Juan Diaz – der Kainsmord zu Neuburg 1546

 

Juan Diaz (1510-1546)

 

Vorbemerkung

Schon im Jahr 1982 habe ich mich in einer Publikation mit diesem Thema beschäftigt und ein Facsimile des Drucks von Philipp Melanchthon veröffentlicht. Seither hat mich diese Tat immer wieder interessiert, heute sind zahlreiche Werke auch digital greifbar, was Recherchen enorm erleichtert. Der hier vorliegende Text wird im Laufe der Zeit mit weiteren interessanten Details ergänzt.

 

Der Kainsmord

Ein Mordfall, der im sogenannten „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ großes Aufsehen erregte, zunächst Fürsten und Kleriker, den Kaiser und den Papst und später immer wieder Historiker und Theologen beschäftigte: Der Mord an dem protestantischen Theologen Juan Diaz in Neuburg an der Donau am 27. März 1546. Juan – auch Johannes – Diaz hatte sich dem Protestantismus zugewandt, und wurde, nachdem Versuche, ihn zum katholischen Glauben zurückzugewinnen, scheiterten, im Auftrag seines Bruders Alphonso mit einem Beil erschlagen. Dieser Mord wurde in zeitgenössischen Schriften mit dem Mord von Kain an Abel verglichen. Die Geschehnisse geben einen mikrogeschichtlichen Einblick in die Zeit der Reformation, in die Wirren und Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern und Gegnern und die komplizierten Machtverhältnisse des deutschen Reiches in dieser Zeit.

Viele Details erfahren wir aus der zeitgenössischen Schrift des Claudius Senarcleus, eines Weggefährten des Juan Diaz, der sich zum Zeitpunkt der Tat im Haus des Ermordeten aufgehalten hatte.

 

Die Vorgeschichte

Juan Diaz entstammt einer spanischen Adelsfamilie, studiert zunächst an spanischen Universitäten und später in Paris. Anschließend hält er sich in Genf auf, wo er auch Johannes Calvin kennen lernt, der den Protestantismus in der Schweiz durchsetzt. Danach geht er nach Straßburg und zu Beginn des Jahres 1546 reist er nach Regensburg zu einem Religionsgespräch, zu dem Kaiser Karl V. eingeladen hatte. Diaz verlässt dieses Gespräch vorzeitig und begibt sich nach Neuburg an der Donau, zu dieser Zeit Residenzstadt des 1505 neu geschaffenen Fürstentums Pfalz-Neuburg. Zeitgenossen gehen davon aus, dass er die Publikation von Schriften des protestantischen Theologen und Weggefährten Martin Bucer begleiten wollte. Juan Diaz fühlte sich wohl sicher, war Ottheinrich von Pfalz-Neuburg doch 1542 zum Protestantismus übergetreten.

 

Brudermord, Flucht, Verhaftung

Seinem Bruder  Alphonso Diaz, zu dieser Zeit Priester und Rat am obersten päpstlichen Appellationsgericht in Rom, wurde zugetragen, dass sich Juan dem Protestantismus zugewandt hatte. Auf sein unablässiges Nachfragen erfährt er, dass sich Juan in Neuburg aufhält. So macht sich Alphonso auf den Weg. Senarcleus schildert in ausschweifenden Worten, wie Alphonso versuchte, seinen Bruder bei einem Besuch in Neuburg direkt oder mit List zum katholischen Glauben zurückzugewinnen, ohne Erfolg. Daraufhin begibt sich Alphonso nach Augsburg, dingt sich dort einen „Knecht“, um nach Neuburg zurückzukehren.

In Neuburg angekommen, scheint Juan noch geschlafen zu haben, er wird unter Vorwand geweckt, betritt das Gästezimmer und wird von dem gedungenen Knecht mit einem Beil erschlagen, der Bruder wartet draußen vor der Tür. Nach der Tat wurden die beiden sofort verfolgt, jedoch erst in Innsbruck aufgespürt und verhaftet. Ein Auslieferungsgesuch des Ottheinrich wurde nach der Einmischung des Kaisers ausgesetzt, eine Untersuchung auf dem Reichstage versprochen. Diese fand jedoch nie statt, so dass die Mörder ungeschoren davonkamen.

 

Motive: Verwicklung des Vatikan?

Schon immer wurde über die Motive der Tat spekuliert: War es eine persönliche Auseinandersetzung innerhalb der Familie? Forscher bezweifeln das. Der Schweizer Otmar Gratzl, der die im Mordjahr 1546 erschienene Schrift des Senarcleus neu übersetzte (siehe Literatur unten), schreibt im Nachwort: „Klar formuliertes Ziel der in diesem Buch beschriebenen Intrigen war  (…) die Verhinderung der Ausbreitung der Reformation nach Spanien, in das Kernland des Weltreiches Karls V., ein noch geschlossen papsttreues Gebiet. Dafür wurde unter anderem mit Mitteln wie Überredung, Drohung, Nötigung, Bestechung, Kirchenstrafen und hinterhältigem Mord gearbeitet.“ Ob der Papst selbst mit in die Sache verwickelt war?

 

Der Neuburger Drucker Hans Kilian

Juan Diaz war nach Neuburg gekommen, um die Publikation der Schriften des protestantischen Theologen  Marin Bucer zu besorgen. In der Tat erscheint im Jahr 1546 ein Werk von Martin Bucer im Neuburger Verlag des Hans Kilian, der von Ottheinrich nach Neuburg geholt worden war, um den Protestantismus durch Publikationen zu unterstützen. Das Werk Bucers erschien wohl nach dem Tod von Juan Diaz. Ebenfalls nach dessen Tod erscheint 1546 im Verlag Kilians Juan Diaz‘ Schrift  „Christianae Religionis Summa“, zugeeignet dem Fürsten Ottheinrich. Ob Juan Diaz auch eine eigene Publikation geplant hatte, oder ob das erschienene Werk von seinen Weggefährten nach seinem Tod  in Druck gegeben wurde, muss offen bleiben.  Den Titel „Summa“ trugen seit dem Mittelalter Werke, die entweder ein Thema sehr ausführlich abhandelten – oder eben wie hier die wichtigsten Grundsätze klar und zusammenfassend formulierten. Summa könnte hier mit „Quintessenz“ übertragen werden, freier übersetzen können wir den Titel wohl mit „Die Grundlagen der christlichen Religion“.

Ein PDF des Drucks von „Johannes Diaz“ aus dem Jahr 1546 finden Sie hier

 

Schmalkaldischer Krieg

Das Zeitfenster für diese Publikationen war eng, Gewitterwolken waren schon längst am Horizont aufgezogen, zwei Parteien formierten sich und rüsteten sich zum Kampf.

Auf der einen Seite Kaiser Karl V., der sein Reich wieder zum Katholizismus zurückführen wollte, auf der anderen Seite der Schmalkaldische Bund, ein Bündnis von Reichsstädten und Fürsten, die den Protestantismus verteidigten. Im Jahr 1546 kam es zum so genannten Schmalkaldischen Krieg, in dessen Verlauf im Herbst 1546 auch das protestantische Neuburg von katholischen Truppen besetzt wurde. Dabei wurde auch die Druckerei des Hans Kilian teilweise zerstört. Es dauerte viele Jahre, bis Kilian seine Tätigkeit wieder aufnehmen konnte.

 

Melanchthons „Ware Historia“

Im Folgenden die noch im gleichen Jahr erschienene Schrift des bedeutenden protestantischen Theologen Philipp Melan(ch)thon. Die Übertragung  der Titelseite erfolgt buchstabengetreu, Groß- und Kleinschreibung von Substantiven wurde modernisiert. Weitere Seiten mit Transkription folgen.

 

Kleine Literaturauswahl

Historien. Der Heyligen Außerwölten Gottes Zeugen / Bekennern / und Martyrern (….), beschryben/ Durch Ludovicum Rabus von Memmingen / der H. Schrifft Doctorn / unnd Prediger der Kirchen zu Straßburg. Der Ander (= zweite) Theyl, Straßburg 1558  (Rechtschreibung des Titels leicht modernisiert)

Die Geschichte von Johannes Diaz findet sich auf Seite CCLXXIII v (= Seite 273 v, unnummerierte Rückseite) und folgt in Auszügen der Schrift von Claudius Senarcleus. Auf Seite CCC (= Seite 300) befindet sich eine deutsche Übertragung von Diaz‘ Schrift „Christianae Religionis Summa“ (hier übersetzt mit  „Summarischer Begriff christlicher Religion“) aus dem Jahr 1546.

