmuchów Neisse/Nysa Zülz/Biała Oberglogau/Glogówek Cosel/Koźle Ujest/Ujazd Beuthen/Bytom Będzin

Krakau bis Berlin

Krakau/Kraków – Tost/Toszek – Oppeln/Opole – Brieg/Brzeg – Ohla/Oława – Breslau/Wrocław – Neumarkt/Środa Śląska – Liegnitz/Legnica – Polkwitz/Polkowice – Frankfurt an der Oder – Strausberg

Berlin bis Neuburg

Treuenbrietzen – Wittenberg – Bad Düben –  Leipzig –  Zeitz –  Gera –  Hof –  Vilseck – Sulzbach-Rosenberg – Kastl – Heideck – Eichstätt (– Neuburg)

Das Ottheinrich-Projekt von Viktor Scheck

Im Jahr 2004 machte sich der Neuburger Künstler Viktor Scheck auf den Weg nach Krakau. Er wollte Ottheinrichs Reise mit seinen künstlerischen Mitteln nachvollziehen, möglichst die Perspektive des historischen Künstlers finden – und so auch die enormen Veränderungen dokumentieren –  wobei sich einzelne Ortsansichten noch erstaunlich gut erhalten haben.

Alle Orte der Ottheinrich-Reise hat Viktor Scheck besucht und bildlich festgehalten. Im Jahr 2005 fand eine Ausstellung im Rathausfletz des Neuburger Rathauses statt. Mehr über Viktor Scheck, seine Biographie und Werke auch auf unserer Homepage hier

Viktor Scheck – Neuburg 2004

Literatur (kleine Auswahl)

Angelika Marsch: Zur Entdeckung der Reisebilder Pfalzgraf Ottheinrichs von seinem Ritt nach Krakau und Berlin 1536/37, in: Barbara Zeitelhack (Konzept und Redaktion): Pfalzgraf Ottheinrich. Politik, Kunst und Wissenschaft im 16. Jahrhundert, Regensburg 2002, S. 334-347

Reise, Rast und Augenblick – Mitteleuropäische Stadtansichten aus dem 16. Jahrhundert, Dettelbach 2002, 119 Seiten (Ausstellungskatalog der Universitätsbibliothek Würzburg 2002). – Das Buch, das alle Aquarelle der Ottheinrichreise in hochwertiger Druckqualität mit Beschreibungen und Kommentaren enthält, ist noch im Buchhandel und über Antiquariatsportale erhältlich.

Max Direktor: Eine Künstlerreise von Neuburg nach Krakau. Viktor Scheck ist im Augenblick auf den Spuren Ottheinrichs unterwegs, in: Neuburger Rundschau, 5. Juni 2004

Viktor Scheck: Reisebilder. Das Ottheinrich-Projekt 2003 bis 2005 (2011)




Klebend die Welt erkunden – Karl Stögers Collagen

Neue Schrobenhausen-Collagen von Karl Stöger

 

Bei diesem Text handelt es sich um eine Vernissagen-Rede, gehalten am 30. September 2023, anlässlich der Einzelaustellung von Karl Stöger im Schrobenhausener Pflegschloss-Museum.

 

Es geht los

Ich heiße Sie herzlich willkommen, freue mich namens des Ausstellers über Ihren Besuch und möchte Sie gleich beruhigen: Meine Rede wird kurz sein. Oft und lange genug habe ich mir bei Vernissagen die Beine in den Bauch gestanden, um zu wissen, was Besucher sich wünschen. Kürze!

Eines will ich schon gar nicht, die wunderschönen und wundersamen Bilderlebnisse, die auf Sie warten, wortreich zu zerreden. Deshalb nur fünf Anmerkungen, wobei ich gar nicht verhehlen will, dass meine Worte subjektiv sind. Über einen, mit dem man seit recht genau 40 Jahren befreundet ist, „objektiv“ zu sprechen, ist natürlich völlig unmöglich. – So, das war die erste Anmerkung.

 

 

Biografie

Karl Stöger ist einer, den es nach Schrobenhausen verschlagen hat. Zumindest für fast 25 Jahre. Als „Eingeborener“ war ich immer schon neugierig, welches Geschick – Beruf, Liebe, Zufall – Menschen nach Schrobenhausen schickt. Was Schrobenhausen mit ihnen macht und umgekehrt.

Um es kurz zu machen: Karl Stöger zählt für mich zu der eher seltenen Neubürger-Kategorie, die Schrobenhausen unaufdringlich und ohne dezidiertes Sendungsbewusstsein bereichert und beschenkt haben. Auf vielerlei Gebieten, aber vor allem künstlerisch und kulturell. Karl Stöger macht Bücher, Musik, Filme und – natürlich Collagen.

Geboren wurde Karl Stöger am 1. Dezember 1946 in München und durfte im damals ruhigen, noch nicht recht urbanen Stadtteil Allach zusammen mit mehreren Geschwistern in einer ausgesprochen kunstsinnigen Familie aufzuwachsen. Der Vater, von Beruf Architekt, war ein ebenso passionierter Zeichner wie Musiker in einem Streichquartett.

Karl Stöger machte zunächst eine Ausbildung als Schriftsetzer, die man seinen in Schrift und Gestaltung klassisch schönen Büchern in Typographie und Layout bis heute ansieht. Dann beschritt er den zweiten Bildungsweg, studierte Pädagogik, trat seine erste Stelle als Lehrer an, und 1983 – vor 40 Jahren, durfte sich Schrobenhausen darüber freuen, dass er an die Hauptschule versetzt wurde.

Sieben Jahren an der Hauptschule folgten 14 Jahren an der Grundschule. So hat fast eine Generation Schrobenhausener Schülerinnen und Schüler Stögersche Kreativität und Lebenssicht mit auf den Weg bekommen. Denn er war ein ungewöhnlicher Lehrer, wie Eltern und ehemalige Schüler bis heute betonen. Daneben engagierte sich Karl Stöger unter anderem im damals noch jungen „Eine-Welt-Laden“, spielte Bass im Günther-Schilling-Trio und eroberte sich seine neue Heimat Schrobenhausen mit – ja womit? – natürlich mit seinen Collagen.

2006 kehrte Karl Stöger in seine Heimatstadt München zurück und zog das große Los. Er bekam eine der begehrten Wohnungen in der berühmten denkmalgeschützten Wohnsiedlung Borstei an der Dachauer Straße im Stadtteil Moosach. Und da er kein Nehmender, sondern ein Gebender ist, veröffentlichte er seither mehrere Publikationen über die Borstei. Zudem betreut er das Borstei-Museum.

 

Collage – was ist das eigentlich?

Im Kunstbetrieb, den Geld und nicht Kreativität regiert, sind Collagen ein wenig randständig. Liegt es am Fehlen teurer Farben und goldener Rahmen, wie mal ein Kunsthistoriker gemeint hat? Im Zeitalter von Installation und Performance wohl kaum. Wie auch immer. Die Geschichte der Collage, wie sie in der Kunstgeschichte kanonisiert ist, geht auf das frühe 20. Jahrhundert zurück und beginnt gleich mit zwei großen Namen: Georges Braque und Pablo Picasso, die um 1910 begannen, auf gemalte Bilder Zeitungausschnitte oder auch Tapetenstücke aufzukleben und das Ergebnis „papier collé“ und schließlich schlicht „Collage“ zu nennen. „Collé“ und „Collage“ sind Ableitungen des französischen Verbs „coller“, das „leimen“ oder auch „kleben“ bedeutet. Im Deutschland machte sich der Maler und Dichter Curt Schwitters mit Collagen einen Namen, zeitbedingt dann einen so „schlechten“, dass er als „entarteter Künstler“ 1937 vor den Nationalsozialisten nach Norwegen emigrieren musste. Seine 1919 entstandene Collage „Das Undbild“ hängt heute in Paris im Centre Pompidou. Es gäbe noch eine ganze Reihe weiterer Namen zu nennen, aber wir sind ja hier nicht in der Volkshochschule.

Wie sich die Stadt verändert – wow! (Aha! Die Landesgartenschau!)

Es gibt Collagen, bei denen man den Eindruck gewinnt, der Künstler habe das halbe Sortiment eines durchschnittlichen Baumarkts verarbeitet. Karl Stöger hingegen ist ein Purist, ja ein Minimalist: Seine Collagen, also seine „Klebebilder“ zeichnen sich durch das „Stögersche Reinheitsgebot“ aus: Sie bestehen aus nur zwei Elementen, die noch dazu aus dem gleichen Stoff sind, nämlich bedrucktem Papier. Das gilt für alle, nahezu alle seiner Arbeiten. Wie Sie selber sehen werden.

