Konrad Leufer (1944 – 2026) – ein Nachruf
Konrad Leufer (* 5. August 1944 – † 4. August 2026) – Pädagoge, Filmemacher, Kulturmanager –
Konrad Leufer ist tot. Auch wenn es in den letzten zehn Jahren eher ruhig um ihn geworden war, der Verlust ist groß. So ist es mehr als geboten, sein jahrzehntelanges Wirken zu würdigen. Nachrufe zählen zu den besonders unguten Textsorten, geprägt von Floskeln, Phrasen, Plattitüden. Und mit dem Verstorbenen mehr als 50 Jahre eine Freundschaft mit zahllosen Begegnungen und gemeinsamen Unternehmungen gepflegt zu haben, macht es mir nicht einfacher. Ich werde diesen persönlichen Bezug auch nicht verbergen. Das wäre nur ein Verbiegen. Doch geht es hier nicht um Histörchen mit persönlichem Touch. Es geht um Konrad Leufer als Persönlichkeit des lokalen Kulturlebens.
Aus Ungarn vertrieben, in Schrobenhausen nicht gleich willkommen
In die Wiege gelegt war es Konrad („Conny“) Leufer nicht, einmal das Kulturleben einer oberbayerischen Kleinstadt eine Generation lang ganz wesentlich mitzuprägen, als er am 5. August 1944 in dem kleinen südungarischen Dörfchen Mekényes (zu deutsch Meknitsch) in die unwirtliche Welt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hineingeboren wurde. Mit Vertreibung der deutschen Minderheit in Ungarn verschlug es den kleinen Jungen zusammen mit seiner Familie auf verschlungenen Wegen nach Schrobenhausen, genauer gesagt in die damals noch selbstständige Gemeinde Mühlried. Das Leben war nicht immer gut zu ihm. Nicht nur materiell, sondern auch psychisch: Weil er ein Flüchtlingskind war, oder ein „Flü“, wie man damals sagte, schlossen ihn seine Schulkameraden von so manchem Spiel aus. Er gehörte nicht dazu, wie viele andere auch.
Wie auch immer: Aus Conny Leufer wurde ein begabter Schüler, ein Abiturient mit glänzendem Abschluss, ein Student der Mathematik und Physik an der Technischen Universität München. Nach erfolgreichem Abschluss kehrte er an seine Schule, das Gymnasium Schrobenhausen, zurück. Dieser blieb er – abgesehen von einem fünfjährigen Intermezzo als Studienrat im Hochschuldienst an der TU – über die Jahrzehnte bis zu seiner Pensionierung treu, als Lehrender und in den verschiedensten administrativen Funktionen, schließlich als Studiendirektor und ständiger Stellvertreter des Schulleiters.
Der Lehrer – und noch viel mehr
Wer alte Abiturzeitungen durchblättert, wird immer wieder auf geradezu „hymnische“ Texte über den Studienrat Konrad Leufer treffen. Er mochte seine Schüler*innen und sie mochten ihn. Mehr als einmal wurde ihm der Titel „Beliebtester Lehrer“ zuteil, trotz seiner Fächer, die im Gegensatz zu Sport oder Literatur eher etwas spröde waren. Für viele war er „der Conny“, was seiner Autorität keinen Abbruch tat. Er stand seinen Schülern nahe, motivierte, konnte begeistern, schenkte und gewann Vertrauen, ohne dabei jene unsichtbare, aber unabdingbare Grenze zwischen Lehrendem und Lernenden zu überschreiten, die es zu bewahren gilt: Nie biederte er sich an, nie „fraternisierte“ er.
Der Förderer der Künste
Schon einige Jahre vor Gründung des Kunstvereins gab es in Schrobenhausen eine kleine Gruppe von Malern – teils noch Studierende – und weiterer Kunstschaffender, die in Schrobenhausen an die Öffentlichkeit treten wollten. Erste Ausstellungen gab es Mitte der 1970er Jahre im Keller der Stadtsparkassenzweigstelle Kellerberg, dem damaligen „Kulturzentrum“ Schrobenhausens, in das man auch lieblos das historische Gestühl des einstigen Lenbachsaals im Rathaus verbannt hatte. Conny Leufer war von der ersten Stunde an als helfende Hand dabei. Als dann am 21. Februar 1978 der Schrobenhausener Kunstverein ins Leben gerufen wurde, damals eine ziemliche Novität für eine bayerische Kleinstadt, war Leufer Gründungsmitglied, wurde bescheiden zweiter Vorsitzender und prägte fortan für mehr als 20 Jahre den Verein ganz wesentlich. Auf „sein Konto“ gehen unter anderem die erfolgreichen „Kulturtage im Herbst“ (zum Beispiel 1981 mit 14 Veranstaltungen und 4000 Besuchern), die erste eigene Galerie des Kunstvereins im einstigen Sparkassengebäude an der Regensburger Straße (eröffnet 1984), die Finanzierung des „Schrobenhausener Lese- und Bilderbuchs“ (zwei Auflagen 1986 und 1988 mit insgesamt 2000 Exemplaren), für einen kleinen Verein damals ebenso wie die Galerie ein großes Wagnis. Zumal der Kunstverein für sich in jenen Jahren auch einen politischen Auftrag reklamierte, nicht nur im Unverbindlichen des Ästhetischen weilen wollte, damit mehr als einmal aneckte und so seine überaus bescheidenen öffentlichen Zuschüsse riskierte. Beispielsweise mit der von Konrad Leufer initiierten, durch und durch kritischen Ausstellung „Bedrohte Natur – bedrohtes Goachat – Bilder, Texte und Objekte“ im November 1984.