Der Band (Dateigröße je nach Qualität 140 bis 200 MB )  kann heruntergeladen werden von der Staatsbibliothek zu Berlin hier

 

D. Georg Veesenmeyer: Des Evangelischen Märtyrers Johannes Diazius Dedication seiner Schrift: Christianae religionis Summa, an den Pfalzgrafen Otto Heinrich, aus der Originalhandschrift mitgetheilt, in: Zeitschrift für die historische Theologie, Band 7, Leipzig 1837, S. 156-165 (Google präsentiert den Aufsatz hier)

 

Hans Kilian: Buchdrucker im Dienste Ottheinrichs und der Reformation. Ausstellung der Staatlichen Bibliothek (Provinzialbibliothek) vom 09. September bis 30. Oktober 1994 in der Städtischen Galerie im Rathausfletz, Neuburg an der Donau. Mit Beiträgen von Reinhard H. Seitz, Horst H. Stierhof, Helga Unger, Renate Gisela Wörle, Schrobenhausen 1994 (Verlag Benedikt Bickel)

 

Francisco de Enzinas und Claudius Senarcleus: Der Kainsmord zu Neuburg. In die deutsche Sprache übertragen von Otmar Gratzl, Basel 2015 (Verlag Johannes Petri, das Buch ist wohl nur noch antiquarisch erhältlich)

 

Martin Hille: Zweifelhafte Absichten. Regensburg anno 1546: Waren das Religionsgespräch und der Reichstag nur Finten für Kriegsvorbereitungen?, in: Unser Bayern, Nr. 5-6/2021, S. 20-25

 




HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst – eine Buchempfehlung

HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst gehören zu den interessantesten Themen der neueren Schrobenhausener Geschichte. Der Langenmosener Wolfgang Haas hat darüber ein Buch verfasst, das wir jedem geschichtlich Interessierten empfehlen möchten. Zusammen mit dem Autor planen wir auch einen umfangreicheren Beitrag auf unserer Website.

Das geheimnisvolle Werk

Jahrzehnte lang war das Werk im Hagenauer Forst bei Schrobenhausen von Geheimnissen umwittert, viele Gerüchte waren im Umlauf, man wusste aber nichts Genaues. Die Geheimhaltung war strengstens geregelt, handelte es sich doch um den Bau und Betrieb eines Rüstungsunternehmens, errichtet im Zusammenhang mit der gewaltigen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung der Nationalsozialisten.

Erstes Licht in die Angelegenheit brachte Kreisheimatpfleger Bernhard Rödig schon in den 1990er Jahren. Wolfgang Haas, der 40 Jahre bei der heute hier ansässigen MBDA und ihren Vorgängerfirmen gearbeitet hat, hat sich die Erforschung der Geschichte dieses Industriestandorts praktisch zu einer zweiten Lebensaufgabe gemacht.

Kurz zusammengefasst

„HIAG“: unter diesem Tarnnamen errichtete der Bauherr der Fabrik – die Abkürzung steht für „Holzverkohlungs-Industrie AG“ – zwischen 1938 und 1942 Fabrikgebäude im Hagenauer Forst, der damals noch gemeindefreies Gebiet war.

„PARAXOL“: Nach der Fertigstellung der Anlagen produzierte der Betrieb unter dem Namen „PARAXOL GmbH“ von 1942 bis 1945 Pentaerythrit, ein weißes, unscheinbares Pulver, ein Sprengstoff-Vorprodukt, das in anderen Firmen zu militärischem Sprengstoff weiterverarbeitet wurde. PARAXOL war ein Teil der Firma Degussa und hatte mehrere Betriebsstätten in Deutschland. Die Degussa,  gegründet 1873 als Deutsche Gold- und Silber-Scheide-Anstalt, spezialisierte sich später auf Industriechemikalien und war wie viele andere Unternehmen fest in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft verstrickt.

Nach dem Krieg

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde die Fabrikanlage demontiert, sie wurde in Südfrankreich in der Nähe von Toulouse wieder aufgebaut und produzierte dort bis zum Jahre 1980. Nach dem Krieg zogen Flüchtlinge in das „Lager Paraxol“ ein, das auch eine eigene Schule hatte. Im Jahr 1958 pachtete die Rüstungsfirma Ludwig Bölkow Apparatebau aus Ottobrunn das Gelände, im Jahr 1968 entstand daraus die Firma Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB). Heute ist das Industriegebiet Hagenauer Forst Hauptsitz des Rüstungsunternehmens MBDA Deutschland.

Heute finden wir innerhalb und außerhalb des Firmengeländes noch verwitterte Betonruinen. Viele Fabrik- und Bürogebäude haben die Zeit überdauert und werden auch heute noch genutzt.

Ein Buch entsteht

Wolfgang Haas, selbst 40 Jahre bei der MBDA und den Vorläuferfirmen beschäftigt, hat sich schon immer für die Geschichte des geheimnisvollen Werks im Wald interessiert. Viele Jahre hat er alle Informationen zusammengetragen, keine Mühen gescheut, Zeitzeugen befragt, Dutzende Archive besucht und angeschrieben: Firmenarchive und staatliche Archive, nicht zuletzt auch Archive in Frankreich, Polen, England, den Niederlanden und den USA. Sogar in den Archiven des US-Geheimdienstes CIA waren Dokumente zu finden. Schon früh begann er, seine Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, zum Beispiel in Vorträgen für die VHS Schrobenhausen.

Schließlich hat er seine Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst, das im Selbstverlag erschienen ist. Doch die Neugier nahm kein Ende und so wurden laufend weitere interessante Dokumente aufgespürt. Sie verschwanden nicht im Schreibtisch, sondern wurden immer wieder in die Buchpublikation eingearbeitet, so dass 2024 bereits die 10. Auflage des Werks erscheinen konnte. Nur wenige Publikationen behandeln ein Thema derartig umfassend in allen Aspekten: vom Bau und Betrieb der Anlage über die komplizierten chemischen Prozesse der Herstellung bis zur geschichtlichen Einbindung in die Aufrüstung der Nationalsozialisten.

Beantwortet werden unter vielen anderen folgende Fragen:

  • wie sind HIAG und PARAXOL entstanden
  • was ist Pentaerythrit
  • welche chemischen Verfahren wurden angewendet
  • welche Funktionen hatten die einzelnen Gebäude
  • wie schwierig war die Wasserversorgung aus der Paar
  • wie erfolgten Anlieferung und Versand über den eigenen „Paraxol-Bahnhof“
  • wie viele Zwangsarbeiter wurden beschäftigt
  • warum wurde das Werk nur leicht bombardiert
  • was geschah nach dem Einmarsch der Amerikaner

Wolfgang Haas würdigt im Vorwort auch die Verdienste von Bernhard und Barbara Rödig, ohne deren Forschungen und Unterstützung seine eigene Forschungsarbeit vielleicht nie in Gang gekommen wäre.

Sehr viel Information für nur 13 Euro

Wolfgang Haas: „Was waren HIAG und PARAXOL im Hagenauer Forst Schrobenhausen“. Das Werk ist im Eigenverlag erschienen, umfasst 168 Seiten im Format DIN A 4, enthält über 200 Fotos, Bilder und Originaldokumente und ist durchgehend vierfarbig gedruckt. Derzeit ist die 2024 erschienene 10. Auflage des Buchs erhältlich.

Es kann zum Selbstkostenpreis von 13 Euro nur direkt vom Autor bezogen werden:

Wolfgang Haas
Goethestraße 5
D-86571 Langenmosen
Tel 08433 – 536
Mail: haas.la@neusob.de

 

 




Karlshuld – eine Postkarte erzählt

Eine persönliche Vorgeschichte: Ich habe diese Postkarte vor Kurzem wiederentdeckt, ich habe sie vor einigen Jahren gekauft, für eine so alte Karte durchaus günstig. Ich bin kein Kartensammler, besitze nur ganz wenige alte Ansichtskarten, fast alle über das Donaumoos. Kein Wunder, denn ich bin hier geboren und aufgewachsen, nur wenige Kilometer von Karlshuld entfernt. Eine sehr spannende Karte, denke ich, mit der man sehr viel erzählen kann – zur Geschichte Karlshulds und des Donaumooses, das seit Ende des 18. Jahrhunderts trocken gelegt und besiedelt wurde.

 

Datierung der Karte

Auf der Rückseite eindeutig 1907. Stempel vom 17. und 18. März 1907 („07“).

Karlshuld um 1900

Karlshuld, im Donaumoos gelegen – im Jahr 1907 gehört die Gemeinde zum Bezirksamt Neuburg (ab 1939 Landkreis Neuburg genannt). Das Ortschaften-Verzeichnis des Königlich Bayerischen Statistischen Bureaus von 1904 gibt detailliert Auskunft. Die Gemeinde besteht aus zwei Ortsteilen, nämlich Karlshuld und Kleinhohenried. Der heutige Ortsteil Neuschwetzingen gehört zu dieser Zeit zur Gemeinde Untermaxfeld, Grasheim bildet eine eigene Gemeinde. Die Gemeinde Karlshuld hat 1.350 Einwohner, davon 1.236 Katholiken, 109 Protestanten. Sie ist damit die größte Landgemeinde im Bezirksamt Neuburg. Karlshuld ist Sitz einer katholischen und einer protestantischen Pfarrei und besitzt insgesamt drei Schulen, eine katholische Knaben- , eine katholische Mädchenschule sowie eine protestantische Schule. Seit 1893 hat Karlshuld eine eigene Postagentur.