Ich mache jetzt auch eine Collage, nämlich eine Rede-Collage. Und zitiere, wie Karl Stöger seine Arbeit im Mai 2001 anlässlich einer Einzelausstellung in Schrobenhausens Partnerstadt Bridgnorth beschrieben hat:

„Ich habe mir zur Auflage gemacht, hauptsächlich Bilder zu verwenden, die mir der Alltag auf den Schreibtisch spült: Postkarten, Prospekte, Zeitschriften, Kalender und sogar Hochglanzbildbände, die niemand mit einer Schere anzugreifen wagen würde, sind die Fundgruben für meine Collagen. Je größer das Chaos auf meinem Schreibtisch, umso besser. Bilder sind wie Leute: Es kommt darauf an, wen man trifft und mit wem man dann zusammen(k)lebt.“

Mehr als „Schere, Klebstoff und ein paar Bilder“ brauche es dazu nicht. Und wenn all das den Schreibtisch bevölkere, ist nach Karl Stögers Erfahrung das eigentlich schwierige, keine Collage zu machen. Denn die Bilder auf dem Schreibtisch würden sich wie von selbst zu „Kindern des Zufalls“ zusammenfinden. Eine Replik dieses magischen Schreibtischs finden Sie in dieser Ausstellung.

Das magische Moment will ich ja nicht völlig in Abrede stellen. Doch dass Perspektiven, Proportionen und Farbklänge harmonieren, ist schon dem Auge des Meisters geschuldet. Daneben braucht es noch die schöpferische Seele, um formal Verbundenes zu einem Inhalt, zu einer Botschaft zu verknüpfen, die gern auch sibyllinisch sein darf, einen großen Interpretationsraum öffnet und Spannung erzeugt.

 

SOB-Collagen

Alltag macht blind oder zumindest unaufmerksam. Wir gehen am Rathaus vorbei, aber sehen wir es? Wir hasten geschäftig über den Stadtwall, aber nehmen wir ihn wahr?

Karl Stögers Collagen können Schrobenhausenerinnen und Schrobenhausenern Schrobenhausen wieder näherbringen. Mal sind es die starken Kontraste der Collagen, mal die kleinen Nuancierungen, subtile Verfremdungen, die den Betrachtenden vermeintlich Wohlbekanntes mit neuen Augen sehen lassen und neue Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. Und oft geht dieses Erkennen mit einem Schmunzeln einher. Drei Hauptmotive sind immer wieder präsent:

  • Das Rathaus und der Lenbachplatz
  • Der Stadtwall
  • Lenbachs Hirtenknabe

Das Schrobenhausener Rathaus vor wechselnden Hintergründen, mal exotisch, mal anheimelnd, mal dystopisch, zeigt uns, wo wir sein könnten, wo wir wirklich sind. Karl Stöger bietet auch architektonische Varianten des Rathauses. Mancher wird aufatmen: „Es hätte noch schlimmer kommen können!“

Was wäre Schrobenhausen ohne Stadtwall? Oder, fast noch spannender: Was wäre der Stadtwall ohne Schrobenhausen? Schauen Sie genau hin!

Der knapp 200 Jahre alte Hirtenknabe ist längst aus der Zeit gefallen und drängelt sich trotzdem immer wieder in das Schrobenhausen der Gegenwart. Will er was von uns? Oder wir von ihm?

Sogar Tagesgeschehen eignet sich dazu, auf einer Stöger-Collage interpretiert und manchmal auch glossiert zu werden. Sei es 1986 die Lenbach-Jubiläumsausstellung im Rathaus oder aktuell die Landesgartenschau.

Die Ausstellungsstücke, die Sie heute sehen, sind fast alle – bis auf ein Original hinter Glas – hochwertige Drucke. Denn die Schnittkanten und Kleberänder sind fragil, verführen dazu, die perfekten Übergänge mit dem Finger nachfahren, und schon ist es passiert …

Die Originale der insgesamt gut 200 Schrobenhausen-Collagen hat Karl Stöger dem Stadtarchiv vermacht. Hoffentlich wird dieses Schatzkästlein bewahrt, solange es sie noch gibt, diese unsere Welt.

 

 

Non-SOB-Collagen

Dass in einer Schrobenhausener Ausstellung Schrobenhausen-Collagen im Mittelpunkt stehen, ist nachvollziehbar. Doch umfasst diese Werkschau neben 57 Prozent Schrobenhausen auch 42 Prozent „Rest-der-Welt-Collagen“, wie Karl Stöger genau ausgerechnet hat. Diese 42 Prozent repräsentieren mehr als 2000 Collagen, die das Hauptwerk des Künstlers darstellen. Es gibt kein Thema zwischen Himmel und Erde, das vor seiner Schere sicher wäre. Glanz und Elend der Welt, des menschlichen Tuns und Erleidens, Witziges und Abgründiges, Botschaften und Rätsel vereinigen sich zu einem Collagen-Atlas der Erde.
Besonders ziehen Karl Stöger Gegensätze an.

  • Hart und weich
  • Gestern und heute
  • Sanft und grob
  • Natur und Maschinenwelt
  • Abstraktes und Gegenständliches
  • Teile und das Ganze

Oft dienen ihm berühmte Werke der Weltkunst als Grundlage von Umdeutungen und Adaptierungen. So zum Beispiel Marienbilder.

In einem kleinen, aber feinen Büchlein hat er sich jüngst mit der Evolution beschäftigt. Wie herrlich weit haben wir es doch gebracht!

Auch wenn bei uns Schrobenhausenern Schrobenhausen einen etwas größeren Platz auf dem Globus einnimmt als anderswo: Betrachten Sie sich diese Stögerschen Welt-Collagen bitte mindestens so intensiv wie seine „SOBiana“! Sie werden es nicht bereuen.

Klebend die Welt zu verändern zu wollen, ist heute en vogue. Klebend die Welt erkunden, ist Karl Stögers Weg.

  • Lassen Sie sich von Karl Stöger eine kleben!
  • Gehen Sie ihm vielleicht auch mal auf den Leim!
  • Genießen Sie diese Ausstellung!

Anmerkung: Bereits 1988 veröffentlichte Karl Stöger ein Collagen-Buch mit dem Titel Schrobenhausen in anderen Ansichten, das wir anlässlich der Ausstellung als Digitalisat präsentieren.


 




Die Schrobenhausener Papiermühle und ihre Wasserzeichen

Die Schrobenhausener Papiermühle und ihre Wasserzeichen

500 Jahre Papier aus Schrobenhausen – in wenigen Jahren wird es soweit sein. Damit gehört die heutige Papierfabrik Leinfelder, kurz LEIPA, einer der größten Papierhersteller in Deutschland, zu den wenigen Betrieben mit so langer Tradition. Gegründet wurde sie als Papiermühle im Jahr 1535. Mechtild und Hans-Georg Hofmann aus Schrobenhausen haben die ältere Geschichte der Papiermühle und ihre Wasserzeichen umfassend erforscht. Wir bringen hier erste Auszüge aus der umfangreichen Materialsammlung, die sich inzwischen im Stadtarchiv Schrobenhausen befindet.

 

Städtische Papiermühle

Die Geschichtsschreibung der Papierfabrik beruft sich zunächst auf  Michael Leinfelder, der die Papiermühle im Jahr 1847 kaufte. Dessen Sohn Georg Leinfelder baute den Betrieb zu einer Fabrik aus, die bald überregional Absatz fand und die zunehmend Papier aus Holzschliff herstellte.

Doch – und das ist wenig bekannt – war sie zuvor über 300 Jahre eine städtische Papiermühle. Die Stadt Schrobenhausen erbaute die Papiermühle im Jahr 1535, betrieb sie aber nicht selbst, sondern „verstiftete“ sie an Hanns Frieß. Das Wort „verpachtet“ würde den Kern der Sache nicht treffen. Mit dieser „Stift“ entstand ein „grundherrliches“ Verhältnis zwischen „Bürgermeister und Rat der Stadt Schrobenhausen“ und dem jeweiligen Papiermüller, der ein jährliches Stiftgeld reichen musste. Die Stadt besaß das „Obereigentum“, der Papiermüller das „Nutzeigentum“. Diese heute schwer nachvollziehbare Aufspaltung des Eigentumsbegriffs wurde in Bayern erst mit dem Gesetz über die Aufhebung der Grundlasten im Jahr 1848 aufgehoben. Gegen einen Ablösungsbetrag ging die Papiermühle dann in das freie Eigentum des Papiermüllers Michael Leinfelder über.

Bäckermess-Rechnung 1551 im Stadtarchiv Schrobenhausen mit Schrobenhausener Wasserzeichen

 

Hadernpapier – Papier aus Lumpen

Die städtische Papiermühle stellte „Hadernpapier“ her. Ausgangsstoffe waren Textilfasern, vorwiegend Flachs- und Hanffasern. Lumpensammler zogen durchs Land auf der Suche nach abgetragenen Kleidungsstücken und Textilien und boten sie den Papiermüllern an. Der Rohstoff wurde zerkleinert, eingeweicht und dann in einem Stampfwerk zerstoßen, das durch Wasserkraft angetrieben wurde. Der verdünnte Faserbrei wurde in Bütten – Holzbottiche – gegeben, von dort wurden die Bögen mit einem Sieb „geschöpft“ und anschließend getrocknet. Das so hergestellte Papier war im Vergleich zur heutigen Zeit sehr teuer, ist aber extrem widerstandsfähig.

 

„Der Papyrer“ (Ausschnitt, aus Jost Ammans Ständebuch 1568)

 

Gezeigt wird diese historische Papierherstellung zum Beispiel im Klostermühlenmuseum Thierhaupten (www.klostermuehlenmuseum.de). Hier finden sich auch mehr Ausführungen zur Papierherstellung.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Hadernpapier von Holzschliffpapier verdrängt, das aus fein zermahlenem Holz hergestellt wurde.