Der engagierte Bürger
Womit wir wieder bei Conny dem engagierten Bürger sind. Konrad Leufer war ein politischer Mensch. Früh engagierte er sich bei den Schrobenhausener Jungsozialisten, hatte verschiedene Vorstandsposten inne und war 1978 auch bereit, für den Stadtrat zu kandidieren. Von alten Sturköpfen und Karrieristen im SPD-Ortsverein wurde er ausgebootet. Der junge Gymnasiallehrer hat daraus die Konsequenzen gezogen und sich kein zweites Mal um eine Kandidatur bemüht. Dem Schrobenhausener Kulturleben aber konnte gar nichts Besseres passieren! Und politisch war Connys Stimme auch oder vielleicht gerade „außerparlamentarisch“ immer wieder von Gewicht. So war er einer der ersten und entschiedensten Gegner der sogenannten Südwesttangente, Südumgehung, Goachat-Trasse oder wie auch immer das unselige Straßenbauprojekt durch die Paarauen südlich Schrobenhausens in seiner nun knapp 50-jährigen erfolglosen „Planungsphase“ abwechselnd hieß. Leufer engagierte sich im gerade erst entstehenden Bund Naturschutz für den Erhalt des Goachats, referierte auf Veranstaltungen, nahm an Diskussionen teil, doch sein wertvollster und schönster Beitrag war zweifellos der ebenso poetische wie anklagende SOB-Dokumentarfilm „He Willi …“, der seit seiner Erstaufführung 1988 in eindringlichen Bildern bis heute davor warnt, das kleine Paradies vor den Toren der Stadt dem Moloch Straßenverkehr zu opfern. Bei mehreren tausend Zuschauern fiel diese Botschaft im Laufe der Jahre auf fruchtbaren Boden.
Der Förderer der Bildung
Schon in den späten 1970er Jahren gehörte Konrad Leufer dem Beirat der Volkshochschule Schrobenhausen an. Die vhs-Vorstandschaft war in jenen Jahren ein ziemlich zerstrittener Haufen, der sich gerne mit seinen gegenseitigen Antipathien beschäftigte. Conny Leufer zählte damals zu den wenigen Stimmen der Vernunft und der Mediation. Damals konnte er noch nicht vorausahnen, dass er 1992 selbst das Amt des 1. Vorsitzenden der vhs übernehmen und es für die nächsten 25 Jahre bis 2017 innehaben würde, ehe er dann verdientermaßen zum Ehrenvorsitzenden gekürt wurde. Der Schreiber dieser Zeilen muss nun ganz kurz „persönlich“ werden, war er doch in dieser Ägide von 1989 bis 2017 Leiter der vhs Schrobenhausen. Und als solcher hat mich Conny unterstützt, wenn es geboten war, aber nie gegängelt, was ich weder ertragen noch akzeptiert hätte. Hier kam eines seiner „Geheimnisse“, eine seiner besonderen Gaben zum Tragen: Er konnte in andere Menschen Vertrauen setzen, sie einfach machen lassen.
Die Jahre zuvor bereits an großen Erweiterungsbaumaßnahmen des Gymnasiums beteiligt, brachte er in den Jahren 1996 bis 1998 beim Umbau des städtischen Gebäudes Lenbachstraße 22 zum vhs-Haus all seine Erfahrungen und gegenüber den im Detail nicht immer wohlgesonnenen Vertretern der Stadt Schrobenhausen sein Verhandlungsgeschick ein. So ist das vhs-Haus so recht eigentlich sein Haus. Ohne Conny hätte das vhs-Haus nicht einmal einen Aufzug bekommen. Heute nur noch schwer vorstellbar, nicht wahr?

Konrad Leufer war 25 Jahre Vorsitzender der vhs Schrobenhausen. Marianne Paul vom Schrobenhausener Lenbachchor überreicht ihm am 14.12.2015 eine Spende, die ehrenamtliche Deutsch-Kurse für Migranten unterstützt.