Farblithographie – ein Meisterwerk der Druckkunst

Farbdrucke aus dieser Zeit sind noch selten und basieren auf einer speziellen Drucktechnik, sie werden Farb- oder Chromolithographien genannt. Grundlage des Drucks ist also die Lithographie, die von Alois Senefelder (1771-1834) erfunden und im Lauf des 19. Jahrhundert immer weiter vervollkommnet wurde. Sie beruht auf dem Prinzip, dass sich Öle und Fette nicht mit Wasser mischen. Gedruckt wird im Flachdruckverfahren mittels eines Steins, meist einer Solnhofener Platte, der mit fetthaltiger Farbe präpariert wird. Für eine farbige Lithographie mussten mehrere  Steine für die einzelnen Farben präpariert werden, meist 6 Steine oder auch deutlich mehr. Diese Art des Farbdrucks lässt sich auf unserer Karte am besten durch den Blauton des Himmels nachvollziehen, der bei allen Motiven identisch ist. Der Druck war also sehr aufwendig, die Karten waren entsprechend teuer.

Die Chromolithographie war von rund 1890 bis 1920 ein sehr erfolgreiches Farbdruckverfahren. Später wurde diese Drucktechnik durch ein anderes Flachdruckverfahren abgelöst, den Offsetdruck, bei dem alle Bilder in Raster und vier Druckfarben aufgelöst werden.

Die Mitteilung

Die Karte richtet sich an den Kaufmann Joseph Schöpf in Pfaffenhausen bei Mindelheim. Der Text lautet wie folgt:

Geehrtester Herr Schöpf, ich gratuliere Sie („Ihnen“) zum hl. Namensfest u(nd) wünsche Ihnen alles Gute, besonders Gesundheit u(nd) in allem Glück u(nd) Segen u(nd) einstens den Him(m)el. Herr Schöpf, ich danke Ihnen bei dieser Gelegenheit für alle Schritte und für alles Gute, das Sie mir in Ihrer aufrichtigen Liebe gethan haben, ich kann es Ihnen nicht anders vergelten, als (dass) ich Sie mein Lebenlang täglich in mein armseliges Gebet einschließe u(nd) Gott bitte, Er, der alles tausendfach vergült, auch Sie belohne, jetzt und in Ewigkeit. Es würde mich recht freuen, wenn Sie mir ein paar Zeilen schreiben. Auch Schw(ester) Oberin wünscht Ihnen alles Gute …

Am Rand links: Gruß an Frau Schw(ester). Ich verbleibe Ihre dankbare Schw(ester) Kasimira

Geschrieben wurde die Karte also auf jeden Fall von einer Ordensfrau, wohl von der St.-Josephs-Kongregation. Der Name der Schwester wird mit Kasimira übertragen. Die Lesung ist aber schwierig. Die Schwester gratuliert dem „Joseph“ Schöpf zum Namensfest, in diesem Fall der Josephstag am 19. März. Der Namenstag war in der katholischen Bevölkerung bis weit ins 20. Jahrhundert deutlich wichtiger als der Geburtstag. Erstaunlich die Geschwindigkeit des Transports: In Karlshuld am 17. März abgestempelt, in Pfaffenhausen bereits am 18. So dürfte die Karte den Empfänger auf jeden Fall rechtzeitig erreicht haben. Transportiert wurde die Karte mit der Eisenbahn, in diesem Fall wohl vom nahen Niederarnbach aus.

Die Motive

Die Karte vereint die wohl wichtigsten Motive Karlshulds in dieser Zeit. Man könnte viel mehr darüber schreiben, ich will mich auf das Wesentlichste beschränken.

Kirche und Pfarrhof. In der frühen Gründungsphase Karlshulds musst als katholische Kirche eine Bretterkirche ausreichen. Nach einem persönlichen Besuch König Ludwigs I. wurde versprochen, eine aus Stein errichtete Kirche zu stiften. Er beauftragte mit der Planung keinen Geringeren als Friedrich von Gärtner (1791-1847), neben Leo von Klenze der bedeutendste bayerische Baumeister seiner Zeit, der Bau wurde in den Jahren 1832-1835 realisiert.

Knaben- und Mädchenschule. Der Unterricht von Knaben und Mädchen wurde in Karlshuld in der Mitte des 19. Jahrhunderts getrennt. Neue Schulbauten entstanden und wurden laufend erweitert und saniert. Die Karlshulder Knabenschule wurde abgerissen, nachdem 1966 ein großes modernes Schulhaus  fertiggestellt worden war. Die Mädchenschule wurde von den „Armen Schulschwestern“ geleitet, die im Jahr 1858 nach Karlshuld kamen und bis 1961 blieben. Im Gebäude der Mädchenschule befindet sich heute das Rathaus.

Korbfabrik und Klosterwirtschaft. Die Gemeinde Karlshuld war bis weit ins 20. Jahrhundert eine arme Gemeinde. Den meisten Siedlern waren viel zu kleine Gründe zugeteilt worden, von denen man nicht leben konnte. Als Nebenerwerb war die Weiden-Korbflechterei verbreitet. Im Jahr 1894 wurde die „Korbindustrie-Genossenschaft“ gegründet, um neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Hergestellt wurden „Spankörbe“, vor allem für Versandzwecke. Die Geschäfte liefen nicht wie erwartet – und so wurde die Korbfabrik im Jahr 1897 von Pfarrer Dominikus Ringeisen in Ursberg erworben, der an verschiedenen Standorten Einrichtungen zur Pflege von Behinderten wie Blinden und Taubstummen und kranken Personen unterhielt. Die von Ringeisen gegründete St.-Josephs-Kongregation erwarb im Jahr 1898 von Freiherrn von Pfetten in Niederarnbach das nebenstehende Gebäude samt Gastwirtschaft und baute es in ein Kloster mit angeschlossener Klosterwirtschaft um, Schwestern der Kongregation zogen ein.

Da sich der Betrieb der Fabrik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr rentierte, wurden Korbfabrik und Klosterwirtschaft 1921 an den Bayerischen Staat verkauft. Die ehemalige Korbfabrik wurde zur Saatgutreinigungsanlage umgebaut, die Klosterwirtschaft verpachtet. Im Jahr 2019 wurde die Klosterwirtschaft nach mustergültiger Sanierung mit einer angegliederten Pension wiedereröffnet.

Dampfdreschmaschine. Auf der Karte rechts unten bei näherem Hinsehen: eine Dreschmaschine, angetrieben von einer Lokomobile, einer beweglichen Dampfmaschine. Man wollte damit sicher dokumentieren, dass Karlshuld „auf der Höhe der Zeit“ und dem Fortschritt aufgeschlossen war, wenn auch für viele kleinere Höfe das Dreschen mit Dreschflegeln zu dieser Zeit sicher noch verbreitet war.

Jugendstil. Die roten geschwungenen Linien zwischen den Bildern sind Ausdruck der zeitgenössische Kunstrichtung des Jugendstil.

 

Die Rückseite der Karte

Die Rückseite der Karte enthält die Adresse des Empfängers:

An Herrn Joseph Schöpf, Kaufmann, Pfaffenhausen Post daselbst, bei Mindelheim in Schwaben

„Postkarte“. Mehr zur Geschichte der Postkarte finden Sie auf unserer Homepage hier. Ganz kurzer Überblick: Postkarten verbreiten sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Ansichtskarten durften zunächst nur auf der Vorder-, also der Bildseite beschrieben werden, erst im Jahr 1905 wurden Karten zugelassen, bei denen die Adress-Seite geteilt war, also auch einen Raum für Mitteilungen zur Verfügung stellte.

Rechts oben eine „bayerische“ Briefmarke aus der weit verbreiteten „Wappenserie“. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man, dass das Wappen leicht „geprägt“ wurde. Obwohl Bayern seit 1871 dem Deutschen Reich angehörte, hatte es sich „Reservatrechte“ gesichert, unter anderem die Organisation des Post- und Telegraphenwesens. Gestempelt wurde die Karte am 17. und 18. Mrz. (März) 07 (1907). – Spekulieren können wir, warum die Briefmarke auf dem Kopf steht. Das könnte Zufall sein, möglicherweise aber auch „Briefmarkensprache“, die gerade auch zu dieser Zeit weit verbreitet war. Die mehr oder weniger „geheimen“ Mitteilungen schräg oder gedreht aufgeklebter Marken waren nie genau definiert. Eine auf dem Kopf stehende Briefmarke konnte aber bedeuten „schreibe mir“, wäre also eine Verstärkung des von der Schreiberin auf der Karte geäußerten Wunschs gewesen.

Verlagsangabe

Auf der Vorderseite unten in leichtem Blau und deshalb nur schwer erkennbar: „Heliocolorkarte von Ottmar Zieher München“. Über Ottmar Zieher gibt es einen Wikipedia-Eintrag, nämlich hier.

Eine Reihe von Informationen wurde der Festschrift von Uwe Kühne: Karlshuld. Ein Rückblick auf 200 Jahre Geschichte entnommen.