 

Albrecht Dürer auf Schrobenhausener Papier

Der Absatzgebiet des Schrobenhausener Papiers erstreckte sich weit über unsere Region hinaus. Wir finden Schrobenhausener Papier natürlich bei der Stadt Schrobenhausen selbst, bei der Pfarrei und dem Landgericht, im Schlossarchiv Sandizell, dann in nahen oder  weiter entfernten Gerichten wie Aichach, Neuburg, Abensberg, Wemding, Deggendorf und Straubing, in den Städten Ingolstadt und Regensburg, in den Hochstiften Eichstätt und Freising, in den Klöstern Scheyern und Metten. Eine Liste, die sich sicher verlängern ließe.

Weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass es auch Drucke von Albrecht Dürer auf Schrobenhausener Papier gibt. Da Dürer 1528 in Nürnberg verstorben ist, die Schrobenhausener Papiermühle erst 1535 gegründet wurde, handelt es sich dabei um zeitgenössische Nachdrucke. Nachgewiesen hat das schon B. Hausmann in seiner Arbeit über Dürers Kupferstiche aus dem Jahr 1861. Auch bei Antiquariaten werden solche Drucke hin und wieder angeboten. Dieses Thema ist spannend, es würde sich lohnen, hier näher nachzuforschen.

B[ernhard] Hausmann: Albrecht Dürer’s Kupferstiche. Radirungen, Holzschnitte und Zeichnungen, unter besonderer Berücksichtigung der dazu verwandten Papiere und deren Wasserzeichen, Hannover 1861 (Schrobenhausen Seiten 6, 17, 25, 29, 30, 39, 72, 78. Ein Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek gibt es hier).

Schrobenhausener Stadtkammer-Rechnungen aus dem 18. Jahrhundert

 

Forschungsprojekt Mechtild und Hans-Georg Hofmann

Mechtild und Hans-Georg Hofmann haben sich intensiv mit verschiedenen Aspekten der Schrobenhausener Geschichte beschäftigt und alle Forschungsergebnisse dem Stadtarchiv überlassen, darunter fünf Leitzordner unter dem Projektnamen „Hadern“. Sie haben dazu hunderte städtischer Protokolle und Rechnungen ausgewertet, auch im Pfarrarchiv recherchiert. So konnten zahlreiche Dokumente zur Schrobenhausener Papiergeschichte zusammengetragen, transkribiert und kommentiert werden.

Das Markenzeichen der alten Papiermühlen war das Wasserzeichen, über das man die Herkunft der Papiere nachvollziehen kann. Für die Schrobenhausener Papiermühle war das Stadtwappen durch den ausgestellten Stiftbrief verbindlich festgelegt. Angetan vom Reiz dieser nur im Gegenlicht sichtbaren Zeichen haben Mechtild und Hans-Georg Hofmann in den Jahren 2016 bis 2017 rund 900 Wasserzeichen fotografisch festgehalten, darunter auch einige von auswärtigen Papiermühlen.

Max Direktor

 

Mechtild und Hans-Georg Hofmann

Die Papiermühle in Schrobenhausen und ihre Wasserzeichen

Wir präsentieren hier eine Dokumentation zur Geschichte der Papiermühle und ihren Wasserzeichen und hoffen, auch weitere interessante Informationen dazu liefern zu können, die das hier gezeigte Gerüst mit Leben erfüllen. Diese Dokumentation finden Sie als PDF hier. 

 

Frühes Schrobenhausener Wasserzeichen aus dem Jahr 1544




Die römische Donaubrücke bei Stepperg

Die römische Donaubrücke bei Stepperg – eine Buchempfehlung

Die römische Donaubrücke bei Stepperg (Gemeinde Rennertshofen, Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) verband einst die sogenannte Donausüdstraße mit dem Limesgebiet und gehörte zu den bedeutendsten Donauübergängen des 2. Jahrhunderts n. Chr. Nach ihrer Wiederentdeckung im Jahr 1992 untersuchte die Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e. V. (BGfU) in sieben Tauchkampagnen die in der Donau schlummernden Reste. Im Jahr 2015 wurden die Forschungen abgeschlossen. Zur Einstimmung auf das hier vorgestellte und empfohlene spannende Buch das Vorwort von Marcus Prell, der maßgeblich an der Erforschung beteiligt war, für die erste Auflage des 2018 erschienenen Werks.

 

 

Vorwort zur 1. Auflage 2018

Als ich am 21. September 1992 mit meiner Tauchausrüstung von Neuburg nach Stepperg fuhr, hatte ich großes Glück. Es war ein sehr heißer Sommer gewesen und die Donau stand an diesem Tag nahezu still, ideal um nach den erhofften Resten der Römerbrücke zu suchen, die hier angeblich über die Donau führte. Aus der Ferne sah ich einen mir noch unbekannten Mann bei der Feldarbeit unterhalb des Antonibergs. Ich steuerte auf ihn zu und fragte höflich-naiv, ob er etwas vom Standort einer ehemaligen Brücke wisse. Es war wohl Schicksal, dass ich auf Anton Riedl getroffen war, Fischer, Zillenbauer und Enkel des letzten Stepperger Fährmanns. Vom Südhang am Antoniberg zeigte mir Anton Riedl nahezu punktgenau eine Stelle in der Donau und rund dreißig Minuten später hatte ich in drei Metern Wassertiefe eine Gruppe hölzerner Balken und Pfähle entdeckt. Als junger Archäologiestudent war mir klar, dass ein paar Hölzer noch kein Bauwerk ausmachten und ihr Alter erst im Labor bestimmt werden müsse, doch die Wahrscheinlichkeit, auf die gesuchte Römerbrücke gestoßen zu sein, war hoch. Über 20 Jahre lang sollte mich die Brücke nicht mehr loslassen, eigentlich bis heute nicht.

Auch die Stepperger Landschaft übt eine magische, beinahe mystische Anziehungskraft aus. Der Antoniberg mit seinen drei Kapellen, Aussichtsplatz und anerkanntes Naturdenkmal, gilt als beliebtes Ausflugsziel bei Wanderern und Radlfahrern. Gleich in der Nähe führt der Donauradweg vorbei. „Wo genau verlief denn die Brücke?“ Diese Frage wurde oft gestellt. Im Mai 2015 installierte der damalige Historische Verein Rennertshofen vor Ort eine Infotafel samt „Fenster in die Vergangenheit“, an der Interessierte ihre gröbste Neugier stillen können. Das hier vorgelegte Heft soll weiterführende Fragen beantworten, die Herangehensweise an eine derartige Tauchuntersuchung erläutern und dieses bemerkenswerte Bodendenkmal, das bedauerlicherweise unsichtbar in den Donaufluten schlummert, näher vorstellen, bevor es irgendwann einmal von Erosion und Strömung zur Gänze zerstört und verschwunden sein wird.

Am Beginn jeglicher Forschungen, ob in der Archäologie oder anderen Wissenschaften, stehen immer gezielte Fragen, auf die man eine Antwort sucht. Meist liefern die durchgeführten Untersuchungen zwar einige Antworten, werfen jedoch zugleich neue Fragen auf. Folgende Fragestellungen stehen bei der Erforschung historischer Brückenanlagen im Allgemeinen und folglich auch bei der Stepperger Römerbrücke im Mittelpunkt:

  • Wo genau stand die Brücke?
  • Gibt es Altforschungen?
  • Wie erfolgt die Dokumentation versunkener Brückenreste?
  • Welche Brückenreste sind noch vorhanden?
  • Warum bauten die Römer an dieser Stelle?
  • Wann stand die Brücke?
  • Wie sah die Brücke zur Römerzeit aus?
  • Wie lief der Bauvorgang ab?
  • Ist ein Schutz des Bodendenkmals möglich?
  • Wie kann man Wissen weitergeben?

In den sieben Tauchkampagnen zwischen 1992 und 2011 absolvierte die Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e. V. (BGfU) unter fachlicher Begleitung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege in Stepperg 313 Tauchgänge mit 366 Tauchstunden. Dabei konnten auf einen Großteil der Fragen Antworten gefunden werden.                                                                                                     

Marcus Prell

 

Bezugsmöglichkeiten

Die römische Donaubrücke bei Stepperg, hrsg. von der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e. V., Neuburg Donau 2022 (2. Auflage), 64 Seiten DIN A 4, Hardcover, mit 125 meist farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-947630-02-8

Preis: 16,99 €

 

zu bestellen über:

PRELLBOOK-Verlag
Kreuter Weg 6
86633 Neuburg
Tel. 08431 / 53 92 82
info@prellbook.de

 

 

paardon.de empfiehlt

Besuchen Sie auch die Homepage des PRELLBOOK Verlags

www.prellbook.de

Gegründet wurde der Kleinverlag von Marcus Prell – aus Liebe zu Büchern, wie er selbst schreibt. Digitaldruck ermöglicht heute Kleinauflagen zu erschwinglichen Preisen. Der Verlag hat ein übersichtliches, doch dafür umso interessanteres Angebot. Für historisch Interessierte neben dem Werk zur Römerbrücke empfehlenswert: die Dissertation Marcus Prells über „Armut im antiken Rom“, immer noch die umfassendste deutschsprachige Abhandlung zu diesem Thema. Burgheims bedeutendste Dichterin Olga Brauner (1894-1981), geboren im Riesengebirge, dann als Heimatvertriebene in Burgheim beheimatet, wird mit einem Band ihrer Gedichte gewürdigt.