Der Filmemacher: Kreativ hinter der Kamera. Kreativ im Umgang mit Menschen vor der Kamera
Wenn Schrobenhausen in den letzten Jahrzehnten überregionale Schlagzeilen machte, so waren sie nicht immer positiv. Zu den Ausnahmen zählt die SOB-Filmgruppe, der wohl bedeutendste kulturelle und künstlerische Glanzpunkt im Lebenswerk von Conny Leufer.
Eine umfassende Darstellung finden die Leserinnen und Leser hier auf der Website von paardon.de unter dem Titel Kleines SOB-Film-Lexikon, daher gibt es hier nur einen kurzen Abriss.
Schon in jungen Jahren begeistere sich Konrad Leufer für das Filmen. Gemeinsam mit Freunden drehte er erste kleine schwarzweiße Stummfilme im 8 mm-Format, fern von einem Gedanken an eine öffentliche Aufführung. 1974 kam dann mit „Woodwool der erste Spielfilm mit Farbe und Ton, dessen Handlung noch eine literarische Vorlage hatte. Dann der große Entwicklungssprung: „Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen“ fand bei seinem Erscheinen 1978 begeisterte Resonanz im örtlichen Kino. So entwickelte sich im Laufe der Jahre der „typische“ SOB-Film. Seine Ingredienzien: im Team entwickeltes Drehbuch; begabte Darsteller, die aber ihre Grenzen kannten und sich nicht unfreiwillig komisch als professionelle Schauspieler imaginierten; aufwendige Dreharbeiten in Kulisse und freier Natur; Originalmusik, also Eigenkompositionen, frisch eingespielt, nichts aus der Konserve; Schnitt in hoher und Vertonung in beachtlicher Qualität, wozu sich die Technik im Keller des Leuferschen Familienhauses befand. Hier konnte Conny einer weiteren Begabung frönen, denn zahreiche Gerätschaften dort waren Marke Eigenbau.
Bis 2013 folgten noch weitere neun Filme, darunter 1989 auch eine Dokumentation mit Spielelementen über Franz von Lenbach. „Der rote Schirm“, so der Titel, war keineswegs eine bieder-ehrfurchtsvolle Hommage an den „großen Sohn“ der kleinen Stadt, sondern warf einen kunstgeschichtlich grundierten kritischen Blick auf den einst berühmten Porträtisten. So eroberte der Film auch einige dritte Fernsehprogramme. Daneben hagelte es Preise, zum Beispiel „Bester Deutscher Amateurfilm des Jahres 1982“ für den Spielfilm „Das Lied vom Lande“. Die straff organisierte Amateurfilmszene und die lockeren SOB-Filmer fremdelten allerdings etwas. „Wenn ihr kommt, haben wir eh keine Chancen…“ wurde Conny Leufer mal auf einem Festival beschieden. Die Teilnahme an Wettbewerben blieb eine Episode von wenigen Jahren.
Das Erfolgsgeheimnis von SOB-Film? Konrad Leufer als „primus inter pares“, nicht als abgehobenes „Genie“, beseelt oder gar besessen von einer einzigartigen Idee, die es durchzupeitschen gilt. Das Zauberwort lautete Teamarbeit. Connys Gespür für die besonderen Begabungen und Neigungen der einzelnen Gruppenmitglieder, die Fähigkeit, für jeden den richtigen Platz zu finden und ihm Freiheit zur Entwicklung zu gewähren. Motivation und Begeistern statt Zwang und Gängelei. Letztlich all das, was ihn auch als Lehrer erfolgreich machte.
Und Konrad Leufers persönliche künstlerische Begabung? Das war der Blick durch das Objektiv der Kamera, seien es turbulente Szenenabläufe oder wundervolle Landschaftsaufnahmen, für die ich einmal den Begriff „Malen mit der Kamera“ geprägt habe.

Konrad Leufer – Malen mit der Kamera. Szene aus dem SOB-Film „Eduard oder: Der Appetit kommt beim Essen“ mit Sig Fabig.
Bescheidenheit ist eine Zier …
… und Conny Leufer kam sehr weit mit ihr. Und nach Verwendung eines auch in seiner Abwandlung abgeschmackten Sprüchleins folgt eine weitere Plattitüde, einfach weil sie ausnahmsweise wahr ist: Konrad Leufer hat sich um das Schrobenhausener Kulturleben verdient gemacht! Sind diese seine Dienste zu seinen Lebzeiten gebührend gewürdigt worden? Die SOB-Filmgruppe und nicht er persönlich – das wollte er auch so – bekam 1982 den Kunstpreis der Stadt Schrobenhausen. Sein Lebenswerk wäre wohl eine Bürgermedaille wert gewesen, auf die er aber, wie ich ihn kenne, gar keinen so großen Wert gelegt hätte. Wohltuend in einer Stadt, in deren Kulturleben es ja auch heute noch begnadete Selbstdarsteller geben soll.
Abschied
In letzter Zeit ist es Conny, wie ihn seine Freunde nannten, gar nicht mehr gut gegangen gesundheitlich. Und zu guter Letzt konnte er einfach loslassen.