Donaumoos – Geschichte digital

Das Donaumoos, das größte Niedermoor Süddeutschlands, wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts entwässert und besiedelt. In den Quellen heißt es oft auch „Schrobenhausener Moos“, weil es vom Donaumooslehengericht – in Personalunion mit dem Schrobenhausener Landrichter – verwaltet wurde. Seit der Gründung des Fürstentums Pfalz-Neuburg im Jahr 1505 ging die Grenze zum Fürstentum Bayern mitten durch das Donaumoos. Mit dem Aussterben der männlichen Linie in München im Jahr 1777 vereint Kurfürst Karl-Theodor (1724-1799), aus einer pfalz-neuburgischen Seitenlinie und bis dahin in Mannheim residierend, die wittelsbachischen Gebiete wieder in einer Hand. Mit dieser Vereinigung wird auch die Entwässerung und Besiedlung des Donaumooses in Angriff genommen. Die Besiedlung  beginnt mit den Gründungen von Karlskron 1791 und Karlshuld 1795. Das obere Moos wurde erst im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erschlossen und besiedelt. Mit der Kultivierung des Donaumooses kam auch eine größere Zahl von Protestanten in unser Gebiet.

Eine aktuelle Recherche im November 2022 ergab, dass digital außer historischen Artikeln auf den Homepages der Donaumoos- und Kirchengemeinden und Wikipedia sehr wenig über das Donaumoos im Landkreis zu finden ist. Wir wollen dem abhelfen und zunächst beginnen mit dem, was digital greifbar ist. Weitere Digitalisate werden folgen. Ein Überblick über die Geschichte des Donaumooses ist in Arbeit.

 

Frühe Bodenkultivierung – ein Beitrag zur Umwelt- und Sozialgeschichte

Auf der Homepage der Universität Erlangen befindet eine in unserem Landkreis offensichtlich weitgehend unbekannte und ziemlich aktuelle Arbeit, nämlich die Masterarbeit von Vera Seeburg: Bodenkultivierung im Donaumoos. Ein Beitrag zur Umwelt- und Sozialgeschichte zwischen 1780 und 1830.

Als ausgezeichnete Masterarbeit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) wurde sie 2021 von der „FAU University Press“ veröffentlicht. Da die Nutzungsrechte über Creative Commons freigegeben wurden, präsentieren wir sie hier zum Download.

Nähere Informationen dazu unter

http://opus4.kobv.de/opus4-fau/frontdoor/index/index/docId/17848

Parallel dazu erschien die Arbeit als Druckausgabe bei FAU University Press, ISBN: 978-3-96147-467-7. Sie kann über den Buchhandel bezogen werden oder direkt bestellt werden unter dem Erscheinungsjahr 2021:

https://www.university-press.uni-erlangen.de/verlagsprogramm/programm-nach-erscheinungsjahr.php

 

Donaumoos-Kulturs-Geschichte – ein Klassiker aus dem Jahr 1795

Das untere Donaumoos war bereits trocken gelegt und im Jahr 1791 Karlskron gegründet worden, die Gründung von Karlshuld ist noch im Gange – da erscheint 1795 die zeitgenössische Arbeit „Aktenmäßige Donaumoos-Kulturs-Geschichte“ im Druck. Noch heute ist sie ein Klassiker über die Trockenlegung und frühe Besiedlung des Donaumooses. Verfasser ist Georg Freiherr von Aretin. Im Jahr 1770 in Ingolstadt geboren, machte sich Aretin seit 1793 als Administrator des Donaumoosgerichts Karlskron um die Trockenlegung des Donaumooses verdient. 1796 wurde er Hofkammerrat, 1799 Landesdirektor in Amberg, 1806 Straßen- und Wasserbauinspektor in Tirol. Aretin starb 1845 in München.

Aus dem Inhalt: Geographische Lage des Donaumooses – Name und Ursprung – Gewässer – Gewächse und Tiere – Hindernisse der Donaumooskultur – Geschichte der gegenwärtigen Mooskultur – Beginn der Trockenlegung – Anlage von Kanälen, Dämmen und Straßen – Kolonien im unteren Moose – das neue Moosgericht Karlskron. Im Zweiten Teil werden auch viele zeitgenössische Einwürfe diskutiert – Aretin zeigt sich hier als vehementer Befürworter und Verteidiger der getroffenen Maßnahmen. Dieser Teil zeigt, wie kontrovers die Kultivierung in dieser Zeit diskutiert wurde, und gibt gerade damit einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen und landwirtschaftlichen Diskussionen und Bestrebungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Das vielleicht ansprechendste Digitalisat ist das Exemplar der Staatsbibliothek Bamberg. Das Werk (186 MB) kann über das Münchener Digitalisierungszentrum heruntergeladen werden, nämlich hier

 

Briefe über das Donaumoor – noch ein Klassiker aus dem Jahr 1795

Im gleichen Jahr erscheinen – im gleichen Mannheimer Verlag – in Briefform die „Naturhistorischen und ökonomischen Briefe über das Donaumoor“.  Autor ist Franz von Paula Schrank.

Franz von Paula Schrank, geboren 1747 in Vornbach (Landkreis Passau), war ein bedeutender deutscher Botaniker und Insektenforscher. Er trat zunächst dem Jesuitenorden bei, wurde nach dessen Aufhebung zum Priester geweiht und 1776 in Wien zum Doktor der Theologie promoviert. Im gleichen Jahr wurde er Professor für Mathematik und Physik am Lyzeum in Amberg, ab 1784 ist er Professor der Universität Ingolstadt, ab 1800 der Universität Landshut mit den Schwerpunkten Landwirtschaft, Bergbau, Forstwirtschaft und Naturgeschichte. Zwischen 1809 und 1832 war Schrank der erste Direktor des Alten Botanischen Gartens in München. Franz von Paula Schrank verfasste eine Vielzahl naturwissenschaftlicher Schriften. Er starb im Jahr 1835.

Aus dem Inhalt: Schrank beschreibt das Donaumoos aus verschiedenen Perspektiven. Einerseits dokumentiert er in seinen botanischen Beschreibungen die vorkommenden Pflanzen, daneben auch das Tierreich des Donaumooses. Zur weiteren Kultivierung entwickelt er eine Reihe von Vorschlägen, sie spiegeln nicht zuletzt auch die zeitgenössischen Diskussionen um die Verbesserung der Landwirtschaft, zum Beispiel um Viehhaltung, Viehweide, Stallfütterung, Düngung oder Pflanzung von Bäumen. Interessant auch seine Vorschläge zur Abschaffung der Brache. Immerhin war zu seiner Zeit die Dreifelderwirtschaft vorherrschend, das heißt jedes Feld lag in jedem dritten Jahr brach. Seine Theorie: Die Brache diene der Erholung des Bodens, die aber auch mit anderen Mitteln erreicht werden könne, zum Beispiel durch Anbau von Klee, aber auch von Kartoffeln und Rüben.

Wir verlinken auf ein gut erhaltenes Exemplar der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Download hier

 

 

Weitere Verlinkungen sind in Vorbereitung




Der Chronist Johann Evangelist Waldvogel

Johann Evangelist Waldvogel (1804-1855). Bisher war so gut wie nichts zur Biographie dieses Schrobenhausener Chronisten bekannt. Geboren ist Waldvogel – in den meisten Quellen in Gegensatz zur Titelseite der Chronik Waldvogel geschrieben – im Jahr 1804 in Schrobenhausen als Sohn des dortigen Kaminkehrers. Waldvogel studierte Theologie in München. Im Jahr 1836 ist er Kaplan in Neuburg. Nach einem kurzen Aufenthalt in Genderkingen wird Waldvogel zunächst Pfarrprovisor in Nördlingen und  im Jahr 1838 zum katholischen Stadtpfarrer in der protestantisch geprägten Stadt ernannt. Waldvogel wird Distriktsschulinspektor und ab 1846 Dekan für das Dekanat Donauwörth. Der Jahresbericht der Lateinschule Nördlingen vom Jahr 1854/55 berichtet: „Am 10. Juni verließ der k. katholische Dekan Waldvogl, der den katholischen Religions- und Geschichtsunterricht an der Anstalt zu geben hatte, die hiesige Pfarrei, um eine andere anzutreten, nachdem er in diesem Schuljahr durch Kränklichkeit vielfältig gehindert worden war, den Unterricht an der Lateinschule mit seiner gewohnten Treue zu besorgen.“ Im Mai 1855 war ihm die Pfarrei Loppenhausen im Landgericht Mindelheim verliehen worden. Am 27. Juni, kurz nach seiner Ankunft an seiner neuen Wirkungsstätte, stirbt Johann Evangelist Waldvogel. Drei Jahre später erscheint seine „Historische Skizze“ im Verlag der M. Hueber’schen Buchhandlung in Schrobenhausen. In einer Anzeige im Schrobenhausener Wochenblatt vom 20. Febr. 1858 heißt es: „Dieses in jeder Beziehung interessante Schriftchen wird Niemand ohne Befriedigung lesen, und ist bei dessen Billigkeit Jederman ermöglicht, sich dieses Werkchen zu verschaffen.“

Diese erste Kurzbiographie beruht nicht auf Archivrecherchen, sondern wurde allein über Recherchen im Internet zusammengestellt. Für die freundliche und großzügige Unterstützung bedanken wir uns ganz herzlich bei Marie-Luise Missel vom Bayerischen Landesverein für Familienkunde.