Es gibt Leseproben, bestellen kann man die Bücher über den Verlag selbst.

 

 




Joseph Sattler – Grafiker und Illustrator

Ein Grafiker zwischen Vergessen und Wiederentdeckung?

»Ich sehe für ihn eine Karriere voraus gleich jener von Aubrey Beardsley, dem Illustrator von King Arthur, dessen Genie mit dem seinen verwandt ist. … Es ist merkwürdig festzustellen, daß zwei ähnliche Begabungen gleichzeitig sich entfalten«, schreibt 1895 Friedrich Warnecke, der Begründer des Berliner Ex-libris­Vereins.«1

»Man kann die modernen Exlibris schier in zwei Klassen ordnen: erstens Sattler, und zweitens alles Übrige«, urteilt um die Jahrhundertwende der Kunstkritiker Kühl. 2»Seine 19 Zeichnungen sind von einer unbestreitbaren Originalität geprägt«, anerkennt die gewöhnlich mit Lob nicht gerade großzügig umgehende französische Kunstzeitschrift » L‘Art« nach einer 1893 stattfindenden Ausstellung im »Salon de Paris«, der den damals gerade 26jährigen Künstler mit einer »mention honorable« auszeichnet.3

 

Josef Sattler, Monogramm, Radierung, 11,5 x 9,5 cm, ca. 1924

Josef Sattler, Monogramm, Radierung, 11,5 x 9,5 cm, ca. 1924

Den, von dem hier die Rede ist, dem eine Zukunft wie Beardsley prophezeit wurde, sucht man heute in Konversationslexika und Kunstenzyklopädien vergeblich. Joseph Kaspar Sattler (1867- 1931) ist vergessen. Zu Recht oder zu Unrecht? Hielt das zeitgenössische Urteil einer Betrachtung aus der Distanz nicht stand, oder hatte eine schnellebige Zeit einfach keinen Platz für diesen Außenseiter? War es zu umständlich, eine passende Schublade für ihn zu finden, die ihn uns im Karteitrog der Klassifizierten und Eingeordneten in die Gegenwart hinübergerettet hätte? Diese Fragen können und sollen hier nicht eindeutig beantwortet werden. Vielleicht aber findet sich zu ihrer tiefergehenden Klärung doch einmal ein Kunsthistoriker, der Sattler eine Monographie widmet, oder ein Studierender der Kunstgeschichte, der – Modetrends hinter sich lassend – ihn als Thema seiner Abschlußarbeit für würdig befindet. [Anmerkung 2023: Das ist zwischenzeitlich geschehen] Reiches Material hierzu böte die Sattler­Sammlung der Stadt Schrobenhausen, die seit 1978 im historischen Hartl-Turm an der Wehrmauer untergebracht ist.4 [Anmerkung 2023: Die Schrobenhausener Sattler-Sammlung ist seit Jahren im Depot und der Öffentlichkeit nicht zugänglich]

Wenn auch eine Würdigung des Sattlerschen Œuvres aus heutiger Sicht also noch aussteht, so kann dennoch zweifelsfrei festgestellt werden, daß sich eine Beschäftigung mit diesem »Zeichner, Graphiker, Illustrator und Schriftkünstler«, wie die Vielseitigkeit des Künstlers gerne zusammengefaßt wird, äußerst lohnt. Freilich, im ersten Augenblick scheint es schwer, Zugang zu seinem Werk zu finden. Zu fremd sind dem heutigen Betrachter die vorzugsweise im Mittelalter angesiedelten Themen. Wem schon sind die »Wiedertäufer« ein Begriff? Und eine Prachtausgabe der Nibelungensage, vordergründig auch zur Verherrlichung von Chauvinismus und Imperialismus der Wilhelminischen Ära bestimmt, widerstrebt trotz ihres künstlerischen Wertes erfreulicherweise – noch – häufig demokratischem Selbstverständnis der Gegenwart. Das Faszinierende an Sattlers Arbeiten ist jedoch die ungeheure, elementare Phantasie, nicht selten um eine satirische Note angereichert, die trotz aller Zeitbefangenheit des Künstlers ein waches Auge für zeitlos übergreifende Kritik an »Menschlichem-Allzumenschlichem« offenbar werden läßt.

Aus der Mappe "Die Wiedertäufeer"

Josef Sattler. Tod des Propheten Jan Matthiesen, Lichtdruck, 15 x 15 cm. Aus: „Die Wiedertäufer“ 1895

Sattler und Schrobenhausen – biografischer Zufall ohne Folgen

Von allen Künstlern, die in diesem Buch [Anmerkung 2023: gemeint ist das »Schroenhausener Lese- und Bilderbuch«] behandelt werden, bleibt Sattlers Beziehung zu Schrobenhausen die zufälligste, an ausmachbaren Konsequenzen geringste. Er wurde eben hier geboren, weil sich sein Vater gerade für einige Jahre in der kleinen Stadt niedergelassen hatte, ehe er Attraktiveres fand. Dies zeigt sich auch am kunstgeschichtlichen Selbstverständnis Schrobenhausens. Ehe das Museum eröffnet wurde, das so etwas wie eine lokale »Sattler-Renaissance« brachte, rangierte sein Name an letzter Stelle.

Unternimmt man den Versuch, Sattlers Lebensweg zu skizzieren, so stößt man schnell auf Grenzen. Zwar liegt eine leidlich genügende Anzahl »harter« biographischer Fakten vor, doch lassen diese nur ein grobes Raster entstehen, ein zu grobes, als daß der Mensch Joseph Sattler als Individuum aus Fleisch und Blut sinnlich faßbare Konturen annehmen könnte. 5

Joseph Sattlers Geburtshaus in Schrobemhausen (Foto ca.1920. (Stadtarchiv Schrobenhausen)

Joseph Sattlers Geburtshaus in Schrobemhausen, heute Metzgergasse 3 (Foto ca.1920, Stadtarchiv Schrobenhausen)

Joseph Kaspar Sattler wurde am 26. Juli 1867 in Schrobenhausen geboren. 6 Sein Vater, Joseph Sattler, Glas- und Dekorationsmaler, war wohl Ende 1863 von Donaualtheim nach Schrobenhausen gezogen, erwarb das spätere »Engelhard-Haus« (heute Lenbachstraße 68; 1982 abgerissen) und verheiratete sich 1864 mit der Organistentochter Rosalie Lachner. Joseph Sattler sen. scheint ein Mann der Tat gewesen zu sein. Wie anders ließe es sich erklären, daß der Zugezogene, die Gunst der Stunde nutzend, 1870 Bürgermeister der Stadt wurde und dieses Amt drei Jahre innehatte? Doch bereits 1875 zog die Familie Sattler nach Landshut.

Der kleine »Sepp«, wie man ihn wohl gerufen haben mag, verbrachte also seine ersten acht Lebensjahre in Schrobenhausen. Über diese Zeit ist weiter nichts bekannt. Spekulationen, Franz von Lenbach sei der Taufpate Joseph Kaspar Sattlers gewesen, erwiesen sich als Fehlschlag. So reizvoll es auch für Heimatkundler gewesen wäre, dergestalt eine »künstlerische Begegnung« herzustellen, das Geburts- und Taufregister der Stadtpfarrkirche St. Jakob nennt als Paten nur einen Kaspar Geiger aus Dillingen und eine Anna Fuchs. Kontakte des späteren Künstlers zu seiner Geburtsstadt sind nicht nachgewiesen. Man darf wohl mit Georg August Reischl konform gehen, der schreibt, daß Sattler »nur noch spärliche Erinnerungen an die Stadt seiner Kindheit hatte«. 7 Für sein künstlerisches Werk scheint Schrobenhausen jedenfalls lediglich biographische Marginalie.