Der Heimatforscher Michael Thalhofer

Michael Thalhofer (1855-1929) wurde in Aichach geboren. Er besuchte das Gymnasium in München und studierte dort anschließend Theologie. Im Jahr 1877 wird er zunächst zum Kaplan in Schrobenhausen ernannt, danach war er hier fast ein halbes Jahrhundert Benefiziat. Seine besondere Neigung zur Heimatgeschichte konnte er als Gründungsmitglied des Historischen Vereins ausleben, fast dreißig Jahre war er dessen Schriftführer. Er hielt zahlreiche Vorträge und publizierte sie in der historischen Reihe des Vereins. Er gab die hier digitalisierte Broschüre im Auftrag des Vereins heraus und veröffentlichte im „Ehrenbuch“ die auch heute noch anrührenden und zeitgeschichtlich bedeutsamen Briefe von Schrobenhausener Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist seine Chronik „Zur Schrobenhauser Geschichte“, die in zahlreichen Folgen in den Schrobenhausener Wochenblättern 1886 bis 1888 erschien. Im Jahr 1927 verlieh ihm die Stadt Schrobenhausen für seine Verdienste das Ehrenbürgerrecht.

Publikationen (Auswahl)

  • Zur Schrobenhauser Geschichte, in: Schrobenhausener Wochenblatt, 27. Febr. 1886 bis 7. Jan. 1888 (Serie bricht mit diesem Beitrag ab) – Die Autorschaft Thalhofers geht hervor aus seinem Beitrag: Aus grauer Vorzeit Tagen, in: Vorträge, gehalten im Historischen Verein Schrobenhausen und Umgebung, Zweite Reihe, Schrobenhausen 1908, S. 131
  • Eine Jubiläums-Erinnerung, in : Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung, Erste Reihe, Schrobenhausen 1906, S. 29-36 – Martin Neugschwendner im Spanischen Erbfolgekrieg 1704
  • Einige Legenden und Sagen aus dem Bezirk Schrobenhausen, in: Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung, Erste Reihe, Schrobenhausen 1906, S. 37-70
  • Zur Geschichte des Franziskanerklosters in Schrobenhausen 1642-1802, in: Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung, Erste Reihe, Schrobenhausen 1906, S. 71-134
  • Aus grauer Vorzeit Tagen, in: Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung, Zweite Reihe, Schrobenhausen 1908 , S. 104-13 – Aufsatz über prähistorische Funde und mittelalterliche Quellen und Urkunden
  • Aeltere Geschichte der Schule Schrobenhausen, in: Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung, Zweite Reihe, Schrobenhausen 1908, S. 133-151
  • Schrobenhausen, seine Geschichte, Sehenswürdigkeiten und Umgebung, Schrobenhausen [1910]
  • Von Hohenwart in Oberbayern: dem Klosterberg und Markt, in: Vorträge, gehalten im Historischen Verein für Schrobenhausen und Umgebung, Vierte Reihe, Schrobenhausen 1921, S. 1-251
  • Michael Thalhofer (Hrsg.): Ehrenbuch zum Gedächtnis der aus der Stadtpfarrei Schrobenhausen 1914-1918 gefallenen Krieger, Schrobenhausen 1923

 

 




Die ältesten Schrobenhausener Ansichtskarten 1900-1920

Jahrhunderte lang wurden Mitteilungen als gefaltete, verschlossene, meist versiegelte Briefe verschickt. Offene Mitteilungen mittels Karte zu versenden bürgerte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, zunächst in Form der „Correspondenz-Karte“ oder „Post-Karte“ ohne Abbildungen, dann als „Ansichtskarte“ mit Lithografien und später meist mit Fotomotiven.

Wann genau die erste Ansichtskarte mit Schrobenhausener Motiven auf den Markt gekommen ist, wird vielleicht nie endgültig geklärt werden können. Poststempel erzählen uns, dass schon in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts eine größere Anzahl von Schrobenhausener Karten im Umlauf war, zu einer Zeit also, als das so genannte Goldene Zeitalter der Ansichtskarte begann. Manche Karten erscheinen uns heute eher als schlicht und fesseln uns vor allem wegen der frühen Stadtansichten, die in privaten Fotoalben in dieser Form eher selten sind. Ob schwarz-weiß oder farbig – alle Karten sind wahre Meisterwerke der jeweils zeitgenössischen Drucktechniken.

Ansichtskarten durften zunächst nur auf der Vorder-, also der Bildseite beschrieben werden, erst im Jahr 1905 wurden Karten zugelassen, bei denen die Adress-Seite geteilt war, also auch einen Raum für Mitteilungen zur Verfügung stellte.

Einer der größten Ansichtskartenverlage war der Verlag der Gebrüder Metz in Tübingen. Das Stadtarchiv Schrobenhausen besitzt ein Album dieser Firma, aus dem meist die Auflagejahre und die Auflagenhöhe der Karten hervorgehen. Aber auch Schrobenhausener Geschäftsleute boten Ansichtskarten an, so zum Beispiel die Hueber’sche Buchhandlung oder der Verlag Johann Hickl.

Im Lauf von mehr als 100 Jahren wurde eine fast unvorstellbare Menge von Schrobenhausener Ansichtskarten gedruckt. Eine genaue Zahl zu nennen, ist kaum möglich. Sammler sprechen von weit mehr als 800 oder gar von mehr als 1.000 Schrobenhausener Motiven. Neben einigen Schrobenhausener Privatsammlern mit zum Teil erstaunlich umfangreichen Beständen besitzt das Schrobenhausener Stadtarchiv eine stattliche Sammlung mit über 500 Schrobenhausener Motiven, auch über die einzelnen Ortsteile. Die Karten wurden im Lauf vieler Jahre von Antiquariaten erworben oder waren Bestandteil von Schenkungen oder Nachlässen Schrobenhausener Bürger.

 

Weiterarbeit

Die wenigen hier gezeigten Karten sollen erst ein Anfang sein und im Lauf der Zeit ergänzt werden, ob nach Zeitepochen oder nach Motiven muss sich erst noch herausstellen. Und wir werden auch unseren Einleitungstext immer wieder überarbeiten, denn Post- und Ansichtskarten sind ein sehr spannendes und beinahe unerschöpfliches Thema.

 

Schrobenhausener Postkartenbücher

Schrobenhausener Ansichten – eine Stadt in alten Postkarten, hrsg. von Benno Bickel und Thekla Maria Pollinger, Schrobenhausen 1980 (im Auftrag des Kunstvereins Schrobenhausen, erschienen im Verlag Benedikt Bickel)

Schrobenhausen. Die Stadt im Spiegel alter Postkarten, Schrobenhausen 2010 (Stadtsparkasse Schrobenhausen)

Beide Titel können über Antiquariatsportale erworben werden.

 

 

 

 

 

 

Villen in Schrobenhausen

 

Gruss aus Schrobenhausen

 

 

 

Ansichtskartenbuch der Firma Metz, Tübingen, für die Stadt Schrobenhausen. Die Seiten zeigen Karten aus den Jahren 1909 bis 1910. Wohl aus Versehen eingeklebt sind hier auch Karten von Kloster Scheyern. Einträge gibt es über Nachdrucke, über den Auftraggeber (hier meist die Hueber’sche Buchhandlung in Schrobenhausen), später auch über die Auflagenhöhe. Dieses unschätzbare Buch wurde vor vielen Jahren vom Stadtarchiv Schrobenhausen angekauft.

 

 




Karl Stöger – Schrobenhausen in anderen Ansichten

Karl Stögers Collagen sind jedem Schrobenhausener ein Begriff, nicht zuletzt, weil sie sehr viele Jahre als Titelbilder des Volkshochschulprogramms zu sehen waren, das in hoher Auflage an alle Haushalte im Raum Schrobenhausen verteilt wurde.

Karl Stöger wurde 1946 in Leipheim geboren und absolvierte zunächst nach dem Besuch der Volksschule in München eine Lehre und Gesellenprüfung als Schriftsetzer. Nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studierte er für das Lehramt an Volksschulen in München. Rund 21 Jahre war Karl Stöger Lehrer in Schrobenhausen, zunächst an der Hauptschule, danach an der Grundschule. Daneben war er künstlerisch tätig im Bereich der Collage: Ausstellungen im Kunstverein, Veröffentlichung der Collagenbücher „Schrobenhausen in anderen Ansichten“  und „Mün-Chen“ im Verlag Benedikt Bickel. Genauere biografische Daten finden sich hier

Das Faszinierende an Stögers Collagen: Sie bestehen immer nur aus „zwei Elementen“ – eine Motivation, diesen zwei Teilen visuell nachzuspüren.

 

Karl Stöger - Collage von Schrobenhausen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Bilder aus der Geschichte Mühlrieds

Blick von Schrobenhausen nach Mühlried 1956

Blick von Schrobenhausen nach Mühlried 1956

Mühlrieds Geschichte reicht bis weit ins Mittelalter zurück. Schon um das Jahr 1200 tauchen in verschiedenen Urkunden mehrere Personen auf, die mit dem Ortsnamen verbunden sind: ein „Diepolt de Mulried“, ein „Pilgrimus de Mulriet“ und ein „Rudiger de Mulried“ . Die Deutung des Ortsnamens bereitet keine Schwierigkeiten: Denn „ried“ bedeutet nichts anderes als ein mit Schilf oder Sumpfgras bewachsener Grund. Mühlried war also ein solcher Ort, auf dem eine Mühle stand.

 

Die Dorfmühle

Namensgebend für die Ansiedlung war wohl die Dorfmühle, die dort stand, wo heute noch das Stauwehr der Paar zu sehen ist. Zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird die Dorfmühle um das Jahr 1400. Anno 1468 erwirbt sie Ritter Wiguläus von Weichs, durch Heirat geht sie 1517 in die Hände von Ritter Sigismund von Sandizell auf Edelshausen über. Die Mühle wurde von den Hofmarksherrn nie selbst bewirtschaftet, sondern „verstiftet“, das heißt an Müller zur Bewirtschaftung gegen Abgaben übergeben. Die umfangreichen Archivbestände der Hofmark Edelshausen, von denen sich ein großer Teil im Stadtarchiv Schrobenhausen befindet, erzählen uns sehr viel über das Schicksal der Mühle und der Müller: Von Hofübergaben, Heiratsabreden, Schuldsachen, Unglücksfällen, Streitsachen zwischen den Paarmüllern wegen Wasserbau und von Verwüstungen durch Hochwasser und Eisstöße.

 

Verschiedene Grundherren

Das Leben der Dorfbewohner war Jahrhunderte lang geprägt von der Grundherrschaft: Die Bauern konnten über Grund und Boden nicht frei verfügen, sie waren abhängig von Grundherren, die ihnen Haus und Grund gegen Abgaben und Scharwerksdienste zur Bewirtschaftung übergaben. Eine Zusammenstellung aus dem Jahr 1752 zeigt die enge Beziehung Mühlrieds zu Hohenwart, denn fast die Hälfte der 38 Höfe stand unter der Grundherrschaft des Klosters Hohenwart, 10 Höfe gehörten zur Hofmark Edelshausen, der Rest teilte sich auf zur Hofmark Steingriff, Niederarnbach und direkte Untertanen des bayerischen Herzogs. Große Bauern gab es nur wenige, drei Viertel aller Höfe waren so genannte „Sechzehntelhöfe“, d. h. Höfe mit nur kleinem Grundbesitz, bei denen der Lebensunterhalt eher schlecht als recht gesichert war. Die Grundherrschaft lastete in Bayern bis ins 19. Jahrhundert auf der bäuerlichen Bevölkerung, erst im Revolutionsjahr 1848 wird sie aufgehoben.

 

Die Bildung der modernen Gemeinde

Die alte bayerische „Dorfgmain“ war keine Verwaltungseinheit, sondern regelte nur die wirtschaftlichen Angelegenheiten rund um das Dorf: sie befasste sich mit Grundstücken, Wald, Weide, Nutzungsrechten, Wegebau. Die Bildung der modernen Gemeinden erfolgte durch das Gemeindeedikt von 1818: Dörfer, Ortschaften, Weiler und Einöden wurden zu einer politischen Gemeinde zusammengefasst, der als unterster Verwaltungseinheit auch genau definierte Kompetenzen zugesprochen wurde: z. B. die Aufsicht auf das Schul-, Armen- und Stiftungswesen und die niedere Polizeigewalt. Zur Gemeinde Mühlried gehörten die Orte Königslachen und Ried, die Weiler Sandhof, Högenau und Altenfurt sowie die Einöden Rinderhof und das Gut Weil. Erster Gemeindevorsteher nach den Bestimmungen des Gemeindeedikts wurde der Bauer Jakob Tiroller, Gemeinde-Bevollmächtigte („Gemeinderäte“) die Bauern Joseph Kramer und Simon Schäfer sowie der Schneider Willibald Wagner.

 

Die agrikole Statistik 1840

Alle Orte rund um die Stadt Schrobenhausen waren bis weit ins 20. Jahrhundert stark landwirtschaftlich geprägt. Als im Jahr 1840 die agrikole Statistik für ganz Bayern erhoben wurde, zeigt sich zum ersten Mal ein sehr detailgenaues Bild der Gemeinde Mühlried. Von den insgesamt 62 Familien leben 39 Familien als „Gutsbesitzer“ vom Landbau, 17 Familien besitzen nur ein Leerhaus, das heißt sie haben keinen oder nur sehr geringen Grundbesitz und müssen vom Taglohn leben, nur 6 Familien üben ein Gewerbe aus, doch auch sie haben Feldbesitz, weil die gewerblichen Einkünfte offensichtlich nicht ausreichen. Der Landwirtschaft zugeordnet sind 32 Knechte und 23 Mägde, für das Gewerbe sind 6 Gesellen und Lehrlinge nachgewiesen. Auch der Viehstand wird genau dokumentiert: So finden sich in der Gemeinde 89 Pferde, 96 Arbeitsochsen, 220 Melkkühe sowie 285 Stück Jungvieh und Kälber, 198 Schafe und 100 Lämmer, 41 Schweine und 128 Jungschweine, 33 Enten, 489 Hühner und 100 Tauben.

 

Gewerbe in Mühlried

Mühlried hatte im Jahr 1840 nur 434 Einwohner und nahm hinsichtlich der Einwohnerzahl nur Platz elf der 37 Gemeinden des Landgerichtsbezirks Schrobenhausen ein. Auf Grund der geringen Einwohnerzahl und wohl auch wegen der Nähe zu den städtischen Handwerkern gibt es nur wenige gewerbliche Betriebe in Mühlried. Für das Jahr 1853 ist eine genaue Aufstellung der Gewerbetreibenden erhalten: Wir finden hier den Schuhmacher Josef Schnitzler, den Schneider Robert Wagner, den Müller Franz Huber, den Wirt Mathias Pichler sowie den Müller Johann Zirschling auf der Aumühle.

Das große Mühlensterben im 19. Jahrhundert ging auch an Mühlried nicht spurlos vorbei: Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Mühlen wurden immer schlechter und führten schließlich zu hoher Verschuldung. Die Dorfmühle wurde 1872 vom Schrobenhausener Papierfabrikanten Georg Leinfelder erworben. Er erbaute an deren Stelle eine Holzschleiferei, die aus dem Rohstoff Holz den so genannten Holzschliff herstellte, den Rohstoff für die Papierproduktion in der Schrobenhausener Papierfabrik. Die Holzschleiferei war Mühlrieds erster größerer Gewerbebetrieb. – Auch mit der Aumühle ging es wirtschaftlich bergab: Hochverschuldet ging die Mühle 1881 an die Immobilien-Gesellschaft München über. Im Jahr 1908 wurde die Aumühle von der Stadt Schrobenhausen erworben, die dort – eine nie realisiertes – kleines Wasserkraftwerk errichten wollte. Die Höfe wurden schon kurze Zeit weiterverkauft. – Lange Zeit blieb die Papierschleiferei der einzige größere Betrieb im Ort, im Jahr 1922 gründeten sich die Kunststeinwerke Schrobenhausen, die in Mühlried Zementwaren aller Art herstellten und bereits in den Zwanzigerjahren 20 bis 30 Beschäftigten Arbeit und Brot gaben.

 

Um die Jahrhundertwende

Mühlried wuchs – wie die meisten Landgemeinden – in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nur wenig, der Bevölkerungsüberschuss zieht in die Städte, vor allem die Großstädte, um dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Was bewegt die Gemeinde Mühlried um die Jahrhundertwende? Die Beschlussbücher der Gemeinde geben Aufschluss, sie sind ein Spiegelbild des Gemeindelebens der damaligen Zeit. Hier geht es um das Bürgerrecht, das von der Gemeinde verliehen wurde, jedoch von der Zahlung einer direkten Steuer abhing und so bei weitem nicht allen zustand. Beschlossen wurde über das Heimatrecht, das regelte, welche Gemeinde zuständig war, wenn der Heimatberechtigte in finanzielle Notlage geriet, verarmte oder seine Krankenhausrechnungen nicht bezahlen konnte. Beschlüsse wurden gefasst über Ausbau und Reparatur von Straßen, Wegen und Brücken, über die Verpachtung der Gemeindejagd und des Fischwassers, über Nachtwache und Viehhut, natürlich über die Erhebung und Beitreibung der gemeindlichen Steuern und die Aufstellung der Gemeinderechnungen.

 

Statistik von 1939 belegt Wandel

Hundert Jahre nach den ersten genauen statistischen Erhebungen sehen wir Mühlried gründlich verändert. Die Volkszählung von 1939 erhebt nicht nur genaue Daten über die Bevölkerungsanzahl, sondern auch die soziale Stellung und die Arbeitsorte. Mühlried hat jetzt 800 Einwohner, die Bevölkerung hat sich also in den zurück liegenden hundert Jahren nahezu verdoppelt. Der Anteil der Selbstständigen – vor allem Landwirte – ist mit 45 % an den Erwerbspersonen noch relativ hoch, der Anteil der Arbeiter – vor allem nichtlandwirtschaftliche Arbeiter – beträgt 52 %. Angestellte und Beamte spielten als Bewohner noch eine völlig untergeordnete Rolle, was sich jedoch im Lauf der folgenden Jahrzehnte deutlich ändern sollte. Interessant natürlich auch ein Blick auf die Pendelwanderung: Bereits etwa 20 % der Erwerbstätigen arbeitet in Schrobenhausen.