Auf dem Weg nach oben

Mit Sattlers weiterem Lebensweg beschäftigte sich Ludwig Hollweck, Leiter der Monacensia-Sammlung in München, auf dessen Arbeit die folgenden Zeilen mehrmals Bezug nehmen. 8
Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf das erstgenannte Typoskript.Der Vater, bei dem Joseph Sattler in Landshut zunächst als Anstreicherlehrling tätig war, brachte für die künstlerischen Neigungen seines Sohnes Verständnis auf. Im Jahre 1882 kam der 15jährige nach München, wo er bei dem Genremaler Heinz Heim ersten Unterricht genoß. Mit seinem Lehrer an der Kunstakademie, Gabriel Hackl, kam der Student nur schwer aus. 1886, im Alter von 19 Jahren, mußte Sattler die Akademie aufgrund finanzieller Probleme verlassen. Er malte nun – der Not gehorchend – alles, was Geld einbrachte, ehe er beim zweiten Anlauf in den heil‘gen Hallen der bildenden Künste dann auf einen Lehrer traf, bei dem e mit großer Freude arbeitete: Nikolaus Gysis. »Der temperamentvolle Grieche regte Sattler zu klarer formaler Durcharbeitung an, er zeigte ihm, daß monumentale Kunst nicht an große Flächen gebunden ist, und er führte ihn auch zur damals noch nicht anerkannten Plakatkunst. 9

1891 wird Sattler zusammen mit seinem elsässischen Malerfreund Leo Hornecker an die im Vorjahr gegründete Kunstgewerbeschule Straßburg berufen. In der Rolle des Lehrenden fühlt er sich jedoch nicht wohl; nach einem Semester gibt er diese Tätigkeit auf und arbeitet fortan freischaffend. Zunächst entstehen graphische Blätter und Folgen in »Anlehnung an die alten Meister … Dürer, Holbein, Cranach, Baldung«. 10 Als früheste gedruckte Arbeit wird in der greifbaren Literatur ein unter dem Titel » Die Quelle« 1892 erschienener Bilderbogen mit zwölf Lichtdrucken genannt. 11Hollweck bezeichnet als erstes größeres Werk die nach seinen Angaben 1893 in 100 numerierten Exemplaren herausgegebene Mappe »Bilder aus der Zeit des Bauernkrieges« (30 Blatt in Lichtdruck).12 Zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes und zur Freude seiner Mäzene zeichnet Sattler nun auch reizvolle Exlibris, die ihn bei Sammlern dieser Buchzeichen innerhalb kurzer Zeit international berühmt machen. 1893 stellt der Künstler Zeichnungen im renommierten »Salon de Paris« aus; er erntet Anerkennung und ermutigende Kritik. Diese Erfolge öffnen ihm 1894 die Tore des Berliner Kunstgewerbemuseums, wo er im November ausstellt. Aufträge für die Kunstzeitschrift »Pan« und der zunehmend enger werdende Kontakt zum Verlag von J. A. Stargardt veranlassen Sattler 1895, nach Berlin zu ziehen. 13 Allein in diesem Jahr erscheinen bei Stargardt seine Werke »Bilder vom internationalen Kunstkrieg«, »Die Wiedertäufer« und »Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen«.

Die Kunstzeitschrift »Pan« existierte nur fünf Jahre von 1895 bis 1900. Mit ihr sind Namen wie Otto Julius Bierbaum, Arnold Böcklin, Thomas Theodor Heine und Max Liebermann verbunden. Als Werbemittel für den ersten Jahrgang 1895/96 kreiert Sattler ein Plakat, »das in allen neuen Werken über den Jugendstil jetzt … als beispielgebend erwähnt wird«, wie Ludwig Hollweck betont, der diese Arbeit so beschreibt: »Drei Blütenfäden einer Lotusblume zeichnen das Wort >Pan < in den Himmel, der gehörnte Naturgott lauert im Hintergrund, Spaten und Rechen sollen zu neuer Arbeit rufen.« 14

 

Plakat für Kunstzeitschrift "Pan" 1895

Joseph Sattler, Plakat für die Kunstzeitschrift „Pan“ 1895 (Stasdtarchiv Schrobenhausen)

»Den bedeutendsten Auftrag seines Lebens« erhält Sattler im Jahre 1898. 15 Er wird in die Berliner Reichsdruckerei berufen, »um ein Monumentalwerk deutscher Buchkunst – ›Die Nibelunge‹ – zu schaffen«. 16 Der Künstler zeichnet die Bilder und Initialen, entwirft die Drucktypen und den Einband, kümmert sich um die Wahl des Papiers. Auf der Pariser Weltausstellung von 1900 erhält die Prachtausgabe einen »Grand Prix«. Einzug hielt diese »Nibelunge« mit ihrem äußerst stolzen Preis von 600 Mark nur in außerordentlich betuchten Bibliotheken.17 Im Jahre 1927 erschien eine einfachere, erschwinglichere Ausgabe für 9,80 Mark.

Josef Sattler, Titelblatt zu "Die Nibelunge", Zeichnung 1900

Josef Sattler, Titelblatt zu „Die Nibelunge“, Zeichnung 1900 (Stadtarchiv Schrobenhausen)

1904 verläßt Sattler Berlin und kehrt nach Straßburg zurück. Seiner Vielseitigkeit entsprechend, entstehen unter anderem graphische Einzelblätter, Exlibris, Buchillustrationen, Buchschmuck, Plakate und Gebrauchsgraphik. Im März 1917 wird Joseph Sattler durch ein Patent des »Kaiserlichen Statthalters in Elsaß-Lothringen« zum Professor ernannt, doch kurz vor dem Einzug der französischen Truppen verläßt der Künstler Straßburg und kehrt nach Bayern zurück.

München und Heinrich Graf

Sattler wohnt nun in München bei seiner Schwester Rosa in der Ainmillerstraße 15/III rechts. Am 19. November 1918 meldet er sich polizeilich an. Obwohl es um ihn nun still geworden ist, arbeitet er weiter. So entstehen bis 1931 noch über 90 Exlibris, die Bücher angesehener Bürger zieren. Einen neuen Impuls beschert Sattler 1924 die Begegnung mit dem heute [Anmerkung: 1982] 84jährigen Kunstkupferdrucker Heinrich Graf. Durch ihn wendet er sich der Radierung zu. Heinrich Graf schreibt darüber im Mai 1934: »Als ich damals den Künstler in seinem bescheidenen Heim besuchte, machte ich ihn auf die Technik der Radierung aufmerksam, besorgte ihm auch einige Kupferplatten und präparierte diese. Nach einigen Tagen brachte er mir eine Platte, auf der sein Monogramm, umgeben von mindestens tausend Köpfen, prangte. Ich hatte mich damals bereit erklärt, seine Platten zu ätzen: als ich aber die mühevolle Arbeit sah, verlor ich fast den Mut. Denn ich wollte es nicht auf mich nehmen, eine solche Arbeit möglicherweise zu verätzen, und bat den Künstler, vorerst mit einer einfacheren Arbeit zu beginnen.

Das tat er, und die Ätzung fiel zu unserer Zufriedenheit aus, was der sofort hergestellte Probedruck bewies. Der Tod, welcher mit der linken Hand schreibt, wurde dann als >erste< Radierung bezeichnet, und wir nannten sie nur die >Zwanzig-Minuten-Ätzung<. Der Künstler fand große Freude an der Technik, und auch ich bekam im Ätzen größere Sicherheit. In der Folge habe ich alle Platten Sattlers selbst geätzt und manches dabei gelernt. Es entstanden nach und nach eine Anzahl von Exlibris, auch Gelegenheitsgraphik, die er teils von seinen Freunden und Gönnern in Auftrag bekam, teils konnte ich ihm aus meinem Kunden- und Freundeskreise mehrere kleine Aufträge vermitteln. Mein Bemühen ging dahin, den Künstler zu einem größeren Werke anzuregen, und so entstand für das Lutherjahr: >Zehn Bilder aus Dr. Martin Luthers Leben<. Diesem sollte das Werk >Helden und Burgen der Reformation< folgen; doch entstanden dafür nur zwei Platten, denn am 12. Mai 1931 nahm der Tod dem Künstler den Griffel aus der nimmermüden Hand und vereitelte alle weiteren Pläne.« 18

So wurden die »Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben«, 1929 als Handpressenkupferdruck von der Graf-Presse hergestellt und verlegt, das letzte größere Werk, das zu Sattlers Lebzeiten erschien. Heinrich Graf blieb dem Künstler jedoch auch nach dessen Tode treu. In drei Teilen verlegte er 1934 posthum Sattler-Radierungen, die in den Jahren der Zusammenarbeit entstanden waren.

 

Josef Sattler, Radierung, 14,5 x 9,5 cm. Aus: Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben, 1929

Josef Sattler, Radierung, 14,5 x 9,5 cm. Aus: Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben, 1929

Die Zäsur

Betrachtet man das Leben Joseph Kaspar Sattlers zusammenfassend, so fällt eine tiefe Zäsur auf: der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch des Kaiserreichs. Vor 1914 der erfolgreiche, geschätzte, anerkannte Künstler, nach 1918 der vergessene, unverstandene, verbitterte Künstler. Mag dieser Gegensatz vielleicht auch etwas zu kraß formuliert sein, die wenigen vorhandenen Anhaltspunkte scheinen auf einen Menschen zu deuten, der sich in der Zeit der Republik nicht mehr zurechtfand. Eine jener tragischen Figuren, wie sie Joseph Roth in seinen Romanen zeichnet? Ein Unschuldiger, oder ein Schuldiger? Zweifelsohne war Sattler ein bürgerlicher Künstler, weder Bohemien noch Avantgardist, sondern einer, der in der Welt des kaiserlichen Deutschlands zuhause war, darin seine Identität hatte. Ebensowenig dürften Zweifel bestehen, daß für Sattler als Kind seiner Zeit Begriffe wie Deutschtum und Vaterland einen Stellenwert besaßen, den heute in dieser Form zu akzeptieren die Geschichte uns unmöglich gemacht haben sollte. Keinesfalls aber repräsentierte Sattler jenen »gefährlich übersteigerten Nationalismus«, 19 der in den Abgrund führte; keinesfalls war er ein platt-fanatischer Propagandist deutschen »Weltmachtstrebens«, eines »Größeren Deutschlands« Rohrbachscher Prägung, mögen auch Arbeiten von ihm in diesem Sinne eingesetzt und interpretiert worden sein. Dies zu konstatieren, genügt ein Blick auf sein Werk. Dafür ist es zu differenziert, zu gut. Als Künstler lebte Sattler in einer Welt, die mit den gesellschaftlich-politischen Verhältnissen des Wilhelminismus zwar nicht unbedingt vollkommen identisch war, mit ihnen aber in Übereinklang stand. Die Republik bot diesen Rückhalt nicht mehr. Die Umwälzung entläßt den eher unpolitisch anmutenden Sattler in eine neue Realität, in der er sich als dreifach Heimatloser wiederfindet: künstlerisch, geistig und geographisch.