 

Kriegsende und Neubeginn

Mühlried blieb – wie die meisten Orte im Raum Schrobenhausen – von Verwüstungen während des Zweiten Weltkrieges verschont. Schon während der Kriegszeit waren aus den bombardierten Städten Ausgebombte und Evakuierte in die ländlichen Gebiete gezogen oder geschickt worden. Seit 1946 strömen tausende von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in den Landkreis Schrobenhausen. Das führt auch in Mühlried zu einer starken Bevölkerungszunahme, nämlich von 800 im Jahr 1939 auf 1.074 im Jahr 1946, eine Zunahme von über 30 Prozent in wenigen Jahren.

 

Mühlried wird zweitgrößte Gemeinde

Mühlried wurde als Siedlungsgebiet direkt vor den Toren der Stadt immer beliebter. Bereits im Jahr 1955 war die Bevölkerung auf 1.408 Einwohner gestiegen, eine Steigerung von 80 % in den zurück liegenden 16 Jahren. Mühlried ist damit bereits zweitgrößte Gemeinde im Landkreis Schrobenhausen nach der Kreisstadt. – Im Jahr 1956 wird Georg Paulus zum Bürgermeister gewählt – er sollte den Weg der Gemeinde bis zur Eingliederung in die Stadt 22 Jahre lang begleiten. Auch später noch wird er als Stadtrat die Interessen Mühlrieds vertreten. Ausgezeichnet wurde er für seine Verdienste später unter anderem mit der Bürgermedaille. – Zahlreiche große Probleme waren mit der Bevölkerungszunahme verbunden: Baugebiete mussten erschlossen werden, Straßen gebaut werden. Schon Ende der Fünfzigerjahre wurde die Wasserqualität als unzureichend empfunden. Im Jahr 1961 begann Mühlried mit dem Bau einer zentralen Wasserversorgung, die Wasserlieferung übernahm die Kreisstadt. Parallel dazu wurde die Kanalisation projektiert und Stück für Stück verwirklicht. Jeder zweite Beschluss des Mühlrieder Gemeinderats beschäftigte sich inzwischen mit Bauanträgen und damit zusammen hängenden Problemen wie Wasserversorgung, Kanalisation, Straßenbau.

 

Die Riederwaldsiedlung

Der Bauboom in Mühlried in den Sechzigerjahren ist ungebrochen. In dieser Zeit entsteht auch die bis dahin größte zusammenhängende Siedlung, die Riederwaldsiedlung. Am 27. Januar 1961 erklärt sich der Gemeinderat einstimmig mit dem Gesuch von Johann Jodl einverstanden, in Mühlried eine so genannte Nebenerwerbssiedlung für Heimatvertriebene zu errichten, die den Namen „Am Riederwald“ tragen sollte. Im Herbst desselben Jahres trafen sich im Gasthaus Wünsch mehr als hundert Siedlungsbewerber, um über das Projekt zu beraten, im Jahr darauf erfolgt die Aufteilung des Grund und Bodens an sechsundvierzig Siedler. Im Herbst 1964 beginnen die Bauarbeiten, im Jahr darauf ziehen bereits 400 Neubürger ein, im Juni 1966 erfolgt die offizielle Einweihung. Zwei Jahre später wird die Riederwaldsiedlung im Bundeswettbewerb „Die besten Kleinsiedlungen“ zweiter Landessieger.

 

Mühlried erhält ein Wappen

Im Februar 1965 beschließt der Mühlrieder Gemeinderat die Annahme eines Wappens, die Diskussion über die Wappenentwürfe zieht sich jedoch hin. Zwei Jahre später wird das neue Wappen der Gemeinde vom Bayerischen Staatsministerium des Innern genehmigt. Die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, die zu allen Wappenentwürfen gehört wird, schreibt im Abschlussgutachten: „Mühlried war der Stammsitz eines spätmittelalterlichen Adelsgeschlechts, der Herren von Mühlried, die im Wappen einen Einhornkopf führten. Dieses die Ortsgeschichte symbolisierende Zeichen wird mit einem Mühlrad verbunden, um einmal auf den Gemeindenamen hinzuweisen und zum anderen die seit alters in der Gemeinde nachgewiesenen zahlreichen Mühlen darzustellen.“

 

Umgehungsstraße entlastet Mühlried

Über 200 Jahre war die Verbindungsstraße zwischen Augsburg und Regensburg durch die Innenstadt Schrobenhausens und durch Mühlried verlaufen. Von Mitte der Fünfziger- bis Mitte der Sechzigerjahre hatte sich das Verkehrsaufkommen der inzwischen als B 300 bezeichneten Straße verfünffacht. Schon im Jahr 1963 wurden ernsthafte Gespräche über die „Ortsumgehung Schrobenhausen-Mühlried“ geführt. Im Herbst 1965 hatten die Arbeiten begonnen, zwei Jahre später war es endlich so weit: Die Umgehungsstraße konnte offiziell eingeweiht werden und brachte für Mühlried eine enorme Verkehrsentlastung. – Wie sich die Zeiten ändern: Schon früher war diese Straße an Schrobenhausen und Mühlried vorbei verlaufen, nämlich über dem Paartal durch den Weiler Ried Richtung Waidhofen. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde diese wichtige Verbindungsstraße, auf Wunsch der Stadt so verlegt, dass sie nun durch die Stadt und damit auch durch Mühlried verlief, weil man sich durch den zunehmenden Verkehr wirtschaftliche Vorteile versprach.

 

Die erste Kolpingsiedlung Bayerns

Die zweite große geschlossene Siedlung in Mühlried entstand durch die Initiative der Schrobenhausener Kolpingfamilie. Es sollte die erste geschlossene Kolpingsiedlung Bayerns werden. Die Bemühungen der Kolpingfamilie reichen bis ins Jahr 1964 zurück. Ziel der Siedlungsinitiative war, auch Familien mit Kindern und sozial schwächeren Familien zu einem eigenen Heim zu verhelfen. Drei Jahre später wurde die Wohnbaugemeinschaft Schrobenhausen gegründet, im Frühjahr 1969 wurde der Bebauungsplan genehmigt, im Herbst der Grundstein der Siedlung gelegt. Bis Weihnachten 1970 konnten bereits sechs Häuser bezogen werden, im September 1971 wurde die Siedlung offiziell eingeweiht: Sie bestand aus 12 Zweifamilienhäusern, 19 Reihenhäusern und 8 Bungalows mit insgesamt 51 Wohnungen und gab rund 180 Menschen ein neues Zuhause.

 

Eigene Schule und neue Kirche

Mühlried hatte keine eigene Kirchengemeinde, die katholischen Gläubigen waren zur Pfarrei St. Jakob in Schrobenhausen eingepfarrt. Durch den enormen Bevölkerungszuwachs Mühlrieds wurde es notwendig, in Mühlried einen eigenen Kirchensprengel zu bilden und eine neue Kirche zu errichten, da die Kirche St. Ursula nur für eine kleine Dorfgemeinde gedacht war. Im Januar 1968 war daher ein Kirchenbauverein gegründet worden, im Mai 1970 wurde der erste Spatenstich getan, im September 1973 konnte die neue Heilig-Geist-Kirche in Mühlried eingeweiht werden. – Schon immer hatten die Mühlrieder Kinder die Schule in Schrobenhausen besucht, die Bevölkerungszunahme erforderte auch hier zügiges Handeln. Der Gemeinderat hatte bereits im Jahr 1967 einen Beschluss hinsichtlich einer eigenen Schule gefasst, eine Schulreform überholte dieses Vorhaben. Im November 1971 wurde mit dem Bauvorhaben begonnen, im Juli 1973 konnte das neuerbaute Schulhaus als Grund- und Teilhauptschule eingeweiht werden.

 

1972: Mühlried erhält Zuwachs

Schon Ende der Sechzigerjahre warf die Gebietsreform ihre Schatten voraus. Die Landkreisgebietsreform und die Gemeindegebietsreform sollten größere Verwaltungseinheiten schaffen. Obwohl Mühlried längst die mit Abstand zweitgrößte Gemeinde war, wurde auch schon Anfang der Siebzigerjahre diskutiert, ob man sich der Stadt Schrobenhausen anschließen sollte. Zu diesem Zeitpunkt jedoch wurde das Vorhaben letztlich noch durch einstimmigen Beschluss des Gemeinderats abgelehnt. Im Gegenzug erhielt die Gemeinde Mühlried Zuwachs durch die benachbarte Gemeinde Edelshausen. Mühlrieds zählte im Jahr 1974 stolze 3.787 Einwohner, fast eine Verneunfachung der Einwohnerzahl von 1840.

 

Mühlried wird Stadtteil

Doch die Diskussionen um die Gemeindegebietsreform dauerten an, bereits einige Jahre später stand das Thema erneut auf der Tagesordnung. Diesmal konnten die Mühlrieder nicht mehr widerstehen, zumal auch finanzielle Anreize geschaffen wurden. Zum 1. Juli 1978 wurde die Gemeinde Mühlried ein Stadtteil von Schrobenhausen. – Mühlried ist seither weiter gewachsen, viele Gewerbebetriebe haben sich neu angesiedelt. Die eigene Kirchengemeinde, die Schule, einer der größten Schrobenhausener Sportvereine prägen das kulturelle Leben Mühlrieds und sorgen für kulturelle Identität. Mühlried hat sich so als Stadtteil seinen eigenständigen Charakter bewahrt.

 

Die früheren Ortsteile von Mühlried

Königslachen

Um 1280 zum ersten Mal als „Chunislach“ erwähnt. Der Ortsname leitet sich ab aus dem Wortstamm „lache“, der auf ein stehendes Gewässer hindeutet, und dem Personenname „Cuni“, der sich im 16. Jahrhundert Zu „König“ verändert. Königslachen besitzt das Kirchlein St. Bernard, das in der heutigen Form im 18. Jahrhundert errichtet wurde.

Ried

Wohl schon um 807 als „reode“ zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Der Ortsname deutet wie bei Mühlried auf einen mit Schilf oder Sumpfgras bewachsenen Grund. Die Ansiedlung besteht 1823 erst aus zwei Häusern. Durch Ried führte bis Mitte des 18. Jahrhunderts die alte Paartalhochstraße, die Augsburg und Regensburg verband.

Högenau

Namensgebend für die Ansiedlung ist der nahe Staatsforst Hagenau. Seit Ende des 11. Jahrhunderts nennt sich ein Adelsgeschlecht nach ihrem Familiensitz „von Hagenouvva“. Im 15. Jahrhundert gelangt die Högenau in den Besitz des Schrobenhausener Bürgermeisters Hans Götz, der noch vor seinem Tod die beiden Höfe dem Schrobenhausener Spital überschreibt. Die „Spitalbauern“ mussten Jahrhundert lang Abgaben ans Schrobenhausener Spital leisten.

Rinderhof

Wir vermuten Rinder hinter dem Ortsnamen, doch Forscher sehen als Namensgeber eine Person namens „Rindo“. Der Hof wird schon im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Hof von Georg Leinfelder gekauft.

Sandhof

Um 1270 zum ersten Mal erwähnt, der Ortsname deutet auf einen sandigen Untergrund hin.  Im Jahr 1823 besteht der Weiler noch drei Häusern, heute hat er zwei Wohngebäude.

Altenfurt

Schon um 1130 zum ersten Mal erwähnt. Der Ortsname wird mit „Siedlung bei der alten Furt“ gedeutet. Altenfurt war seit frühester Zeit wichtige Übergangsstelle über die Weilach. Der Hof mit dem Hausnamen „Zöllner“  war früher eine Zollstelle.

Weil

Ein um 1818 entstandenes Gut des Rentbeamten Pappenberger, frühere Benennung auch „Pappenberg-Weil“.


Dieser Beitrag erschien erstmals in der Festschrift „125 Jahre Freiwillige Feuerwehr Mühlried” 2001

 




Schrobenhausen: Alte Chroniken und Gesamtdarstellungen

Stadtchroniken oder ausführlichere Gesamtdarstellungen über Schrobenhausen sind dünn gesät und ausnahmslos älteren Datums. Zu Beginn steht die Chronik eines zu wenig gewürdigten Professors für Mathematik, des in Schrobenhausen gebürtigen Thaddäus Siber aus dem Jahr 1817. Es folgt 1850 das Chronikon des Geistichen Michael Fick, im Jahr 1858 eine kurze Chronik des aus Schrobenhausen stammenden Geistlichen Johann Evangelist Waldvogl. Eine im Wochenblatt 1886-1887 erschienene Chronik des späteren Ehrenbürgers Michael Thalhofer ist so gut wie unbekannt. Da die Urheberrechte dieser Werke erloschen sind, können wir sie hier präsentieren oder auf die Digitalisate im öffentlichen Bibliotheksnetz verlinken.

Danach folgen nur noch kürzere Gesamtdarstellungen, so von Georg August Reischl in der Zeitschrift „Bayerland“ im Jahr 1937 und im allgemein geschätzten Sammelwerk „Landkreis Schrobenhausen“ 1963. Das Buch „Stadt Schrobenhausen. Erzähltes zur Geschichte“ von Werner Vitzthum bringt zahlreiche Aspekte der Stadtgeschichte, ist aber im Wesentlichen eine Sammlung von Zeitungsartikeln des Autors.

Wir präsentieren oder verlinken hier auf alle Werke, bei denen das Urheberrecht erloschen ist. Alle anderen Titel hat das Stadtarchiv präsent.

Wir werden im Lauf der Zeit die Biographien der Chronisten ergänzen und versuchen, die Bedeutung ihrer Chroniken einzuschätzen. Manches erscheint heute überholt, viele Informationen sind aber auch heute noch für die Stadtgeschichte bedeutsam.

 

Thaddäus (Thadde) Siber, 1774 geb. in Schrobenhausen, Benediktinerpriester, Professor für Mathematik und Physik, beschäftigte sich mit der Geschichte seiner Heimatstadt und veröffentlichte 1817 seine „Historisch-statistischen Notitzen“ im zeitgenössischen „Landwehr-Almanach“, die als erste Schrobenhausener Chronik gelten können.

Thadde Sibers Chronik finden Sie hier

 

Michael Fick (1807-1877), geboren in Hohenwart, zunächst Lehrer in Schrobenhausen, nach dem frühen Tod seiner Frau Studium der Theologie, dann ab 1842 Kaplan und danach Benefiziat Schrobenhausen. Er erweiterte das von Benefiziat Anton Ertlmair begonnene „Chronicon“ und veröffentlichte es bogenweise als Beilage im Schrobenhausener Wochenblatt. Besonders reizvoll sind drei Stiche, eine Ansicht von Schrobenhausen, eine Marktszene auf dem Schrannenplatz und eine Ansicht von Hohenwart. Wir werden diese Stiche in besserer Qualität auf unserer Homepage nachreichen.

Michael Ficks Chronikon finden Sie hier 

 

Johann Evangelist Waldvogel (1804-1855). Bisher war wenig zu seiner Biographie bekannt. Geboren in Schrobenhausen, studierte er Theologie und war ab 1838 katholischer Stadtpfarrer in Nördlingen. Im Jahr 1855 starb er in Loppenhausen, kurz nachdem ihm diese Pfarrei im Landgericht Mindelheim verliehen worden war. Im Jahr 1858 erschien seine „Historische Skizze von Schrobenhausen“.Genauere biographische Angaben finden sich hier.

Johann Evangelist Waldvogls Chronik finden Sie hier 

 

Michael Thalhofer (1855-1929) stammte aus Aichach, studierte Theologie, wurde ab 1877 zunächst Kaplan in Schrobenhausen und war danach hier rund ein halbes Jahrhundert Benefiziat. Er war Gründungsmitglied und Schriftführer des Historischen Vereins, hielt Vorträge und veröffentlichte wichtige Beiträge zur Schrobenhausener Geschichte.  Heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist seine Chronik  „Zur Schrobenhauser Geschichte“, die in zahlreichen Folgen in den Schrobenhausener Wochenblättern 1886 bis 1888 erschien – und die wir hier als Kopie aus den Zeitungsbänden präsentieren.  Im Jahr 1927 verlieh ihm die Stadt Schrobenhausen für seine Verdienste das Ehrenbürgerrecht. Mehr biographie Daten und Veröffentlichungen von Michael Thalhofer finden Sie hier

Michael Thalhofers Chronik finden Sie hier 

 

 

Schrobenhausen, seine Geschichte, Sehenswürdigkeiten und Umgebung (1910).

Die 24-seitige Broschüre, herausgegeben vom Historischen Verein Schrobenhausen, wurde vom oben bereits genannten  Michael Thalhofer verfasst. Sie ist eine Mischung aus  Ortsgeschichte und Fremdenverkehrsprospekt, die potenziellen Besuchern die Stadt und die Umgebung Schrobenhausens schmackhaft machen will. Die Broschüre ist 1910 erschienen, das geht aus dem Protokollbuch des Historischen Vereins Schrobenhausen eindeutig hervor.

Die Broschüre von Michael Thalhofer finden Sie hier 

 

Schrobenhausen – Das altbayerische Rothenburg (1930).

Dieses 16-seitige Faltblatt wurde vom Schrobenhausener Verschönerungsverein herausgegeben.  Es ist der erste eigentliche Stadtprospekt, der sich an potenzielle Besucher der Stadt richtet – attraktiv gestaltet mit vielen Bildern.  Die Bezeichnung Schrobenhausens als „altbayerisches Rothenburg“  ist keine eigene Wortprägung des Vereins, sondern taucht schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. So berichtet zum Beispiel die Neue Augsburger Zeitung im Jahr 1912 anlässlich des Schrobenhausener Landwirtschaftsfests: „Das ‚altbayerische Rothenburg‘ – diese ehrenvolle Bezeichnung verdankt es seinem reizenden mittelalterlichen Stadtbilde ….“. Noch um 1960 ist diese Bezeichnung für Schrobenhausen in Gebrauch. Das Erscheinungsdatum des Faltblatts wird im Bibliotheksverbund mit 1930 angegeben.

Das Faltblatt finden Sie hier