»Er lebte sehr zurückgezogen; seine ihm lieb gewordene Wahlheimat, das Elsaß, und vor allem sein Straßburg hat er schweren Herzens verlassen, … und damit verlor er auch den Kreis seiner Freunde und Gönner, die überallhin zerstreut wurden, soweit sie nicht Franzosen wurden. … Einige seiner Straßburger Freunde suchten ihn zur Rückkehr zu bewegen, aber er konnte es nicht über das Herz bringen, sein geliebtes Straßburg in französischen Händen zu wissen. Darunter litt er sehr«, erinnert sich Heinrich Graf. 20 So recht heimisch werden konnte also Sattler in München nicht mehr. »Joseph Sattler war ein sehr liebenswürdiger Mensch!« betont Graf. 21 In das Privatleben des Künstlers gewann der Kupferdrucker jedoch kaum Einblick. »Er soll aber häufig und viel getrunken haben, ist mir erzählt worden.« 22 Graf sieht darin auch eine Erklärung dafür, warum im Spätwerk die Darstellung des Todes eine besondere Rolle spielt.23 Angetrunken soll Sattler nachts in niedergeschlagener Stimmung sich immer wieder mit diesem Motiv beschäftigt haben. Wenn sich auch kein expliziter Hinweis finden läßt, so liegt dennoch der Schluß nahe, daß Sattlers Krankheit und Tod zumindest mittelbar mit seinem Alkoholkonsum zusammenhängen. Von den letzten Lebenstagen ist überliefert: »Graf wollte den Künstler besuchen, … doch die Schwester erklärte, es gehe ihrem Bruder nicht gut. Am nächsten Tag, als Graf wieder kam, war Sattler bereits ins Schwabinger Krankenhaus eingeliefert worden. Auch dort besuchte der Drucker den Künstler und brachte einen neu gefertigten Druck mit. Sattler betrachtete die Arbeit und lobte sie, doch Graf hatte bemerkt, daß der Kranke das Blatt verkehrt gehalten hatte. Im nächsten Moment wollte Sattler mit Graf den Raum verlassen: >Gehn wir in die Werkstatt<, sagte der Kranke und stand auf, suchte seinen Kragen, griff nach dem Kragenknöpferl und langte, ohne dies zu bemerken, in die Zuckerdose. >Da war mir klar, wie schlimm es mit ihm stand<, sagt Graf dazu. Am nächsten Tag wollte er noch einen Besuch im Krankenhaus machen, doch er kam zu spät. Sattler war kurze Zeit vorher gestorben.« 24

 

 

Josef Sattlers "erste Radierung": Der Tod schreibt mit der linken Hand. Entstandem ca. 1924 in München

Josef Sattlers „erste Radierung“: Der Tod schreibt mit der linken Hand. Entstandem ca. 1924 in München

 

Ein »archaisierender« oder ein »sattlernder« Sattler

»Für sein Kunstschaffen und für seine Kunstauffassung hatte man in der Republik wenig Verständnis. Dies tat dem Künstler oft bitter weh. … Die Scheinblüte der Kunst in der Inflationszeit und der schnellebige moderne Zeitgeist waren ihm ein Greuel. Er zog sich mehr und mehr in sich selbst zurück«, notiert Heinrich Graf. 25

Welcher Art nun war diese Kunstauffassung? Hierzu seien einige zeitgenössische Meinungen zitiert. Als erster Zeuge Sattler selbst: »Es reizte mich vor allem der alte Holzschnitt-Stil, den ich bei alten Darstellungen mit großer Liebe verfolgte. Wenn auch manchmal bei alten Holzschnitten die Zeichnung darunter litt, so ist doch die Behandlung dieser Blätter mit dem Schneide-Messer karakteristisch. Die Verbindung harter Züge mit vorsichtiger Freiheit war mir höchst interessant.« 26 Hier wurzelt eine Kontroverse: Ist Sattler nun ein – handwerklich zwar hervorragender – Nachahmer des Dürerschen oder Holbeinschen Holzschnittstils, oder besitzt er Originalität? Der Berliner Kunstkritiker Daniel Greiner verteidigt im Jahre 1903 den gerade 36jährigen Künstler so: »Es konnte nicht ausbleiben, daß bei solch hingebendem Studium es unser Künstler zu ähnlicher Meisterschaft in der Beherrschung der Holzschnitt-Technik der Alten brachte, wie sein Landsmann Lenbach auf dem Gebiete der Öl-Malerei. Indes bewahrte ihn seine selbständige Art, bei bloßer Nachahmung stehen zu bleiben und in Archaismus unterzugehen. Jene glänzende Epoche deutscher Kunst wurde für ihn zwar Meisterin, aber er wußte diese selbstgesetzte gefährliche Schranke zu überwinden und, den Stil der Alten fortentwickelnd, zu einem eigenen Stil zu gelangen. Schon die am auffallendsten altmeisterlich gezeichneten Bilder aus dem Bauern-Kriege zeigen die keimende Eigenart Sattler’s auch in diesem Punkte. >Ganz die Art der alten Meister!< >Und doch nicht ganz!< So zeichneten die alten Meister nicht. Vor allem fehlt die naive Art der Alten, man sieht schon diesen Blättern an, daß ein moderner Mensch sie gezeichnet hat.« 27 Und Kühl sieht etwa zur gleichen Zeit einen Entwicklungsprozeß: »Gewiß archaisiert Sattler. Gewiß wimmelt es in seiner Phantasie von alten Burgen und Verließen, von Folterwerkzeugen und eisenbeschlagenen Türen, von siegelbehangenen Urkunden und Scharteken.« Doch habe ihn »der unbekannte Geist seines Innern« … » mit der Zeit völlig von allem Altertümeln frei gemacht«. Daß Sattlers Illustrationen zu Heinrich Boos‚ »Geschichte der rheinischen Städtekultur« (Berlin 1897-1901) von Kritikern erneut des Archaisierens geziehen wurden, erscheint Kühl »schlechterdings unbegreiflich«. Er meint: »Wer so urteilt, hat den Stil der Alten vergessen und begeht ein einfaches Quidproquo: er hat sich aus Sattlers früheren Werken eine Vorstellung von der mittelalterlichen Welt angeeignet und nimmt nun das Persönliche in seinem Stil, der sich hier sozusagen ganz abstrakt gibt, ohne weiteres für archaisch. Wie kann man nur angesichts dieser durchsichtigen, frei komponierten, weiträumig gedachten Rundbilder den Eindruck haben, daß der Künstler darin dürert oder holbeint. Keine Spur. Er sattlert in diesem Werk, das ist alles.« 28

Joseph Sattler, Zeichnung/Heliogravur. Aus: Ein moderner Todtentanz 1894

Joseph Sattler, Zeichnung/Heliogravur. Aus: Ein moderner Todtentanz 1894

Daß Sattler in der Welt des Mittelalters zu Hause war, zeigt bereits ein erster flüchtiger Blick auf sein Werk mit hinreichender Deutlichkeit. Greiner stellt fest:» Der Künstler hat etwas von einem Geschichtsforscher in sich. … Auch hierin leistet er Hervorragendes. Es ist wohl kein Künstler so innig vertraut mit den Kultur-Verhältnissen des deutschen Mittelalters und der Renaissance wie der Schöpfer der ‚Bilder aus dem Bauernkrieg‘, der ‚Wiedertäufer’…« 29 Sattlers düstere Weltschau, durch das satirische Element eher betont als abgemildert, kommt hier voll zur Geltung. Er »schildert das Leben von seiner rauhen Seite, den wildtosenden Kampf, den Schrecken und das Entsetzen, die Macht des Todes«. 30 Von den Blättern » Kalktaufe«, »Münsterisch Straßenleben« und »Das Wort ist Fleisch geworden und wohnet in uns« aus den »Wiedertäufern« schwärmt Kühl: »Welche Phantasie hat diese Menschen erschaut, die sich zwischen Himmel und Erde an ein paar Leitern emporarbeiten, und von der heißen Flüssigkeit getroffen, wie Würmer in sich zusammen kriechen! … Die Szene ist hell gehalten, keine kleinste dunkle Partie, die zur Hebung der Lichter dienen könnte, und doch brennt einem das Weiß des Kalkes geradezu in den Augen. Man meint, ihn auf dem eigenen Rücken zu fühlen. Von gleicher Grandiosität ist das dunkler gehaltene Blatt, das die Verhungernden in den Straßen Münsters zeigt, wie sie da herumhocken und -stehen und -liegen, die Armen, aus deren lemurenhaften Gesichtern jeder Lebensausdruck, selbst der Haß geschwunden ist.« Das dritte Bild schließlich >zeigt den vertierten König<, auf vier Tatzen gehend, aber mit menschlichem Kopf, in einer Haltung, die eine leise Erinnerung an den grasfressenden Nebukadnezar wachruft. Doch trägt dieser hier die Bibel im Maul. Unter seinem Mantel, der vorzüglich sein Hinterteil deckt, sieht man das kleine Volk an den Sphinxbrüsten hangen. Der unmittelbare Eindruck ist der einer ekelhaften Blödigkeit, die auch deutlich aus seinen Augen hervorschaut; zugleich aber eine verschwommene und unehrliche Vorstellung von Würde. … gerade in den ernstesten und fürchterlichsten Bildern klingt ein grausiges Lachen durch. Ob dem Zeichner selber einmal unheimlich zu Mute geworden ist in dieser lrrenanstalt?« 31

 

Sattler und die Kleinkunst

Neben den großen Arbeiten mit den vorwiegend mittelalterlichen Themen – Federzeichnungen, Pinselzeichnungen, getuschte Bilder, Holzschnitte und Radierungen, viele von ihnen als Zyklen unter Anwendung des Lichtdrucks, des Kupferdrucks, der Photogravur in Mappen oder in Buchform veröffentlicht – nimmt in Sattlers Werk die sogenannte Kleinkunst einen bedeutenden Platz ein: Buchillustrationen, Buchschmuck (Vignetten, Initialen, Ornamentik mit Streifen, Bändern, Schnitzeln, Spänen, Splittern), Signets und natürlich Exlibris. Greiner und Kühl kommen hier zu ähnlicher Einschätzung. Der eine: »Man weiß nicht, was man an Sattler’s Fantasie mehr bewundern soll: ihre Tiefe oder ihre oft geradezu überraschende Originalität oder ihre eminente Vielseitigkeit. Sie ist immer frisch, lebendigsprudelnd, wie ein unversieglicher Berg-Quell. Ihr Reichtum zeigt sich namentlich in einer Fülle kleiner Zeichnungen, Vignetten, Leisten, Initialen, Signets und Bücher-Zeichen. Immer wieder eine neue, reizvolle Idee, manche, und nicht wenige, sind wahre Kostbarkeiten zeichnender Kleinkunst. Sehr häufig begegnet der menschliche Kopf in immer anderen Variationen … Er kann sich gar nicht genug thun, immer wieder Köpfe zu zeichnen, und bedeckt ganze Blätter mit zahllos scheinenden Köpfen und zwingt ihre Mannigfaltigkeit zum Ornamente.« 34

Joseph Sattler. Die Kalktaufe, Lichtdruck 23 x 30 cm- Aus: Die Wiedertäufer, 1895

Joseph Sattler. Die Kalktaufe, Lichtdruck 23 x 30 cm- Aus: Die Wiedertäufer, 1895

 

Joseph Sattler, Exlibris, Zeichnung/Kunstdruck, 6 x 9 cm. Aus: Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen, 1895

Joseph Sattler, Exlibris, Zeichnung/Kunstdruck, 6 x 9 cm. Aus: „Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen“ 1895

Besondere Anerkennung erwarb sich Sattler bei seinen Zeitgenossen mit seinen Exlibris. Die »Zeitschrift des Ex-libris-Vereins zu Berlin« stellt – besonders in den Jahren 1893 bis 1906 – immer wieder Sattlers neue Buchzeichen vor und bespricht sie meist mit ausgesprochener Euphorie, diese »genialen Kompositionen des jungen Meisters«. 35 »In eleganter Mappe«, für 40 Mark, erscheint 1895 bei J. A. Stargardt »Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen«.36 Noch im gleichen Jahr folgt die englische Ausgabe »Art in Book-Plates. Forty two original Ex-Libris designed by Joseph Sattler«. Exlibris des Künstlers sind zwischen 1898 und 1906 unter anderem in London, Straßburg, Wien, Berlin und München zu sehen. 37 Die Bücherzeichen-Kundschaft Sattlers rekrutiert sich aus Hochadel, Adel und Geldadel, Bürgern und Künstlern. Vertreten sind beispielsweise auch »Ihre Majestät die Kaiserin und Königin Auguste Victoria« und Philipp Graf zu Eulenberg. Buchzeichen wie auch andere Beispiele Sattlerscher Kleinkunst sind nicht selten vom Jugendstil geprägt. Einigen Exlibris ist anzusehen, daß es auch Geschmack und besondere Wünsche des erlauchten Auftraggebers zu berücksichtigen galt. Nicht immer konnte der Künstler so »sattlern«, wie er es wohl gerne gewollt hätte. Derlei Zwängen enthob er sich mitunter durch Exlibris­Zeichnungen, hinter denen kein Besteller stand, die gar nicht den Zweck eines Buchzeichens erfüllen sollten, sondern sich lediglich der Form eines solchen bedienten. Beispiele dieser Art enthält auch die Mappe »Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen«. Über derart Afunktionales freilich rümpften Exlibristen die Nase. Daß Sattlers Exlibris-Skizzen im »Durcheinander« (Berlin 1897) »wirkliche Exlibris« sind, bezeichnet ein Anonymus als »entscheidenden Fortschritt«. 38

Einigkeit herrscht unter den Zeitgenossen, was die in jenen Jahren gerade auflebende »Exlibris-Bewegung« Joseph Sattler verdankt. Er hat bei den Buchzeichen »auf den heraldischen Zopf verzichtet und damit für die dekorative Fassung neuer stofflicher und ornamentaler Einfälle freie Luft geschafft«, stellt Kühl fest. 39 Der Exlibris-Forscher und Sammler Walter von zur Westen schreibt: »Erst Joseph Sattlers Bucheignerzeichen haben die schöne alte Exlibrissitte einer großen Gemeinde von Kunstfreunden nahegebracht und haben Anstoß gegeben, daß die Exlibriszeichnung sich aus einer Domäne heraldischer Künstlerspezialisten zu einem weiten Schaffensgebiet für die Künstler der verschiedensten Richtungen erweitert hat.« 40

Josef Sattler. Exlibris, Zeichnung/Kunstfahrendruck, 15 x 8,5 cm. Aus: "Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen" 1895

Josef Sattler. Exlibris, Zeichnung/Kunstfahrendruck, 15 x 8,5 cm. Aus: „Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen“ 1895

Sattlers Mappen und Bilder

Eine Bibliographie von Sattlers Mappen und in Buchform veröffentlichten Graphik-Zyklen sowie der von ihm illustrierten und geschmückten Bücher fehlt bis heute. Die folgende Zusammenstellung, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, versucht, wenigstens einen kleinen Überblick zu geben. Als Quellen dienten in erster Linie Titelverzeichnisse des Verlages von J. A. Stargardt, Berlin, in den Sattler-Werken »Die Wiedertäufer« und »Bilder vom internationalen Kunstkrieg«, der Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek, München, und die in den USA erscheinende Bibliographie »The National Union Catalog«. Eingeklammerte Jahreszahlen weisen darauf hin, daß es sich nicht um eine Erstausgabe handelt. In Anführungszeichen gesetzte Angaben sind wörtlich den genannten Titelverzeichnissen von Stargardt entnommen.

1892
Die Quelle. 12 satyrische Blätter
12 Lichtdrucke in Gross-Folio.
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1892 oder 1893
Bilder aus der Zeit des Bauernkrieges
30 Blatt in Lichtdruck. Limitierte und numerierte Ausgabe in 100 Exemplaren. (Nach Kühl 1892, nach Hollweck 1893 erschienen, vgl. Anm. 12.)
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1893
Une cure merveilleuse
Kurzgeschichte, illustriert von Joseph Sattler
ohne Ort

1893–96
zusammen mit Charles SPINDLER: Elsaesser Bilderbogen. Images alsaciennes
1.-3. Jahrgang.
F. X. de Roux & Co., Straßburg

1894
Ein moderner Todtentanz
»13 zum Theil farbige Heliogravuren. Folio. In art-linen-Originaleinband.« Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1894
A Modern Dance of Death
(Englische Ausgabe von Ein moderner Todtentanz.)
H. Grevel & Co., London

1895
Friedrich SARRE: Die Berliner Goldschmiede-Zunft
Mit einem Titelblatt von Joseph Sattler.
Berlin

1895
Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen
Mit einem Vorwort von Friedrich Warnecke
»42 Original-Ex-libris, meist in prächtigem Kunstfarbendruck. Folio. In Originalmappe.«
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1895
Art in Book-Plates. Forty two original Ex-libris designed by Joseph Sattler. With an introduction on artists, literature and collectors of Ex-libris in England, the United States, Germany and France by Frederick Warnecke
(Englische Ausgabe von Deutsche Kleinkunst in 42 Bücherzeichen.)
H. Grevel & Co., London

1895
Bilder vom internationalen Kunstkrieg. La guerre des peintres. Artists on the war-path
J. A. Stargardt, Berlin

1895
Die Wiedertäufer
Es erschienen folgende Ausgaben:
»1 Originalradierung und 29 Blätter in Lichtdruck und Holzschnittmanier. Folio.
Liebhaber-Ausgabe auf altjapanischem Papier, enthaltend drei Originalradierungen und 27 Blätter in Lichtdruck und Holzschnittmanier. Nur in 100 in der Presse numerierten Exemplaren gedruckt. Grossfolio.«
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1896
Meine Harmonie
6 Blätter, 10 Tafeln. In Mappe. Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1896
Georg FUCHS (Hrsg.): Das Werk des Malers Heinz Heim
Mit Titelzeichnung und Initialen von Joseph Sattler.
Verlag von J. A. Stargardt, Berlin

1897
Durcheinander. Allerlei Zeichnungen und Skizzen von Ex-libris, Titelblätter, Zierleisten, Vignetten usw. im Laufe der letzten Jahre gefertigt von Joseph Sattler
Verlagsbuchhandlung Stargardt, Berlin

1897-1901
Heinrich BOOS: Geschichte der rheinischen Städtekultur von den Anfängen bis zur Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung von Worms
Mit Zeichnungen von Joseph Sattler.
J. A. Stargardt, Berlin

Werbung des Verlages J. A. Stargardt

Werbung des Verlages J. A. Stargardt

1900
REICHSDRUCKEREI (Hrsg.): Die Nibelunge
Gestaltet und illustriert von Joseph Sattler.
Berlin

1904
Die Nibelunge
Text der Hohenems-Münchener Handschrift A des Nibelungenliedes nach der Ausgabe von Karl LACHMANN.
Illustriert von Joseph Sattler.
Stargardt, Berlin

1905
Légendes d‘Alsace, in: Revue Alsacienne Illustrée (hrsg. von Charles SPINDLER), 7. Jahrgang.
Illustrationen von Joseph Sattler. 46 Blätter mit Abbildungen, 15 Tafeln. Strasbourg

(1912)
Ein Moderner Totentanz in 16 Bildern gezeichnet
16 farbige Heliogravuren; 2 Blätter, 16 Tafeln.
Zweite, vermehrte Auflage
Stargardt, Berlin

1917
Ostergruß der Kaiser Wilhelms Universität Straßburg an ihre Studenten im Felde
Zusammengestellt und herausgegeben von der Kriegsstelle der Universität Straßburg durch Joh. FICKER. Den Schmuck des Buches schuf Joseph Sattler.
Straßburger Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. R. Schultz & Co., Straßburg

1927
Die Nibelunge
Einfache Volksausgabe nach der Prachtausgabe der Reichsdruckerei aus dem Jahre 1900.
Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin

(1929)

Will VESPER: Tristan und lsolde. Parzival. Ein Liebes- und Abenteuerroman
Mit Bildern von Joseph Sattler.
188. Tausend
Die Bücher der Rose
Wilhelm Langewiesche-Brandt. Ebenhausen bei München

1929
Zehn Bilder aus Doctor Martin Luthers Leben
Handpressenkupferdruck in 400 numerierten Exemplaren. 22 Blätter.
Druck und Verlag der Graf-Presse, München

1932
Joseph Sattlers letzte Arbeit
Zwei fertige Platten – Goetz von Berlichingen und Sebastian von Rotenhahn –aus dem geplanten Werk Helden und Burgen nach dem Tode des Meisters herausgegeben von Heinrich GRAF.
Graf-Presse, München

1934
Radierungen. 1. Teil
Mit einem Vorwort von Heinrich GRAF
Gedruckt und verlegt von der Grafpresse-München

Joseph Sattler, Radierung 1929

Joseph Sattler, Radierung 1929

1934
Radierungen. 2. Teil
Mit einem Vorwort von Heinrich GRAF.
Gedruckt und verlegt von der Grafpresse-München

1934
Kaltnadelradierungen. 3. Teil
Mit einem Vorwort von Heinrich GRAF.
Gedruckt und verlegt von der Grafpresse-München

(1936)
Ernst von WILDENBRUCH: Das Hexenlied
Buchschmuck von Joseph Sattler.
13.-15. Tausend
Grote, Berlin

ohne Jahr (vor 1896)
Merkbuch des Ritters Hans von Schweinichen
Mit einem Titelblatt von Joseph Sattler.
ohne Ort

ohne Jahr
Hans Jakob Christoffel von GRIMMELSHAUSEN: Simplicius Simplicissimus
Bilder, Initialen und Vignetten von Joseph Sattler.
ohne Ort

ohne Jahr
Exlibris. Neue Folge
20 ein- und mehrfarbige Handpressen-Kupferdrucke.
0. Wiegand, Leipzig

 

Nachbemerkung

Dieser Text erschien erstmals 1982 im „Schrobenhausener Lese- und Bilderbuch“ unter dem Titel „Joseph Kaspar Sattler. Ansätze zu einer Spurensicherung“. Die damalige Rechtschreibung wurde beibehalten. An wenigen Stellen finden sich Anmerkungen mit dem Stand 2023 in eckigen Klammern. Die Illustrationen wurden um zwei Abbildungen ergänzt. Die Reproduktionen stammen – soweit nicht anders angegeben – aus der Sammlung des Autors.

 




Der Maler und Künstler Viktor Scheck

Viktor Scheck gehört sicher zu den bekanntesten  Künstlern der Region Ingolstadt. Wir zeigen hier den Katalog seiner aktuellen Ausstellung, die vom 14. Januar bis 5. Februar 2023 in der Harderbastei in Ingolstadt zu sehen war. Außerdem den neu erschienenen Werkkatalog, der Arbeiten von 1970 bis 2022 enthält.

Kurzbiographie

  • 1952 in Schrobenhausen geboren
  • 1975-1980 Studium Grafik Design an den Fachhochschulen in Augsburg und München
  • 1981 freischaffender Maler und Zeichner
  • 1987 Kunstpreis der Stadt Schrobenhausen
  • Seit 1982 zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland zum Thema Landschaft
  • Seit 1999 wohnhaft in Neuburg
  • 1998-2018 Geschäftsführer des Berufsverbandes Bildender Künstler für die Region Ingolstadt und Oberbayern -Nord
  • 2010-2016 Koordination und Leiter der im zweijährigen Rhythmus veranstalteten Kunstmesse Ingolstadt.

Nähere Infos zu Viktor Scheck, auch über seine realisierten Projekte im Bereich „Kunst und Bauen“, finden Sie:

  • im hier präsentierten Ausstellungskatalog
  • auf Wikipedia hier
  • auf seiner eigenen Homepage hier

Viktor Scheck über seine Bilder

„Meine Bilder erzählen meine Geschichte und verweisen auf meine kulturelle Herkunft. Der Betrachter macht aus meinen Bildern seine eigene Geschichte.

Wenn Sie vor einem Bild von mir stehen, sehen Sie ‚Ihr Bild‘, nicht mein Bild.

Ihre persönliche Geschichte und Ihre kulturelle Herkunft entscheiden darüber, was Sie sehen und wie Sie das Gesehene interpretieren.

Darin liegt der Zauber und die Verführungskraft der Malerei.“

 

Ausstellung von Viktor Scheck in der Harderbastei in Ingolstadt 2023

 

Titelseite des Ausstellungskatalogs

Sie können den Katalog als PDF hier von unserer Homepage herunterladen.

 

 

Titelseite des Werkkatalogs 1970 – 2022

Den Katalog seiner Werke können Sie hier herunterladen.




vhs-Titelbilder von Karl Stöger – Teil 1: 1991 bis 1996

Karl Stöger, der lange Jahre in Schrobenhausen als Lehrer tätig war, hat sich nicht nur einen Namen als Collagen-Künstler gemacht, sondern ebenso als „Gebrauchsgrafiker“ der gehobenen Kategorie vielen Büchern und Broschüren ein unverwechselbares Gesicht gegeben. Dazu zählen auch die Programmhefte der Volkshochschule Schrobenhausen, die er von 1991 bis 2009 gestaltet hat. Insgesamt trugen 38 Hefte mit einer Gesamtauflage von mehr als 800 000 Exemplaren seine Handschrift, von zahlreichen Entwürfen, die es ebenso verdient gehabt hätten, gedruckt zu werden, ganz zu schweigen. Übrigens hat Stöger seine Arbeiten als Gönner und Förderer der vhs nie in Rechnung gestellt.

In diesem ersten Beitrag präsentieren wir die in der Zusammenschau wie aus einem Guß anmutenden Titelbilder der Jahre 1991 bis 1996, deren harmonische Gestaltung und spielerisch wirkender, aber wohl durchdachter Typografie neben dem Künstler auch den gelernten Schriftsetzer Karl Stöger erkennen lassen.

All diese grafischen Lösungen – noch ohne Bildcollagen – visualisieren Sinn und Anspruch ernst gemeinter Erwachsenenbildung jenseits ebenso geistlosen wie profitorientierten Marketings, wie wir es heute in Zeiten privatwirtschaftlich orientierter Bildungsinstitutionen zunehmend erleben:  Da gibt es das Entdecken neue Kontinente (Frühjahr 1991), im Vexierbild das Gemeinschaftserlebnis vhs (Frühjahr 1993) oder die vielen Schlüssel zu Wissen und Erkenntnis (Frühjahr 1995).